Zu Anfang des vierten Actes entwickelt Satyros dem Volke seine Ansicht vom Weltbeginn. Zuerst war das Unding d.h. das Chaos, woraus das Urding erquoll usw. Hier sind weniger Herderische Elemente als man erwarten möchte. Die metaphysische Wirtschaft mit dem Ding und Unding bekämpft Herder gerade, Aelteste Urk. 5. 42. 43. 49. Nur das Hervorbrechen des Lichtes hat seine Parallelen in der Aeltesten Urkunde: 'Lichtstral! ein tönender Goldklang auf der grossen Laute der Natur' 5, 103; 'welcher unsrer Alleswisser, ders begreife, wie Lichtstral Bild, Bild in der Seele, und dies Bild Idee, Gedanke, mit dem er doch so nichts gemein hat! und dieser Gedanke Licht, Heiterkeit Wärme, Thätigkeit, Entschluss, Wonnegefühl im Herzen, Strom der Göttlichkeit und Schöpferkraft durch die ganze Natur werde?' 5, 61. Vgl. Lebensb. 3, 422 ff. Dass sonst Empedokleische und Pythagoräische Anschauungen verwoben sind, hat man längst bemerkt; es ist aber auch Orpheus, wie ihn Herder Aelteste Urk. 6, 105 schildert, hinzuzunehmen, der Sohn Jupiters kann nicht wol die Mosaische Schöpfungsgeschichte, sei es auch in Herderischer Verflüchtigung, vortragen.

Dass etwa Herder als Prediger sein Publikum gelegentlich durch Unverständlichkeit hinriss, haben wir keinen Grund anzunehmen; seine erhaltenen Predigten sind einfach und leichtverständlich. Jedenfalls tritt beim Satyros diese Wirkung ein: das Volk erklärt ihn zum Gott. Aber in dem Momente der höchsten Begeisterung kommt der Einsiedler und beschuldigt den Satyros des Diebstahls und der Undankbarkeit; das Volk ist ausser sich über die Lästerung; der Frevler soll geopfert werden.

Im fünften Act tauschen der Einsiedler und Eudora, die Gattin des Hermes, ihre Erfahrungen und Ansichten über Satyros aus. Der Plan den sie fassen führt in der That zur Entlarvung des falschen Propheten, der mit hochmüthigen Worten in Begleitung Psyches abzieht. Die Aehnlichkeit der Katastrophe mit der im Tartufe bemerkt man leicht.

Der Einsiedler, in sein Schicksal schon ergeben, betheuert, er werde Märtyrer 'um eines armen Lappens willen, eines Lappens, bei Gott! den ich brauchte'. Für die Unbefangenheit, mit welcher Satyros über diesen Lappen verfügte, verweise ich auf Herders obige Aeusserung über sein Spielen mit dem Gelde und auf die Erfahrung, welche Goethe in Strassburg mit ihm machte: er erborgt für den abreisenden eine Summe Geldes, Herder lässt den festgesetzten Termin verstreichen, bringt den dienstwilligen Freund in Verlegenheit und schickt dann endlich das Geld mit Spöttereien statt des Dankes oder einer Entschuldigung zurück. Nach dieser Analogie (es mochten noch andere ähnliche Fälle vorschweben) war die Erfindung berechtigt: Mahnung an eine Schuld wird durch Todesdrohung beantwortet.

Die Erfahrungen Eudoras mit Satyros sind erklärbar, wenn man annimmt dass die Satire sich erkühnt geistige Beziehungen in sinnliche umzuwandeln. Ich kenne nicht seit gestern das Frauenzimmer: – schreibt Herder an Caroline (Lebensb. 6, 147) – ich kenne es sogar in einigen der verwickeltsten Auftritte, in der Liebe und in allen Mannigfaltigkeiten der Ehe; ich habe mehr als eine verheiratete Freundin gehabt, die mir keine Seite ihres Herzens verborgen! Er beschwört durch diese Mittheilung bei seiner 'Halbverlobten', um mit Goethe zu reden, einen Sturm der Eifersucht hervor, der nur mühsam wieder zu beschwichtigen ist. Vgl. über die Rigaer Freundin, Frau Busch, Haym Herder 1, 77. Wenn sich Herder Freunden gegenüber so unvorsichtig ausdrückte, wie im Reisejournal (Lebensb. 5, 162), so konnten böse Misverständnisse daraus entstehen: 'Nichts als menschliches Leben und Glückseligkeit ist Tugend ... Zu viel Keuschheit, die da schwächt, ist eben sowohl Laster als zu viel Unkeuschheit ... Gespielin meiner Liebe ... du bist tugendhaft gewesen: zeige mir deine Tugend auf. Sie ist Null, sie ist Nichts! Sie ist ein Gewebe von Entsagungen, ein Facit von Zeros. Wer sieht sie an dir? Der, dem du zu Ehren sie dichtest? Oder du? Du würdest sie wie Alles vergessen und dich so wie zu Manchem gewöhnen. O es ist zweiseitige Schwäche von einer und der andern Seite, und wir nennen sie mit dem grossen Namen Tugend.'

In Bückeburg zog ihn die Gräfin Maria an, und es scheint dass Caroline diesmal jede Regung von Eifersucht überwand. Die Gräfin stand mit Herder in einem Briefwechsel von dem niemand, auch ihr Mann nicht, wissen sollte; Herder schickte aber solche Briefe an Caroline und rechnete, obgleich selbst indiscret, auf die Discretion seiner Braut, welche ihrerseits behauptet nur ihrer Schwester davon Mittheilung gemacht zu haben, und diese sei ganz discret; blos an Merck will sie einmal gesagt haben, dass Herder sehr viel Gutes von der Gräfin geschrieben. Wurde die Sache in Darmstadt mysteriös behandelt, so mochten die Freunde, welche Herder tadelten, dass er seine Braut so lange nicht abholte (Erinn. 1, 236 f. Nachl. 3, 300. 308 f. 381. 405. 407. 411. 432 f. 453. 463), gerade daran böse Bemerkungen knüpfen und sein Zögern mit dem Verhältnis zur Gräfin combiniren. Wenn die Frau, welche den Satyros von Psyche abzieht, Eudora heisst, so erinnert man sich unwillkürlich an die Geschenke, welche Herder von der Gräfin empfing (Erinn. 2, 65. 94; Nachl. 3, 416. 445. 451. 476; vgl. sonst Zur Relig. und Theol. 9, 179; Erinn. 1, 188 ff. Nachl. 3, 181. 200. 435 f. 474 f.). Wenn Satyros im Heiligthum die Frau umarmen will, so vgl. man Herder über die Gräfin (Erinn. 1, 190): 'Oft mit ihr zu sprechen geht nicht an; es bleibt mir also nur übrig von der Kanzel mit ihr zu reden'. Dass die Freunde Herders 'Charakter', seine 'Moralität' angriffen, erzählt Frau Herder ausdrücklich. Sie wird vollkommen recht haben, ihn gegen solche Anschuldigungen in Schutz zu nehmen (Erinn. 1, 237): aber es handelt sich hier nicht um ein objectives Urtheil über Herder, sondern um die damalige Meinung Goethes und um die Art, wie die göttliche Frechheit seiner Jugendjahre (er selbst gebraucht den Ausdruck vom Satyros, Goethe-Jacobi S. 241) diese Meinung auszusprechen wagte. Er wird mit directem Tadel nach Herders Ankunft in Darmstadt nicht zurückgehalten haben: und die schlechte Behandlung welche der Einsiedler erfährt mag ihm selbst zu Theil geworden sein. Wenn Caroline an der citirten Stelle Herders Selbstbewusstsein und Empfindlichkeit gegen fremden Tadel zugesteht, so bezeugt sie Eigenschaften die wir an Satyros wiederfinden. Auch den 'Grossmuth-Sanftmuth-Schein' den Satyros sich gibt, glaubt man zuweilen in Herders Briefen zu entdecken: wenigstens wer angefangen hatte ihm zu misstrauen, mochte es nur für Schein nehmen, wenn er z.B. behauptete, er suche jeden Zug, der Eitelkeit und Selbstsucht heisse, in sich auszubrennen (Merck 1, 40).

Ich habe auch, um dies noch zu erwähnen, wegen Eudora auf Herders Beziehungen zu Frau Merck geachtet (z.B. Nachl. 3, 232. 248. 353; Merck 3, 18. 23), ebenso wie ich für Hermes Merck und Geh. Rath von Hesse erwog; aber die uns aufbehaltenen Nachrichten gestatten keine Anknüpfung.

Dagegen darf noch eine Stelle nicht übersehen werden, welche auf die Erhöhung des Satyros zum Gott und Herscher ein besonderes Licht werfen könnte.

Herder schreibt im Juli 1772 aus Pyrmont an Caroline (Nachl. 3, 305) über Wielands Goldnen Spiegel: 'Denken Sie, liebe Flachsland, insonderheit bei dem kleinen glücklichen Völkchen und ihrem Gesetzbuch und ihrem armen Emirsgast – und im letzten Theil bei der Erkennung des jungen Menschen, der Gott seines Volkes wird – dass ich auch das gelesen, und und – – –' Ich enthalte mich grosser Vermuthungen darüber, was Herder mit den Gedankenstrichen sagen wollte; die Ergänzung wäre etwa nach dem Lebensb. 5, 75. 85 ff. 182 ff. zu geben. Er hatte nichts geringeres vor, als der Lykurg von Liefland zu werden; ein politisches Werk soll ihm den Weg zur Kaiserin von Russland bahnen. Er fragt schon seine Freunde, welches wol der beste persönliche Weg wäre um Katharina II. zu gewinnen ... Genug, auch in Darmstadt interessirte man sich für den eben erschienenen politischen Lehrroman Wielands; die Frankfurter Gel. Anzeigen brachten am 27. October 1772 eine Recension (eher von Merck als von Goethe); wenn nun Caroline vorzeigte, was der Bräutigam geschrieben, so konnte ein Spötter daraus folgern: Herder wolle Gott werden. Mit dem jungen Menschen ist Prinz Tifan gemeint, der 'gleich einer zu den Menschen herabgestiegenen Gottheit' sein Volk beglückt; er ist im verborgenen aufgewachsen, mit seiner Abkunft unbekannt, und deren Eröffnung überrascht ihn schmerzlich (Wielands Werke in 36 Bänden von 1853, Bd. 8 S. 101. 119 ff.). Das kleine glückliche Völkchen stammt von den Griechen, lebt unter den Gesetzen des Psammis, betet die Grazien an, und heisst die Kinder der Natur; aber dass Herder seine Braut speciell auf den 'armen Emirsgast' aufmerksam macht, finde ich, aufrichtig gesagt, sehr unpassend: er ist ein frühgealteter Lüstling und erweist sich in der Geschichte als impotent (7, 61).

In welchem Grade Caroline geneigt war ihren Herder zu vergöttern, mag noch die Aeusserung zeigen (Nachl. 3, 407): 'Du bist Luther, das habe ich mir immer gesagt, und es freut mich, dass Dus fühlst, wenn Dus gleich nicht gestehen willst'. Herder hatte erwähnt, dass auch Luther in den misslichsten Umständen seines Lebens heiratete und fügte hinzu: 'Verzeihen Sie die Vergleichung; ich habe noch in der Welt nichts gethan, diesem grossen Mann seine Schuhriemen aufzulösen, – aber ich hoffe es zu werden' (Erinn. 1, 233). Für seine Rigaer Zeit hatte er schon früher die Bezeichnung: 'Angebetet von meinen Freunden und einer Anzahl von Jünglingen, die mich für ihren Christus hielten' (Erinn. 1, 164). Einer derselben leistet wirklich die Anrede: 'Mein göttlicher Herder' (Lebensb. 5, 32).