Ueber die heisse Temperatur in dem Briefwechsel zwischen Herder und Caroline habe ich bereits geredet. Herder hasst Sprödigkeit und Ziererei bei Frauenzimmern (Lebensb. 6, 194). Er begünstigt in der That bei seiner Braut gewisse die Ehe anticipirende Phantasien. Von ihren künftigen Mutterfreuden ist wiederholt die Rede. Sie hat sogar ein festes Programm dafür: lauter Buben. Einmal schreibt sie: 'Ich verstehe das Ende Ihres Briefes nicht: "Glauben Sie, meine lehrreiche Erinnerin, dass meine Liebe nie Begierde gewesen und meine Sehnsucht nichts minder als Ungestüm werden soll." Bin ich denn eine so lehrreiche Predigerin, die gegen Ungestüm und dergl. predigt? Vielleicht liebte oder liebe ich Sie zu ungestüm?' Wie derb sich Herder gelegentlich auslassen konnte mag Nachl. 3, 293 zeigen, wo er folgende Sätze unterstreicht: 'Wenn ich nichts in der Welt besitze, so ist mir die Ehrlichkeit alles, ein Weib, die ich schätze und liebe, nicht unglücklich zu machen; erste Unehrlichkeit sie in ein Bett einzuführen, das noch nicht gebettet, das von allen Seiten noch dürres Stroh ist'.
Auch solche Züge sinnlicher Natur muss man im Auge behalten um die Auffassung Herders als Satyros zu begreifen.
Zu wie viel Uebertreibung und Ungerechtigkeit sich Goethe dabei hinreissen liess, bedarf keiner Ausführung.
Aber der Scherz war zunächst wol nur für den allerengsten Kreis bestimmt: für Merck und den Verfasser. Kein Gedanke an Druckenlassen; entfernt nicht die Absicht, den Freund, dem er so viel dankte, in der Oeffentlichkeit herunterzureissen; keine Spur in allen litterarischen Klatschbriefen der Zeit, die doch vom Unglück der Jacobis wussten; durch alle älteren Correspondenzen Goethes selbst hin nur eine Erwähnung: er hatte das Stück dem Professor Böckmann in Carlsruhe geliehen, der gewiss die Beziehung nicht kannte, und fordert es am 14. November 1774 zurück (DjGoethe 3, 43). Das Geheimnis ist strenge gewahrt geblieben; vielleicht hat nicht einmal Jacobi das Modell des Satyros gekannt; Riemer ist vermuthlich von Goethe selbst auf eine falsche Spur geleitet; wenn dieser am 30. October 1777 dem Herzog, 'Cronen und Minen' das Stück vorlas (Tageb. Keil S. 130; Düntzer im Archiv 5, 416; Vertheidigung S. 121), so konnte er die Beziehung verschweigen oder eine falsche vorgeben: nur Merck muss in Ettersburg geschwatzt haben.
Wir verstehen nun vollkommen, dass sich Goethe in Dichtung und Wahrheit nicht deutlicher ausdrücken durfte; er gibt keine eigene Charakteristik des Vorbildes, er nennt ihn nur im Gegensatze zu Leuchsenring tüchtiger und derber, was unbedingt auf Herder passt, aber ihn gar nicht eigentümlich bezeichnet. Er rechnet ihn ferner zu den umherziehenden, die in Familien Einfluss zu gewinnen suchen: das konnte ganz im allgemeinen wol von dem jungen Herder gesagt werden, besonders wenn jemand Zweifel hegte, ob er Carolinen nicht im Stich lassen würde; aber es passt schon nicht ganz auf den Satyros selbst, dessen Ehrgeiz höher strebt, und es passt auf Herder nur insoweit er beim Satyros vorschwebte. Dass bei der Schilderung wol Unbilligkeit mit unterlaufen, gibt der Autor zu verstehen: und dies scheint wieder besser zu Herder als zu Leuchsenring zu passen.
Wer nur an das traditionelle Bild eines Satyrs denkt, wird sich schwer entschliessen, meine Vermuthung anzunehmen; aber Satyros ist bei Goethe ein Eigenname, dessen Träger uns nur aus dem Stücke selbst bekannt werden soll. Wäre nicht die schlimme Katastrophe, so würde man finden: er sei mit Liebe gezeichnet. Wirklich hat Julian Schmidt bemerkt, dass im Satyros, namentlich in seinem Liede, ein gutes Stück von Goethe selbst stecke (Preuss. Jahrb. 39, 373; vgl. schon Gesch. des geist. Lebens 2, 629; ebenso Schöll Deutsche Rundschau 12, 519). Das wird, wenn man Faust als Repräsentanten Goethes gelten lässt, am deutlichsten aus der Art wie Mephisto sein Treiben in 'Wald und Höle' verspottet:
Und Erd' und Himmel wonniglich umfassen,
Zu einer Gottheit sich aufschwellen lassen,
Der Erde Mark mit Ahndungsdrang durchwühlen,
Alle sechs Tagewerk im Busen fühlen,
In stolzer Kraft ich weiss nicht was geniessen,
Bald liebewonniglich in alles überfliessen
Verschwunden ganz der Erdensohn,
Und dann die hohe Intuition –
Ich darf nicht sagen wie – zu schliessen.
'Alle sechs Tagewerke' d.h. die ganze Schöpfung, ohne dass man mit wohlfeilem Scharfsinn Beziehung auf Herders Aelteste Urkunde behaupten dürfte. Indem Goethe Herdern als Satyros karikirt, ist er selbst Mephisto; und bezeichnend genug wird die ganze Wendung gegen Herder von Goethe und Mephisto-Merck gemeinschaftlich vollzogen: immer hat er mit ihnen beiden zu thun, gegen beide sich zu wehren, beiden mit Spott zu vergelten.
Die Verstimmung zwischen Goethe und Herder dauerte vom Frühling 1773[10] bis in den Januar 1775, wo ein Brief Herders bei Goethe eintraf und wol sofort beantwortet wurde (18. Januar, DjGoethe 3, 59 f.). 'Ich hatte mich eben mit viel Lebhaftigkeit des Wesens und Unwesens unter uns erinnert, und siehe Du trittst herein und reichst mir die Hand. Da hast Du meine und lass uns ein neu Leben beginnen mit einander.' In diese Zeit des 'Unwesens' muss der Satyros fallen; nach dem Brief an Böckmann vor den Herbst 1774; nach einer eigenen späteren Angabe Goethes bestimmter ins Jahr 1773. Er schreibt, worauf schon Riemer Mittheil. 2, 598 hinwies, an Zelter (3, 87): ob er den Satyros gelesen habe? 'Er fällt mir ein, da er eben ganz gleichzeitig mit diesem Prometheus in der Erinnerung vor mir aufersteht, wie Du gleich fühlen wirst, sobald Du ihn mit Intention betrachtest. Ich enthalte mich aller Vergleichung; nur bemerke, dass auch ein wichtiger Theil des Faust in diese Zeit fällt.' Nun hatte er den Prometheus, von dem er spricht, das Fragment in zwei Acten, bereits am 12. October 1773 an Schönborn vorgelesen (Redlich Zum 29. Januar 1878 S. VI); den Faust datirt er auch in einem Brief an Herder aus Rom 1. März 1788 auf 15 Jahre, d.h. auf 1773 zurück; also muss, wenn Goethes Erinnerung genau war, der Satyros gleichfalls in das J. 1773 gehören.
Wenn unter Goethes eigenen Augen und ohne Zweifel auf seine Anordnung das Stück ins Jahr 1770 gesetzt wurde (Ausg. letzter Hand 13, 75), so erklärt sich das jetzt ganz gut: es ist das Jahr in dem er Herder kennen lernte. Aber vor Herders Hochzeit (2. Mai 1773) wird es kaum begonnen sein.