Es ist gewissermassen eine Fortsetzung der verlorenen Knittelverse Goethes auf Herder, welche dieser etwa Anfang März 1778 beantwortete (Nachl. 3, 469; vgl. 1, 46 ff. 446. 462. 483. 485). Schon Anfang Februar hatte Herder an Merck dergleichen geschickt. Wir entnehmen aus Herders Erwiderung ungefähr Goethes Angriff:

Und schnell mit Spechtstriumph und List
Trat er zum Falk hinan:
'Das ist, wenn man ein Falke ist,
Ein Raubthier, guter Mann.
Was man da speculiren thut,
Ist alles wahr, ist alles gut.
Chor: Dünkt Adeler sich, Jupiter,
Wenn man kaum Falke ist.'

Der Specht ist Goethe, Herder der Falke. Goethe hatte mithin Herders Selbstgefühl und seine Speculationen verspottet. Er hatte vielleicht die Rücksichtslosigkeit gegen andere, das 'Raubthier' in Herder, gegeisselt. Alle diese Motive, sogar die Stichworte 'Adler' und 'Jupiter' finden sich im Satyros wieder.

Und gehen wir diesen Verstimmungen noch weiter nach, so stossen wir im Herbst 1772 auf einen Brief Herders an Merck, worin folgende Stellen zu theilweise wichtiger Bestätigung dienen (Merck 1, 35. 36): 'Auch können Sie denken, dass der theologische Libertin weg sei; aber dass er sich fast in einen mystischen Begeisterer darüber verwandelt, würden sie kaum ahnen. Die Seele aber bauet oder träumt sich natürlich um so lieber und glücklicher fremde Welten, je weniger sie in der gegenwärtigen findet. Himmel und Einsiedlerzelle sind immer zusammen' ... 'Ich bin voraus nichts als Schaum, Eitelkeit, Sprung und Laune gewesen; es ist schwer, den Capriccio mit Bockfüssen in den harmonischen Apoll zu verwandeln, oder vielleicht gar unmöglich, und mein werther Genius mag tausendfältig über mich lachen, wenn ich mit aller brausenden Hitze kalt zu werden suche und eben dadurch immer dummer handle. Nehmen Sie nicht übel, dass ich so viel von mir spreche: das Copernicanische System ist nun schon auf eine Zeit ins Ptolemäische verwandelt: der Erdkloss sieht sich selbst in der Mitte. Es ist Ihnen aber ein Wink, dass Sie mir nichts von dem allen glauben müssen, eben weil ich so davon sprechen kann.'

Wenn es nach der sonderbaren Schlusswendung den Freunden einfiel, Herder zum Satyr zu karikiren, der sich als mystischer Begeisterer aufspielt, sich zum Mittelpunct der Welt machen möchte und als neuer Tartufe eine ähnliche Entlarvung verdient: so kommt mir das sehr begreiflich vor. Wie sehr die Theorie des vorigen Jahrhunderts gewohnt war, Satire und Satyren zusammenzubringen, mag man aus Sulzer und Flögel entnehmen.

Was Merck, zugleich im Sinne Goethes, Herdern erwiderte, erschliessen wir ungefähr aus dessen Antwort (Merck 1, 39): er möchte schaudern über die Natur die in ihm supponirt und – offenbar in ungünstigster Weise – mit Swift verglichen wurde.

Herder hatte die besondere unglückliche Gabe zu verletzen im höchsten Grade. Und sind wir im Stande, eine Reihe von Kränkungen ruhig hinzunehmen, so werden sie doch selten ganz vergessen: sie sammeln sich auf, verdichten sich, je mehr neues hinzukommt, zu einem immer dunkleren Bilde der Quelle, aus der sie fliessen, die zuletzt als das Eingefleischtböse erscheint, und brechen dann wol bei geringem Anlass in plötzlicher zorniger Regung gegen den Schuldigen aus. In einer solchen Aufwallung, bekennt Goethe selbst, Herdern einen intoleranten Pfaffen gescholten zu haben (Nachl. 1, 41). In einer ähnlichen Aufwallung, die zu andauernder Verstimmung wurde, hat er den Satyros geschrieben. –

Ich bin nicht sparsam gewesen mit der Anführung von Parallelstellen; ich bin weit entfernt alle für beweisend zu halten. Bei solchen Untersuchungen dürfen wir nie vergessen, dass uns aller Wahrscheinlichkeit nach die Ueberlieferung mehr vorenthält als sie gewährt. Aber sämmtliche Handlungen eines Menschen pflegen in einer gewissen Analogie zu einander zu stehen; sie haben denselben Stil. Ist einer verspottet worden, den wir ausfindig machen sollen, so gilt es für die Richtigkeit der Deutung gleich, ob wir gerade die bestimmte von dem Satiriker gekannte und verwerthete Handlungsweise zu bezeichnen wissen oder eine ganz nahe-verwandte, dem Wesen nach gleiche. Auch müssen wir von vornherein darauf gefasst sein, nur einzelne Züge entschiedener Uebereinstimmung zwischen Urbild und Nachbild aufweisen zu können; bei den anderen genügt die Möglichkeit der Beziehung, so dass nichts widerspreche.

Wenn ich die Aelteste Urkunde vielfach benutzte, so möchte ich doch nicht behaupten, dass der Satyros später entstanden sein müsse, also im J. 1774; ich habe auch den vierten Theil herbeiziehen müssen, der erst 1776 erschien. Die Grundgedanken des Werkes sind ziemlich alt bei Herder; der Aufsatz über die Mosaische Schöpfungsgeschichte wird im Lebensb. 3, 416 ff. wol mit Recht nach Riga gesetzt; jedenfalls meint Herder in einem Brief aus Strassburg October 1770 (Lebensb. 6, 200) die 'Hieroglyphe' 3, 477 an Merck schon früher mitgetheilt zu haben; in Strassburg ergab sich ihm die Ausdehnung auf die ägyptische Theologie. Die specifische Ansicht der Aeltesten Urkunde, die er in jenem Aufsatze noch nicht hatte, dass die Mosaische Schöpfungsgeschichte eigentlich den Sonnenaufgang schildere, wird im Satyros nirgends vorausgesetzt. Dagegen tritt ein Gedicht aus dem J. 1769, dem älteren Aufsatze conform, manchmal recht nahe an die Lehren des Satyros heran:

Singt Klageton: verloren die schöne Braut
Des Paradieses, selige Unschuld! Weint
verloren ihre holde Tochter,
süsse, gesellige, nackte Liebe!