Ich glaube, in Herders Aeltester Urkunde des Menschengeschlechts. Er ist der 'Weise'.

Die Mosaische Schöpfungsgeschichte ist nach Herder ein Gemälde der Morgenröthe, Bild des werdenden Tages. 'Komm hinaus, Jüngling, aufs freie Feld und merke. Die urälteste herrlichste Offenbarung Gottes erscheint dir jeden Morgen als Thatsache, grosses Werk Gottes in der Natur' (Werke zur Relig. und Theol. 5, 101). Ein besonderes Capitel des ersten Bandes heisst 'Unterricht unter der Morgenröthe'. Die erste Offenbarung Gottes war Offenbarung in der Natur, und zwar im einfachsten schönsten Bilde, in der aufgehenden Morgenröthe; zur Fassung und Erreichung dieses Bildes aber kam eine Lehrmeisterstimme hinzu, für welche im Anfange der Zeit niemand als Gott da war. Schöpfung ist Gewühl einzelner Geschöpfe: sie gewann für den Urmenschen Einheit und Zusammenhang nur durch die aufgehende Morgenröthe, diese Lehrmethode Gottes.

Wie bezeichnend ist nun die Aufforderung zum 'baden' in der Morgenröthe[11]. So will Faust im Thau des Mondes sich gesund baden. An Abwaschung, Reinigung ist gedacht: Bücher und Papier sind Krankheit, Schmutz; die lebendige Natur bringt Heilung, Trost und neues Lebensglück. Ganz wie uns Herder in dem angeführten Kapitel weg weist von Demonstration, Raisonnement, Abstraction und anderem Vernunftgeschäfte, wo wir tappen und leben, mit hunderttausend Schlüssen umringt, fühllos, ohne Anschaun, ohne Gott in der Welt – und uns dafür jene erste Offenbarung bewundernd begeistert anpreist. Wir sollen uns in die Urzeit der Schöpfungsreligion hinfühlen, als Adam ward: 'Es ist als ob der Allanblick und die ganze Stimme der Sphären, nach dem Sinne des Menschen gemildert, ihm Seele öffnete und Herz und Gebein erquickte' ... 'Heil ihnen, den Kindern Gottes, den einfältigen Schülern der grossen allweiten Natur, die ihn fühlten!' ... Jene Offenbarung ist 'erhabenste Weisheit für Unschuld, Zufriedenheit und Glückseligkeit des Menschen'.

Was der 'Weise' an die Morgenröthe anknüpft, das geht dem einsamen wahrheitsdurstigen Forscher an dem magischen Zeichen auf: es gibt eine Offenbarung, wodurch die Einheit und Ordnung der Welt kund wird, wo Gott zum Menschen, Geist zum Geiste spricht.

Die eigentliche Schilderung des Makrokosmus, welche folgt, nimmt doch recht wenig aus den kabbalistischen Anschauungen, welche Düntzer in seinem Faustcommentar (1857, S. 178 ff.) bespricht; jede bestimmtere, modernes Naturwissen absolut befremdende Anlehnung ist vermieden. Dagegen findet zum Theil wörtliche Uebereinstimmung mit der Kosmogonie des Satyros statt.

Satyros erzählt, wie nach Geburt von Hass und Liebe 'das All nun ein Ganzes war'; Faust bewundert, 'wie alles sich zum Ganzen webt'. Satyros: 'Und das Ganze klang in lebend wirkendem Ebengesang, sich thäte Kraft in Kraft verzehren, sich thäte Kraft in Kraft vermehren'; Faust: 'Eins in dem andern wirkt und lebt, wie Himmelskräfte ... harmonisch all das All durchklingen'. Satyros: 'Und auf und ab sich rollend ging das all und ein und ewig Ding'; Faust: 'wie Himmelskräfte auf und nieder steigen ... vom Himmel durch die Erde dringen', wie beim Satyros die Elemente sich erschliessen 'alldurchdringend, alldurchdrungen'.

Gleich sehen wir was im Faust hinzukommt. Die absichtliche Dunkelheit der Satyros-Offenbarung verschwindet, und fassbare Bilder fürs Auge stellen sich ein: alle Einzelheiten der Welt weben sich zum Ganzen; die Himmelskräfte sind wie Engel gedacht, geflügelt, sie steigen vom Himmel zur Erde nieder, von der Erde zum Himmel auf und reichen sich goldne Eimer, ihre Flügel duften Segen, damit kommen sie vom Himmel und – durchdringen die Erde; das Bild verliert an malerischer Anschaulichkeit, man kann sich nicht Engelsgestalten denken, welche durch die Erde hindurchdringen, aber die Vorstellung des segensvollen Duftes hilft uns, die Kräfte wieder gestaltloser und flüchtiger zu denken, und bereitet so den Uebergang in das Gebiet eines andern Sinnes vor: dass eben jene Kräfte 'harmonisch all das All durchklingen'.

Weitere Deutung ist hier nicht nöthig: ich wollte nur zeigen, dass jenes Citat auf Herder zurückgehe, und das Verhältnis zum Satyros brauche ich für eine chronologische Erwägung. Ich möchte vermuthen, dass die hier behandelten Stellen im allgemeinen zu der Partie des Faust gehören, welche Goethe selbst mit dem Satyros und Prometheus in die gleiche Zeit setzt. Die Wendung Fausts vom Makrokosmus zum Erdgeist muss man wol als eine innere Entwicklung Goethes auffassen, über die ich ein andermal sprechen werde. Die Unterbrechung durch den Famulus – 'O Tod! ich kenn's ... Dass diese Fülle der Gesichte der trockne Schleicher stören muss!' – ist aus dem beabsichtigten Mahomet übertragen (Schöll Briefe und Aufsätze S. 151. 152), der auch mit einem Monologe des Helden beginnen sollte, worin er unter Ablehnung des Gestirndienstes den einigen Gott den erschaffenden findet: da kommt seine Pflegemutter Halima, ruft seinen Namen; Mahomet spricht: 'Halima! O dass sie mich in diesen glückseligen Empfindungen stören muss.' Nachher bemerkt er: 'Ich war nicht allein. Der Herr, mein Gott, hat sich freundlichst zu mir genaht.'

An die Scene mit Wagner schliesst sich im Fragment von 1790 die Unterredung mit Mephisto, worin Faust, und zwar hier gleich zu Anfang (S. 19) sein Selbst zu dem der ganzen Menschheit erweitern will; wie Prometheus zu Merkur, dem Boten der Götter, sagt: 'Vermögt ihr mich auszudehnen, zu erweitern zu einer Welt?'

Gehören diese Scenen mit dem Satyros und Prometheus noch in das J. 1773, so ergibt sich wieder die Schwierigkeit mit Herders Aeltester Urkunde. Aber dass Goethe 1774 und 1775 intensiv am Faust gearbeitet hat, wissen wir: geht doch vermuthlich das ganze Fragment mit Ausnahme der Hexenküche (S. 63-82) und der Scene 'Wald und Höle' (S. 151-161) auf die Jahre 1773 bis 1775 zurück. Es wäre also doch sonderbar, wenn man die Annahme abweisen wollte, dass der Dichter in vorläufig fertig gestellte Scenen nachträglich hineingearbeitet habe. Hier ist es sogar möglich, dass geradezu, ohne sonstige Veränderung, die acht Zeilen 'Bin ich ein Gott?' bis 'Morgenroth' in die fertige Scene eingeschaltet wurden. Man mag, um dieser Möglichkeit einen leisen Schimmer der Wahrscheinlichkeit zu geben, noch bemerken, dass die betreffenden Verse ausser dem Citat keinen neuen Gedanken enthalten und dass der Autor, um das Citat anbringen zu können, sich wiederholen musste.