Wenn sonst der Sinn der Scene – von der trockenen Gelehrsamkeit weg zur Natur! – uns an Aeusserungen in der Aeltesten Urkunde erinnerte, so beruht das nicht auf Entlehnung, es ist vielmehr ein schönes Zeugnis für die innere Uebereinstimmung zwischen Herder und Goethe.

21. 3. 78.


DER FAUST IN PROSA.

Es sei mir gestattet zu vorderst eine Bemerkung aus der Deutschen Rundschau (Augustheft 1878 Bd. 16 S. 329) zu wiederholen:

"Die Entstehungsgeschichte des Goethischen Faust ist ein Problem, welches nach so vielen gründlichen und geistreichen Erörterungen der letzten Zeit noch immer der völligen Erledigung harrt und in gewissem Sinne nie völlig erledigt werden wird. Referent hofft nachweisen zu können, dass ein mehr oder weniger ausgeführter Entwurf in Prosa schon zur Zeit des ersten Götz im Winter 1771 auf 1772 zu Papier gebracht wurde und dann als Grundlage der Umarbeitung in Verse, etwa seit 1773 diente. Spuren davon scheinen mehrfach durch, einmal sogar noch im zweiten Theil; ein Stück daraus ist die Scene 'Trüber Tag, Feld'; und was folgt 'Nacht, offen Feld' ging ursprünglich voraus und gehörte zur selben Scene, Reden der 'Hexenzunft' sollten zur Entdeckung von Gretchens Unglück führen. Auch die Domscene ist nur in Versen geschrieben, und das Gebet zur Mater dolorosa sollte eigentlich an ihre Stelle treten."

Ich will diese Vermuthungen jetzt zu begründen versuchen, nicht ohne von neuem zu prüfen, ob sie in allen Einzelheiten bestehen können. Jede Untersuchung über Faust ist erleichtert seit Herrn von Loepers neuer Ausgabe, einstweilen nur des ersten Theiles (Berlin, Hempel 1879), worin die Reimzeilen durchgezählt sind und dadurch zum ersten Male bequemes Citiren ermöglicht wird.

In der prosaischen Scene, von der meine Betrachtung ausgeht (S. 195), sind mit Recht die Zeilen für sich gezählt. Sie fehlt im Fragment von 1790; aber sie war nicht ungeschrieben (Loeper S. 197). Wieland bemerkte, am 12. November 1796, die interessantesten Scenen, wie z.B. die im Gefängnisse, wo Faust so wüthend werde, dass er selbst den Mephistopheles erschrecke, habe der Dichter unterdrückt (Böttiger Litt. Zustände 1, 21). Nur unsere Scene kann gemeint sein; das Gefängnis ist freilich ein Irrthum, aber ein leicht erklärlicher, da Gretchens Gefangenschaft das erste Motiv bildet. Dieselbe Scene muss Einsiedel im Auge gehabt haben bei den Worten: 'Parodirt sich drauf als Doctor Faust, dass 'm Teufel selber vor ihm graust'. Durch Einsiedels 'Schreiben eines Politikers an die Gesellschaft, am 6. Januar 1776' wird die Scene hinauf gerückt unter diejenigen, welche Goethe nach Weimar mitbrachte.

Wenn Schiller am 8. Mai 1798 eine Bemerkung Goethes erwähnt, 'dass die Ausführung einiger tragischen Scenen in Prosa so gewaltsam angreifend ausgefallen' (Düntzer S. 88): so war unter diesen Scenen die gegenwärtige ohne Zweifel mit begriffen; zugleich wird der Blick auf weitere eröffnet.

Dem steht nur scheinbar Riemers Versicherung entgegen (Mitth. 1, 349): Goethe habe ihm das Stück dictirt. Wonach es jünger als 1803 sein müsste, wo Riemer Goethes Hausgenosse wurde. Aber offenbar hat er ein älteres Concept umdictirt. Wie weit er dabei Veränderungen eintreten liess, können wir nicht wissen; nur dass die Anspielung auf Valentin (Z. 46 ff.) bei dieser Gelegenheit interpolirt sei, lässt sich vermuthen.