Ich lese es und habe Tränen in meinen Augen.
„Wie wir einst so glücklich waren,
Müssen’s nun durch Euch erfahren.“
Es war auf einem deutschen Rittergut im Sommer, in einem Sommer voll gesegneter Tage; das Getreide stand hoch, vortreffliches Heu lag auf den Wiesen; der Himmel war am Morgen blau, mit einer glasigen Mondsichel über den Scheunen, und nachts leuchteten viel Sterne wie aus einem dunkeln, reichen und kostbaren Stoff. Ich liebte dort alle Menschen und ich betete mit einer jungglühenden Leidenschaft eine gewisse Dame an, – vielleicht war es ein Taugenichts von einer Dame. O, ich habe dies alles nie vergessen, ich entsinne mich sehr gut. Ich will diese Geschichte aufschreiben und sie dann einem Mädchen vorlesen, das irgendwo in der Welt lebt, einem schlanken Mädchen etwa von blondem Haar und weißen, milden Händen, und dieser Gedanke hat etwas unendlich Beruhigendes für mich. Ich erinnere mich dabei an gewisse Abendspaziergänge über die sanften Felder eines deutschen Rittergutes, an gewisse zärtliche und gütige Nächte und an die verworrenen Laute eines Fuhrmannes, der in der Dunkelheit den Hof erreichte und seine Pferde beim Schein der Laterne aus der Deichsel führte.
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Ich schauderte, als ich zum ersten Mal mit einem Wagen durch die Straßen dieser Stadt fuhr, in der ich die zwei letzten Jahre meiner Schulzeit verbringen sollte. Von den häßlichen, kalkig-weißen oder gelben Mietshäusern, die mit dem läppischen Stuck einer nur auf die Nützlichkeit gerichteten Baukunst verziert waren, wandte sich der gekränkte Blick zu modischen Villen, die mitten in Arbeitervierteln durch ihren Prunk aufgeblasen, durch ihre ärmliche Umgebung unschicklich, ja frech erscheinen mußten. Ein verachteter, oftmals bespöttelter Fluß, das Zerrbild eines Flusses, führte sein dünnes, unruhiges und stets getrübtes Wasser durch das Weichbild der Stadt. In den lichtlosen Gassen aber duckten sich zuweilen jahrhundertalte ängstliche Giebelhäuser, die einer seelenvollen und klaräugigen Vergangenheit entstammten.
Der Knabe hatte seine erste Jugend auf einer Landschule zugebracht und war dort von erfahrenen Männern zusammen mit einer Schar unermüdlicher und redlicher Jungen erzogen worden. Nun stand er, einem begründeten Wunsche seines Vaters folgend, allein in dieser Stadt, ohne daß ihn irgend ein freundliches Gefühl an ihre Menschen gebunden hätte, dazu von einer auf dem Lande erlernten und geübten Sittlichkeit beschwert, die den Verkehr mit den leichtgesinnten Bewohnern der Städte verbot. So verschloß er sich nicht ohne einen gewissen Starrsinn den Freuden der Geselligkeit, gedachte mit Trauer der vergangenen Zeit und fand ein großes Gefallen daran, den alten Freunden in langen Briefen seine augenblickliche Lage mit den trostlosesten Worten zu schildern. Seine Stimmung ward durch den Umstand nicht verbessert, daß der Vater ihm Geldmittel von bedeutender Höhe zur Verfügung stellte, die weder dem Alter noch dem Verdienst des Sohnes ziemten.
Er verachtete mit zusammengepreßten Lippen und immer strengen Zügen die Lehrer und Schulkameraden des Gymnasiums und sprach mit keinem von ihnen mehr, als die Stunde verlangte. Ihre unerzogenen Körper und die schlechte Artung ihrer Seelen erschreckten ihn auf das heftigste und stießen ihn ab. Er, nur er allein war edlen, bis zu den Sternen erhobenen Geistes und nur er besaß die Schönheit schnellbewegter Glieder. Wer von ihnen erfaßte mit so reger Seele die donnernden Strophen engländischer Königsdramen, die knabenhaften und verwegenen Reden eines jungen Prinzen vor der Versammlung von Lancasterschen Herzögen oder den aufrührerischen Hohn der französischen Herolde? Wer ward beseligt durch das tönende Gold der achäischen Panzer, durch den silbernen Hufschlag der streitenden, leichtberittenen Götter und durch das blaue, blaue Griechenland?
Wie sehnte sich der bislang an Freiheit gewöhnte Knabe nach den Nachmittagen, die ihm durch keinen Zwang verfinstert waren! Ich denke besonders an gewisse regnerische Nachmittage des Herbstes. In einen trotzigen, der Kleidersitte widersprechenden Überwurf gehüllt, eine phantastische Mütze tief in das Gesicht gezogen, mit hohen schweren Stiefeln bekleidet, verließ er seine Wohnung und wanderte zum Stadttor hinaus. Bald gelangte er an den armseligen, im Regen blinden Fluß, an dessen Ufer er durch Weidengebüsch und dürftige Birkenwäldchen geradeaus schritt, um endlich die ersehnten Felder, die trüben, häßlichen und doch geliebten zu erreichen. Peitschte ihm der Sturm das Wasser in das emporgerichtete Antlitz, dann fühlte er, wie das heiß ersehnte und angebetete Leben seiner einsamen Brust günstig genähert war. Er warf die Kleider von sich, breitete den schützenden Mantel über sie und badete im kalten Fluß, während der Himmel seine frischen Regenstrahlen herniedersandte; vor Frost zitternd schwang er sich vielleicht auf einen Baum, um von dort in einer großartigeren als der gewöhnlichen Stellung Cassius in den verhängten Himmel zu heulen:
Und so umgürtet, Casca, wie ich bin,