Hans befreit Nina von den Sporen und reitet zurück, um auf der Wiese die Reitpeitsche zu suchen. Ich stecke die Sporen in meine Tasche.
Wir reiten im Schritt weiter und erreichen ein belichtetes Gehölz. Unsere Tiere sind ermüdet und zufrieden. Sie gehen in großen Schritten durch den Wald und spähen an den stolzen Fichtenstämmen stolz vorbei. Wir sind schweigsam und schlecht gelaunt.
Mit einem Male streckt Nina die Hand nach mir hin. Da ich nicht in ihrer Nähe bin, fingert sie ungeduldig in der Luft herum. Ich nehme ihre Hand, beuge mich tief nach unten und küsse sie lange.
Wie ich mich emporrichte, sehe ich, daß Nina mit lächelndem Antlitz und feuchten goldenen Wimpern nach der andern Seite blickt. Wolfgang ist blaß geworden und hält die Augen gesenkt. Hans reitet irgendwo hinterher.
Wir erreichen, ohne ein Wort zu sprechen, nach einer Stunde den Gutshof. Die Pferde sind naß und wollen ihr Futter. Ich grüße Nina mit dem Hut und gehe ins Haus.
12
Wir fuhren am Abend mit einem leichten Jagdwagen ins Gebirge. Frau Seyderhelm war im Schloß geblieben, da sie Besuch erwartete.
Wir saßen auf der Terrasse eines vornehmen und einsam am Fluß gelegenen Hotels. Vor unseren Blicken zerflossen die kupferbraunen Abhänge und goldenen Bergeshäupter, die ein unaufhörlich gleitendes Licht belebte.
Ich stand, noch ehe die Mahlzeit bereitet war, im Stalle bei den Pferden und sorgte dafür, daß sie ihr Futter bekamen. Mein Kopf war benommen, und meine Augen brannten. Den ganzen Tag in Ninas Kreise zu leben, den Hauch ihrer Lippen zu spüren, im Wagen ihren Knieen nahe zu sein und ihrem duftenden Haar, zu sehen, wie der Wind das helle, sich innig an den Körper schmiegende Sommerkleid berührte, und mit verwirrten Sinnen zu ahnen, vieles zu ahnen, – ah, das alles war nicht ganz leicht zu ertragen.
Ein Kellner meldete, das Essen sei angerichtet. Ich stieg die steinerne Treppe der Terrasse langsam hinauf. Die unaufhörlich wechselnden Farben des Abends quälten mich; ein drohendes Verhängnis war in dieser Bewegung, eine Unruhe ohnegleichen, eine süße und unsäglich schmerzliche Hast, eine Flucht und ein Jammer ohne Trost ...