Wir aßen danach Forellen. Nina verstand es gut, das zarte rosige Fleisch der Fische von den Gräten loszulösen. Die weißen, nun der Seele beraubten Tieraugen starrten ausdruckslos zu uns herauf. Nur um die Mäuler lag ein böser Zug, der von Todespein und letztem Kampf erzählte.

Um die Zeit der späten Dämmerung trat ein Hirsch aus dem Wald des gegenüberliegenden Berges hervor, äugte mit einer kühnen Gebärde des Kopfes nach dem Hotel hin und trank aus dem Fluß.

Der Geruch von Bergwasser und nassem Sand stieg zu uns empor. Allmählich entfaltete der dunkelnde Himmel die Schönheit der beginnenden Nacht vor unsern Augen. Die stolzen Gestirne wurden sichtbar; vor ihrer urweltlichen Starrheit wichen die wechselnden Farben des Abends besiegt zurück. Das Gebirge ward im funkelnden Schein groß und ehern.

Wir standen nach beendetem Mahle auf und gingen über die hölzerne Brücke des Flusses dem andern Ufer zu. Die Nacht gab mir mitleidsvoll von ihrer Kühle und besänftigte mich wunderbar. Nina schien mir schöner denn je, aber ihre Schönheit war meinen Sinnen und meinem undeutlichen Verlangen entfernt. Sie ging mit ihrem weißen Sommerkleid wie durchsichtig durch die Nacht dahin. Auf ihren Schultern lag ein bläuliches Orenburger Tuch. Ihr Haar war unbedeckt und bewegte sich ein wenig im Nachtwind.

Ein leises, sehnsüchtiges Tönen rief uns in den Wald. War es eine Flöte oder eines Mundes Klage? Wir folgten neugierig der oft entschwindenden und dann wieder genäherten Musik.

Vor einem Bretterverschlag, dem Sammelplatz der Tiere, machten wir Halt. Wir sahen die Gestalt eines Mannes zwischen sternhellen Bäumen einhergehen, wir sahen ihn in seine Schürze greifen und – einem Sämann gleich – Eicheln und Kastanien mit einer weiten Bewegung seines Armes über den Waldboden streuen. Dazu pfiff er eine Melodie, eine kleine, sentimentale, unbeholfene und doch unendlich rührende, süße, zärtlich lockende Melodie. Nach einer Weile schien es, als bewege sich der Wald. Unhörbar, aber mit großzügigen Bewegungen und bei jedem Schritt ein wenig mit den Häuptern nickend, kamen wie aus einem dunkel gewebten Teppich Hirsche und Rehe aus der Nacht hervor, beugten sich zu Boden und näherten sich langsam dem lockenden Freund der Tiere. Allmählich entfernte sich der Mann, umdrängt von seinen zärtlichen Geschöpfen, ferner und ferner klang die Musik seines Mundes und löste sich endlich auf im Rauschen des Waldes.

*

Wolfgang eilte voraus, um mit Hans die Pferde anzuschirren. Es zeigten sich Wolken am Himmel.

Ich ging mit Nina langsam den jäh erleuchteten Waldweg entlang. Nina hatte wieder ihren Schnupfen und führte das kleine Tuch oftmals an den Mund.

„Walter.“