und Sie, jetzt und selbst erzählend, werden gegen sich, in jener Zeit dargestellt, auch wieder gewissermaßen eine Fremde. Sie müssen aber darum nicht glauben, daß ich mich durchaus gegen die Einstreuung jeder Betrachtung erklärte, und Sie sich jede neue verbieten müßten. Dies ist gar nicht meine Absicht. Ich lobe mehr die Art, die ich hier beobachtet gefunden habe, als ich es tadeln würde, wenn Sie eine andere angewendet hätten. Denn auch diese könnte auf ihre Weise Reiz gehabt haben, und Sie würden es gewiß verstanden haben, ihn derselben zu geben. Allein in sich ist es richtig, daß die Erzählung reiner und anziehender in dem Grade ist, in welchem sich der Erzähler mehr zurück und in Schatten stellt, und dieser verliert dabei nicht, denn man sieht ihn und seine Individualität in der Art und Natur der Erzählung gleich klar und bestimmt, und fühlt sich durch die verstecktere Art, mit der es geschieht, überrascht. Die Zeichnungen, die Sie beigelegt hatten, haben mich sehr gefreut. Sie versetzen den, der sie sieht, auf den Schauplatz der Personen, von denen erzählt wird, und tragen daher zur Lebendigkeit der Schilderung und zur Bestimmtheit des Bildes bei. Die äußere Ansicht Ihres elterlichen Hauses hat aber auch etwas in sich Freundliches und Gefälliges. Bei Gelegenheit des Todes Ihrer Mutter erwähnen Sie, obgleich dunkel und so, daß man nicht deutlich und bestimmt sehen kann, wie es gewesen ist, etwas Geisterartiges.
Dies bitte ich Sie nicht zu übergehen. Ist es, wie es fast scheint, Ihre Absicht, darauf bei einer andern Gelegenheit in der Folge zurückzukommen, so mag es so bleiben, und so lese auch ich die genaue Darstellung dieses Ereignisses lieber an dem Orte, den Sie für den paßlichsten halten. Wollen Sie aber nicht darauf zurückkommen, sondern es bei demjenigen bewenden lassen, was Sie darüber gesagt haben, so muß ich Sie bitten, dieser Sache eine besondere Zugabe zur zweiten Lieferung zu widmen, sie zuerst und zunächst auszuarbeiten und mir einzeln zuzusenden. Es hat gerade dies ein ganz besonderes Interesse für mich. – Das Mißgeschick mit Ihrer Wohnung hat mich sehr geschmerzt; Sie befanden sich dort einsam und wohl, und hatten überdies sie sich nach Ihren Neigungen eingerichtet. Das verlassen zu müssen, ist wirklich höchst unangenehm, und ich nehme nicht nur den innigsten Anteil daran, sondern begreife auch ihre Niedergeschlagenheit darüber vollkommen.
Daß Ihnen meine Teilnahme tröstlich, mein Andenken wohltätig ist, und Sie gern dabei verweilen und ausruhen, wenn Ihnen, wie auch jetzt, weh ist, dafür, liebe Charlotte, kann ich Ihnen nur sehr dankbar sein. Es war mein Wunsch und meine Absicht, ich wollte nur glücklich, heilsam und wohltätig auf Sie einwirken, und es freut mich unendlich, wenn ich erkenne, daß ich das erreiche. Gestatten Sie mir denn auch jetzt diesen Einfluß auf Ihr
Gemüt, da Sie leiden und gebeugt sind. Richten Sie sich an mir auf. Ich möchte niemand lieber als Ihnen zur Stütze sein. Leben Sie für heute herzlich wohl, und erlauben Sie mir die Wiederholung meiner Bitte, sich zu beruhigen. Halten Sie den Glauben an die Treue meiner innigsten, liebevollsten Teilnahme fest, womit ich Ihnen stets angehöre. Ihr H.
Berlin, den 30. März 1823.
Ihr Brief vom 19. dieses, liebe Charlotte, hat mich bekümmert, da er in großer und sichtbarer Niedergeschlagenheit geschrieben war; es hat mich aber gefreut zu sehen, daß er gegen das Ende hin heiterer wird, weil das ein sicheres Zeichen ist, daß das ruhige Schreiben, das stille Gespräch mit dem, von dem Sie wissen, daß er immer gleichen Anteil an Ihnen nimmt, eben jene wohltätige Wirkung auf Sie ausgeübt hat. Darum hoffe ich auch, werden Sie nicht bei dem Vorsatz des Verstummens bleiben, sondern fortfahren, wie bisher, zu schreiben. Jener Vorsatz, den ich überhaupt nur für augenblicklich halten will, kann Ihnen nur von einer düsteren Stimmung eingegeben sein. Es ist sehr liebevoll von Ihnen, daß Sie, wie Sie sagen, mein Leben nicht durch Ihre Niedergeschlagenheit stören wollen. Allein, weiß ich sie darum weniger, wenn ich sie in Ihrem Verstummen erkenne, und muß sie mich denn
nicht gerade darum mehr beunruhigen, weil ich den Grad, die Farbe, die Art derselben weniger kenne? Sie können versichert sein, daß ich immer den herzlichsten und mitfühlendsten Anteil an Ihnen und allem, was Ihnen begegnet, nehme, und daß ich auch auf dieselbe Weise den Unfall ansehe, daß Sie gerade jetzt, und überhaupt, eine Ihnen zu bequemer und lieber Gewohnheit gewordene Wohnung aufgeben müssen. Allein ich möchte Ihnen doch, liebe Charlotte, bei einem solchen Falle mehr Stärke, mehr innere, äußeren Unfällen entgegenstrebende Heiterkeit wünschen, da Ihnen so vieles zum inneren Genuß bleibt. Es soll dies gewiß auch nicht der fernste und leiseste Vorwurf sein, ich möchte lieber alles, als Ihnen im mindesten weh tun. Aber es ist einmal meine Art, zu denen, mit denen ich vertraulich umgehe, durchaus und ganz wahr zu reden, unverhohlen zu sagen, was mir nicht zu billigen scheint, und ihnen die Vorstellungen zu machen, durch die sie meiner Überzeugung nach in sich stärker, fester und dadurch selbständiger und minder abhängig von äußeren Zufälligkeiten werden. Also seien Sie mir um dasjenige, was ich Ihnen hier sage und sagen werde, nicht böse. Sehen Sie es auch nicht als etwas an, das der leicht sagen kann, der selbst nur in glücklicher und genügender Lage vor ähnlichen Unfällen sicher ist. Es kommt nicht auf die äußere Ursache an, von welcher der Schmerz oder die Widerwärtigkeit entsteht,
und der Himmel hat Schmerz und Widerwärtigkeit so weise verteilt, daß der äußerlich noch so vorzüglich Begünstigte darum keinen Augenblick hindurch freier ist von Anlässen und Ursachen inneren Schmerzes. In einem schon ziemlich langen und gar nicht in einfachen Verhältnissen hingegangenen Leben sind mir mannigfaltige Dinge vorgekommen, die mich augenblicklich oder auf lange aus meinem ganzen gewohnten Lebenswege in einen andern, in vielen, gerade das Innerste berührenden Punkten verschiedenen gestoßen haben. Ich bin also den Empfindungen, die Sie jetzt haben, auf keine Weise fremd, und kann mir jeden Tag, da wir in der Hand des Schicksals sind, eine ähnliche bevorstehen. Ich verkenne auch darum die Art Ihrer Empfindungen nicht, weil ich, wie Sie allerdings Recht haben zu sagen, nicht gerade mit der äußeren Ursache sympathisieren kann. Das Wechseln einer Wohnung, das mir so oft von den angenehmsten zu den unlieblichsten begegnet ist, würde auf mich allerdings wenig Einfluß haben. Ich lebe zwar auch beständig in meiner Stube, bin jetzt zum Beispiel, trotz des Sonnenscheins, seit acht Tagen mit keinem Fuße anders, als zu den durch Gewohnheit bestimmten Tageszeiten, in das Nebenzimmer zu meiner Familie gekommen. Ich habe keine Bedürfnisse der Art, jede Stube ist mir gleich, ich brauche keine Bequemlichkeiten, den Rohrstuhl, auf dem ich sitze, und den Tisch, an dem ich
schreibe, ausgenommen. Sie würden keinen Spiegel, kein Sofa, nichts von dem allen bei mir finden. Allein auf die Ursache der Trauer kommt gar nichts an, es gilt nur diese, und ich sage Ihnen das nur, um jedem, auch stummem Einwand zu begegnen, daß ich bei einem Unfall, wie er Sie jetzt betrifft, mich nicht in Ihre Lage versetzen könnte. Ich kann es gewiß, da jeden reizbaren und nicht empfindungslosen Menschen niederschlagende Empfindungen ähnlicher Art betreffen. Aber gerade darum, meine eigenen Erfahrungen benutzend, muß ich Sie doch bitten, liebe Charlotte, sich durch dies Ereignis nicht auf solche Weise beugen zu lassen. Ich kann es nach Ihrer eigenen Schilderung nicht sowohl für ein empfindliches Übel halten, daß Sie gerade diese Wohnung verlassen, sondern mehr, daß Sie nicht wieder eine ungenierte Gartenwohnung mit Stille und Einsamkeit und ohne Mitbewohner gefunden haben. Was Sie mir einmal von der Kälte und Feuchtigkeit der Wände, auch wo Sie schlafen, sagten, hat mich sehr geschreckt, und kann Ihnen unmöglich zuträglich gewesen sein. Trotz alledem, was sich da sagen läßt, bleibt der Verlust, bis Sie eine andere ländliche und stille Wohnung finden, sehr groß, und läßt sich nicht wegräsonieren, auf keine Weise. Aber da, liebe Charlotte, bleibt, außer der Resignation, das zu tragen, was unabänderlich ist, doch auch der Genuß dessen, was Ihnen in Ihrem inneren Leben unentreißbar