Das Leben der Ida, der Mutter Warins (welche Verwandtschaft aber sehr zweifelhaft ist), ist erst auf Anlaß ihrer Erhebung 980 durch den Bischof Dodo von Münster unter Abt Liudolf von Uffing, einem Werdener Mönche, geschrieben und erscheint wenig glaubwürdig[13].

Einige Nachrichten über diese ersten geistlichen Stiftungen im Sachsenlande sind uns ferner noch erhalten in den Berichten über die Erwerbung und Uebertragung der Reliquien, welche zu ihrem Gedeihen nun einmal unerläßlich waren; so erhielt Herford 860 die heilige Pusinna[14], Paderborn schon 836 aus Le Mans den h. Liborius[15]; die Erzählungen davon sind aber erst gegen das Ende des neunten Jahrh. verfaßt, die letztere durch den Bischof Biso, einen Zeitgenossen des Kaisers Arnulf veranlaßt, während die Uebertragung ein Werk des Bischofs Badurad war. Ein gleiches Verhältniß beider Bischöfe begegnet uns darin, daß zu Badurads Zeit Mainulf, ein vornehmer Sachse, Canonicus in Paderborn geworden war und das Nonnenkloster Boeddeken gestiftet hatte, Biso aber dessen Leib feierlich erheben ließ, vermuthlich auch eine Lebensbeschreibung veranlaßte. Diese ist jedoch verloren; wir besitzen nur eine Ueberarbeitung, welche von dem Verfasser Sigeward einem nicht näher bezeichneten Albinus zugeeignet ist. Der Herausgeber C. Byeus vermuthet in jenem den Abt von Fulda (1039 bis 1043) vor seiner Erhebung zur Prälatur, wofür, wie Holder-Egger bemerkt, keinerlei Gründe vorhanden sind, in Albin den berühmten Lehrer Albwin von Hersfeld, welcher 1043 Abt von Nienburg wurde. Die Sprache ist jener Zeit angemessen, Reimprosa mit übertriebenem Streben nach Schönrednerei, mit Brocken aus Horaz und Vergil geschmückt; es war nicht des Verfassers Schuld, daß ihm geschichtliche Thatsachen fast gar nicht vorlagen, und die Wundergeschichten, welche er zu berichten hatte, noch alberner waren als gewöhnlich[16]. Auch das Leben der heiligen Liutbirg[17], einer Klausnerin bei Halberstadt, die bis zu den Zeiten König Ludwig des Jüngeren (876-882) lebte, giebt Kunde von dem Eifer, mit welchem die Neubekehrten sich der Kirche zuwandten, und ist merkwürdig durch die darin enthaltenen Angaben über die Nachkommen jenes Hessi, des Fürsten der Ostfalen, welcher sich 775 Karl dem Großen unterworfen hatte.

Aus Corvey aber sind uns noch Ostertafeln erhalten, im achten Jahrhundert von angelsächsischer Hand geschrieben und mit wenigen Bemerkungen versehen, zu welchen die Mönche des Klosters im Laufe der Zeiten andere hinzugefügt haben; als Geschichtswerk kann man diese kurzen Notizen nicht betrachten, und auch der materielle Inhalt ist für die vorliegende Periode fast ohne Bedeutung[18]. Dagegen hat der Abt Bovo (879-890), ein Neffe Warins, oder nach Wilmans' Vermuthung vielmehr Bovo II (900-916) ein Werk geschrieben, aus welchem Adam von Bremen (I, 41) ein werthvolles Bruchstück über die Normannenschlacht von 884 erhalten hat[19]. Er führt es ein mit den Worten: „de sui temporis actis scribens non reticuit dicens“, und danach möchte man an ein Werk über die Geschichte seiner Zeit denken, doch fällt es auf, daß nirgend sonst sich eine Spur davon findet, auch Adam nur diese eine Anführung hat. Die Hauptsache ist das Verdienst des Erzbischofs Rimbert, von welchem ein Brief über denselben Vorfall in die Fulder Annalen aufgenommen war, aber leider in unserer Handschrift ausgelassen ist. Adam bezeichnet den Vorgang als ein Wunder, und vielleicht waren Wundergeschichten der Inhalt des Werkes. Derselbe Bovo II zeichnete sich durch seine Kenntniß des Griechischen aus, und erregte allgemeines Erstaunen, als er dem König Konrad ein griechisches Schreiben auszulegen vermochte, vermuthlich 913, als der König das Kloster besuchte[20]. Wir besitzen aber noch ein Werk von ihm, welches durch Gelehrsamkeit und vortreffliche Latinität der besten karolingischen Schule vollkommen würdig ist, und auch griechisch geschriebene Wörter enthält, welche Kenntniß der Sprache zeigen, nämlich einen Commentar zu Boeth. de consol. phil. III metr. IX. Diesen schrieb er auf den Wunsch des Bischofs Bovo, seines viel jüngeren Blutsverwandten, der unter ihm in Corvey Mönch geworden[21], und jetzt durch weite Länderstrecken (longinqua nimis terrarum intercapedine) von ihm getrennt war; er schrieb ihm trotz schwerer Sorgen, „inter miserias et aerumnas, quas inter civilia bella et paganorum, ut prophetice loquar, velociores aquilis incursiones sine cessatione patimur“[22].

Begreiflich ist es, daß bei noch wachsender Bedrängniß auch hier die Feder ruhen mußte, daß von Bovo's Ruhm und seinen Werken nur eine dunkle Erinnerung blieb, und daß eine neue Zeit erst anbrach, als die Thaten der Ottonen neuen Anstoß zu schriftstellerischer Thätigkeit gaben.

Dasselbe war der Fall in einem andern Kloster, welches den Ludolfingern noch näher stand als Corvey, in Gandersheim, wo Graf Ludolf selbst um 850 eine ältere Stiftung erneuert hatte und Prinzessinnen seines Hauses als Aebtissinnen walteten. Die erste, bis zum Jahre 874, war Ludolfs Tochter Hathumod, deren Leben von ihrem Bruder Agius beschrieben wurde, der nach einer Vermuthung von Pertz wahrscheinlich Mönch in dem nahe gelegenen Kloster Lammspring war, aber, wie Dümmler bemerkt, ebenso gut Corvey angehört haben kann. In der Form ahmte er, wie Traube bemerkt[23], das Vorbild des Paschasius Radbertus nach, indem er zu der in Prosa geschriebenen Biographie Elegieen hinzufügte, die eine tiefgefühlte rührende Todtenklage enthalten[24]. Sowohl die reine und fehlerfreie Sprache, die gewandte Ausdrucksweise, der fließende, wenn auch nicht ganz correcte Versbau, wie das zarte und sinnige Gemüth des Verfassers, den die innigste Liebesgemeinschaft mit seiner Schwester verbunden hatte, verleihen diesen Schriften einen ganz besonderen Reiz; die mancherlei Nachrichten über die verschiedenen Mitglieder dieser zahlreichen und ausgezeichneten Fürstenfamilie geben ihnen außerdem noch einen größeren Werth für den Geschichtsforscher.

Pertz hat die Vermuthung ausgesprochen, daß wohl derselbe Agius jener sächsische Dichter sein möge, welcher Einhards Jahrbücher metrisch bearbeitete. Dieselben Vorzüge des Ausdruckes finden sich darin wieder, und die einzige vorhandene Handschrift stammt aus dem Kloster Lammspring[25]. Doch ist sie kein Original, und jene Annahme nicht ohne Bedenken. Deutlich aber bezeichnet der ungenannte Dichter sich als einen Sachsen, den in den ersten Jahren der Regierung Königs Arnulfs die Dankbarkeit gegen den großen Sachsenbekehrer, welchem er nicht allein den Glauben, sondern auch die litterarische Bildung allein verdankte, zu dem Unternehmen getrieben habe, Karls Leben und Thaten in Versen zu verherrlichen. Er hält sich dabei ganz genau an die Einhardischen Annalen und an das ausdrücklich citirte Leben Karls von Einhard, welchem das letzte, in Distichen verfaßte Buch entnommen ist; nur wenige Schilderungen aus eigener Kenntniß beleben die reizlose Paraphrase. Von 801 an haben ihm jedoch, wie Bernhard Simson nachgewiesen hat, jene Annalen nicht mehr vorgelegen, sondern dürftigere, den Hersfelder verwandte, vermuthlich Halberstädter Annalen, aus welchen die falsche Angabe über den 803 zu Salz mit den Sachsen abgeschlossenen Frieden sich erklärt[26]. Pückert (S. 172 bis 180) nimmt Benutzung des verlorenen Werkes (oben [S. 226]) in einer Metzer Bearbeitung und Angehörigkeit des Verfassers zu St. Arnulf in Metz an.


[1] Dort ließ er die Historia tripartita abschreiben: „Hic codex Hero insula scriptus fuit jubente sancto patre Adalhardo dum exularet ibi“. Mab. de re dipl. tab. V. Jetzt ist die Hs. in Petersburg, NA, V, 248; eine andere S. 252. — Ein prächtiges, auf Befehl Rodrads von Corbie 853 für B. Hilmerad von Amiens geschriebenes Sacramentar beschreibt Delisle, Sacram. p. 123.

[2] Dahin gehört das in Pfeiffers Germania e cod. Vat. gedr. Mönchsverzeichniß s. IX, nach Enck in der Zts. f. vat. Gesch. Bd. 37, Münster 1879.

[3] So Simson, Ludw. d. Fr. II, 266. Wilmans Kaiserurkunden I, 463 ff., scheint der V. Adalhardi zu viel Glauben geschenkt zu haben, und überschätzte Alter und Autorität der Fundatio Corbejensis, gedr. ib. I, 507. Vgl. Rodenberg, Die Vita Walae, S. 97-104. Gegen beide verwirft Holder-Egger in der neuen Ausg. SS. XV, 2, 1013-1045, die Annahme einer älteren Gründungsgeschichte, er sieht in der 2. Form nur eine Erweiterung der ersten. Diese, kurz vor 1158 geschrieben, wurde zu den Zusätzen zu Thietmar benutzt, welche der Annalista Saxo aufnahm.