[15] V. Rimberti ed. Pertz, MG. II, 764-775. Ausg. von Waitz mit der V. Anskarii. Uebersetzt von Laurent 1856. 1889 mit Anskars Leben. Brief von Ratramnus an Rimbert über die Hundsköpfe in Hilgenfelds Zts. f. wiss. Theol. 1881. Ein zweiter bei Wilmans Kaiserurkk. I, 566.

§ 16. Fortsetzung. Corvey. Gandersheim. [[←]]

In Fulda, wie in Friesland, in Münster und Bremen, waren es Angelsachsen, welchen die Grundlagen der neuen Entwickelung verdankt wurden; bei Anskar aber war ein solcher Einfluß nicht nachzuweisen. Von Kindheit an im Kloster Corbie an der Somme erzogen, übernahm er dort schon früh die Leitung der Klosterschule und wurde dann der erste Vorsteher der Schule in dem neu gegründeten Tochterkloster Corvey in Sachsen.

Diese Stiftung war eine Frucht der nicht bloß äußerlich durch Zwang und Eroberung, sondern auch innerlich vollzogenen Einigung des fränkischen und des sächsischen Stammes. Schon König Pippins Bruder Bernhard hatte eine sächsische Gemahlin und Bernhards Söhne, Adalhard und Wala, nahmen sich eifrigst der Bekehrung und Belehrung ihres Volkes an.

Adalhard hatte Karls Hof verlassen, als dieser die Tochter des Königs Desiderius verstieß, war in Corbie Mönch geworden, und weil hier die Besuche seiner vornehmen Verwandten die klösterliche Ruhe störten, nach Montecassino entwichen. Aber Karl rief ihn von da zurück; er wurde Abt von Corbie und mußte von neuem an den Reichsgeschäften Theil nehmen. Namentlich hat er längere Zeit hindurch eine sehr bedeutende Stellung in Italien eingenommen. Wala aber war, als Karl starb, über Sachsen gesetzt.

Karl wünschte aus den Sachsen selbst Lehrer des Christenthums zu erziehen, und deshalb hatte er gefangene und als Geiseln übergebene Sachsenknaben in verschiedene Klöster vertheilt; viele derselben waren Adalhards Obhut in Corbie übergeben, und dieser gedachte in Sachsen selbst ein Kloster zu gründen, aber seine Sendung nach Italien verhinderte die Ausführung. Als Ludwig zur Regierung kam und mit dem kleinlichsten Hasse die Staatsmänner seines Vaters verfolgte, wurde Adalhard nach Noirmoutiers verbannt[1], Wala aber Mönch in Corbie. Dieser betrieb nun mit dem größten Eifer die Stiftung eines Klosters unter dem Volke, dem er durch seine Mutter angehörte; schon 815 wurde zu Hethis im Solling[2] eine Celle erbaut, aber der Ort war ungünstig und das neue Kloster fing erst an zu gedeihen, als Adalhard wieder Einfluß gewonnen hatte und Kaiser Ludwig 822 die Stiftung und den Neubau auf dem Königshofe Höxter gestattete[3]. Hier erblühte nun die neue Corbeja, wohin auch Ansgar damals als Lehrer ging, rasch und kräftig; nach Adalhards Tod (2. Januar 826) wurde Warin[4] zum Abt erwählt. Auch er hatte bereits das Schwert geführt und erst im späteren Alter mit der Mönchskutte vertauscht. Im Jahre 830 empfing er in seinem Kloster einen vornehmen Gast, Hilduin, den Abt von St. Denis, der nach Corvey verbannt war. Die liebevolle Aufnahme, welche dieser bei Warin fand, dankte er ihm später nach seiner Rückkehr durch ein kostbares Geschenk, den Leib des heiligen Veit, der 836 nach Corvey gebracht und hinfort als der Hort und Schutz des sächsischen Volkes betrachtet wurde.

Ueber diese Ereignisse berichtet uns ein ungenannter Mönch von Corvey in der Erzählung von der Uebertragung des heiligen Veit[5], der er selbst beigewohnt hatte. Es kann wohl, obgleich Jaffé es nicht gelten lassen wollte, nicht zweifelhaft sein, daß dem Bericht von der Uebertragung und den Wundern die Erzählung der Stiftung des Klosters erst nachträglich vorangestellt ist, doch vermuthlich von demselben Verfasser oder mindestens einem Zeitgenossen. In Corbie dagegen schrieb Radbert, mit dem Beinamen Paschasius, einer der bedeutendsten unter den gelehrten Theologen dieser Zeit[6], das Leben der Brüder Adalhard und Wala, jedoch so überladen mit rednerischem Schmuck, daß die Thatsachen nur mühsam herauszufinden sind. Adalhards Leben[7] ist bald nach seinem Tode, noch bei Lebzeiten des Wala geschrieben; es ist eigentlich nur eine Todtenklage, nach Traube's Vermuthung mit dem Rotulus an die verbrüderten Klöster versandt, und nachträglich, als Wala nicht, wie er gewünscht, Abt von Corvey geworden war, mit Zusätzen versehen. Die hinzugefügte Egloga, ein Wechselgesang der alten und der neuen Corbeja, ist ohne die Vita unverständlich und gehört nothwendig dazu. Schwülstiger und schwer verständlich ist das Leben des Wala[8] († 836), welches in Nachahmung des Cicero[9] in Gesprächsform verfaßt und aus Furcht vor dem Kaiser und Karl dem Kahlen in absichtliche Dunkelheit gehüllt ist; außerdem war der Verfasser nichts weniger als unbefangen und folgte zur Verherrlichung seines Helden und zur Erbauung seiner Leser, wie billig, kirchlichen Gesichtspunkten, politische lagen ihm fern.

Natürlich begannen schon unter Adalhard Schenkungen dem neuen Kloster zuzuströmen; diejenigen Traditionen, über welche eigene Urkunden nicht ausgestellt waren, was damals noch selten geschah, wurden bis 1037 auf eine Rolle geschrieben und von dieser durch den Bruder Johannes abgeschrieben. Es begegnete ihm aber dabei das Unglück, daß er mit der Rückseite anfing, weshalb die ältesten Traditionen unter Adalhard erst § 225 beginnen[10].

Verloren sind uns leider Adalhards Briefe, und nur in einem Auszuge Hinkmars erhalten seine Schrift über die Hofordnung Karls des Großen[11], welche auch so noch zu den lehrreichsten Denkmälern dieser Zeit gehört, deren Zuverlässigkeit aber durch die Ueberarbeitung ungewiß geworden ist. Hinkmar war nämlich damals aus seiner einflußreichen Stellung verdrängt und sehr unzufrieden; er kämpfte vergeblich für die Unabhängigkeit der Bischofswahlen und klagte über den ungeordneten Einfluß von Günstlingen. Deshalb stellte er hier Karlmann, dem Sohne Ludwigs des Stammlers, 882 ein ideales Bild der guten alten Zeit vor Augen. Mit der Wahrheit nimmt Hinkmar es auch sonst nicht eben genau, und Vorsicht ist daher dringend geboten. Im allgemeinen aber entspricht die Darstellung den wirklichen Verhältnissen, wie sie uns, freilich unvollkommen genug, aus Karls Zeit bekannt sind.

Das Andenken Wala's hat sich, wie R. Wilmans sehr scharfsinnig nachgewiesen hat, in dem Nonnenkloster Herford, einer von derselben Familie ausgegangenen Stiftung, erhalten. Man nannte ihn Walder oder Waltger, und Wigand, ein Landpfarrer, vielleicht von Kirchdornberg, schrieb im 13. Jahrh. seine Legende, in welcher freilich von der wirklichen Geschichte nur noch schwache Spuren geblieben sind[12].