Die Passauer Kirche erwarb 904 durch Tausch die ansehnliche Bibliothek des Landbischofs Madalwin[14]; vielleicht auf Ermenrich zurückzuführen ist das vorzüglich aus Hrabans Schriften geschöpfte Lehrbuch, welches sich in einer Tegernseer Handschrift erhalten hat[15]. Einem Abt Engilmar, den er als „venerabilis doctor et grammaticae rethor“ bezeichnet, widmete ein ungenannter Verfasser in ziemlich mangelhaften Versen eine Versification der Vita S. Herasmi; vielleicht könnte dieser später Bischof von Passau geworden sein, wo wir von 874-899 einen Engelmar finden[16].

Aus Salzburg endlich ist uns, außer urkundlichen Aufzeichnungen und der Erzählung von der Uebertragung des h. Hermes[17] aus Rom vom Jahre 851, ein überaus werthvolles Denkmal erhalten, eine Denkschrift, welche durch die Errichtung eines selbständigen mährischen Erzbisthums veranlaßt, vermuthlich 870 verfaßt wurde[18], in demselben Jahr, in welchem die Verfolgung gegen Methodius begann. Die Verdienste und Berechtigungen der Salzburger Kirche sollten darin dargestellt werden, und wie billig steht an der Spitze das Leben des h. Rupert (oben [S. 122]). Die weitere Erzählung stützt sich durchweg auf Urkunden und andere Aufzeichnungen der Kirche, es ist mehr eine rechtliche Deduction, als ein eigentliches Geschichtswerk, und weil der Verfasser sich streng auf das beschränkt, was für seinen Zweck von Wichtigkeit war, anderes, wie namentlich die ganze Wirksamkeit des Bonifaz, völlig mit Stillschweigen übergeht, genügt die Schrift unseren Wünschen nicht, aber was sie giebt, ist unschätzbar, und bei dem fast gänzlichen Mangel anderer Quellen über die Verhältnisse dieser südöstlichen Lande, bei dem Verlust der Annalen, von denen nur geringe Reste übrig geblieben sind, ist jedes Wort des Verfassers von hohem Werth für uns[19].

Unter den Nachfolgern des ersten Erzbischofs Arn wird Adalram (821-836) sehr gepriesen, und Liuphram (836-859) folgte Arns Vorgang, indem er durch Abschriften die Bibliothek zu bereichern bemüht war[20]. Aus seiner Zeit stammt auch eine Sammlung, in welcher formelartig zugerichtete Briefe Alcuins, die meistens an Arn gerichtet waren, mit allerlei Versen verbunden sind, nach Dümmlers Ansicht für den Zweck des Unterrichts bestimmt[21]. Am Anfang stehen Verse von Dungal an einen „clarus magister“ Baldo, von welchem man in Salzburg auch eine Handschrift hatte mit der Inschrift: „Hunc humilis librum fecit perscribere Baldo, Reddat in aeternum mitis cui praemia Christus“. Aehnliche Verse finden wir in den Unterschriften der von Liuphram besorgten Bücher. Mit Dümmler hatte ich diesen Baldo für den Abt Waldo von Saint-Denis gehalten, aber später hat Dümmler sich mit Foltz[22] für eine Unterscheidung beider Personen ausgesprochen, wofür sich auch Traube erklärt[23], und es wird, wenn Baldo damals in Salzburg thätig war, vielmehr anzunehmen sein, daß wir unter Dungal nicht den alten berühmten Lehrer (oben S. 153) verstehen dürfen. Auch König Ludwig dankte ihm in Versen für übersandte Schriften, wünschte aber über die zuletzt erhaltenen, die er nicht verstehen könne, Aufschluß. Andere Stücke jener Sammlung verherrlichen den alten Bischof Virgilius, Arn, Adalram, Liuphram; eine besondere Classe stellt sich uns dar als Inschriften für einen Bischofshof, der vermuthlich damals (zwischen 855 u. 859) in Salzburg gebaut wurde, und erinnert dadurch an die oben [S. 266] erwähnten Lütticher Gedichte, wie denn auch hier (III, 11) der Dichter sich als einen armen Fremdling bezeichnet; es liegt die Vermuthung nahe, daß Genossen jener Lütticher Schottencolonie auf ihrer Reise nach Mailand in Salzburg einige Zeit sich aufgehalten haben. Die einzelnen Suffragane gaben, wie es scheint, verschiedenen Hallen ihren Namen, deren Wände mit Darstellungen ihrer Bischofsitze geschmückt sein mochten, und hier waren auch Verse über die Folge dieser Bischöfe angebracht, welche aber bei Passau und Saeben nicht vollständig ausgeführt sind[24].


[1] B. Pez. Thes. I, Praef. p. XXVII.

[2] Meichelb. Hist. Fris. I, 1, 115. 116. Jos. Zahn im Archiv d. W. Ak. XXVII., 200 f., wo auch K. Roths Arbeiten über Cozroh aufgezählt sind. MG. SS. XXIV, 314 seine Vorrede, p. 316 Notae de privilegiis. Ausserdem ließ Hitto viele theologische Schriften für die Bibliothek abschreiben.

[3] SB. d. Berl. Akad. 1884, Dec. 4. MG. SS. XV, 286-288. Andere schlechtere Hs. NA. XIII, 584.

[4] Neue Ausgabe von Dümmler, Poet. Lat. II, 120-124.

[5] Cod. lat. Mon. 6262, s. Catal. I, 3, 81.

[6] S. Dümmler, Formelbuch Salomons III, S. 154. Müllenhoff und Scherer S. 297. 451 (3. Ausg. II, 90. 335) und oben [S. 275]. Der Priester Sigihard schrieb für ihn den Otfrid ab.