Der Abt Smaragdus, der 819 das Kloster Castellio nach Saint-Mihiel-sur-Meuse verlegte, bekämpfte den Widerstand gegen die grammatischen Studien; in seiner Grammatik aber nahm er die Beispiele aus kirchlichen Schriftstellern[50]. Doch fühlte man allgemein, daß man die heidnische Litteratur nicht entbehren könne, ohne in Barbarei zu verfallen; Hraban trat sehr entschieden dafür ein, und selbst Anselm von Canterbury (ep. I, 55) hat einem Mönche gerathen, den Vergil zu lesen. War der geistliche Stand einmal der allein lehrende, so mußte er auch diesen Gefahren sich aussetzen. Nur an einzelnen Orten und bei einzelnen Männern drang jene ascetische Richtung durch; in den Schulen behaupteten sich bis ins dreizehnte Jahrhundert Vergil und Horaz, Terenz, Ovid, Sallust, und verlockten immer von neuem die jugendlichen Gemüther durch den Zauber ihrer Anmuth von den trockneren Vätern der Kirche.
Die Gewandtheit im Ausdruck, der leichte Fluß der lateinischen Rede, im karolingischen Jahrhundert so allgemein verbreitet, waren jedoch in der fünfzigjährigen Unterbrechung schriftstellerischer Thätigkeit verloren gegangen; mit großer Anstrengung mußte man wieder von neuem beginnen. Die mühsam erworbene gelehrte Bildung ist fast überall kenntlich; man war stolz auf die neue Kunst und trug sie gern zur Schau. Die schwerfälligen Phrasen sind erfüllt von ungeschickt eingefügten Ausdrücken der alten Schriftsteller, man prunkt gern mit Citaten und bringt die gelehrten Reminiscenzen auch da an, wo sie am wenigsten passend sind, wie z. B. Liudprand die Ungern in ihrem Kriegsrath mit pedantischer Affectation griechische Worte einmischen läßt. Schulmäßig gekünstelte Reden sind besonders beliebt, und nur zu häufig erschwert der gesuchte Ausdruck das Verständniß des Inhaltes. Aber die frische Lebenskraft, welche jetzt wiederum die von jugendlichem Aufschwung erfüllte Generation durchdrang, ist auch in dieser Vermummung nicht zu verkennen[51].
Leicht genug scheinen der Nonne Hrotsuit ihre Hexameter entströmt zu sein, aber die reiche Fülle lateinischer Gelegenheitsdichtung, welche in der karolingischen Zeit überall uns begegnet, fehlt der ottonischen. Wohl finden wir den Streit der Brüder Otto I und Heinrich in einem halb lateinischen, halb deutschen Gedicht behandelt[52], und auch die Schlacht auf dem Lechfeld verherrlicht[53], beide aber (in Bezug auf das erste freilich jetzt bezweifelt) den Ereignissen schon so fern stehend, daß wir hinter ihnen uns eine Fülle deutscher Lieder zu denken haben, von jenen Mimi gesungen, deren Widukind gedenkt[54].
Wie nun unter den ersten Karolingern die kräftige Neugestaltung des Reiches naturgemäß dahin geführt hatte, die Begebenheiten der Gegenwart aufzuzeichnen, weil man wieder Lust und Bedürfniß empfand, sie festzuhalten, so geschah es auch nach langer Pause unter den Ottonen. Auch jetzt suchte man zunächst die Zeitgeschichte festzuhalten; die Weltgeschichte zu umfassen, versuchte man noch kaum. Aber überall begann man um die Mitte des Jahrhunderts, die Zeitereignisse aufzuschreiben. Beziehungen zum kaiserlichen Hofe wirkten auch hier anregend, aber nirgends erhob man sich doch zu einem so klaren Ueberblicke der Verhältnisse, wie ihn die karolingischen Reichsannalen zeigen; nur der Fortsetzer des Regino reiht sich denselben an. Der Königshof übte wieder einen kräftigen Einfluß, die Reichsgeschichte ist überall im Vordergrunde, aber weit mehr als in karolingischer Zeit herrschen doch locale Gesichtspunkte vor, und es entwickeln sich selbständige Mittelpunkte gelehrter Thätigkeit. Deshalb betrachten wir nach einander die einzelnen Reichslande und beginnen mit demjenigen, von welchem die Herrschaft der Ottonen ausging, mit Sachsen.
[1] Widuk. II, 36. Vgl. Dümmler, Otto I S. 515. Ich glaube nicht, daß man bei litteras discere und libros legere et intelligere an andere als lateinische Bücher denken darf.
[2] Liudpr. Hist. Ott. 11.
[3] Flodoard h. a. MG. SS. III, 396.
[4] Casus S. Galli MG. SS. II, 139. Einen anderen übersetzt die Kaiserin Adelheid, nam litteratissima erat; ib. p. 146.
[5] D'Achery, Spicil. I, 437.