Finden wir also das Ottonische Kaiserhaus wissenschaftlicher Bildung geneigt und günstig, so überstrahlt doch alle, sowohl durch seine eigene gründliche Gelehrsamkeit, wie durch seine fruchtreiche Thätigkeit für Kirche und Schule, der große Erzbischof Brun, Otto's des Großen jüngster Bruder[33].
Nachdem er in Utrecht unter der Aufsicht des Bischofs Balderich erwachsen war und hier die erste grammatische Bildung erhalten hatte, wurde er noch in früher Jugend (940) zum Kanzler und 953, als er Erzbischof wurde, auch zum Erzcaplan erhoben; bald lag in seinen Händen fast die ganze Verwaltung des Reiches, deren Fäden in der königlichen Kanzlei zusammenliefen, vor allem aber die Leitung der kirchlichen Angelegenheiten. Mit Geschäften aller Art überhäuft, hat er in den Aeußerlichkeiten der Urkunden, den Daten namentlich, eine arge Unordnung einreißen lassen[34]; dagegen fand er doch noch Zeit für seine geliebten Bücher, die ihn überall hin begleiteten, für den wissenschaftlichen Verkehr mit den Meistern der Wissenschaft, die, wie Ruotger sagt, von allen Enden der Welt sich hier zusammenfanden. Ratherius, Liudprand, der Spanier Recemund, Bischof von Elvira, wurden durch politische Ereignisse diesem Kreise zugeführt, nahmen aber während ihres Aufenthaltes daselbst ebenfalls an den wissenschaftlichen Bestrebungen Theil. Die Anwesenheit gelehrter Griechen benutzte Brun, um von ihnen, deren Sprache ihm schon vertraut war, zu lernen; besonders aber verehrte er als seinen Lehrer einen irländischen Bischof Namens Israel, vielleicht denselben, welcher, aus seiner Heimath vertrieben, in St. Maximin Mönch wurde[35].
Ungeachtet seiner hohen Stellung verschmähte Brun es nicht, auch selbst als Lehrer zu wirken; wieder gab es, wie zu Karls Zeiten, eine Hofschule[36], wenn auch in anderer Weise, weil für die Grundlage des Lernens jetzt an vielen Orten besser gesorgt war. Aber die Söhne vornehmer Familien, welche nach alter Weise an den Hof gebracht wurden, werden schwerlich ganz ohne Unterricht gelassen sein, und die königliche Kanzlei wurde zu einer Pflanzschule trefflicher Bischöfe, deren Wichtigkeit für das Reich nicht hoch genug anzuschlagen ist, denn mit diesen Bischöfen regierten die Kaiser von nun an bis zu den Zeiten Heinrichs IV ihr Reich, und fast allein in ihnen bildete sich ein Element der Stätigkeit in der Reichsregierung aus, welches von dem Wechsel der Personen unabhängig war.
Brun selbst wurde im Jahre 953 Erzbischof von Cöln, wo er noch 12 Jahre wirkte, ohne doch darum der kaiserlichen Kanzlei fremd zu werden, bis er am 11. Oct. 965 kaum 40 Jahre alt starb. Die schwierigsten Aufgaben ruhten auf ihm, denn das unruhige, unzuverlässige Lothringen war seiner Leitung anvertraut, und seine Schwester, die Königin von Frankreich, baute fast allein auf seine Hülfe. Aber während man nie in ihm die Thatkraft seines großen Bruders vermißte, vergaß er doch über den weltlichen Sorgen nie seines bischöflichen Amtes. Die ganz zerrütteten Kirchen Lothringens richtete er aus ihrer Versunkenheit auf; kirchliche und klösterliche Zucht wurden erneut, die Schulen mit größter Sorgfalt gepflegt, und bald entfaltete sich hier das rege litterarische Treiben, welches von nun an Lothringen besonders auszeichnet.
Nicht minder erblühten nun auch in den übrigen Reichslanden unter so guter Pflege alle die Keime, welche die vorhergegangenen Stürme noch überdauert hatten; frisches Leben erfüllte die alten Klöster, welche wie Corvey, Gandersheim, St. Gallen weniger gelitten hatten, und neben ihnen erhoben sich zahlreiche neue Stätten litterarischer Bildung[37].
So verpflanzte nach Speier, wo schon Bischof Godefrid (950 bis 961) seiner Kirche ein Werk des Beda geschenkt hatte[38], Bischof Balderich (970-987), gebürtig aus Säckingen, die Studien der Sanctgaller Schule, aus welcher er stammte. Sein Wohlgefallen und seine Aufmerksamkeit erregte der Knabe Walther, den er zu aller heidnischen und christlichen Wissenschaft anleitete. „Cum primum regno successit tertius Otto“, also 983, übergab er ihm, der nun Subdiaconus war, eine Schrift zu Ehren des h. Christoph, welche die Nonne Hazecha, Schatzmeisterin von Quedlinburg, ihm zur Correctur überreicht hatte; aber entweder wurde sie wirklich verloren, wie Walther an Hazecha schrieb, oder er fand sie zu schlecht: genug, Walther verfaßte ein eigenes Werk über den h. Christoph in Prosa und in Versen, ganz in dem gespreizten, mit Gelehrsamkeit überladenen Stil der Zeit; in zwei Monaten behauptet er beides vollendet zu haben. Voran schickte er ein Buch mit dem Titel Scholasticus, worin er seinen Bildungsgang schildert, dunkel und oft schwer verständlich, aber doch werthvoll für die Kenntniß der damaligen Schulstudien, in welchen eine ansehnliche Zahl classischer Autoren im Vordergrunde steht. Walther schickte später nach des Bischofs Tod sein Werk auch ad collegas urbis Salinarum, d. h. doch wohl nach Salzburg, an Liutfred, Benzo und Friedrich[39]. Damals scheint er demnach die Speierer Schule geleitet zu haben; 1004 ist er selbst wahrscheinlich Bischof von Speier geworden.
In besonderer Ausführlichkeit tritt uns hier eine Richtung der Studien entgegen, welche wir noch an vielen Orten, wie z. B. in Lüttich, zu berühren haben werden.
Sehr bald aber ließen sich auch schon Stimmen vernehmen, welche die heidnische Gelehrsamkeit als sündlich verwarfen und gegen die classischen Studien eiferten. Hatte schon Hieronymus im Traume für die Vorliebe büßen müssen, womit er Plautus und Cicero gelesen[40], ein Geschichtchen, welches immer wieder benutzt wird und noch bei der Bekämpfung der Humanisten eine Rolle spielt, so finden wir in karolingischer Zeit den alt gewordenen Alcuin in gleichem Sinne eifernd; so auch jenen alten Schulmeister Johannes zu Fulda (oben [S. 231]). Ermenrich sah, wenn er den Vergil unter sein Kopfkissen gelegt hatte, im Traume den Dichter als Teufel, in der Hand ein Buch, hinterm Ohr die Feder, der ihn triumphirend verhöhnte; doch meinte er, daß man, wie für den Ackerbau den Dünger, so auch den Koth der heidnischen Poesie mit Nutzen verwerthen könne[41]. Notker dagegen empfahl dem jungen Salomo den Prudentius: non sunt tibi necessariae gentilium fabulae[42]. Abt Odo von Cluni wurde durch einen Traum von der Beschäftigung mit Vergil abgeschreckt[43], und ebenso verwarf, der Tendenz dieser Congregation entsprechend, Majolus die einst auch ihm lieb gewesenen Studien[44], und ähnliches wird vom Abt Hugo berichtet[45].
Auch Hrotsuit schrieb ihre Dramen über Gegenstände aus der heiligen Geschichte, um den Terenz aus den Händen der Christen zu verdrängen[46]. Etwas später wurde der sterbende Schüler Gozo von Dämonen in der Gestalt des Turnus und Aeneas beunruhigt[47], und als ein Mönch des Lütticher Lorenzklosters mit seinen Schülern den Terentius las, bemühte sich S. Laurentius selber, um ihn zu züchtigen[48].
Wer könnte auch in Abrede stellen, daß in den römischen Dichtern vieles zu lesen ist, was sich namentlich für Klosterschulen nicht eignet. Besonders beliebt war Ovid, und nach einigen Citaten könnte man sich versucht fühlen anzunehmen, daß seine Ars amandi das gelesenste Buch in den Klöstern war, wobei jedoch in Anschlag zu bringen ist, daß viele einzelne Sentenzen gelehrt und gelernt wurden, ohne daß man wußte, woher sie stammten. Doch war auch die ganz übermäßige Beschäftigung mit der unübersehlichen Fülle von Mythen, um jede Anspielung erklären zu können, für Mönche wenig förderlich, und selbst Boethius und Cicero stimmten nicht immer mit den Kirchenlehrern überein. Sogar den Erzbischof Bruno sah der Hofcaplan Poppo in einer Vision wegen seiner eifrigen Beschäftigung mit der Philosophie verklagt, aber S. Paulus trat für ihn ein[49].