Tief betrauert starb Bernward am 20. November 1022, und seinem alten Lehrer Thangmar, der ihn um einige Jahre überlebte, fiel noch die Aufgabe zu, ein Bild seines Lebens zu entwerfen. Die Absicht hatte er schon früher gehabt, und nachdem er mit Mühe Bernwards Einwilligung dazu erlangt, die Materialien dafür gesammelt, wie Beelte nachweist, auch die ersten 10 Capitel schon zwischen 1008 und 1013 geschrieben. Damit verband er nun den Schluß (Cap. 44-56) und schob in die Mitte eine Zusammenstellung seiner gleichzeitig gemachten Aufzeichnungen über den Gandersheimer Streit, weniger deshalb, weil sie für die Biographie nöthig waren, als zum Rüstzeug für den Nachfolger. Einen großen Theil dessen, was er berichtet, hatte er selbst mit durchlebt und an allen Geschäften thätigen Antheil genommen; Bernward aber war, wie Thangmar selbst sagt, von solchem Vertrauen zu ihm erfüllt, wie ein Kind zu seinem Vater, und aus seinem ganzen Leben konnte auch nicht der geringste Umstand ihm verborgen bleiben.
So entstand denn das Leben Bernwards[8], eines der schönsten biographischen Denkmale des Mittelalters, welche wir besitzen, und eine der wichtigsten Quellen für einen bedeutenden Zeitraum. Die reichste Fülle des Stoffes tritt hier an die Stelle jener immer wiederkehrenden Phrasen, welche sonst so häufig die Armuth des Schreibenden verdecken; die Sprache ist schlicht und einfach, und während die wärmste Liebe zu dem Verstorbenen das ganze Werk erfüllt, trägt es doch den Stempel der Wahrhaftigkeit. Bernward bedurfte zu seinem Lobe keiner Uebertreibungen. Nur in Bezug auf Heinrichs II Wahl, der Bernward entgegen war, ist Thangmar nicht aufrichtig, und sein Ansehen bei Otto III ist, wie es Biographen zu gehen pflegt, überschätzt. Einen großen Raum nimmt hier, wie im Leben Godehards, der Streit der Hildesheimer mit den Mainzer Erzbischöfen wegen des Diöcesanrechtes über Gandersheim in Anspruch. Leider fehlt es uns darüber ganz an einer Darstellung von der anderen Seite, aber eine gewisse Einseitigkeit und nicht gar zu offenherzige Wahrhaftigkeit werden wir dem Hildesheimer zu gute halten müssen.
Vieles was im Leben Bernwards steht, findet sich übereinstimmend, aber kürzer, auch in den Hildesheimer Annalen[9], einer sehr schätzbaren Geschichtsquelle, welche wir vermuthlich der Anregung Bernwards verdanken. Wenigstens sind sie in der noch erhaltenen Urschrift bis zum Jahre 994, wo sie mit einem unvollendeten Satze schließt, von einer Hand geschrieben und also wohl bald, nachdem Bernward Bischof geworden war, zuerst verfaßt. Die Beschaffenheit dieses ersten Theiles ist ganz dieselbe, welche wir schon bei den Quedlinburger Annalen sahen und überall wiederfinden; der Verfasser hielt eine bis auf Adam zurückreichende annalistische Grundlage für nothwendig, ohne jedoch darauf irgend welche Sorgfalt zu verwenden; er ließ nur auf Rufi Festi breviarium einen Auszug aus der Chronik des Isidor[10] folgen, schon hier mit Benutzung der Hersfelder Annalen; sodann einen Pabstcatalog. Darauf schrieb er die kleinen Lorscher Annalen ab und excerpirte von da an, wo diese aufhören, die Hersfelder Annalen, nicht ohne eigene Zusätze. Daran schließt sich dann die Fortsetzung, welche den Werken dieser Art allein einen Werth verleiht, abgesehen von den einzelnen Notizen, welche durch den Mangel besserer Quellen zufällig Bedeutung erlangen. Die Nachrichten sind gut und zuverlässig, bei weitem nicht so ausführlich wie die Quedlinburger, aber übrigens ähnlicher Art. Die Verfasser haben die großen Begebenheiten der Zeit im Auge und berichten darüber, was sie erfahren; dazu setzen sie alles, was ihnen merkwürdig vorkommt, großes und kleines; von einer eigentlichen Verarbeitung, einer gleichmäßig fortgeführten geschichtlichen Erzählung ist nicht die Rede.
Nur bis zum Jahre 1040 stammen diese Annalen aus Hildesheim und zwar aus dem von Bernward gestifteten Michaeliskloster; der Rest bis 1137 ist den Sanct Albaner und Paderborner Annalen entnommen. Von jenem Theile aber von 995 bis 1040 nahm Pertz an, daß er in dieser Handschrift (Paris 6114) von verschiedenen Händen den Ereignissen gleichzeitig eingetragen sei. Nachdem jedoch mehrere Bedenken diese Annahme als unwahrscheinlich erscheinen ließen, hat nun eine erneute Prüfung der Handschrift ergeben, daß Pertz sich geirrt hat, und daß vielmehr das Stück von 1000 bis 1040 von einem Copisten eingetragen ist[11]. Deshalb steht nun kein Bedenken mehr der Thatsache entgegen, auf welche mit zunehmender Sicherheit die scharfsinnigen Untersuchungen von H. Pabst[12], E. Steindorff[12], W. v. Giesebrecht und H. Breßlau führten, daß es nämlich größere vollständigere Hildesheimer Jahrbücher gegeben hat, von welchen uns nur ein Auszug erhalten ist. Wir werden darauf später zurückkommen; rückwärts hat sie Breßlau bis 1023 verfolgt, H. Lorenz aber und besonders Fr. Kurze, gestützt vorzüglich auf die Annales Altahenses, auch schon für die frühere Zeit. Es sind danach also die Hersfelder Annalen bis 984 in Hildesheim mit Zusätzen[13] und einer Fortsetzung bis 994 versehen, und dieses Werk ist in einen Auszug gebracht, zu welchem später ein weiterer Auszug aus denselben, inzwischen fortgesetzten größeren Jahrbüchern hinzugefügt ist. Zweifelhaften Ursprunges bleiben nur die Jahre 995 bis 997, welche nach Waitz von einer zweiten Hand geschrieben sind, während eine dritte zu 998 eine kurze Eintragung machte, Notizen zu 996 und 999 etwas später geschrieben sind.
Hildesheim wurde das Glück zu Theil, daß auf Bernward der nicht minder ausgezeichnete Bischof Godehard folgte, und es behauptete auch in der folgenden Periode eine hervorragende Stellung.
[1] Für Bischof Reginbert (834-835 (?) Feb. 12) wurde eine canonistische Hs. geschrieben, welche später Bischof Biso von Paderborn an B. Sigismund von Halberstadt schenkte. W. Arndt, Schrifttafeln, t. 41. 42.
[2] Translatio S. Epiphanii ed. Pertz, MG. SS. IV, 248-251; vgl. Dümmler, Otto I, S. 343, wo er sich mit Leibniz und Brower gegen Pertz, der 964 vorzog, für 962 erklärt.
[3] „Librorum nihilominus tam divinae lectionis quam philosophicae fictionis tantam convexit copiam, ut qui illorum penuria inerti ante torpebant otio, frequenti nunc studii caleant negotio.“ Transl. c. 2.
[4] Vgl. darüber Forsch. XVI, 184.