An der Ostgrenze Sachsens hatte Otto, auch hierin Karls Beispiel folgend, Magdeburg ausersehen zum geistigen Mittelpunkte für die wendischen Länder. In das Moritzkloster, welches die Grundlage dazu bildete, berief er 937 Mönche aus St. Maximin bei Trier, einem Kloster, das freilich auch verweltlicht und verwildert, aber schon 934 zur klösterlichen Ordnung zurückgeführt war. Auch der erste Erzbischof Adalbert (968-981) war ein Mönch von St. Maximin und Abt von Weißenburg; in beiden Klöstern zeigt sich Sinn für Geschichtschreibung, und von Adalbert, unter dem die Magdeburger Schule einen hohen Aufschwung nahm, vielleicht selbst Verfasser eines ausgezeichneten Geschichtswerkes, möchte man annehmen, er werde auch dafür gesorgt haben, daß die merkwürdigen Ereignisse, deren Mittelpunkt Magdeburg war, nicht in Vergessenheit geriethen, doch ist davon keine Spur vorhanden. Ohtrich oder Otrich, der Vorsteher der Domschule[1], galt bei seinen Verehrern für den größten Gelehrten seiner Zeit; er wetteiferte mit Gerbert und disputirte mit ihm (980) vor dem Kaiser Otto II. Denn in Magdeburg hatte er sich mit dem Erzbischof nicht vertragen können; sein Ehrgeiz, wie es scheint, trieb ihn an des Kaisers Hof, wo außer dem Ruhme der Gelehrsamkeit auch Bisthümer zu erhaschen waren: nach Adalberts Tod traf ihn auch wirklich die Wahl, aber Gisiler von Merseburg wußte ihn zu verdrängen, und kurz darauf starb er in Benevent am 7. October 981. In Magdeburg hatten bei seinem Abgang die vielen durch ihn dahin gezogenen Fremden die Stadt verlassen, doch scheint die Schule unter Ekkehard dem Rothen[2] und Geddo immer eine achtungswerthe Wirksamkeit geübt zu haben.

Nicht ohne Wahrscheinlichkeit ist vermuthet worden, daß bald nach dem Tode Gisilers (1004), dessen Ehrgeiz die kirchlichen Schöpfungen Otto's in betrübender Weise zerrüttet hatte[3], in Magdeburg ein Geschichtswerk entstanden sei, welches nach Urkunden und eigener Kenntniß gearbeitet, über die Stiftung und die nächstfolgenden Schicksale des Stiftes Auskunft gab; daß dieses schon Thietmar vorgelegen habe, und im Chronographus und Annalista Saxo so wie im Magdeburger Chronicon theilweise zu erkennen sei[4]. Darauf hat jedoch F. van Hout behauptet und sehr wahrscheinlich gemacht, daß der erste, bis zu Gero's Tod 1023 reichende Theil des Chronicon Magdeburgense unter dessen Nachfolger Hunfrid im Zusammenhang und mit Benutzung der Chronik Thietmars verfaßt sei, wie wir denn auch diesen Theil allein beim Chronographus Saxo wiederfinden[5]. Wird nun dadurch die Voraussetzung einer älteren Gründungsgeschichte nicht berührt, und bleibt es zweifelhaft, wie weit der Text der Chronik unverändert geblieben sei, so verlieren doch andererseits auch W. Giesebrechts Beweise dadurch theilweise ihre Kraft. Wir werden zu der vorsichtigen Aeußerung Lappenbergs zurückgeführt, daß über die Thietmar vorliegenden Magdeburger Aufzeichnungen ein sicheres Urtheil sich nicht gewinnen lasse, weil in den uns vorliegenden Quellen überall schon Thietmars Chronik wieder benutzt sei. Auf die Existenz einer metrischen Fundatio möchte ich jedoch nicht mit C. Günther, der auch selbst diese Vermuthung wieder aufgegeben hat, aus den eingemischten Hexametern schließen, da dergleichen im elften Jahrhundert so sehr häufig ist. Sie reichen nur bis zu Gisilers Tod, und lassen sich daher als Argument für frühere Abfassung verwerthen[6].

Mit großer Bestimmtheit hat nun Fr. Kurze[7] wiederum die Abfassung der ältesten Bisthumschronik bis 1004 behauptet, und zwar von dem Erzbischof Tagino selbst, gestützt auf die Worte bei Thietmar V, 44 (26), daß dieser vom Pabst persönlich hätte geweiht werden sollen „ut scriptura ejus testatur“. Es ist schwer zu glauben, daß Thietmar, wenn ihm wirklich eine von Tagino verfaßte Geschichte als wichtige und vielbenutzte Quelle vorlag, das nicht irgendwo erwähnt haben sollte, und jene „scriptura“ möchte man lieber auf ein Privileg oder auch auf einen Brief deuten, da eben nur bei diesem einzigen Umstand eine solche Berufung vorkommt. Was aber die andere Stelle des Chronogr. Saxo zu 981 betrifft, daß er sich scheue, bei ausführlicherem Eingehen auf Gisilers Handlungen den Unwillen derer zu erregen, welche wegen durch ihn erhaltener Lehen[8] ihm günstig gesinnt wären, so paßt das allerdings nicht zu der Zeit des Compilators, wäre aber immerhin nach zwanzig bis dreißig Jahren noch denkbar, und vielleicht damals die Gefahr größer als unmittelbar nach der Einsetzung des vom König beschützten neuen Erzbischofs. Die Ueberarbeitung und Fortsetzung bis 1023 in blüthenreicher, oft gereimter Schreibweise und mit eingemischten Versen lag dem Nienburger Annalisten vor, und Kurze vermuthet deshalb als Verfasser oder doch Veranlasser Brun, den jüngsten Bruder des Geschichtschreibers Thietmar, Abt der Klöster in Magdeburg und Nienburg von 1025 bis 1034. Den Beschluß der Abhandlung macht ein Versuch der Wiederherstellung dieser Geschichte und der darin enthaltenen ursprünglichen, dem Tagino zugeschriebenen.

Einer von Otrichs Schülern war Adalbert, der schwärmerisch fromme Freund Otto's III, der vergeblich als Bischof von Prag seine Landsleute, die Böhmen, zu lenken versuchte und zuletzt 997 in Preußen den ersehnten Tod als Märtyrer fand. Sein Leib wurde durch Herzog Boleslaw nach Gnesen gebracht, wo man nicht säumte das wunderbare Ereigniß aufzuzeichnen; ganz kurz wird hier der frühere Lebenslauf des Märtyrers berichtet, dann etwas ausführlicher die Umstände seines Todes und die Erwerbung der Reliquien mit den beginnenden Wundern. Kein Wort von des Kaisers Pilgerfahrt nach Gnesen, der Stiftung des Erzbisthums, so daß die Abfassung dieser Legende wohl noch vor das Jahr 1000 zu setzen ist. Schmucklos geschrieben und ungenügend für die Verehrer des Heiligen, welche mehr von seiner Person erfahren wollten, verfiel sie bald der Vergessenheit, nachdem in Italien die ausführliche Biographie geschrieben war, deren wir später noch zu gedenken haben werden. Den Verfasser hält Giesebrecht für einen slavischen Mönch des Klosters Meseritz, ich möchte Gnesen vorziehen; Zeißberg ist geneigt mit W. v. Kentrzynski und Lohmeyer anzunehmen, daß nur der Auszug eines deutschen Geistlichen aus der größeren Arbeit eines Polen vorliege, welche auch der sog. Martinus Gallus benutzt haben könnte. Die Handschrift, welche nach Giesebrechts Vermuthung 1005 durch Heinrich II aus Meseritz nach Tegernsee gekommen sein könnte, ist in München zuerst 1857 von Bielowski, dann unabhängig davon von G. Voigt entdeckt, von W. v. Giesebrecht in ihrem Werth erkannt und herausgegeben worden[9]. Durch jenes in Rom verfaßte Leben Adalberts wurde aber auch einer seiner ehemaligen Genossen auf der Schule zu Magdeburg angeregt, aus eigener Erinnerung und nach den Mittheilungen von Adalberts Freunden und Gefährten Radla und Gaudentius die ihm vorliegenden Lebensnachrichten zu ergänzen, und so eine neue Bearbeitung zu Stande zu bringen, in welcher das Ende des Märtyrers schon von der einfachen Wahrheit sich weiter zu entfernen scheint. Der Verfasser derselben war Brun, aus dem Hause der Edelen von Querfurt, welcher von derselben weltverachtenden Frömmigkeit und derselben Sehnsucht nach dem Märtyrertode beseelt war. Er benutzte eine Aufzeichnung des Prager Domprobstes Willico, welche auch Johannes Canaparius (unten § 19) vorgelegen hat.

Dieses Leben Adalberts[10] ist in einer widerlich blumenreichen und salbungsvollen Sprache verfaßt, aber charakteristisch für diese aufs äußerste getriebene Ascetik und in seinem Inhalte lehrreich; Brun verfaßte es in Ungern um das Jahr 1004, als er im Begriffe war, dem Beispiele seines Freundes zu folgen. Zum Erzbischof der Heiden geweiht, ging er zuerst gegen Ende des Jahres 1007 von Ungern aus durch Rußland zu den Petschenegen, und nachdem er diese seiner Meinung nach bekehrt hatte, zu Boleslaw von Polen, von dessen Hofe aus er einen sehr merkwürdigen und lehrreichen Brief an Kaiser Heinrich II schrieb[11]. Auch verfaßte er im Jahre 1008 eine ausführliche Schrift über die fünf Einsiedler, welche am 11. Nov. 1003 in Polen, vermuthlich bei Meseritz, von Räubern erschlagen waren. Die inhaltreiche Schrift, welche für die Geschichte Otto's III und seiner schwärmerischen Freunde mancherlei enthält, ist von R. Kade entdeckt und herausgegeben[12].

Von hier aus begab sich Brun zu den Preußen und drang bis zu deren östlichen Grenzen vor, wo er den Tod fand, den er suchte, am 14. Februar 1009. Ein kurzer aber lügenhafter Bericht über seine Predigt, seine Wunder und sein Ende, der nichts als ein Bettelbrief ist, wie dergleichen auch sonst vorkommen, angeblich von seinem Begleiter Wipert, hat sich erhalten[13]; eine andere Schrift über ihn, die als wahrhaft gerühmt wird, kennen wir nur aus der späteren Magdeburger Chronik, wo sie benutzt ist. Vielleicht hat auch schon Thietmar von Merseburg sie vor sich gehabt[14], der letzte Schriftsteller Sachsens, den wir in dieser Periode zu betrachten haben, und der erste, bei dem eine Art gelehrter Forschung vorkommt. Denn bei allen den Schriftstellern, die uns bis jetzt beschäftigt haben, ist die Aufzeichnung der Zeitgeschichte die Hauptsache, sie schrieben, was sie erlebt oder gehört hatten. Die Zusammenstoppelung der älteren Theile der Annalen, Widukinds Berufung auf Bücher am Anfang seiner Geschichte, lassen sich als gelehrte Arbeit kaum in Anschlag bringen. Diesen ganz unvollkommenen Anfängen gegenüber zeigt uns die Chronik Thietmars schon einen bedeutenden Fortschritt.

Thietmar von Merseburg.

Ausgabe seiner Chronik von Wagener, 1807, 4. mit guten Anmerkungen. Die einzige kritisch zuverlässige von Lappenberg MG. SS. III, 723-871 u. mit weit genauerer Benutzung der Hs. von Fr. Kurze, Hann. 1889, 8. Die Eintheilung in Bücher und Capitel ist hier verändert. — Uebersetzung von Ursinus, Dresden 1790, mit nützlichen Anmerkungen u. Benutzung des Cod. Dresdensis; von Laurent, mit Vorwort von Lappenberg, 1848; 2. Ausgabe von Strebitzki 1879; Berichtigungen 1892, Geschichtschr. XI, 1, Bd. 39. Nachträgliche Bemerkungen über Thietmars Leben, Archiv IX, 438. Ueber ein Meßbuch und Kalender mit Eintragungen von Thietmars Hand, Hesse ib. IV, 276, und Ausgabe von Hesse in Höfers Zeitschrift für Archivkunde I, 111; Dümmler, N. Mitth. XI, 223-264. Ueber sein Epitaph NA. IX, 246. L. Giesebrecht, Wendische Geschichten III, 305. W. Giesebrecht, Geschichte der Kaiserzeit I, 785. II, 558. Erklärung von Thietm. Chron. VII, 20 von Waitz, Forsch. XIII, 492-494. Strebitzki: Thietmarus quibus fontibus usus sit, Königsb. Diss. 1870. Zur Kritik Thietmars, Forsch. XIV, 349-366. Ueber VII, 5-8, Zeißberg in d. Mitth. d. Wiener Inst. III, 109-115. — F. Kurze, Abfassungszeit u. Entstehungsweise der Chronik Thietmars, NA. XIV, 59-86. Nachlese XVI, 459-472.

Thietmar, ein Sohn des Grafen Sigefrid von Walbeck, am 25. Juli 975 geboren, getauft vom Bischof Hilliward von Halberstadt, stammte aus einem der vornehmsten Geschlechter Sachsens; er war mit den bedeutendsten Fürstenhäusern, selbst mit den Ottonen verwandt, und die wichtigsten Ereignisse im Reiche hatten deshalb eine persönliche Beziehung zu ihm, so daß er frühzeitig von allen Kunde erhielt und mit den Verhältnissen des Reiches vertraut wurde. Von Emnilde, einer Nichte der Königin Mahthild, erhielt er als Knabe den ersten Unterricht in dem kaiserlichen Stifte Quedlinburg; vom zwölften Jahre an vollendete er seine Schulbildung im Kloster Bergen und in Magdeburg selbst. An Belesenheit in kirchlichen und profanen Schriftstellern fehlte es ihm nicht, einen guten lateinischen Stil zu schreiben hat er aber nicht gelernt. Im Jahre 1002 wurde er Probst des Klosters Walbeck an der Aller[15], einer Stiftung seines Großvaters, und endlich 1009 Bischof von Merseburg; ein Amt, welches er löblich, aber nur zehn Jahre lang verwaltete, denn er starb schon am ersten December 1018 in seinem dreiundvierzigsten Lebensjahre. Vom König Heinrich II war er schon 1004 in Allstedt bei seiner Priesterweihe beschenkt, von da an verkehrte er viel am Hofe und empfing auch als Bischof den König bei sich in Merseburg.

Das Bisthum Merseburg hatte, obschon erst von Otto I gegründet, doch schon mannichfaltige und merkwürdige Schicksale erlebt; zum Gedächtniß der Ungernschlacht auf dem Lechfelde dem h. Laurentius zu Ehren gestiftet[16], wurde es schon durch den zweiten Bischof Gisiler völlig zerstört, um diesem den Weg zum Erzbisthum Magdeburg zu bahnen, und ungeachtet vielfacher Anstrengungen konnte die Herstellung doch erst nach Gisilers Tode (1004) erlangt werden.