Diese Ereignisse, so lange sie noch in frischer Erinnerung hafteten, für die Nachkommen durch schriftliche Ueberlieferung festzuhalten, war eine dringende Pflicht, die Thietmar zu erfüllen übernahm. Die Geschichte des Ottonischen Hauses, die verschiedenen Wechselfälle des stets fortgesetzten Kampfes mit den Wenden gehörten mit Nothwendigkeit zu einer Geschichte Merseburgs. Thietmar aber beschränkte sich auch darauf nicht, sondern wie das im Mittelalter so häufig war, und sich, da so wenig geschrieben wurde und ein Buch schon ein Schatz war, leicht erklärt: da er überhaupt einmal ein Buch schrieb, so legte er in diesem auch alles nieder, was ihm denkwürdig schien, alle seine Erlebnisse, die kleinsten wie die größten, und was er zu Hause und am Hofe sah und hörte, oder was er in anderen Büchern fand. Noch hat sich seine eigene Handschrift, wenn auch nicht unversehrt, erhalten, und sie zeigt uns am deutlichsten, wie er arbeitete, wie er immer neue Zusätze und Nachträge machte. Bald trug er am Rande nach, was ihm später bekannt wurde, bald erzählt er rückblickend, was eigentlich an eine frühere Stelle gehört. Manchmal ist dadurch der Zusammenhang gestört, es sind Widersprüche entstanden, und die Form ist überall mangelhaft: die letzte Hand fehlt, und auch durch wiederholte Ueberarbeitung hätte der Verfasser aus diesem lose an einander gereihten Stoffe kein einheitliches Geschichtswerk machen können. Aber die ihm vorliegenden Nachrichten des Widukind, der Quedlinburger Annalen, allerlei Notizen aus Necrologien, wahrscheinlich auch eine Magdeburger Gründungsgeschichte[17] und eine Halberstädter Chronik[18], sind doch immer mit verständiger Auswahl in einander gearbeitet, und mit seiner aus mündlicher Ueberlieferung, aus Urkunden und späterhin aus eigener Erinnerung geschöpften Kenntniß verbunden. Wenn man die rohen Excerpte der Annalisten von Hildesheim und Quedlinburg dagegen hält, so kann man einen bedeutenden Fortschritt nicht verkennen, und es hat noch lange gedauert, bis man im Stande war etwas besseres zu leisten.

Als Geschichtsquelle betrachtet hat aber Thietmars Werk gerade einen besonderen Werth dadurch, daß das Gefüge seiner Bestandtheile so leicht zu erkennen ist, wodurch die Kritik wesentlich erleichtert wird; man bedarf der Vorsicht bei ihm, da er nicht selten aus Flüchtigkeit Versehen begangen hat. Andererseits kommt es uns nicht minder zu gut, daß er auch geringfügige Umstände nicht verschmähte und deshalb ein lebendigeres Bild der damaligen Zustände gewährt, in dem wir dergleichen kleinere Züge nur ungern vermissen würden.

Wie er nun eigentlich gearbeitet hat, das ist erst durch Fr. Kurze mit großem Scharfsinn festgestellt worden durch die genaueste Untersuchung der theils von ihm selbst, theils von acht verschiedenen Schreibern geschriebenen und überall von ihm überarbeiteten und vermehrten Handschrift, und dadurch zugleich für die Entwirrung seiner Chronologie und die Aufklärung mancher Schwierigkeiten Licht gewonnen. Hatte schon Bethmann ausgefunden, daß er nicht vor 1012 sein Werk begonnen habe, so hat doch jetzt alles eine ganz andere Gestalt gewonnen durch den Nachweis, daß Thietmar mit VI, 41-46 (VII, 1-15 K.) begann, in demselben Jahr 1012 vielleicht auch schon I, 1-10 (18 K.) schrieb. Im Jahre 1013 schrieb er das zweite und dritte Buch, 1014 IV, 1-8 (9), 10, 11 (15-17), 16 (23-25), 22-24 (31-37), 26-34 (39-54), das fünfte Buch und vom siebenten 1-4 (VIII, 1-3), im J. 1015 das sechste Buch und VII, 5-13 (VIII, 4-20). Er schrieb gleichzeitig was er erlebte, ließ aber Raum für Nachträge und Zusätze, mit welchen im vierten Buch eine ganze Lage ausgefüllt ist; diese entfernen sich häufig ganz von der chronologischen Folge und haben dadurch namentlich im vierten Buch die Ordnung sehr gestört.

Zu solchen Nachträgen gab ihm vorzüglich die Bekanntschaft mit den Quedlinburger Annalen Anlaß, welche er vor 1016 nicht gekannt hat, weshalb auch VII, 1-13 (VIII, 1-20) keine Spur davon zu finden ist. Mit Benutzung derselben schrieb er 1016 die Zusätze zum zweiten und dritten Buch, ferner VI, 46-61 (VII, 16-41) und VII, 13-25 (VIII, 20-35); im Jahr 1017 den Rest des vierten Buches bis auf die erst 1018 geschriebenen Capitel 47-51 (70-75) und VII, 25-50 (VIII, 36-69), auch I, 15-17 (26-28); im Jahre 1018 endlich, was von der Fortsetzung noch übrig war, wobei natürlich die Annalen nicht mehr zu gebrauchen waren.

Möglich, daß nicht alle Einzelheiten richtig sind, aber im wesentlichen ist wohl an der Richtigkeit dieser Ergebnisse nicht zu zweifeln und es lösen sich dadurch viele Schwierigkeiten, um so mehr, da auch alle die zahlreichen Nachträge und Aenderungen zweiter Hand genau verzeichnet sind. Etwas räthselhaft sind Zusätze einer Hand, welche Lappenberg Thietmar selbst zuschrieb, während Kurze sie erst in die Zeit Heinrichs V setzt. Ueberall wo diese Zusätze sich finden, ist zugleich am Rande etwas ausgekratzt und dem Inhalt nach scheinen sie gleichzeitig zu sein.

Für die ersten drei Bücher standen Thietmar wenig Quellen zu Gebote, die wir nicht auch noch besäßen; aber von dem Anfange der Regierung Otto's III an werden seine eigenen Mittheilungen immer reichhaltiger. Er schrieb die Geschichte dieser letzten Jahre gleichzeitig mit den Ereignissen selbst; sein Werk nimmt da fast den Charakter eines Tagebuches an und verbindet deshalb die Zuverlässigkeit der besseren Annalen mit größerer Fülle und Reichhaltigkeit.

Daß es ihm, dem Bischof, der viel am Hofe verkehrte und zum Rathe des Kaisers gehörte, dem nahen Verwandten der bedeutendsten Fürsten nicht an Mitteln fehlte, sich über die wichtigsten Vorfälle und den ganzen Gang der Begebenheiten genau zu unterrichten, erwähnten wir schon; auch entfernte Begebenheiten bei anderen Völkern und an den fremden Höfen verfolgt er mit bemerkenswerter Aufmerksamkeit und Kenntniß. Ebensowenig ist aber auch ein Grund vorhanden, seine Wahrheitsliebe zu bezweifeln. Sich selbst schont er durchaus nicht; mit der rührendsten Bescheidenheit deckt er seine eigenen Fehler und Schwächen auf, und durchgehends bewährt er sich als einen redlichen Mann von biederer Gesinnung und bestem Willen. Dafür können wir ihm denn wohl die Unbehülflichkeit der Darstellung, die große Leichtgläubigkeit, den oft gesuchten Ausdruck und das gelegentliche Prunken mit seiner mühsam erworbenen Gelehrsamkeit verzeihen.

Wegen seines vorherrschend provinziellen Charakters ist Thietmars Werk zwar von sächsischen Schriftstellern viel benutzt worden, hat aber eine weitere Verbreitung nicht gefunden. Vorzüglich fleißig wurde es vom Annalista Saxo ausgebeutet, mit Zusätzen über das Kloster Corvey, die sich in der Brüsseler Handschrift befinden. Daraus ergiebt sich, daß die Urschrift derselben schon im zwölften Jahrhundert in Corvey verfertigt sein muß, doch, wie R. Wilmans nachgewiesen hat[19], erst gegen das Jahr 1160.

Wie viel des für uns werthvollsten Materials aber alle diese Chronisten unbeachtet bei Seite gelassen haben, davon giebt uns das von Jaffé entdeckte Aufgebot von 981 zur Heerfahrt nach Italien eine Probe[20].