§ 6. Lothringen. Cöln. Trier. Metz. [[←]]

Wir haben in Sachsen die neue Entwickelung litterarischer Thätigkeit unter der unmittelbaren Einwirkung des Ottonischen Hauses betrachtet, und auch in Lothringen ist es ein Ludolfinger, der Kirche und Schule zu neuem Leben weckt, unter dessen Pflege überall frische Keime hervorspringen, die bald zu reicher Fülle sich entfalten.

Noch mehr als Sachsen war Lothringen durch innere Zwietracht zerrüttet und durch äußere Feinde verwüstet. Die alten Stätten der Cultur, die reichen Bischofsitze und Klöster lagen großentheils in Asche, und von den Einkünften der Stiftsgüter zehrten die Vasallen, denen sie als Preis ihrer Treue oder Untreue zugefallen waren; kaum bewahrten ein Paar verwilderter und unwissender Geistlicher den kirchlichen Charakter von Klöstern, die man früher weithin mit Ehrfurcht und Bewunderung genannt hatte.

Durch Heinrich und Otto wurde das fast verlorene Land den Westfranken wieder entrissen und mit dem Ostreiche neu vereinigt; aber den innern Frieden herzustellen, Ordnung zu schaffen und die beginnende Reform der verwahrlosten kirchlichen Zustände zu pflegen und zu befestigen, das war die schwere Aufgabe, welche dem Bruder Otto's des Großen, dem Erzbischof Bruno von Cöln (953-965), zufiel und von diesem auf das glänzendste gelöst wurde.

Wir haben schon oben [S. 321]-323 der Wirksamkeit dieses ausgezeichneten Mannes gedacht, und können um so weniger auf eine ausführliche Schilderung derselben eingehen, da er selbst nicht als Schriftsteller aufgetreten ist[1]. Sein Leben hat uns einer seiner Schüler beschrieben, Ruotger, der Bruno sehr nahe gestanden hatte und die ihm von dessen Nachfolger Folkmar (965-969) übertragene Aufgabe nicht ohne Geschick gelöst hat[2]. Sein Werk gehört zu den besseren Biographien des Mittelalters, ist reich an Inhalt, wenn auch für unsere Wünsche viel zu kurz und gedrängt, und faßt das wesentlichste von Bruns Leben und Wirken mit richtiger Auffassung und wahrheitsgetreu zusammen. Die Sprache ist nicht eben gewandt, schwülstig und von den üblichen Ausdrücken der kirchlichen Redeweise erfüllt, aber frei von Fehlern; man erkennt die gute Schule darin, von welcher auch die noch zahlreich erhaltenen Handschriften der Cölner Dombibliothek aus dieser und der nächstfolgenden Zeit Zeugniß geben. Dem Prudentius entlehnte er einen Vers zur Charakteristik Otto's I, und auch Citate aus Vergil und Terenz, aus Persius, Juvenal, Cicero und Sallust fehlen nicht[3].

Für diese eifrigen Studien zeugen auch die libri prestiti de armamario S. Petri (oben [S. 263]); unter den Entleihern sind B. Adelbold (von Utrecht 1010-1026) und Abt Elias (von Groß-Sanct-Martin 1010-1026); sehr viele aber, darunter 2 Bibeln, 3 Vergile, 2 Lucane, 3 Prisciane, hat ein Unbekannter, gewiß ein Scholasticus, dessen Name ausgekratzt ist. Eine sehr schöne, reich geschmückte Evangelienhandschrift, auch mit Versen über die Evangelisten und poetischen Widmungen versehen, schenkte der Domkirche ein Diaconus Gerhous, höchst wahrscheinlich identisch mit dem Erzbischof Gero (969-976), dem Bruder des Markgrafen Thietmar[4]. Ihm als Erzbischof ist die oben [S. 42] erwähnte Ursulalegende gewidmet.

Zu Bruns Gehülfen bei seinen reformatorischen Bestrebungen gehörte Christian, der erste Abt des von ihm gestifteten Pantaleonsklosters[5], der ihn bis 1001 überlebte. Der erste eilfertig errichtete Bau stürzte zusammen, man grub zu Erzbischof Folkmars Zeit (965-969)[6] ein tieferes Fundament und fand dabei Gebeine, die einem heiligen Maurinus zugeschrieben wurden. Niemand wußte etwas von ihm, auch Stephan nicht, der auf Abt Christians Gebot, als Erzbischof Gero schon todt war, sein Leben beschrieb; die Geschichte der Auffindung aber mit den unvermeidlichen Wundern enthält einige geschichtliche Umstände[7]. Ferner erhielt das Kloster aus Rom durch die Kaiserin Theophano einen h. Albin, von dem man gar nichts wusste, auf ihn aber die fabelhafte Legende des h. Albanus übertrug; diese Schrift ist aber erst aus dem elften Jahrhundert[8]. Erzbischof Everger (985-999) widmete der Domkirche einen mit besonderer Pracht geschriebenen Lectionar[9]. Als er am 10. Juni 999 gestorben war, wurden Boten nach Italien an Otto III geschickt, um sich den Kanzler Heribert auszubitten; von diesen starb der Diaconus Rudolf in Rom und es wurde ihm zu Ehren ein Epitaph gedichtet (NA. II, 601).

Uebrigens aber haben Bruns Bemühungen in Cöln selbst am wenigsten Frucht gebracht; ausser den unbedeutenden kleinen Cölner Annalen[10] ist keine litterarische Erscheinung weiter anzuführen, denn auch die kleine Chronik des Schottenklosters Groß-Sanct-Martin, so wie die Gründungsgeschichte von Gladbach und das Leben Heriberts[11], die ihrem Inhalte nach hierher gehören, sind doch erst in der folgenden Periode verfaßt worden.

Jene Annalen aber, die bis 939 auf gemeinsamer Grundlage mit den alamannischen, Reichenauer und St. Galler Annalen beruhen, von da an heimischen Ursprungs sind, haben merkwürdiger Weise einen weitreichenden Einfluß gehabt, indem der erste, von einer Hand aus einer älteren Handschrift überschriebene Theil von 776 bis 957 in die Annalen von Dijon, mit diesen dann in die von Rouen, Caen, und anderen Orten der Normandie, und weiter in die angelsächsische Chronik und in die Annalen von Lund übergegangen ist[12].

In Cöln war wenig Boden für wissenschaftliche, wenigstens für geschichtliche Thätigkeit. Dagegen regte sich in Trier, nachdem wieder bessere Zeiten gekommen waren, der alte Geist aufs neue. Sogar mitten unter den Stürmen, welche das unglückliche Land verheerten, hatte man im Kloster St. Maximin, wie in Corvey, es nicht ganz unterlassen, einige geschichtliche Nachrichten aufzuzeichnen[13].