Im Jahre 882 verwüsteten die Normannen das Stift, und auch hier blieben nur einige Weltgeistliche ohne klösterliche Zucht; im Jahre 933 stürzte die Kirche ein. Aber schon 934 wurde die Klosterzucht hergestellt, und unter dem Abte Hugo oder Ogo[14] gedieh das klösterliche Leben so gut, dass schon 937 König Otto die Mönche für seine neue Stiftung in Magdeburg von hier entnahm. Anno, der erste Abt von St. Moritz, wurde (950-978) zum Bischof von Worms befördert, der zweite Otwin 954 zum Bischof von Hildesheim, während Abt Hugo selbst 945 Bischof von Lüttich wurde. Etwas später (972) wurde Sandrad, der erste Abt von Gladbach, aus St. Maximin entnommen, 975 Ramwold, 978 Hartwich, die Hersteller klösterlicher Zucht in St. Emmeram und Tegernsee[15]. Unter dem Abte Wiker (957-966) verfaßte Sigehard, ein Mönch von St. Maximin, eine Schrift über die Wunder ihres Heiligen, welche über den Verfall und die Herstellung der lothringischen Klöster nicht unwichtige Nachrichten enthält[16]. Um 965 wurde daselbst eine Sammlung für kanonisches Recht zusammengestellt[17]. Damit ist die litterarische Thätigkeit von St. Maximin erschöpft, wenn man nicht die kecke Urkundenfälschung in Heinrichs V Zeit dazu rechnen will.

Auch Prüm erholte sich wieder, doch scheint es in Regino (oben [S. 259]) seinen einzigen Historiker hervorgebracht zu haben; auch lag es gar fern von der Straße. In den letzten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts, unter den Aebten Hilderich († 993) und Stephan († 1001), wurde hier auf Kosten und Bitten des Mönches Wicking vom Mönche Nother ein sehr schönes Antiphonar geschrieben[18]. Auf Befehl des Abts Wolfram schrieb 1084 der Schüler Arnold die Chronik des Regino, Einhards Annalen und Leben Karls nebst Thegan in einem Bande[19]. Ein Verzeichniß der Aebte ist unter Hizo (1068-1077) geschrieben und weiter fortgesetzt[20], in dem werthvollen Chartular, welches als liber aureus bekannt ist. In demselben sind die Todesdaten der Könige, Kaiser u. a. von 768 bis 1106 zusammengestellt[21] und am Schlusse finden sich sehr schätzbare necrologische Annalen von 1039 bis 1102, wo sich noch einige Notizen anschließen. Der Anfang scheint durch Ausschneiden eines Blattes verloren zu sein. Damit ist auch die historische Litteratur von Prüm erschöpft.

Von Erzbischof Rotger von Trier (917-930) ist eine Sammlung kanonischer Vorschriften für die Priester seines Sprengels zusammengestellt, wovon sich leider nur der Anfang erhalten hat[22]. Irrig ist ihm auch eine etwas spätere Materialiensammlung ähnlicher Art aus Trier zugeschrieben worden[23].

Der Erzbischof Rodbert (930 bis 956), ein Bruder der Königin Mahthild[24], war ein gelehrter Mann, der die Wissenschaft liebte; ein Brief Rathers an ihn zeigt uns, daß er diesem einige Probleme vorgelegt hatte[25], und Flodoard widmete ihm sein großes Gedicht über die römischen Päbste[26]. Unter seinen Nachfolgern[27] hat sich vorzüglich Ekbert oder Egbert (977-993), ein Sohn des Grafen Dietrich von Holland, ein dauerndes Andenken geschaffen und nachhaltig gewirkt. Sehr merkwürdige von ihm gestiftete Weihgeschenke in Trierer Emailarbeit verwahren die Domschätze in Trier und Limburg[28]. In der Trierer Stadtbibliothek ist ein Fragment einer reichverzierten Abschrift von Gregors I Registrum, die er hat machen lassen, mit Versen zu Otto's II Preise verziert (NA. II, 437). Ihm ist der berühmte Psalter von Cividale gewidmet[29]. Reichenau brachte ihm das prachtvolle Evangelistarium dar, welches sich jetzt in der Trierer Stadtbibliothek befindet[30]. Ekberts Bedeutung zeigt sich auch darin, daß die ältesten Bischofskataloge bis auf ihn reichen[31]. Nach langer Zeit des schweren Drucks und angestrengter Kämpfe regte sich wieder selbstbewußte strebsame Thätigkeit. Mit Gerbert war Ekbert in Verbindung, und überlegte, ob er zu dem Kreise hervorragender Männer, welchen Otto II in Italien um sich sammelte, auch aus Trier Scholastiker schicken sollte[32]. Sehr begreiflich ist es nun, daß man gerade hier vorzüglich dem Alterthum sich zuwandte. Die alte Größe Triers, welche aus den gewaltigen Bauwerken der Römerzeit vernehmlich redete, und die vielfachen Ueberlieferungen aus der früheren Zeit eines blühenden kirchlichen Lebens, forderten zur Erforschung der Vergangenheit auf, für welche es aber, nachdem in der normannischen Verwüstung vieles zu Grunde gegangen war, an zuverlässigen Hülfsmitteln mangelte. Man bemühte sich, Biographieen der alten Trierer Heiligen zu schreiben und überließ sich aus Mangel an echten Nachrichten einer regellosen Phantasie, die zu immer unsinnigeren Fabeleien führte. So entstand in dieser Zeit jene märchenhafte Urgeschichte Triers, welche besonders aus der späteren Bisthumsgeschichte bekannt ist[33]. Nicht viel besser begründet ist auch das Leben des Diaconus Adalbert, eines Gefährten des heiligen Willibrord, dem das Kloster Egmund gewidmet ist; Erzbischof Ekbert, der Sohn des Stifters[34], ließ um 985 durch den Mönch Ruopert von Mettlach an der Saar diese Arbeit ausführen[35]; von Adalbert wußte er sehr wenig, dieser war aber, wie Holder-Egger nachgewiesen hat, der erste Abt von Echternach. Die in den Wundergeschichten gegebenen Nachrichten über die Klosterstiftung hat gleichfalls Holder-Egger erläutert und als zuverlässig befunden.

Daneben aber wurde von einem Mönche des Klosters St. Maximin auch eine Geschichte der Gegenwart verfaßt, in der Form ausführlicher Jahrbücher, welche wir wohl unbedenklich als die beste Reichsgeschichte dieser Zeit bezeichnen können, ohne damit den eigenthümlichen Vorzügen Widukinds zu nahe zu treten. Es ist die Fortsetzung der Chronik des Regino, verfaßt um das Jahr 964, und bis 967 fortgeführt von einem unbekannten Mönche von St. Maximin, der sich nicht allein durch seine Schreibart als einen der besten Schriftsteller seiner Zeit zu erkennen giebt, sondern der auch außerdem eine ungewöhnliche Stellung haben mußte, um einen so klaren Einblick in den Gang der Dinge zu erhalten und so zuverlässige Nachrichten sammeln zu können. Dem Erzbischof Wilhelm von Mainz muß der Verfasser nahe gestanden haben, besonders aber Adalbert, dem Mönch von St. Maximin, der 961 als Bischof nach Rußland geschickt wurde, 966 die Abtei Weißenburg im Elsaß erhielt, und endlich 968 auf den neuen erzbischöflichen Stuhl von Magdeburg erhoben wurde, einem Manne also, der kein gewöhnliches Mönchsleben führte[36]. Da nun gerade mit diesem Jahre die Fortsetzung abbricht, so hat W. v. Giesebrecht[37] richtig bemerkt, daß Adalbert ein nahes Verhältniß zu dem Verfasser gehabt haben müsse, eine Ansicht, welche nicht nur allgemeine Zustimmung gefunden hat, sondern auch dahin erweitert ist, daß Adalbert selbst als der Verfasser angenommen ist, besonders wegen des Berichts über sein Geschick in den Jahren 961 und 962, welchen kaum ein anderer so abfassen konnte. Die Ereignisse in Italien sind ihm ebenso gegenwärtig, wie die lothringischen; er theilt wie die Verfasser der alten Reichsannalen, die Gesichtspunkte des Hofes und ist durchaus nicht in provinzieller Einseitigkeit befangen, was bei einem Mönche wie Widukind, der in seiner Zelle blieb, kaum anders möglich war.

Adalbert also kam 962 von seiner gefahrvollen und gänzlich erfolglosen Sendung nach Rußland zurück; er fand jetzt beim Erzbischof Wilhelm eine sehr liebevolle Aufnahme „wie ein Bruder vom Bruder“, und ich habe daran die Vermuthung geknüpft[38], daß er wohl wirklich Wilhelms Bruder oder Halbbruder gewesen sein möge, ein Sohn jener vornehmen Wendin, welche Wilhelms Mutter war. Denn Männer geringer Herkunft erhielten damals nicht leicht ein Bisthum, weil die stolzen Vasallen sich ihnen nicht unterordneten, und wir wissen sonst gar nichts über Adalberts Abkunft. Der Erzbischof befahl ihm, die Ankunft des Kaisers im Palast abzuwarten, und er wird sich dort wohl, trotz seiner Erhebung zum Abt von Weißenburg, viel aufgehalten haben, zuletzt begleitete er, wie Uhlirz wahrscheinlich gemacht hat[39], im Spätherbst 967 den jungen Kaiser Otto II nach Italien, wo er zum ersten Erzbischof von Magdeburg erhoben wurde. Dadurch wird die weitere Fortführung des Werkes verhindert sein.

Es liegt nun ferner die Vermuthung nahe, daß der Erzbischof Wilhelm es war, welcher, dem Beispiel seiner Vorgänger folgend, den Anlaß zu diesen Aufzeichnungen gab. Vor der Heimkehr aus Rußland können wir den Anfang nicht ansetzen, weil nirgends vorher die Aufzeichnung als gleichzeitig erscheint, vielmehr die Kenntniß späterer Vorgänge vorausgesetzt wird; ja, wie Werra[40] bemerkt, setzt sogar noch, was zu 964 über den Grafen Udo geschrieben ist, dessen Unternehmen im Jahre 966 voraus. Es bedurfte also zur Anknüpfung an die Chronik des Regino schriftlicher Hülfsmittel und als solches diente vorzüglich ein uns nicht mehr erhaltenes Exemplar der Reichenauer Annalen, reichhaltiger als das uns bekannte, und kenntlich durch die Benutzung desselben Exemplars in Hermanns Chronik[41]. Sonst ist außer St. Maximiner Klosternachrichten u. a. von Fr. Kurze die Benutzung jener oben [S. 241] erwähnten Fulder Annalen nachgewiesen, die bis 939 gereicht zu haben scheinen. Die Erzählung wird nun immer ausführlicher und gestaltet sich zu einer wirklichen, wenn auch sehr knapp gehaltenen Reichsgeschichte, ganz in der Weise der alten Reichsannalen. Der Verfasser konnte aus eigener Erfahrung schöpfen, vielleicht auch frühere Aufzeichnungen benutzen. Mittheilungen kundiger Zeitgenossen und Berichte, besonders über die Vorgänge in Italien an den Erzbischof, werden ihm nicht gefehlt haben. Für den Zeitraum von 960 bis 967 ist keine andere Quelle damit zu vergleichen[42].

Unter den Suffraganen von Trier ist besonders Metz ausgezeichnet durch wissenschaftliche Thätigkeit unter einer Reihe trefflicher Bischöfe, welche den Glanz von Chrodegangs Zeiten erneuten. Schon 883 April 22 weihte Erzbischof Radbod, ein Alamanne, zum Bischof von Metz seinen Landsmann Ruotpert, einen Freund Notkers, also vermuthlich aus der Schule von St. Gallen[43], wie denn auch Radbod 885 das Fest des Schutzheiligen in St. Gallen feierte, und in die Verbrüderung aufgenommen wurde[44]. Ruotpert starb am 2. Januar 917. Nachdem der von König Heinrich 927 eingesetzte Schwabe Benno im folgenden Jahre von seinen Feinden geblendet war, gelang es Adalbero (929-962), eine gesicherte Wirksamkeit zu gewinnen. Von hier besonders ging durch eigenen inneren Antrieb die neue Klosterreform aus, hier zuerst faßte sie festen Boden und verbreitete sich dann auch weiter zu entfernteren Klöstern: diese Erneuerung von unten auf und von innen heraus, welche allein für die Wirksamkeit des Erzbischofs Brun eine dauernde Grundlage gewähren konnte. Die Bischöfe Adalbero und Dietrich beförderten diese Richtung und die Thätigkeit der Männer, welche sie hauptsächlich vertraten, auf alle Weise, und bald sehen wir die lothringischen Klöster aus tiefem Verfall sich zu einer neuen und dauernden Blüthe erheben.

Der Mittelpunkt dieser Bestrebungen war lange Zeit das Kloster Gorze in der Nähe von Metz, wo der Abt Eginold (933-959) mit großer Anstrengung und Aufopferung die Zucht hergestellt hatte, und nach ihm sein Freund und Genosse Johannes als Abt (960 bis 974)[45] eine sehr einflußreiche Stellung einnahm, und die neue strenge Zucht nach allen Seiten verbreitete. Schon 941 hatte Bischof Adalbero mit König Otto's Hülfe aus dem Arnulfskloster zu Metz die zuchtlosen Canoniker vertrieben, und unter dem neuen Abt Arbert, einem Mönche von Gorze, die Benedictiner-Regel eingeführt. Dann war es der Abt Johannes von St. Arnulf, welcher lange Zeit der Freund des Abtes Johannes von Gorze und der Genosse seiner Wirksamkeit war, und dieser unternahm es nach dem Tode desselben, sein Leben zu beschreiben, und begann die Ausführung dieser Aufgabe mit besonderer Liebe und gutem Erfolge. Die Regeneration des Klosterwesens in Lothringen liegt uns darin in sehr ausführlicher Schilderung vor; weiterhin gewinnt dieses Werk noch eine ganz eigenthümliche geschichtliche Wichtigkeit dadurch, daß Johannes es war, welcher im Jahre 953 sich bereit finden ließ, für den König Otto als Gesandter zum Kalifen Abderrahman III nach Córdova sich zu begeben. Auch diese Reise ist hier sehr ausführlich beschrieben, leider aber bricht unser Text mitten in dieser ebenso merkwürdigen wie anziehenden Darstellung ab; das Uebrige ist verloren, vielleicht auch die zu ausführlich angelegte Arbeit nie ganz vollendet worden. Schon einmal, im Jahre 978, als ein bedeutender Theil derselben vollendet war, hatte der Verfasser sie unterbrochen, und es bedurfte des Zuspruches der Bischöfe Dietrich von Metz und Folkmar von Utrecht, um ihn zur Fortsetzung zu bewegen; ob er sie aber wirklich zu Ende geführt hat, ist zweifelhaft und kaum wahrscheinlich, zumal da er vor 984 gestorben ist[46].

Pertz hat dem Abt Johannes von Gorze verschiedene Werke zugeschrieben, die Miracula S. Gorgonii, Vita et Miracula S. Glodesindis, vielleicht auch Vita Chrodegangi, allein die genaue Untersuchung von Walther Schultze[47] hat ein ganz anderes Verhältniß wahrscheinlich gemacht. Zunächst ist nachgewiesen, daß es schon eine ältere Aufzeichnung gegeben hat, welche in den Miracula S. Gorgonii benutzt und daran kenntlich ist, daß einzelne Erzählungen derselben mit der Vita Johannis Gorziensis, andere mit der Vita Chrodegangi so weit übereinstimmen, daß eine gemeinsame Quelle anzunehmen ist; vermuthlich waren es ältere Miracula S. Gorgonii. Die uns erhaltenen Miracula S. Gorgonii[48], die Wunderthaten des Schutzheiligen, der schon von Chrodegang im J. 765 nach Gorze gebracht war, sind um das J. 965 von einem Gorzer Mönch verfaßt, der als Augenzeuge von dem Aufstand des Herzogs Konrad berichtet, zu einer Zeit, da der Abt Johannes in Spanien war. Dagegen sind die Vita et Miracula S. Glodesindis[49] von einem Abt Johannes verfaßt, der in der Hist. S. Arnulfi als der von St. Arnulf bezeichnet ist, und es ist kein Grund daran zu zweifeln. In der Vita Joh. Gorz. hat er diese seine frühere Schrift benutzt und die Erzählung etwas erweitert; ebenso die älteren Miracula S. Gorgonii. In beiden finden sich mancherlei historische Nachrichten, namentlich über die Klosterreform im Sprengel von Metz.