Was endlich die Vita Chrodegangi[50] betrifft, welche uns nur unvollständig erhalten ist, so könnte dieselbe allenfalls von Johannes von Gorze herrühren; sie ist aber mit einem großen Phrasenschwall ausgestattet und nach allen Regeln der Rhetorik gearbeitet, was nicht zu dem paßt, was uns von der mangelhaften Schulbildung des Abtes Johannes mitgetheilt wird. Sie ist übrigens nur aus denselben Quellen geschöpft, die auch uns zu Gebote stehen, und reiht sich daher den zahlreichen Paraphrasen alter Heiligenleben an, welche durch die höheren Anforderungen der gebildeteren Nachfolger hervorgerufen wurden.

Eine kräftige Stütze hatte das Kloster Gorze an seinem Schirmvoigt Sendebald, Grafen von Toul, dem nach seinem Tode eine ausführliche dankerfüllte Grabschrift in ungewöhnlich guten Hexametern gewidmet wurde[51].

Zu dem Kreise dieser Reformatoren gehört auch der Schottenabt Kaddroe, der zuerst in Waussor unweit Dinant einem Landsmann als Abt folgte, von da aber durch Adalbero an das Kloster der heiligen Felix und Clemens nach Metz berufen wurde. Sein Leben ist auf Veranlassung des Abtes Immo, vermuthlich von Waussor, bald nach seinem Tode beschrieben worden[52]. Ihn und seinen Nachfolger Fingen († 1003) und die Bischöfe, welche die Klöster und die Klosterzucht herstellten, Adalbero I und Adalbero II, preist ein Gedicht in noch recht roher und mangelhafter Form, welches vorzüglich dem Ruhme des h. Clemens gewidmet ist[53].

Wir erwähnten schon, daß der Bischof Dietrich von Metz (965-984), ein Schwestersohn der Königin Mahthild, der aus der Schule des Erzbischofs Brun stammte[54], nicht minder als Adalbero bemüht war, seinen Sprengel in jeder Beziehung zu verherrlichen; er beförderte eifrigst die Klosterreform, und seinen Aufenthalt mit dem Kaiser in Italien 970 benutzte er, um mit unersättlicher Gier und in den Mitteln nicht wählerisch zahlreiche Heiligenleiber für Lothringen zu erwerben. Zugleich nahm er auch in der politischen Geschichte der Zeit eine sehr bedeutende Stellung ein; sein Ruf war auswärts nicht der beste, Habsucht wurde ihm vorgeworfen, und seine Untreue gegen Theophano, sein Abfall von Otto III, befleckten seine letzten Jahre und gaben Gerbert, wenn er der Verfasser ist, Anlaß, sein Verhältniß zu Carl von Lothringen in einem für beide Theile gleich anzüglichen Briefwechsel zu behandeln[55].

Seinen Aufenthalt in Italien scheint Bischof Dietrich aber auch zu einer anderen Erwerbung benutzt zu haben, nämlich der hinterlassenen Werke des Bischofs Liudprand von Cremona. Dieser soll, was freilich unsicher ist, an der Gesandtschaft theilgenommen haben, welche 971 die Kaiserbraut Theophano in Empfang nahm, und auf dieser Reise gestorben sein. Dietrich, der griechischen Sprache nicht unkundig, war zum Empfang der Prinzessin 972 entsandt. Nun enthält, wie Fr. Koehler nachgewiesen hat[56], eine Handschrift saec. X. aus St. Arnulf Excerpte griechischer Stellen aus Liudprands Schriften mit der Uebersetzung, und es ist wahrscheinlich, daß in Metz auch die Abschrift angefertigt ist, welche bisher als Autograph betrachtet wurde, und in die darin leer gelassenen Stellen hat vielleicht Dietrich selbst die griechischen Worte eingetragen.

Die Stiftung des Vincenzklosters trug Dietrich auch eine Biographie ein[57], welche aber nicht von einem Zeitgenossen, sondern erst ein Jahrhundert später von Sigebert von Gembloux verfaßt ist. Aufgenommen ist darin ein gleichzeitiger Bericht über die von ihm erworbenen Reliquien, welcher sich auch abgesondert erhalten hat.

Glücklicher war sein nicht minder ausgezeichneter Nachfolger Adalbero II (984-1005), der Dietrichs Wirksamkeit in entsprechender Weise fortsetzte, indem er einen ganz vortrefflichen Biographen fand an Constantin, dem Abte des von ihm wiederhergestellten Schottenklosters St. Symphorian zu Metz[58]. Ein poetisches Epitaphium, worin der Bischof gar sehr gepriesen wird, verfaßte Conrad im Kloster Saint-Avold (Sancti Naboris) und überreichte es mit anderen Versen seinem Abt Ratram; beides steht in einem Codex des Prudentius, den er schön eingebunden und mit Randglossen versehen hatte, wofür er dieses Buch in zierlichen Versen sich bedanken läßt: so schön sei nicht einmal der Lucan geziert, den Constantin binden ließ. Diesen Conrad, von dem es nicht sicher ist, daß er Mönch war, hält L. Delisle für den Metzer Archidiaconus des Namens, welcher auf dem Wege nach Italien die eifrigen Studien der Klosterfrauen in Zürich kennen gelernt hatte und zugleich ihren Kummer, daß der erste Band von Gregors Moralien ihnen fehle; heimgekehrt übersandte er ihn mit einem artigen Briefe[59]. Doch ist das sehr zweifelhaft und nicht wahrscheinlich, da jener Conrad allem Anschein nach identisch ist mit Cuono, Klosterlehrer in St. Avold, von dem sich auch andere Verse erhalten haben[60]. Solche Schullehrer wurden aber nicht Archidiaconen.

Um dieselbe Zeit schrieb auch ein Mönch im Kloster Hornbach im Sprengel von Metz ein Buch über das Leben des heiligen Pirmin[61], der im achten Jahrhundert das Kloster gestiftet hatte, und widmete sein Werk dem Erzbischof Ludolf von Trier (994 bis 1008). Es ist nur eine stilistische Bearbeitung der älteren, schon oben [S. 275] erwähnten Vita ohne geschichtlichen Werth, vielleicht, wie schon Mone vermuthete, von dem Abt Garemann von Hornbach († 1008) verfaßt. Dagegen enthalten die von Mone zuerst bekannt gemachten Wunder[62] (bis 1012) einige geschichtliche Nachrichten, namentlich über Heinrichs II Zug nach Lothringen im J. 1009; sie sind von einem Hornbacher Mönch hinzugefügt. Hier wurde auch zur Zeit Otto II vom Schreiber Eburnant ein prächtiges Sacramentar für den Abt Adalbert geschrieben, mit guten Dedicationsversen[63].

So entwickelte sich in Metz jener den Lothringern besonders eigene Sinn für Localgeschichte, der sich in Biographieen, Klosterchroniken und Schriften zur Verherrlichung der Ortsheiligen in großer Fülle kundgegeben hat, aber erst im folgenden Zeitalter zu voller Entfaltung kommt.

Schließlich ist noch ein Mönch jenes schon erwähnten Klosters des heiligen Symphorian zu nennen, der nur zum Theil dem Metzer Sprengel angehört, Alpert nämlich, der an das Werk des Paulus Diaconus anknüpfend, eine Geschichte der Bischöfe von Metz[64] verfaßte, von welcher jedoch nur ein Bruchstück erhalten ist. Er widmete sie dem Abte Constantin. Später aber kam er in den Utrechter Sprengel, und zwar nach Molls Vermuthung[65] in das um diese Zeit von Bischof Ansfrid (995-1010) gegründete Kloster bei Amersfoort. Es giebt nämlich eine aus Alperts Werk geschöpfte Vita Ansfridi[66], welche einem monachus Ultrajectinus S. Pauli zugeschrieben wird; dahin aber war jenes Kloster verlegt. Sehr möglich ist es, daß die Aussendung einer Mönchscolonie den sonst ungewöhnlichen Ortswechsel veranlaßte. Hier also schrieb er um 1022 sein Buch über den Wechsel der Zeiten[67], worin er in bunter Mannigfaltigkeit von allerlei Vorfällen aus diesen Gegenden erzählt: ein Vorrath geschichtlichen Stoffes ohne bestimmte Ordnung, der um so willkommener ist, da wir sonst nur wenig Kunde von diesem entlegeneren Theile des Reiches besitzen. Er übersandte es dem Bischof Burchard von Worms, bei dem sein Bruder Immo Diaconus war. An denselben Immo schickte auch der bald zu erwähnende Custos Tielensis sein Werk; er scheint dann an den Kaiserhof gekommen zu sein und wurde um 1036 Bischof von Arezzo; in der Lorscher Briefsammlung sind Briefe von ihm und an ihn erhalten[68].