Das Bisthum Utrecht war von den Normannen gar arg heimgesucht und zeitweise ganz zerstört. Radbod, von mütterlicher Seite ein Abkomme des alten Friesenfürsten Radbod, folgte 899 dem Bischof Odilbald, mußte aber vor den Dänen nach Deventer entweichen. Ein Neffe des Erzbischofs Gunthar von Cöln, war er bis zu dessen Entsetzung 863 bei ihm, dann in der Hofschule Karls des Kahlen und seines Sohnes Ludwig gebildet, ein Schüler des Manno, und hat einige Homilieen und Verse zum Preise von Heiligen verfaßt[69], auch über den heiligen Suidbert; doch hatte er von diesem nur aus Beda Kunde. Trithemius schreibt ihm auch Laudes S. Bonifacii zu, und eine Gothaer Handschrift (fol. 64) nennt ihn als Verfasser der Legende des sogenannten Presbyter Ultrajectensis[70], was entschieden falsch ist[71]. Erhalten hat sich eine Aufzeichnung von ihm über die Schrecknisse des Jahres 900[72], und eine andere über die Belagerung der Stadt Tours durch die Normannen 903, und ihre Errettung durch ein Wunder des h. Martin, des gemeinsamen Schutzheiligen[73]. Zur Feier desselben Ereignisses verfaßte er auch einen cantus nocturnalis, der sich im Antiphonar der Marienkirche erhalten hat[74]. Sein eigenes Leben ist zur Zeit seines Nachfolgers beschrieben worden, und wenn auch nicht eben reichhaltig, doch nicht unwichtig[75]. Er starb 917; sein Nachfolger Balderich ist der Hersteller des Bisthums Utrecht[76]; ihm wurde der Königsohn Brun zur Erziehung anvertraut. Er erneute die verwüsteten Kirchen und erhob viele Leiber der Heiligen, holte auch 964 aus Veuves an der Loire Reliquien[77]; seine Grabschrift in der Martiuskirche rühmte von ihm:
Trajectina feris urbs Denis versa latebat,
Baldricus priscum reddidit ipse decus,
Auspicio cujus jam Pontius, Agna, Benignus
Conservant urbem, fulget et ecclesia[78].
Es läßt sich erwarten, daß er in seiner langen Amtsführung (bis 976) wissenschaftliche Thätigkeit begünstigt haben werde, wie ihm auch Hucbald sein Leben S. Lebuins widmete; Wolbodo stand der Schule vor, bis er 1018 Bischof von Lüttich wurde, aber Erzeugnisse von Utrechter Gelehrten aus dieser Zeit haben sich nicht erhalten. Von Bischof Adalbold werden wir bald zu reden haben.
Auch aus Verdun verlautet aus dieser Periode nichts, mit Ausnahme der Bisthumsgeschichte von Berthar, deren wir schon oben ([S. 267]) gedachten, weil sie nur bis auf die Zeit des Kaisers Arnulf reicht. Der Bischof Wikfrid (962-984), ein geborener Baier, war zu Cöln in Bruns Schule gebildet, Heimo (991-1024) unter Notker von Lüttich. In dem Kloster St. Mihiel an der Maas lehrte am Anfange dieser Periode der Grammatiker Hildebold, ein Schüler des hochgefeierten Lehrers Remigius. Johannes von Gorze wurde seiner Zucht anvertraut, äußerte sich aber ziemlich ungünstig über die Verdienste seines Lehrers (Vita c. 10).
Auch Toul besaß an Gerhard (963-994), einem Schüler Bruns, einen jener ausgezeichneten Bischöfe, welche die Zeit der Ottonen zieren; er wurde später als Heiliger verehrt, und der Abt Widerich von St. Evre beschrieb sein Leben, jedoch erst lange nach seinem Tode unter der Regierung Heinrichs III. Mit der Klosterreform hatte schon sein Vorgänger Gauzlin (922-963) begonnen; angeregt durch die vom Abt Odo von Cluny zu Stande gebrachte Reform des Klosters Fleury hatte er 936 das Kloster St. Evre (S. Apri) hergestellt und eine Schule darin errichtet, zu deren Leitung er den noch jugendlichen Mönch Adso berief, welcher in Luxeuil seine Bildung erhalten, und sich bereits durch seine Gelehrsamkeit einen Namen gemacht hatte. Nicht ohne heftige Kämpfe konnte eine solche Reform durchgeführt werden, und in St. Evre wurden dieselben in einem höchst eigenthümlichen Gedichte dargestellt, der Ecbasis captivi in einer der Thierfabel entlehnten Einkleidung[79]. Bald aber konnten die Mönche von St. Evre schon dem heruntergekommenen Kloster Montier-en-Der (Dervense) im benachbarten Sprengel von Châlons-sur-Marne aufhelfen. Dieses war schon einmal nach gänzlichem Verfall unter Ludwig dem Frommen 827 durch den Abt Hauto von Stablo hergestellt, aber nach wiederholter Verwüstung durch Ungern und Normannen wieder völlig verwildert. Jetzt sandte Gauzlin Mönche von St. Evre unter dem Abt Alberich hin, und dieser nahm auch Adso mit sich, welcher ihm spätestens 968 als Abt folgte. Befreundet und im regen Verkehr mit Adalbero von Reims und Gerbert, mit Abbo von Fleury und anderen hervorragenden Männern der Zeit, war er für Herstellung kirchlicher Zucht mit Erfolg thätig, bis er endlich 992 auf einer Pilgerfahrt nach Jerusalem seinen Tod fand. Schon früh (vor 954) hat er auf den Wunsch der Königin Gerberga eine Schrift über den Antichrist verfaßt[80]; auf Bischof Gerhards Wunsch beschrieb er das Leben des heiligen Mansuetus, dessen Kloster Gerhard hergestellt hatte. Werth haben nur die hinzugefügten Wunder durch einige geschichtliche Nachrichten. Dasselbe gilt von dem Leben und den Wundern des heiligen Basolus, welche Gerbert und Adso, Abt von St. Basle, von ihm erbeten hatten, und von einem ähnlichen Werk über den heiligen Aper, dessen Autorschaft Waitz ihm abspricht, das aber um dieselbe Zeit, nach der Translation von 978 geschrieben ist. Ein Buch über die Wunder des heiligen Waldebert, Eustasius Nachfolger, bezeugte seine Anhänglichkeit an Luxeuil. Zuletzt nahm er noch den heiligen Bercharius vor, den Stifter seines Klosters, doch hinterließ er diese Aufgabe unvollendet; die Beschreibung der Wunder wurde auf Veranlassung des vom Pabst Leo IX geweihten Abtes Bruno von einem ungenannten Mönche hinzugefügt und mit einigen schätzbaren Nachrichten über Adso versehen[81]. Für die Klosterschule von St. Evre verfaßte 969 Aynard ein „glosarium ordine elementorum agregatum“[82].
Im Anfang des elften Jahrhunderts wird die Schule des Bisthums als blühend und ausgezeichnet gerühmt; Brun, des elsassischen Grafen Hugo Sohn, später als Pabst Leo IX genannt, und Adalbero III, Bischof von Metz, erhielten hier ihre Erziehung. Wir erkennen darin wieder die Einwirkung der beginnenden Blüthezeit Lüttichs, wo Bischof Hermann oder Hezelo (1018-1026) unter Notker gebildet war.
[1] Die von Peiffer aufgewärmte Nachricht von Commentaren zum Pentateuch und zu den Evangelien, die er verfaßt haben soll, ist unglaublich. Man kann Ruotger und der Cölner Kirche den Schimpf nicht anthun, anzunehmen, daß sie das gänzlich vergessen haben sollten. Dagegen auch Cardauns, Städtechroniken XII p. LV.
[2] Ruotgeri Vita Brunonis ed. Pertz, MG. SS. IV, 252-275 und auch besonders abgedruckt. Varianten bei B. Simson im Archiv f. Gesch. d. Niederrh. VII, 167-172. Uebersetzung von Jasmund, 1851. 1890. Geschichtschr. Bd. 30 (X, 3). Ueber alte Abschriften des Testaments Bruno's NA. VIII, 191. — Vgl. Giesebr. I, 781; Textkritik S. 826 (vgl. Dümmler Otto I S. 220). 830. Dümmler S. 372. Janssen in den Annalen des Niederrhein. hist. Vereins I, 85. Joh. Ph. Peiffer. Hist. krit. Beitr. z. Gesch. Bruns I, Aachen 1870. Strebitzki, Quellenkrit. Untersuchungen zur Gesch. Erzb. Br. im Progr. d. kath. Gymn. v. Neustadt in Westpreussen, 1875. Dierauer in Büdingers Untersuchungen z. mittl. Gesch. II, 1-50. Maurenbrecher S. 24-27, dessen Tadel die ganze Gattung der kirchlichen Biographie trifft, zu welcher diese nun einmal gehört. Seiner künstlichen Deutung der Stellen über die Motive der Empörer kann ich nicht beistimmen; vgl. Rommels Aufsatz in den Forsch. IV, 121-158 und Maurenbrechers Entgegnung ib. 587-598; Dümmler Otto I S. 212. — Ueber die viel spätere zweite Vita (ib. 275-279) s. Vogel, Ratherius II, 14-18. Peiffer S. 13. Varianten bei Simson S. 163-165. Wie Cardauns, Städtechron. XII, p. LVI bemerkt, muß sie doch schon im 12. Jahrh. entstanden sein, da sie in den Ann. Col. max. benutzt ist. — Ein Epitaphium Brunonis bei Dümmler, Otto I S. 594. Damit verbunden andere, mit griechischen Worten prunkende Epitaphien aus Bruns Schule, viell. von Ruotger, NA. X, 346: eines wahrscheinlich auf die Aebtissin Hathuwig von Essen († 18. Juli 947), eines auf den Cölner Bürger Wolfrad.
[3] Dümmler, Forsch. XII, 445. Simson S. 172. Manitius, NA. XII, 369. 370.