In Lüttich hatte, wie wir sahen ([S. 266]) die gelehrte Thätigkeit sich lange erhalten; die Verwüstung durch die Normannen 881 wird aber auch hier die Musen zum Schweigen gebracht haben. Am Anfange dieser Periode finden wir dort einen Bischof, der sich als Schriftsteller versucht hat und durch gelehrte Bildung ausgezeichnet war, Stephan (901-920), der in der französischen Hofschule unter Probst Manno ein Mitschüler Radbods, dann Domherr zu Metz gewesen war. Er selbst hat das alte Leben des heiligen Lambert (oben [S. 264]) neu bearbeitet und eine metrische Bearbeitung desselben veranlaßt[1]; Responsorien verfaßte er und schrieb darüber an Erzbischof Herimann von Coeln, und einen vollständigen Band, mit Lectionen und was zum Kirchendienst gehört, übersandte er Bischof Ruotbert von Metz[2]. Hucbald, der gelehrte Mönch von St. Amand, übersandte ihm 907 zur Prüfung das Leben der heiligen Rictrudis. Nach Vogels Vermuthung war Stephan der Lehrer des Ratherius, jenes unstäten Mönches des Klosters Lobbes, der eben so sehr durch seine wechselnden Schicksale, wie durch seine umfassende Gelehrsamkeit, aber auch durch seine seltsam gesuchte und absichtlich dunkle und verworrene Schreibart merkwürdig ist. Sein Ehrgeiz, sein unverträglicher Charakter, sein beißender Witz, mit dem er unbarmherzig die Fehler seiner Zeitgenossen geißelte, während er in seinen Bekenntnissen eben so schonungslos seine eigenen Sünden beichtete, ließen ihm nirgends Ruhe, und machten es ihm unmöglich, als Bischof von Verona und von Lüttich den Widerstand seiner vornehmeren und mächtigeren Gegner auszuhalten. Seine Schriften, so lehrreich sie sind, können doch nicht als Geschichtswerke betrachtet werden, und auch das Leben des heiligen Ursmar ist nur eine stilistische Ueberarbeitung der älteren Legende[3]. Die Beschäftigung mit grammatischen, philosophischen und theologischen Studien war lange in Lüttich vorherrschend, und erst spät begann man auch hier sich ernstlich mit der Geschichte zu beschäftigen, wenn man es auch nicht ganz unterließ, kurze Notizen am Rande von Ostercyklen einzutragen.
So wie Rather immer von neuem in die politischen Wirren hineingezogen wurde, so ließen auch in Lüttich die lothringischen Parteikämpfe lange keine ruhige Entwickelung friedlicher Studien aufkommen. Von 945-947 war ein gelehrter Abt von St. Maximin, Hugo, Bischof, 953-955 Rather, aber dieser konnte nicht zu irgend einer Wirksamkeit gelangen, und unter Balderich, der ihn verdrängte[4], fand die Wissenschaft keine Stätte. Dann aber bestieg auch hier ein Schüler und begeisterter Verehrer Bruns, Ebrachar (959-971), den Bischofstuhl, ein vornehmer Sachse, bis dahin Decan zu Bonn; ihn nennt als seinen Lehrer ein sächsischer Priester, von dessen Namen wir nur den Anfangsbuchstaben B. kennen, der sich nach Ebrachars Tod nach Canterbury zum Erzbischof Dunstan begab, nach dessen Tod (988) er der erste Biograph dieses hervorragenden Mannes wurde[5]. Nicht ihm allein, sagt er, sondern einer großen Anzahl habe er zur Wissenschaft verholfen, und in der Vita Balderici wird Ebrachar geradezu als der Begründer der Lütticher Schule gepriesen[6]. Auf Ebrachar folgte 972-1008 Notker, bis dahin Probst im Kloster St. Gallen, ein Mann, der in jeder Beziehung höchst ausgezeichnet war[7], und in Lüttich jenen hohen Glanz der Schulen begründete, dessen Ruf sich bald durch die ganze Christenheit verbreitete. Bald strömten lernbegierige Jünglinge von allen Seiten her an der Maas zusammen, während ebenso bedeutende Lehrer von hier ausgingen und den Wirkungskreis der Lütticher Schule immer weiter ausbreiteten; sogar in Paris bei St. Genovefa lehrte der Lütticher Hubald mit außerordentlichem Beifall. Außer diesem, den Notkers Nachfolger Balderich II auch auf einige Zeit nach Prag sandte, nennt Anselm[8] als Notkers Schüler Günther von Salzburg (1024-1025), Ruthard und Erluin von Cambrai (979-995 bis 1012), Heimo von Verdun (991-1024), Hezelo von Toul (1018 bis 1026), Adalbold von Utrecht (1010-1026). Eine Vita Notkeri aus der Mitte des 12. Jahrhunderts, von welcher Gilles d'Orval ansehnliche Stücke erhalten hat, in welchen mehrfach auch Hexameter, Reste eines gleichzeitigen Lobgedichts[9], erscheinen, ist leider verloren[10].
Im Jahre 960 war im Kloster Laubach oder Lobbes, das bis dahin dem Bischof von Lüttich untergeben war und das durch die Kämpfe der Parteien und die rechtlosen Zustände viel gelitten hatte, das regelmäßige Klosterleben unter einem eigenen Abte wieder hergestellt worden, und bald darauf begann man auch hier, wie an so vielen anderen Orten, Annalen zusammen zu stellen, vielleicht aber auch nur eine in Lüttich entstandene und fortgesetzte Compilation mit einheimischen Notizen zu vermehren[11]. An Beda und andere alte Chronisten reihen sich Auszüge aus der S. 202 erwähnten Chronik bis 805, verbunden mit Stellen aus den Lauriss. maj. und Laureshamenses; dann ist Thegan benutzt und von 840 an selbständig fortgearbeitet, doch von 874 bis 900 sind die Ann. Vedastini vollständig aufgenommen. Diese ziemlich dürftigen Annalen wurden nicht über das Jahr 982 fortgesetzt; sie dienten aber in Verbindung mit anderen Aufzeichnungen in Lüttich im Jahr 1000 zur Abfassung von Annalen, die von nun an fortgesetzt wurden. Sie sind verloren, aber wie Waitz nachgewiesen hat[12], bis 1086 in den Amiales S. Jacobi und Fossenses, bis 1056 auch in den Annales Laubienses kenntlich. Auf diese werden wir später zurückkommen.
Bedeutender als jene Annalen von Lobbes ist die Klostergeschichte des Abtes Folcwin[13], die bis zum Jahre 980 reicht. Ebrachar hatte ihn 965 zum Abte erhoben, und 25 Jahre lang verwaltete er sein Amt in großem Ansehen bei den trefflichen Männern, welche um diese Zeit die verschiedenen Bischofsitze zierten. Daß er nicht, wie Mabillon und Guérard meinten, von dem Folcwin von St. Bertin zu unterscheiden sei, hat Holder-Egger vollkommen überzeugend nachgewiesen (NA. VI, 415-438), und wir wissen daher, daß er aus Lothringen gebürtig, vornehmer Abkunft, selbst den Karolingern verwandt war, stolz auf den Bischof Folcwin von Thérouanne (817-855), dessen feierliche Erhebung sein Vater und Oheim bewerkstelligt haben, und dessen Leben er beschrieben[14] und dem Abt Walter von St. Bertin (c. 970-984) gewidmet hat, als er schon Abt von Lobbes war; damals, als er die darin stark benutzte Vita Brunonis schon kannte, hat er den Entwurf ausgearbeitet, welchen er schon viel früher gemacht hatte, in St. Bertin, wo er 948 als Knabe eingekleidet wurde. Hier hat er auch bereits im Jahre 961 die Urkunden des Stiftes gesammelt und mit Lebensnachrichten der Aebte versehen, auch nicht unwichtige, geschichtliche Nachrichten allgemeinerer Art eingeflochten[15], sehr mangelhaft in der Form und sogar mit groben grammatischen Fehlern. Die Quellen, welche darin benutzt sind, hat Holder-Egger genau untersucht; am wichtigsten darunter sind die Spuren verlorener Annalen von St. Bertin, welche auch in den Ann. Blandin. zu erkennen sind. In ähnlicher Weise, aber grammatisch jetzt besser ausgebildet, machte er sich als Abt auch an die Geschichte von Lobbes, und legte ihr die Urkunden seines Klosters nebst den ihm zugänglichen Werken Einhards, Flodoards, Ruotgers und anderer zu Grunde. Ist ihm nun auch die Verarbeitung dieses Stoffes wenig gelungen, so ist doch schon das Streben nach einer urkundlichen Geschichtschreibung bemerkenswerth, und für die spätere Zeit, wo er die eigenen Erlebnisse zu schildern hat, empfiehlt er sich durch Wahrheitsliebe und Einfachheit, wenn auch die Kürze der Erzählung unbefriedigt läßt.
Folcwins Nachfolger in Lobbes war Heriger (990-1007), ein vertrauter Freund des Bischofs Notker, den er im Jahre 989 nach Italien begleitete und für den er mit seiner Feder thätig war, während Notkers Name den Schriften größere Autorität verlieh. So namentlich 980 dem von dem Bavokloster zu Gent erbetenen Werk über den h. Landoald, auf welches wir zurückkommen, und ähnlich auch der wohl schon früher verfaßten älteren Geschichte des Lütticher Bisthums[16]. Er gelangte damit aber nicht weiter als bis zum Jahre 667, so daß das Buch als Geschichtsquelle kaum in Betracht kommt, und litterarisch kann man es leider nur als ein ganz verfehltes Werk betrachten wegen der unverständigen Anwendung der Gelehrsamkeit, welche dem Verfasser allerdings in reichem Maße zu Gebote stand. Aber kaum kann man einen übleren Gebrauch davon machen, als wenn man lange Reden aus Stellen der Classiker zusammensetzt und diese dann alten Heiligen der merowingischen Zeit in den Mund legt.
Mancherlei geschichtlicher Stoff findet sich noch in den Legenden und Wundergeschichten dieser Gegenden; vorzüglich lernen wir daraus die Grafen von Flandern als eifrige Heiligenverehrer kennen. So wurde der Leib des heiligen Winnoch vor den Normannen von Wormhout nach St. Bertin geflüchtet und 900 durch Balduin den Kahlen (879-918) nach dem von ihm gestifteten Kloster Bergh-St.-Vinoc oder Winnoxbergen gebracht, wo ein älteres Leben des Heiligen gegen die Mitte des elften Jahrhunderts überarbeitet und die Stiftungsgeschichte hinzugefügt wurde[17].
Höchst eigenthümlich haben sich die Nachrichten aus den beiden Genter Klöstern Saint-Bavon und Blandigny, auf einem Hügel außerhalb der Stadt, dadurch gestaltet, daß jedes von ihnen höheres Alter in Anspruch nahm, und ein durch Jahrhunderte hindurch mit immer wachsender Erbitterung geführter Krieg sich daraus entspann. Ihre Waffen waren echte und falsche Reliquien und Legenden, Urkundenfälschungen und Verfälschung der handschriftlichen Ueberlieferung, wie das O. Holder-Egger in ebenso ergötzlicher wie belehrender Weise dargestellt hat[18]. Beide Klöster waren vom Grafen Arnulf I im J. 941 nach tiefem Verfall hergestellt und durch den Abt Gerhard von Brogne mit Mönchen neu besetzt. Das veranlaßte in Blandigny schon bald nachher eine Schrift über die ältere Geschichte des Klosters bis auf den berühmten Abt Einhard[19], worin schon gefälschte Urkunden benutzt sind und die Gründung durch den h. Amandus 610, mit keckem Plagiat aus der Vita Wandregisili. Im J. 944 brachte Graf Arnulf hierher auch aus Boulogne, wohin sie aus St. Wandrille geflüchtet waren, die hh. Wandregisil, Ansbert und Wulfram, dessen Besitz aber die Mönche von St. Wandrille ihnen abstritten, und darüber gab es eine Schrift, von der wir aber nur durch eine Predigt Kunde haben, die nicht vor dem zwölften Jahrhundert verfaßt zu sein scheint, und von Feindseligkeit gegen die Bavonianer erfüllt ist[20]. Außer vielen anderen Reliquien erhielten sie auch um 945 aus Haerlebeke, der Heimath der Grafen von Flandern, den h. Bertulf von Renty bei Saint-Omer, wo er in merowingischer Zeit ein Kloster gegründet hatte. Sein Leib wurde 1073 durch den Abt Folcard feierlich erhoben, und nun nach einer älteren, jetzt verlorenen Vita das wenige berichtet, was man von ihm wußte, mehr über die Translationen und über die Grafen von Flandern, nicht ohne Fabeln[21]. Und dazu wollen wir gleich noch hinzufügen, daß, da beide Klöster sich den ersten Abt Florbert zueigneten, beide sein Grab und seinen Grabstein zeigten, im J. 1079 eine gegen die Mönche von Saint-Bavon gerichtete Schrift darüber verfaßt wurde[22].
Nach Saint-Bavon war 940 der h. Bavo aus Laon, wohin er geflüchtet war, zurückgebracht und 946 feierlich bestattet. Gegen das Ende des zehnten Jahrhunderts schrieb ein Mönch, schon im Gegensatz gegen das vom Grafen Arnulf bevorzugte Kloster Blandigny, und gegen die Zweifler, welche ihnen sogar den Besitz des h. Bavo bestritten, in drei Büchern eine Geschichte des Klosters nach schriftlichen Quellen, wozu er vorzüglich auch die Annalen von St. Bertin und St. Vaast benutzte, die er Chronica post Bedam nannte; er scheint auch Aufzeichnungen aus seinem Kloster benutzt zu haben[23]. Vielleicht von demselben Verfasser ist auch das Carmen de S. Bavone[24]. Der Concurrenz der Blandinienser besser begegnen zu können, holten sie 980 aus dem kürzlich erworbenen Wintershoven den h. Landoald mit seinen ebenso unbekannten Genossen, legten dem Bischof Notker von Lüttich den Bericht über die Translation und die obligaten Wunder vor, und zugleich was der Ortspfarrer Sarabert von diesen Heiligen zu berichten wußte. Der gelehrte Heriger erfuhr zu seinem Erstaunen von dem ihm bis dahin unbekannten Bischof Landoald von Lüttich, buchte aber alles getreulich, und zwar der größeren Autorität wegen unter dem Namen seines Bischofs. So gewannen diese frechen Lügen geschichtlichen Anstrich, und haben viel Verwirrung angerichtet[25]. Die Gegner behaupteten zwar, es seien „malorum defunctorum ossa“, aber die Bavonianer veranstalteten 982 eine neue feierliche Erhebung, und es gelang ihnen, die Autorität des Erzbischofs von Reims dafür zu gewinnen[26]. Der Abt Odwin oder Otwin (982-998), der hier seine Energie bewiesen hatte, erlangte auch aus Rom durch Vermittelung der frommen Engländerin Teta Reliquien des h. Pancratius, welche 985 nach Gent kamen[27]. Bald darauf stellte er nachdrücklich den Abt Adalwin von Blandigny zur Rede, weil er fortfahre, gegen die getroffene Uebereinkunft sein Kloster als „in castro Gandavo“ gelegen zu bezeichnen[28]. Ein neuer Triumph war dann 1007 die Uebertragung der hh. Livin und Brictius aus Holthem nach Gent, worauf 1010 unter Erlembold der h. Bavo noch einmal feierlich erhoben wurde; der Verfasser der Beschreibung[29] scheint derselbe zu sein, welcher auch im J. 1014 über den h. Macharius berichtet hat[30], einen griechischen Mönch, der 1011 in St. Bavon Aufnahme fand und nach vielen Kasteiungen schon 1012 starb. Man wußte weiter nichts von ihm, verehrte ihn aber als heilig und wußte von Wundern zu berichten, die man ihm zuschrieb. Doch half das alles nur wenig, und als der Abt Othelbold um 1020 der Gräfin Othgive, Gemahlin Balduins des Bärtigen von Flandern, auf ihren Wunsch über die Reliquien des Klosters schrieb[31], hatte er zugleich bitter zu klagen über den einstigen Reichthum und die bedrängte Lage, seitdem Graf Arnulf zahlreiche Besitzungen des Klosters an seine Dienstmannen vergabt hatte. Es bedurfte stärkerer Heilmittel, und zunächst fand sich Stepelin, ein aus St. Trond entlaufener Mönch, bereit, im J. 1049 nicht nur einen angeblich alten Grabstein für den Abt Florbert anzufertigen, sondern auch, nach Holder-Eggers Vermuthung, jene Verse zu machen, in welchen der h. Livin selbst an Florbert ein Epitaph des h. Bavo schickt[32]. Weiter folgte 1058 eine neue Erhebung des h. Bavo, 1067 auch des h. Macharius, und mit kühnerem Fluge wurde nun, während man früher aufrichtig bekannt hatte, über sein Vorleben nichts zu wissen, die vollste Schale abgeschmackter Verherrlichung über ihn ergossen[33]; zur Schilderung seiner Tugenden diente, was im Leben des Erzbischofs Bruno von Köln für diesen Zweck brauchbar erschien. Nach der Vermuthung von Holder-Egger war es derselbe Verfasser, welcher schon um 1050 mit nicht minder frecher Lüge das Leben des bis dahin ganz unbekannten Livin beschrieb (oben [S. 132]); besonders wichtig aber ist der Nachweis, daß fast zweifellos dieser Livin in Wirklichkeit kein anderer ist, als der wohlbekannte, in Deventer bestattete Liafwin oder Lebuin; sein Genosse Brictius scheint nur der Nachbarschaft im Kalender seinen Namen zu verdanken, obgleich hier der Bischof von Tours, Nachfolger des h. Martin, gemeint ist. Nach solcher Verherrlichung aber war es nun Zeit, auch diese Heiligen feierlich zu erheben, was 1083 geschah; aber erst um 1200 wurde über diese Vorgänge eine Schrift verfaßt[34].
Diese ganze Litteratur würde nicht verdienen, so viel Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen, wenn sie nicht theils für die Zeit charakteristisch wäre, theils durch die Chronisten des 14. Jahrhunderts, Johann von Thielrode und die Genter Annalen, viele hieraus geschöpfte Fabeln in die Geschichte eingedrungen wären, welche noch nicht vollständig beseitigt sind.
Eine besonders hervorragende Stellung als Reformator vieler Klöster nahm der oben erwähnte Abt Gerhard ein, der Stifter des Klosters Brogne im Lütticher Sprengel zwischen Maas und Sambre. Er gehörte zur Sippschaft des Hagano (Austrasiorum ducis), jenes bekannten Günstlings Karls des Einfältigen; seine Mutter Plictrudis war eine Schwester des Bischofs Stephan von Lüttich. Im Lommatschgau, wo er heimisch war, setzte er auf seinem Erbgut Brogne zuerst Canoniker ein; als aber Graf Berengar von Namur, dessen vielvermögender Rath er war, ihn zum Grafen Robert nach Paris sandte, machte ein Besuch im Kloster St. Denis solchen Eindruck auf ihn, daß er seine Entlassung erbat und zur großen Verwunderung der Mönche von St. Denis bei ihnen Unterricht nahm und Mönch wurde (919 oder 920 nach Sackur). Es war ihnen ganz erstaunlich, daß ein bärtiger Mann noch die Buchstaben lernen wollte, wie ein fünfjähriger Knabe[35] — eine Stelle, die uns einmal recht deutlich zeigt, wie unberührt von aller litterarischen Bildung die Laien waren, und wie irrig die weitverbreitete Meinung ist, als ob die scholae exteriores für sie bestimmt gewesen wären. Im Jahre 926 zum Priester geweiht, kehrte Gerhard zurück, und übergab nun die Kirche zu Brogne 12 Mönchen aus St. Denis. Die Leitung des Klosters war seinem auf stille Beschaulichkeit gerichteten Sinn zuwider, er lebte abgesondert als Klausner, aber Herzog Giselbert und Bischof Fulbert von Cambrai ließen ihm keine Ruhe. In St. Ghislain lebten nämlich damals Cleriker von gar schlechtem Wandel, welche sich mit ihrem Heiligen singend und bettelnd herumtrieben, bis endlich dieser des Treibens müde zuließ, daß sein Leib gestohlen wurde. Da wurde das Kloster Gerhard zur Reform übergeben; er fand das Heiligthum in Maubeuge, der Herzog gab die Güter zurück, und trotz des Widerstandes der losen Brüder, stellte Gerhard dieses und andere Klöster her[36]. Auch Arnulf von Flandern, angeblich von einem Steinleiden wunderbar geheilt[37], entäußerte sich seiner Abteien Blandigny (941)[38] und St. Bertin (944), wo die regelmäßige Zucht hergestellt wurde, und übergab Gerhard alle Klöster seines Gebietes; er soll deren 18 geleitet haben, darunter auch Saint-Remi. Durch einen Krieg über die gefährdete Lage seines eigenen Klosters belehrt, kaufte Gerhard Brogne los von der Abhängigkeit von St. Denis und übergab es dem Bischof Farabert von Lüttich (947-953); endlich starb er in hohen Ehren am 3. Oct. 959. Sein Leben ist nicht lange nach seinem Tode ausführlich beschrieben, aber wir besitzen nur eine Ueberarbeitung aus dem Anfange des elften Jahrhunderts, für den Abt Gonter geschrieben, geschmacklos mit Versen gemischt. Daß Raginer von Hennegau noch in der Verbannung lebe, Lietald, Gerhards Nachfolger als Vorstand des Klosters zu Mouson († 997), die Wahrheit der Erzählung bestätigen könne, schrieb er gedankenlos nach, so wenig es auch zu seiner Zeit noch paßte[39]. Daß die alte Biographie sich darin noch erkennen lasse, wie W. Schultze annahm, leugnet L. v. Heinemann; die geltend gemachten Stellen sind entnommen aus der darin benutzten und angeführten gleichzeitigen Schrift über die Wunder des h. Eugenius in Brogne, wohin er von St. Deuis gebracht war, die an den Abt Gerhard gerichtet ist und erst kürzlich von den Bollandisten herausgegeben wurde; unter den Wundern bezieht sich eines auf den Einfall der Ungern in Lothringen[40].