Ein eifriger Verehrer des Grafen Arnulf von Flandern war der Priester Witger, welcher zwischen 951 und 959 Arnulfs Herkunft mit der Genealogie der Karolinger verband, und seine Verdienste um Kirchen, namentlich die zu Compiègne, pries[41].
Ein Schüler Notkers von Lüttich war Adalbold, der nach dem vortrefflichen Ansfrid 1010 Bischof von Utrecht wurde, wo er am 27. Nov. 1026 gestorben ist[42]. Seine große Gelehrsamkeit bezeugen theils mathematische Schriften, theils ein Commentar zu derselben Stelle des Boethius, welche einst Bovo von Corvey erläutert hatte[43]. Mit Heriger, Gerbert, Berno war er befreundet und in wissenschaftlichem Verkehr[44]; er nennt sich scholasticus, vielleicht (nach Moll) bei St. Ursmar in Lobach. Ein Mitschüler von ihm, Egebert, damals Priester und Schulmeister in Lüttich nach E. Voigt, widmete ihm ein Buch, das er liber prorae et puppis oder Foecunda ratis nennt, Sprichwörter, Geschichten und anderes in recht schlechten Hexametern enthaltend, voll gesuchter und ungeschickter Gelehrsamkeit; es fehlt darin nicht die übliche und immer wiederkehrende Klage über Verfall und Mißachtung der Gelehrsamkeit. Die Franzosen, deren strengere mönchische Askese auch Adalbold begünstigte, kann er nicht leiden, und seine Schüler machen ihm manchen Kummer[45].
Einen sonst nicht bekannten Odbert hatte Adalbold als Knaben mit nach Utrecht genommen; dieser sah in der alten Salvatorkirche das Grab des 838 erschlagenen Bischofs Friedrich; er hörte, daß durch die Dänen mit vielen anderen Büchern auch dessen Lebensbeschreibung verbrannt sei, und beeilte sich, wie er behauptet als zehnjähriger Knabe, aufzuzeichnen, was man von diesem Märtyrer wußte. Man erzählte ihm, wie er angiebt, daß Friedrich, von dem wir sonst nur wissen, daß er mit Hraban in freundschaftlichem und gelehrtem Verkehr stand[46], sich der Ehe Ludwigs des Frommen mit Judith wegen zu naher Verwandtschaft widersetzt habe, und daß ihn deshalb Judith habe ermorden lassen: wohl ohne Zweifel eine spätere Erfindung. In lügenhaftester Weise hat der Vf. die bei Thegan und Regino gefundenen Nachrichten diesem Standpunkt entsprechend ausgeschmückt und verdreht. Die noch erhaltenen Acta Friderici[47] scheinen etwas überarbeitet zu sein, aber eine wesentlich übereinstimmende Erzählung kannte schon Wilhelm von Malmesbury. Von einem Priester Odulf, der auf Friedrichs Befehl den Friesen predigte, giebt es eine lange nach seinem Tode verfaßte Lebensbeschreibung mit wenig Inhalt[48]; diese hat jener Otbert benutzt.
Zu Tiel an der Waal verwandelte Adalbold ein verfallenes Kloster an der Kirche der h. Walburga in ein Chorherrenstift, und der Custos dieses Stifts widmete ihm eine Schilderung der dort vorgekommenen Wunder, welche geschichtliche Beachtung verdienen. Adalbold preist er als Erbauer der neuen Martinskirche, und als thätig auch in castris imperialibus. Eine Abschrift, der ein neues Wunder beigefügt ist, schickt er an den oben S. 375 erwähnten Wormser Diaconen Immo[49].
Alpert erwähnt, daß Bischof Adalbold über die Thaten Heinrichs II bis zur Einnahme von Metz (1012) ein so vortreffliches Werk verfaßt habe, daß er, Alpert, deshalb von diesen Dingen nicht reden wolle[50]. Dieses Werk ist leider verloren; erhalten hat sich der Anfang eines Lebens Kaiser Heinrichs II, welches nur bis 1004 reicht, und Adalbold zugeschrieben wird[51]. Es ist gänzlich auf Thietmars Chronik begründet und nur mit rhetorischem Schmuck überladen, ein Verfahren, welches von der Utrechter Schule und Adalbolds gelehrter Bildung nicht befremden darf, während dessen eigene Erfahrung erst im weiteren Verlaufe einwirken konnte. Doch fehlen auch hier schon nicht einige Zusätze, besonders über italische Verhältnisse. Ich sehe deshalb keinen genügenden Grund, das Werk mit Moll Adalbold abzusprechen, noch auch anzunehmen, daß es niemals weiter gereicht habe, als wir es besitzen, wenn auch der sächsische Annalist, bei dem allein eine Spur desselben sich findet, nach mehr als einem Jahrhundert auch schon nicht mehr als dieses Fragment gehabt haben mag. Daß auch bedeutende Werke geringe Verbreitung fanden und frühzeitig verloren wurden, ist leider keine vereinzelte Erscheinung.
Später übernahm man in dem von Heinrich gestifteten Bisthum Bamberg die Bewahrung seines Andenkens, und machte hier aus dem tüchtigen und umsichtigen Kaiser, dem wackern Kriegsmanne, der nur selten aus den Waffen kam, einen gewöhnlichen Legendenheiligen; es bildete sich hier ein völlig entstelltes Bild aus, welches auf die richtige Erkenntniß und Darstellung der Geschichte einen sehr nachtheiligen Einfluß geübt hat[52]. Denn was die geistlichen Schriftsteller des Mittelalters gelobt hatten, tadelten die neueren Historiker; die thatsächliche Grundlage aber wurde nirgends genügend untersucht, bis in neuester Zeit W. v. Giesebrecht mit umfassender und eindringlicher Benutzung der echten gleichzeitigen Quellen eine besser begründete Schilderung jenes Kaisers in die Geschichte einführte.
Notkers Nachfolger in Lüttich, Balderich II (1008-1018), früher Vitzthum der Regensburger Kirche, wird als ein trefflicher Mann gerühmt; er stiftete das Kloster St. Jacob und fand hier auch einen Biographen, der jedoch erst um die Mitte des Jahrhunderts schrieb und den Bischof nicht mehr persönlich gekannt hatte[53].
Ein ausgezeichneter Zögling der Schule zu Lobbes wurde von Otto III im Jahre 1000 (-1025) zum Bischof von Worms berufen, Burchard, der als der gelehrteste Canonist seiner Zeit bekannt und berühmt ist, und der sein gänzlich verfallenes Bisthum zu neuer Blüthe erhob. Freilich wird von dem gelehrten Pabste Gregor V (996-999) gerühmt, daß er in Worms gebildet sei[54], doch fand Burchard nach seines Biographen Schilderung die Stadt noch in Ruinen nach der Verwüstung durch die Ungern, und die Fehden des Adels hinderten jeden Fortschritt zu besseren Zuständen. Durch die Schilderung dieser Verhältnisse und der Art, wie es Burchard gelang den Uebelständen abzuhelfen, ist dessen Biographie sehr lehrreich, so wie andererseits Burchards einflußreiche und angesehene Stellung bei Otto III und Heinrich II ihr auch für die Reichsgeschichte Bedeutung verleiht[55]. Sie ist von einem Zeitgenossen verfaßt und gehört zu den besseren Werken dieser Art; doch hat Manitius nachgewiesen, daß in übermäßiger Weise darin Alpert ausgebeutet, und sogar dessen Lobpreisung Ansfrids auf Burchard angewandt ist, so daß nicht viel Eigenes übrig bleibt[56]. Noch am Anfang des folgenden Jahrhunderts feierte der Cleriker Hermann in seinem Cartular der Wormser Kirche Burchard durch eine kurze, aber inhaltreiche Charakteristik voll warmer Dankbarkeit[57].
[1] S. über diese unten bei Hucbald, dem sie zugeschrieben wird.