In Regensburg starb am 23. Sept. 972 der Bischof Michael, der in seinem Epitaphium[2] sehr gepriesen wird. Als sein Nachfolger wirkte bis 994 der treffliche Bischof Wolfgang, ein Schwabe von Geburt, der zuerst in Reichenau die Schule besucht hatte, wo er mit Heinrich, des Bischofs Poppo von Würzburg Bruder, Freundschaft schloß und ihn nach Würzburg begleitete, um die Vorträge des italienischen Grammatikers Stephan zu hören. Als 956 Heinrich Erzbischof von Trier wurde, mußte Wolfgang ihm auch dahin folgen, und theils als Lehrer, theils als Decan für die Herstellung der Zucht thätig sein. Allein nach Heinrichs frühem Tode 964 ließ er sich durch nichts, auch nicht durch die Bemühungen des Cölner Erzbischofs Brun, ihn zu gewinnen, abhalten seinem Herzenswunsch zu folgen und im Kloster Einsiedeln Mönch zu werden. Dann trieb es ihn, den Ungern das Evangelium zu predigen; hier aber trat ihm Bischof Piligrim von Passau entgegen und bewirkte seine Erhebung zum Bischof von Regensburg, wo er nun zu thätigem Wirken in der Welt gezwungen war und sich auch auf diesem Felde ausgezeichnet bewährte. Er hat einen Biographen gefunden, aber nicht in Baiern, sondern in Franken, und auch diese Schrift ist uns leider verloren; nur in der späteren Bearbeitung von Otloh sind Fragmente davon erhalten[3]. Wolfgang war der Erzieher Kaiser Heinrichs II, und auch Poppo, Markgraf Liutpolds Sohn, der 1016 Erzbischof von Trier wurde, war in Regensburg erzogen[4]. Auch Tagino, 1004 bis 1012 Erzbischof von Magdeburg, war vorher Vitzthum der Regensburger Kirche, ein Zögling Wolfgangs und von ihm zu seinem Nachfolger bestimmt, aber damals vom Kaiser nicht bestätigt[5]. Balderich, nach ihm Vitzthum, wurde 1008 Bischof von Lüttich.
Vorzüglich machte Wolfgang sich verdient durch die Herstellung des altberühmten Stiftes zu St. Emmeram, welches ganz unter der Herrschaft der Bischöfe gewesen war; jetzt zuerst erhielt es durch ihn einen eigenen Abt an Ramwold, den er aus St. Maximin berief, und der mit Ernst und Eifer die klösterliche Zucht herstellte[6]. Er brachte Reliquien mit[7], besorgte für seine Mönche eine Abschrift oder Bearbeitung der Homiliensammlung des Paulus Diaconus[8], und legte ein Güterverzeichniss an, wovon sich nur die Vorrede mit frommen Ermahnungen erhalten hat[9]. Doch hatte auch schon 961 Otto I in einer Urkunde die Frömmigkeit und die Studien der Mönche rühmen können[10]. Ramwold erlangte, nachdem er eine neue Kirche erbaut hatte, vom Abt Winidhar von Ellwangen (978-987) Reliquien der h. Gemini[11]. Er war es auch, der durch Aribo und Adalpert den herrlichen 870 für Karl den Kahlen geschriebenen Evangeliencodex herstellen ließ[12], der durch Kaiser Arnulf aus Saint-Denis dorthin gekommen war, und zu der romanhaften Translatio S. Dionysii den Anlaß gegeben hat. In diesem Kloster hat sich in einer Handschrift ein merkwürdiges Bruchstück über den Herzog Arnulf erhalten, merkwürdig sowohl als vereinzelte Spur verlorener geschichtlicher Aufzeichnungen, als auch durch den heftigen Widerwillen gegen den Sachsenkönig, welcher sich darin ausspricht, und die Verherrlichung des tapferen Herzogs, auf den in späterer Zeit die Geistlichkeit so übel zu sprechen war. Das Fragment ist in Regensburg geschrieben und zwar noch zu Lebzeiten des Herzogs (921-937) oder doch sehr bald nach seinem Tode[13].
In St. Emmeram war Gozpert Mönch geworden, nachdem er in der Augsburger Kirche von früher Jugend an seine Ausbildung erhalten hatte; 982 wurde er (nach Hartwich, oben S. 364) Abt von Tegernsee und veranlaßte hier zu eifriger Beschäftigung mit dem klassischen Alterthume. Statius, Persius, Horaz, Cicero's Briefe, Boethius wurden gelesen und abgeschrieben; natürlich auch Priscian, aus dem man hier wie überall die lateinische Grammatik lernte. Boethius Schrift vom Troste der Philosophie schrieb Froumund in Cöln ab und sandte sie nach Tegernsee[14]; Glossen zum Priscian in Feuchtwangen und im Pantaleonkloster[15]. Dieser Froumund war Scholaster in Tegernsee und sammelte in einer noch erhaltenen Handschrift eigene und fremde Briefe und Gedichte; daraus allein ist uns dieses eifrige Studium in Tegernsee und die lebhafte Verbindung mit den gleich strebsamen Mönchen und Clerikern in St. Emmeram, Feuchtwangen, Augsburg, Würzburg bekannt geworden[16]. Der gezierte und mit Gelehrsamkeit prunkende Stil der Zeit, auf den die italienischen Grammatiker eingewirkt haben mögen, findet sich auch hier in vollem Maaße. Als feingebildeter Bibliothekar in St. Emmeram erscheint hier Reginbald[17].
Schon früher, noch in der ersten Hälfte des Jahrhunderts lehrte, vielleicht in Wessobrunn[18], ein sehr gelehrter Mönch, Meister Benedict, die Grammatik; ihm übergab S. Ulrich seinen Neffen Adalbero zur Erziehung.
In Salzburg lehrte ein hochgefeierter Mönch aus St. Gallen, Chunibert, den Herzog Berthold (938-947 oder 948) sich vom Abt Kralo (942-948) erbeten hatte; doch meldet davon nur der Sanctgaller Ekkehard, welcher irrig den Herzog Heinrich nennt. Als Abt von Nieder-Altaich, und zwar zu Herzog Bertholds Zeit, kennt ihn aber auch Hermann von Altaich[19]. Etwas später, unter Erzbischof Friedrich (954-990), versammelte in Salzburg ein gewisser Liudfrit zahlreiche Schüler[20], und Erzbischof Günther (ord. 1024 Jan. 26, † 1025 Nov. 1) hatte seine gelehrte Ausbildung unter Bischof Notker von Lüttich erhalten[21]. Im Jahre 987 war auch hier das altehrwürdige Stift zu St. Peter durch Erzbischof Friedrich vom Dom getrennt und als selbständiges Kloster erhielt es einen Abt Tito, der bis dahin Domprobst gewesen war. Sein Name findet sich im Necrologium von St. Emmeram als der dortigen Congregation angehörig; vielleicht machte er da sein Noviziat[22]. Die Verse des Abtes Gerhard von Seon wurden schon oben S. 319 erwähnt. In Benedictbeuren erhielt im Anfange des elften Jahrhunderts der Probst Adalbero wegen seiner eifrigen Studien den Beinamen des Bücherfasses[23]. In Freising ließ Bischof Abraham[24], von 957-994, vielleicht 993, fleißig Bücher abschreiben, auch in weiter Ferne. Sein Caplan, später Erzcaplan Gotschalk besorgte ihm Abschriften in Metz und in Toul; dann folgte er ihm bis 1006 selbst als Bischof, und nun war es der Schulmeister Antrich, welcher mit seinen Schülern für ihn thätig war[25]. Aus Tegernsee wandte man sich an ihn, um ein Exemplar der Historia tripertita zur Abschrift zu erhalten[26]. Geschichtliche Aufzeichnungen fehlen aber leider gänzlich; nur ein Martyrologium mit nekrologischen Notizen hat sich aus Abrahams Zeit erhalten[27].
Jener Chunibert aus St. Gallen ist, wie erwähnt, auch in Nieder-Altaich Abt gewesen, aber bald wieder fortgegangen; später hausten hier nach dem Verfall der klösterlichen Zucht Canoniker. Unter ihnen war ein alter Priester, Namens Udalgis, der sich als Lehrer großen Ruhm erwarb. Vornehme Jünglinge wurden ihm gern anvertraut, um sich hier in freierer Weise ohne die strengere Ordensregel in den Wissenschaften auszubilden, und mehrere Bischöfe sind aus seiner Schule hervorgegangen[28]. Der berühmteste unter seinen Schülern aber ist Godehard (geb. 961), der in Salzburg seine Studien fortsetzte, die gesunkene Klosterzucht in mehreren Klöstern wieder herstellte und auch Altaich zu neuer Blüthe erhob, nachdem dort im Jahre 990 wieder ein Schwabe, Erchembert, nach Benedicts Regel zum Abt erwählt war.
Aus der Altaicher Schule kam auch Piligrim, ein Neffe des Erzbischofs Friedrich, aus vornehmer Familie, welcher 971 in Passau auf Adalbert folgte, wo er am 22. Mai 991 gestorben ist. Für Passau eröffneten sich nach der Ueberwältigung der heidnischen Ungern große Aussichten; schon Adalbert hatte sich einen Bischof von Lorch genannt, wovon man in der Vita Severini las, Laurentius trat als Schutzpatron dem h. Stephan zur Seite, und dem viel jüngeren Salzburg gegenüber glaubte Pilgrim, der sich ebenfalls Bischof von Lorch nannte, die Errichtung, oder wie er es darstellte, die Herstellung eines Erzbisthums Lorch erreichen zu können. Auch Fälschungen scheute er zu diesem Zwecke nicht, doch blieben seine Bestrebungen erfolglos[29]. Pilgrims Name aber blieb gefeiert in Passau und ist sogar in die Nibelungensage gekommen, über welche er zuerst ein lateinisches Epos durch seinen Sänger Conrad dichten ließ.
In Eichstedt ließ Bischof Starchand (933-966), ein Freund Ulrichs von Augsburg, viele Bücher abschreiben und verfaßte selbst Gebete; sein Nachfolger Reginold (bis 989) wird wegen seiner Beredsamkeit Chrysostomus genannt; er verstand griechisch und hebräisch, besonders aber war er ein großer Musiker und soll zur Uebertragung des h. Willibald ein gar schönes Gedicht verfertigt haben, auch Wunnibald und Blasius hat er besungen[30].
Bei einer so lebhaften litterarischen Thätigkeit kann es auch an geschichtlichen Aufzeichnungen nicht ganz gefehlt haben; viel ist jedoch nicht vorhanden gewesen, da wir sonst doch bei den späteren Schriftstellern Spuren davon antreffen müßten, und größere Geschichtswerke scheinen hier nicht entstanden zu sein. Jene grammatisch-philosophische Bildung, welche vielfach hochgeschätzt und eifrig erstrebt wurde, befördert durch Italiener wie Gunzo und Stephan, führte zur Geschichtschreibung nur, insofern sie zu dem erforderlichen Bildungsgrade verhalf; eine unmittelbare Beziehung zur Geschichte hatte sie nicht und leitete eher ab von der Beschäftigung mit der eigenen einheimischen Vorzeit, wie wir denn auch gesehen haben, daß die Hauptpunkte dieser gelehrten Studien, wie Reichenau, St. Gallen, Lüttich, keineswegs auch die productivsten für Geschichtswerke waren.