§ 10. Frankreich. Reims. [[←]]
An gelehrter Thätigkeit hat es in dieser Periode in Frankreich nicht gefehlt; trotz aller Verheerungen und Unglücksfälle erhielt sich ein bedeutender Grad von Bildung, der sich durch eine große Anzahl von Lehrern, Scholastern fortpflanzte. Diese waren in Frankreich wie in Deutschland wohl alle von geistlichem Stande; es scheint jedoch, daß sie dort nicht so allgemein wie hier bestimmten Stiftern angehörten, sondern mehr nach italienischer Weise in unabhängiger Stellung Schüler um sich sammelten. Ihre ganze Richtung ging vorherrschend auf Grammatik, Dialektik und Rhetorik, und trug daher ebenso wenig Frucht für die Geschichte, wie die verwandten Bestrebungen in deutschen Klöstern.
In Reims waren die beiden Schulen der Domherren und der Landgeistlichkeit nach Flodoards Angabe (IV, 9) gänzlich verfallen, als Hinkmars Nachfolger Fulko (882-900) zu ihrer Herstellung zwei Schüler Heirichs von Auxerre[1] berief, Meister Remigius von Auxerre, der die jungen Cleriker in den freien Künsten unterwies, während der Erzbischof selbst mit ihnen Theologie trieb, und Hucbald den Kahlkopf von St. Amand. Dieser war ein Mönch in jenem merkwürdigen Kloster, welches auf der Grenzscheide beider Sprachen im Hennegau gelegen, uns zugleich das deutsche Ludwigslied und das älteste Denkmal französischer Dichtung aufbewahrt hat[2]. Ein Neffe und Schüler des Milo, der zu Karls des Kahlen Zeit als Schriftsteller gefeiert war[3], übersandte er diesem um 876 seines Oheims Werk de sobrietate mit einer poetischen Widmung[4] und ließ bald ein eigenes ebenso künstliches wie geschmackloses Gedicht in laudem calvorum folgen, in welchem jedes Wort mit C anfängt[5]. Nachdem Fulko, Abt von St. Bertin, zum Erzbischof von Reims erhoben war, erbat dessen Nachfolger Rodulf ihn vom Abt Gauscelin von St. Amand, um seine mangelhaften Schulkenntnisse zu ergänzen[6]; bald nachher aber muß er jenem Rufe nach Reims gefolgt sein, wo er eine Zeit lang als Lehrer wirkte, bis sein Gönner Fulko starb. Heimgekehrt, hat er außer anderen erbaulichen Schriften 907 ein Leben der h. Rictrudis, der ersten Aebtissin von Marchiennes, verfaßt, welches er dem Bischof Stephan von Lüttich übersandte[7] und, wenn die Vermuthung des Herausgebers richtig ist, auf Veranlassung desselben Bischofs, die metrische Vita S. Lamberti, worin zuerst die von den früheren Biographen verschwiegene Ursache seiner Ermordung berührt wird[8]. Außerdem verfaßte er ein Leben des angelsächsischen Glaubensboten Liafwin, welches besonders durch die Erwähnung der altsächsischen Landesversammlung sehr merkwürdig ist[9]. Dieses in Anlehnung an Altfrids Leben Liudgers mit großer Belesenheit und sorgsamem Fleiße ausgearbeitete Werk widmete er dem Bischof Balderich von Utrecht, und theilte es außerdem dem Archidiaconus Peter von Cambrai und Odilo, dem Mönch von St. Medardus, zur Prüfung mit. Neunzigjährig soll er 930 gestorben sein. Um sein Kloster machte er sich auch dadurch verdient, daß er die Gebeine des von seinem Vater Karl dem Kahlen geblendeten und um 876 verstorbenen Karlmann von Echternach nach Saint-Amand brachte, was in einem Epitaph auf seine und Milo's gemeinsame Grabstätte berichtet wird[10].
Reims war in diesem Jahrhundert auch der Mittelpunkt der französischen Politik und namentlich für die lothringischen Händel von der größten Bedeutung. Hier konnte man unmöglich ohne geschichtliche Aufzeichnungen auskommen; hier bedurfte man anderer Werke als rhetorisch ausgeschmückter Legenden, und Hinkmar selbst hatte das beste Beispiel gegeben. Er fand einen Nachfolger an Flodoard (894-966), der als Archivar der Kirche sowohl, wie durch seine sehr angesehene Stellung ganz besonders zu dieser Aufgabe befähigt war. Begonnen hatte auch er in derselben Weise wie so viele seiner Zeitgenossen. Unter Pabst Leo VII (936-939) besuchte er Rom, wo er vom Pabste sehr gut aufgenommen wurde, und als Denkmal seiner Frömmigkeit, seiner umfassenden Gelehrsamkeit und seiner Dankbarkeit verfaßte er in leidlichen Hexametern ein gewaltiges Werk, dessen erste zwei Theile die Thaten Christi und der ersten Heiligen in Palästina und Antiochien feiern, während der dritte in 14 Büchern die Geschichte der römischen Päbste in Verse bringt, verbunden mit zahlreichen Legenden der Heiligen. Noch bei Lebzeiten seines Gönners Leo VII hat er die Arbeit vollendet, welche er dem Erzbischof Rotbert von Trier widmete[11]; der letzte Theil derselben ist nicht ohne geschichtlichen Werth[12]. Derselbe Erzbischof von Trier war es auch, der zur Zeit des Concils von Ingelheim Flodoard dringend aufforderte und mahnte, die Geschichte der Reimser Kirche[13] zu schreiben, mit welcher Flodoard noch 952 beschäftigt gewesen ist. Schon in jenem Gedicht hat Flodoard auch urkundliche Nachrichten der Reimser Kirche benutzt, deren Beziehungen zum päbstlichen Stuhl sorgfältig hervorgehoben werden. Das sind die Anfänge der Studien, aus welchen diese bis 948 geführte Geschichte der Reimser Kirche hervorging, ein Werk, in welchem die Rücksicht auf die Form ganz zurücktritt gegen die Vollständigkeit und Zuverlässigkeit des Inhalts, denn diese Geschichte ist eine urkundliche in so hohem Grade, daß sie für die Zeit der Erzbischöfe Hinkmar und Fulko großentheils geradezu aus Regesten der wichtigsten Urkunden, besonders päbstlicher Schreiben besteht. Auch für die frühere Zeit lag ihm noch einiges urkundliche Material vor, vorzüglich war er hier jedoch auf Hinkmars Vita Remigii und einige andere Legenden angewiesen; Wundergeschichten erzählt er gerne und mit großer Gläubigkeit. Die Verarbeitung des Stoffes muß man als mangelhaft bezeichnen; sie läßt sich oft ganz vermissen, aber der materielle Werth seines Werkes ist dadurch um so größer für uns. Derjenige Theil desselben, welcher die Geschichte seiner Zeit behandelt, findet sich großentheils wiederholt in seinem zweiten Hauptwerke, den Annalen, welche von 919-966 reichen[14]. Doch hatte er diese, wie G. Monod (Revue Crit, 1873, II, 263) nachgewiesen hat, schon früher mit den Ereignissen gleichzeitig begonnen und darin Rücksichten zu nehmen gehabt, welche für die Historia Remensis nicht mehr nothwendig waren; er unterbrach sie, um die Historia zu schreiben, und nur der Bericht über 948 scheint dann umgekehrt wieder aus der Historia in die Annalen herübergenommen zu sein. Ob der Anfang der Annalen verloren ist, ob ein anderes Werk vorhanden war, welches die Geschichte bis zum Jahre 919 führte, ist unbekannt; unmöglich wäre es ja nicht, daß der Anfang frühzeitig zu Grunde gegangen wäre, und ohne die Annahme einer bis dahin reichenden Aufzeichnung ist gerade dieser Anfangspunkt unbegreiflich. Sicher aber ist, daß auch Richer nicht mehr Hülfsmittel für die Zeit von 882 an, wo Hinkmars Jahrbücher aufhören, vor sich hatte; nicht einmal die Annalen von St. Vaast waren ihm bekannt. Für jenen Zeitraum nun berichtet Flodoard mit der größten Treue Jahr für Jahr die Ereignisse, wie er sie erfuhr, grosse und kleine, ohne auf ihren inneren Zusammenhang einzugehen, in derselben objectiven Weise, die wir schon bei anderen ähnlichen Werken bezeichneten, in einfacher ungesuchter Sprache. Was ihn aber auszeichnet, ist die Fülle seiner Nachrichten, nicht über Frankreich allein, sondern auch über Lothringen und das ostfränkische Reich, mit dem er manche Berührung hatte, und ferner seine fleckenlose Wahrheitsliebe und Zuverlässigkeit. Er war in höherem Alter in das Kloster Saint-Basle eingetreten, wo 952 wieder Mönche anstatt der Canoniker eingeführt wurden und legte 963 die Prälatur, wie er sagt, siebenzigjährig nieder. Drei Jahre später ist er gestorben, und fast bis an den Tag seines Todes hat er das Werk fortgesetzt, dann ist noch ein Zusatz über die Jahre von 976-978 nachgetragen worden: darauf aber verging lange Zeit, bevor sich ein Nachfolger fand. In den politischen Wirren, von welchen auch die Metropole, lange Zeit ein Zankapfel der Parteien, viel zu leiden hatte, gingen Zucht und Lehre fast zu Grunde, bis der Beginn einer besseren Zeit in dem nahen Lothringen auch hierher seine Einwirkung erstreckte. Zwei Metzer Domherren, welche nacheinander auf den erzbischöflichen Stuhl erhoben wurden, Odelrich, 961-969, und besonders Adalbero von 969-988, ein Zögling der Klosterschule zu Gorze[15], stellten die Ordnung wieder her, und bald zog der neu erwachte Glanz der Reimser Schule Schaaren lernbegieriger Jünglinge zu der alten Kathedrale.
Bald nach Flodoards Tod, um das Jahr 967, hatte ein junger Mönch, Gerbert, das Kloster Aurillac in der Auvergne verlassen, um in der spanischen Mark Lehrer aufzusuchen, welche namentlich seiner Liebe zu mathematischen Studien genügten. Im Jahre 970 folgte er dem Grafen von Barcelona und dem Bischof Hatto von Vich, seinem Lehrer, nach Rom und wurde hier bereits als ein ausgezeichnet begabter Jüngling vom Pabste dem Kaiser Otto zugesandt. Noch fehlte es ihm aber an philosophischer Ausbildung, und deshalb begleitete er den Reimser Archidiaconus Garamnus[16], einen berühmten Lehrer der Logik, nach Reims, wo er einige Zeit seine Studien fortsetzte, bald aber selbst als Lehrer einen außerordentlichen Ruf gewann[17]. Ganz Gallien, sagt Richer, erglänzte von ihm durchleuchtet, wie von einem strahlenden Lichte. Nachdem er sich später einige Zeit bei Otto II aufgehalten und von ihm die Abtei Bobio erhalten hatte, die er nicht behaupten konnte, kehrte er zurück[18], und nahm während der Minderjährigkeit Otto's III in Reims eine sehr bedeutende politische Stellung ein. Diese Periode ist es besonders, über welche uns seine Briefsammlung die wichtigsten Aufschlüsse giebt, obgleich viele der darin enthaltenen Anspielungen uns jetzt unverständlich sind, und durch die absichtliche Dunkelheit der Schreibart die Benutzung sehr erschwert wird[19]. Als später (991) der Erzbischof Arnulf von Reims entsetzt und Gerbert sein Nachfolger wurde, zeichnete dieser selbst die Verhandlungen der Synoden zu St. Basle, Mouson und Coucy auf, welche durch diese Verhältnisse veranlaßt wurden[20], und die außerordentliche Klarheit, Schärfe und Gediegenheit der Darstellung, sowie die Meisterschaft im Ausdruck lassen uns sehr bedauern, daß er uns außerdem keine Werke geschichtlichen Inhaltes hinterlassen hat. Besonders merkwürdig sind die Acten der Synode von St. Basle durch die heftige und rücksichtslose Opposition gegen den römischen Stuhl, welche sich darin ausspricht, und die eine nicht minder heftige und charakteristische Entgegnung von Seiten des römischen Abtes Leo hervorrief[21].
Hat aber Gerbert nicht selbst Geschichte geschrieben, so veranlaßte er doch, daß nach langer Unterbrechung in Reims diese Thätigkeit wieder aufgenommen wurde. Er beauftragte damit einen seiner Schüler, den Richer, einen Mönch von Saint-Remi[22], der sich mit nicht gewöhnlichem Eifer dem Studium der alten Lateiner und der Philosophie, der Medicin und der Mathematik hingab. Von seinen Vorgängern wich Richer ab, indem er die schlichte annalistische Form verließ; ihm schwebte das höhere Ziel einer künstlerisch durchgebildeten und das innere Wesen der Dinge erfassenden Geschichtschreibung vor. Nachdem er die Widmung an Gerbert und den Anfang seines Werkes (bis II, 78) geschrieben, scheint eine Unterbrechung eingetreten zu sein, worauf er, bevor noch 997 König Robert sich von Gerbert abwandte, diesen Anfang noch einmal überarbeitete und bis zum Jahre 995 fortführte; einige kurze Notizen über die folgenden Jahre auf dem letzten Blatte seiner Handschrift, in welchen die veränderte Stimmung gegen den König sich deutlich zeigt, deuten die Absicht einer weiteren Fortsetzung an, zu welcher er aber, vielleicht durch Gerberts Absetzung (998) verhindert, nicht mehr gekommen ist. Nach Monod's Vermuthung hat er ihn zum Kaiserhof begleitet[23].
Zum Ausgangspunkte seines Werkes nahm Richer nach einer kurzen Einleitung das Ende von Hinkmars Werk (882); er versuchte es, die Lücke zwischen diesem Zeitpunkte und Flodoards Annalen (919) auszufüllen, was aber nur sehr unvollkommen gelingen konnte, weil es ihm offenbar an schriftlichen Denkmälern über diese Periode, außer Flodoards Geschichte von Reims, fast gänzlich fehlte. Er hatte, vermuthlich in Chartres, wohin ihn das Studium der Medicin führte, sagenhafte Nachrichten über die Herkunft des Grafenhauses von Blois erfahren[24], und sonst noch einige Notizen, welche er mit äußerster chronologischer Verwirrung ganz willkürlich in Verbindung brachte; wie sehr ihm jede Entstellung zuzuschreiben ist, zeigt der folgende Abschnitt, wo Flodoards Annalen seine Quelle sind, nebst einigen ungeschickt eingeschobenen Stellen der Geschichte von Reims[25]. Wo diese enden, (966), erreicht er die Zeit, welche er schon selbst mit durchlebt hatte, und je mehr er sich der Gegenwart näherte, desto mehr hatte er Ereignisse zu berühren, deren Mittelpunkt großentheils der erzbischöfliche Stuhl von Reims gebildet hatte. Hier konnte es ihm, der im Auftrage Gerberts seine Geschichte schrieb, an zuverlässiger Kunde nicht fehlen; für die frühere Zeit kam es ihm auch zu statten, daß sein Vater Rudolf ein Dienstmann König Ludwigs IV gewesen war, dessen Gunst er sich durch seine Tapferkeit und Klugheit erworben hatte.
Aeußerlich war also Richer für diese Zeit vortrefflich ausgerüstet, um ein Geschichtswerk von nicht gewöhnlichem Werthe zu schreiben, aber leider fehlte es ihm gänzlich an der inneren Befähigung. Es fehlte ihm vor allen Dingen ganz an geschichtlichem Sinn. Nicht die Thatsachen, nicht die Wahrheit sind ihm das wesentliche, sondern mehr noch die Form der Darstellung. Das Studium der Alten, vorzüglich des sehr stark von ihm benutzten Sallust[26], führte ihn, wie wir das im Mittelalter nur zu häufig wahrnehmen, bloß zu dem Bestreben, in der äußeren Form ihnen nachzueifern, namentlich erdichtete Reden den handelnden Personen in den Mund zu legen und alterthümliche Benennungen anzuwenden, wo sie nicht an ihrem Orte sind, nämlich für die eigenthümlichen Zustände und Verhältnisse der Gegenwart. Bei Richer aber geht das Streben nach rhetorischem Schmucke so weit, daß die Darstellung der Thatsachen dadurch wesentlich beeinträchtigt wird. Schilderungen von Schlachten und Belagerungen, sowie besonders auch von Krankheiten, bei denen er seine medicinische Gelehrsamkeit zur Schau trägt, wiederholen sich in übertriebener Weitschweifigkeit, und bei genauerer Untersuchung findet man bald, daß der Verfasser sich hier nicht selten ganz seiner Phantasie überläßt. Dieses führt uns auf den zweiten großen Fehler Richers, nämlich seinen Mangel an Wahrhaftigkeit und Genauigkeit. Eine unbefangene Darstellung darf man bei seinem Standpunkte überhaupt nicht erwarten, aber auch da, wo keine Parteirücksichten ihn verleiteten, begeht er die größten Fehler, welche besonders deutlich hervortreten, wo wir seine Quelle, die Annalen Flodoards, zur Vergleichung bei der Hand haben. Flüchtig und ungenau erscheint er da im höchsten Grade. Tritt nun aber gar noch ein bestimmter Beweggrund hinzu, von der Wahrheit abzuweichen, so sehen wir ihn jedem Antrieb der Art folgen; er übertreibt und vergrößert, was er bei Flodoard vorfindet, aber er geht auch so weit, sein eigenes Werk zu verfälschen, um eine krankhafte nationale Eitelkeit zu befriedigen. Ein besonders günstiges Geschick hat uns seine eigene Handschrift aufbewahrt, und diese zeigt uns, wie er im ersten Buche das, was er früher geschrieben hatte, verändert hat, um anstatt Giselberts und der Lothringer den König Heinrich und die Deutschen dem westfränkischen Könige unterworfen erscheinen zu lassen. Doch bleibt es zweifelhaft, ob hier wirklich eine absichtliche Entstellung anzunehmen ist, oder ob er sich selbst durch seine ganz falsche Auffassung der älteren Geschichte irre leiten ließ; gewonnen wird aber für ihn auch dadurch nicht viel, wenn man annimmt, er habe einer oberflächlichen Theorie zu Liebe die überkommenen Thatsachen willkürlich verändert[27].
Als Historiker können wir demnach Richer unmöglich hoch stellen; so sehr er im einzelnen nach rhetorischem Schmucke strebt, so wenig ist er doch auf ein richtiges Verhältniß der Theile bedacht gewesen, und es wird durch ganz zufällige Umstände bestimmt, wo er auf alle Einzelheiten mit größter Ausführlichkeit eingeht, oder wiederum wichtige Ereignisse nur leicht berührt oder ganz übergeht. Dazu ist seine Sprache gesucht und oft durch unpassende Ausdrücke kaum verständlich, so daß wir sein Werk auch nicht in Rücksicht auf die Form loben können, wenn wir von der Wahrhaftigkeit der Darstellung absehen wollten. Demungeachtet aber hat doch Richers Buch für uns einen hohen Werth; er ist unser einziger Berichterstatter über jene hochwichtige Zeit, in welcher die Herrschaft von den Karolingern auf die Capetinger überging, und seine ausführliche Darstellung gerade dieser letzten Jahre enthält eine große Fülle wichtiger Nachrichten, die wir ihm allein verdanken, die freilich nur mit großer Behutsamkeit zu gebrauchen sind, aber doch als eine sehr wesentliche Bereicherung unserer geschichtlichen Kenntniß betrachtet werden müssen[28]. Denn bis auf unsere Tage ist Richers Werk fast ganz verborgen geblieben; nur in großen Zwischenräumen haben Ekkehard, Hugo von Flavigny, Trithemius davon Gebrauch gemacht und dadurch eine sehr unbestimmte Kunde von diesem Schriftsteller erhalten; sein Werk aber galt für verloren, bis Pertz es 1833 in Bamberg von neuem entdeckte und 1839 zum ersten Male bekannt machte[29].
Schon früher als Saint-Remi war das Kloster Fleury oder Saint-Benôit-sur-Loire durch Odo von Cluny der strengeren Zucht unterworfen worden; von hier hatte St. Remi seinen ersten Abt Hinkmar erhalten. In Fleury wurde 988 Abbo Abt, der, in der Klosterschule ausgebildet, schon als Lehrer gewirkt hatte, als er sich noch nach Paris und Reims zu weiteren Studien begab. In der Astronomie machte er Fortschritte, fand aber übrigens seine Erwartungen nicht befriedigt. In Orléans vervollkommnete er sich in der Musik, und übernahm dann eine Mission nach England, wo Erzbischof Dunstan die klösterliche Zucht herstellte. Heimgekehrt, gewann er als Abt eine große Wirksamkeit, und übernahm auch für den König eine Gesandtschaft an den Pabst, deren er 996 in einem Briefe an den Abt Hatto III von Fulda[30] gedenkt; mit diesem, der um dieselbe Zeit einen ähnlichen Auftrag auszuführen hatte, war er in Reims bekannt geworden, und hatte einen Austausch von Reliquien mit ihm beredet. Vor dem Tode des Königs Hugo (996) verfaßte er für diesen und seinen Sohn eine Sammlung von kanonischen und anderen Aussprüchen, mit besonderer Betonung des königlichen Amtes und des den Mönchen gebührenden Schutzes[31]. Endlich wurde er 1004 in dem Priorat La Réole an der Garonne in einem Tumult der Aquitanen erschlagen. Sein Leben beschrieb Aimoin[32], ein Mönch seines Klosters, der ihn auf seiner letzten Reise begleitet hatte, mit einem Briefe an Herveus, Schatzmeister von St. Martin, der unter Abbo in Fleury gebildet, die 1001 verbrannte Martinskirche wieder herstellte. Sie wurde 1008 eingeweiht, 1012 starb Herveus[33].