Nach Fleury war aus Montecassino, während es von den Langobarden verwüstet in Trümmern lag, der Leib des heiligen Benedict entführt worden, eine Thatsache, welche freilich später von den Cassinesen hartnäckig geleugnet wurde (vgl. oben S. 306). Die Geschichte dieser Uebertragung, welche einen großen Aufschwung des Klosters zur Folge hatte, verfaßte schon im neunten Jahrhundert Adrevald oder Adalbert[34], und fügte ein Buch über die Wunder des heiligen Benedict hinzu, welches von Adelerius fortgesetzt wurde. Diesen schloss sich nun auch Aimoin an, indem er im Jahre 1005 ein zweites und drittes Buch der Wunder schrieb. Geschichtliche Nachrichten über die Könige von Frankreich kommen gelegentlich darin vor[35] und wurden, obwohl sie weder genau noch ausführlich sind, doch bei dem Mangel an anderen Quellen, besonders da auch Richers Werk nur wenig bekannt geworden war, von Späteren häufig benutzt[36].
Von zweifelhaftem Werthe ist der Bericht über die Illatio S. Benedicti, d. h. die Uebertragung in die Marienkirche, und nach der Flucht vor den Normannen 883, die Rückbringung aus Orléans an demselben 4. December, voll von Wundergeschichten, von dem Hersfelder Mönch Diederich nach längerem Aufenthalt in Fleury verfaßt für den Abt Richard von Amorbach, der von 1018 bis 1039 auch Abt von Fulda gewesen ist[37].
Die Aufzeichnung der Wunder des h. Benedict hatte Aimoin nach dem 4. Cap. seines dritten Buches abgebrochen, um auf den Wunsch seiner Klosterbrüder eine Geschichte der Aebte von Fleury zu schreiben, wovon uns nur das Leben Abbo's erhalten ist. Seine Arbeiten nahm etwas später Andreas wieder auf, indem er 1041 das Leben des Abtes Gauzlin beschrieb, Hugo Capet's Bastard, welcher auf Abbo folgte und 1030 als Erzbischof von Bourges gestorben ist[38]. Doch behielt er auch als Erzbischof die Abtei, welche 1026 abbrannte und unter seiner Leitung neu gebaut wurde. Seine Biographie enthält viele für Kunstgeschichte und Litteraturgeschichte wichtige Nachrichten; auch von dem gefeierten Scholasticus Constantin, dem Freund Gerberts, erfahren wir hier, daß er von dem Bischof Arnulf von Orléans die Abtei Saint-Mesmin de Micy erhalten hat[39]. Die Mirakel aber führte Andreas, häufig sich selbst wiederholend, fort bis 1043; von anderer Hand sind nach 1056 Zusätze dazu gemacht[40]. Endlich hat noch Radulfus Tortarius, geb. 1063, ein fruchtbarer Dichter[41], die Mirakel bis 1114 fortgeführt und das ganze Werk in Verse gebracht; den Schluß bilden einige Aufzeichnungen von Hugo de Sancta Maria.
Doch von Aimoin haben wir noch ein Werk anzuführen.
Noch bei Lebzeiten Abbo's verfaßt und diesem gewidmet ist ein früheres Werk von ihm, eine Geschichte der Franken, welche bis zur Thronbesteigung Pippins reichen sollte, die aber unvollendet blieb und nur bis in die Mitte des siebenten Jahrhunderts geführt ist[42]. Selbständigen Werth hat sie deshalb durchaus nicht; sie gleicht vielmehr den damals so häufigen Ueberarbeitungen alter Legenden, und ist wie diese mehr eine sprachliche und formale als eine geschichtliche Leistung. Eine später im Kloster St. Germain-des-Prés hinzugefügte Fortsetzung bis 1040 ist aus bekannten Quellen zusammengesetzt, mit einigen Zusätzen über die Geschichte des Klosters; eine weitere Fortsetzung reicht bis 1165.
Schon frühzeitig, seit dem Anfange des neunten Jahrhunderts, wurden Annalen im Kloster der heiligen Columba zu Sens geschrieben[43], und mit Hülfe derselben in einer uns nicht erhaltenen ausführlicheren Gestalt bis 956 verfaßte ein unbekannter Geistlicher eine etwas ausführlichere, aber doch immer sehr magere Chronik des westfränkischen Reiches von der Schlacht bei Tertry, mit besonderer Beziehung auf das Erzbisthum Sens, bis zum Ende des Jahrhunderts nach mündlicher Ueberlieferung und persönlicher Erinnerung fortschreitend; wichtig ist dagegen wieder der von einem Zeitgenossen herrührende Theil von 1000 bis 1015[44]. Dieses Werk wurde nicht nur in der wenig späteren Chronik des Odorannus von Sens[45], sondern auch von Hugo von Fleury und Anderen viel benutzt, von Ordericus Vitalis vollständig in sein Werk aufgenommen[46].
Von grösserem Werthe, aber der deutschen Geschichte und unserer Aufgabe schon sehr fern liegend, ist die Chronik der Normannen von Rollo bis auf den Tod Richards I (996), von Dudo, Decan zu St. Quentin, am Anfange des elften Jahrhunderts verfaßt. Er schrieb nach mündlicher Ueberlieferung, hauptsächlich nach den Erzählungen des Grafen Rudolf von Ivri, des Bruders Herzog Richards I, und giebt uns eine wahre Volksgeschichte in reichhaltiger lebendiger, wenn auch mit viel Schönrednerei aufgeschmückter Erzählung[47]. In dieser schwülstigen Ueberladung und in der Verzierung mit inhaltlosen Versen in vielförmigen Metren nach dem Vorbild des Boethius, entspricht Dudo ganz dem Charakter der Schulen seiner Zeit, die unter Rollo's frommen Nachfolgern auch in der Normandie wieder auflebten. Schon die Ermordung des Herzogs Wilhelm Langschwert (942 Dec. 17) veranlaßte ein gleichzeitiges, ziemlich rohes Gedicht, welches Dudo's Darstellung bestätigt[48]. Bald begegneten sich am erzbischöflichen und herzoglichen Hofe, wie einst bei Karl dem Großen, Irländer und Franken in heftiger Feindschaft. Moriuth gewann die Gunst des sehr weltlichen und lebenslustigen Erzbischofs Hugo (942-989) und der Fürsten durch seine Lobverse; Warnerius dagegen, ein Mönch von Saint-Ouen, sehr gelehrt in seiner Weise, widmete sich ganz dem Dienste des Erzbischofs Robert (989-1037), Herzog Richards Sohn, und bekämpfte mit beißenden Versen den Gegner, dem er grobe Unwissenheit vorwarf[49].
Aus ähnlicher Schule war auch Dudo hervorgegangen. Seine Erzählung, ganz ohne schriftliche Quellen, ist natürlich in den Anfängen ganz sagenhaft und auch später sehr unzuverlässig, dabei normannisch ruhmredig in hohem Grade; den Charakter ihres Ursprungs verleugnet sie nirgends. Sehr eingehend ist das mit scharfer und besonnener Kritik von E. Dümmler nachgewiesen[50]; der gleichzeitige Versuch von J. Lair, von Dudo's Nachrichten für die Geschichte etwas mehr zu retten, steht dagegen sehr zurück.
Gewidmet hat Dudo sein Werk dem Bischof Adalbero von Laon (977-1030), der wegen seines politischen Verhaltens übel berüchtigt, in seinen alten Tagen (nach Mabillon um 1006) ein langes Gedicht in der Form eines Gesprächs mit König Rotbert verfaßte, worin er seinem ganzen Groll gegen Odilo und seine Cluniacenser, ihre Begünstigung durch den König und die Erhebung mönchischer und niedrig geborener Bischöfe Luft gemacht hat. Für die Kenntniß der Sitten und Zustände ist es nicht unergiebig[51].