§ 13. Italien. Chroniken. [[←]]
Bei manchen Schwächen bewies doch Liudprand einen tüchtigen und auf das wahre Beste des Landes gerichteten Sinn, indem er sich mit aller Entschiedenheit dem Manne anschloß, von welchem allein die Herstellung eines geordneten Zustandes in Italien sowohl wie in der römischen Kirche zu hoffen war. In höchst merkwürdiger Weise spricht sich das Verlangen nach der alten kaiserlichen Gewalt, wie Karl der Große und seine nächsten Nachfolger sie geübt hatten, auch in einer kleinen Schrift aus, welche in Sant Andrea um die Mitte des zehnten Jahrhunderts verfaßt zu sein scheint, ehe noch Otto eine neue Ordnung der Dinge begründet hatte[1]. Erzählt wird darin von der alten guten Zeit, wo noch der Kaiser oder sein Stellvertreter in Rom die übermüthigen Großen im Zaum hielt und jedem zu seinem Rechte verhalf, wo man sogar gegen Verwandte des Pabstes Recht bekommen konnte. Ueber die älteren Zeiten ist der Verfasser schlecht unterrichtet, aber die Verhältnisse unter den Karolingern schildert er, als ob er sie genau kennte, mit eindringlicher Einfachheit bis zu dem unglücklichen Moment, wo, wie er es darstellt, durch Karls des Kahlen Usurpation die kaiserliche Autorität in Rom dahin gegeben wurde. Allein diese Preisgebung hat, wie F. Hirsch nachgewiesen hat, gar nicht stattgefunden, und der Verfasser malt sich die alte Zeit nur nach seinen Wünschen aus.
Ueber die Ottonischen Einrichtungen in Rom belehrt uns eine Schrift, welche unter Otto III entstanden ist und mit einer Beschreibung von Rom Nachrichten über die damalige Verfassung verbindet[2]. Auf ein schon von Bethmann im Arch. IX, 623 mitgetheiltes, aber ganz übersehenes Fragment aus Ivrea hat L. Weiland aufmerksam gemacht[3]; es bezieht sich auf die Usurpation des Franco (Bonif. VII) und dessen Bekämpfung durch den 974 von Otto II abgesandten Grafen Sicco, sowie die Verdrängung Benedicts VII durch ihn im J. 980.
Die eifrig kaiserliche Gesinnung der lombardischen Bischöfe, welche durch die kirchenfeindlichen Angriffe Arduins von Ivrea zu größter Lebhaftigkeit angefacht wurde, spricht sich in zwei rhythmischen Gedichten aus, welche aus der Umgebung des Bischofs Leo von Vercelli (999-1026) stammen, eines auf Otto III und den durch ihn erhobenen Pabst Gregor V, das andere eine Klage um Otto's III frühen Tod[4], nebst der Verherrlichung seines Nachfolgers Heinrichs II, von dem die Niederwerfung Arduins erhofft wird[5].
Während es also in Italien durchaus nicht an Männern fehlte, welche leidlich zu schreiben verstanden, verfaßte um das Jahr 968 ein Mönch des Klosters St. Andrea am Berg Soracte[6], Benedict, eine Chronik, welche an Rohheit der Gedanken wie der Sprache unübertroffen ist[7]. Wäre die Ausführung nicht gar zu ungeschickt, so könnte man in dem Versuche, eine Weltgeschichte seit Christi Geburt zusammenzustellen, einen Fortschritt erkennen, aber es ist nur eine Compilation der dürftigsten Art. Wie wenig geschichtlichen Sinn der Verfasser besaß, zeigt sich auch darin, daß er zuerst die Sage von Karls Zug nach dem Morgenlande aufnahm; mitten zwischen Stellen aus Einhards Werken schiebt er sie ein, ohne einen Widerspruch darin zu gewahren. Im Mittelpunkt aller Dinge und Begebenheiten steht ihm einzig sein Kloster; zu allen weiß er es in Beziehung zu bringen. Gegen die fremden Herrscher, welche nach Italien kommen, ist er sehr aufgebracht, worin Maurenbrecher seinen Patriotismus erkennt, während J. Jung (Forsch. XIV, 426) vielmehr seinen klerikalen Standpunkt darin findet: er begeistert sich für den Pabstkönig, und ist deshalb auch gegen Alberich sehr eingenommen. Ueber seine eigene Zeit, über Alberich und die Stadtgeschichte von Rom gewährt übrigens Benedict bei dem Mangel an anderen Quellen wichtige Aufschlüsse, welche man aus seiner verworrenen und aller Grammatik hohnsprechenden Schreibart mit Vorsicht und Mühe zu entnehmen hat.
Einen eigenthümlichen inneren Gegensatz zeigt uns die um dieselbe Zeit geschriebene Chronik eines Salernitaners bis zum Jahre 974[8]. Der Verfasser hat nämlich seinen grammatischen Cursus durchgemacht, er ist sehr stolz auf seine gelehrte Bildung und giebt zuweilen wunderlich spitzfindige sprachliche Untersuchungen zum besten. Auch kann er ziemlich fehlerfrei schreiben, wenn er sich Mühe giebt; dazwischen aber kommen wieder Stellen, wo er alle seine Gelehrsamkeit vergißt und mit allen Flexionsformen ein leichtsinniges Spiel treibt. Zum Geschichtschreiber war er wohl etwas besser befähigt als Benedict, aber auf einen hohen Standpunkt hat auch er keinen Anspruch. Er knüpft an Paulus Geschichte der Langobarden an und erzählt nun weiter von den langobardischen Fürstenthümern in Unteritalien, was ihm gerade einfällt, ohne viel Ordnung und ohne alle Kritik; Erchempert hat er, wie Dümmler bemerkt, stark benutzt und was er aus eigener Kunde hinzufügt, hat keinen grossen Werth. Trauen darf man ihm nicht viel, aber seine lebendig vorgetragenen, oft ganz novellenartigen Erzählungen geben doch einen erwünschten Einblick in das Leben und Treiben jener Länder, und für die Geschichte Unteritaliens sind wir oft allein auf seine Nachrichten angewiesen.
Ungleich besser als diese Schriften ist die Chronik Venedig's von dem Diaconus Johannes, dem Caplan und vielleicht Verwandten des Dogen Peters II Urseolus (991-1009), der wiederholt als Gesandter an Otto III und Heinrich II geschickt wurde[9]. Seine Sprache ist die eines Geschäftsmannes, ungeschmückt, auch nicht frei von Verstößen gegen die Regeln der Grammatik, aber leicht verständlich und dem Gegenstande angemessen; seine venetianischen Provinzialismen sind in einer solchen Schrift für seine Landsleute ganz an ihrem Platze und unendlich viel angenehmer, als die ungeschickten Phrasen der halbgelehrten Mönche. Im Anfang auf Paulus Diaconus und Legenden gestützt und begreiflicher Weise mangelhaft, führt er seine Geschichte fort bis 1008; sie gewinnt an Reichthum des Inhalts mit dem Fortschritt der Erzählung und wird besonders wichtig, wo er von den Berührungen mit den Kaisern berichtet, bei denen er selbst selbst betheiligt war. Die treffliche Regierung des Dogen Peters II bildet den Hauptgegenstand seiner Darstellung. Ueberhaupt erkennt man hier gleich, daß der Verfasser das Leben nicht nur aus der Ferne sah, sondern selbst mitten darin stand.
In dem älteren Theile dieser Chronik herrscht eine große Verwirrung. Ueber diese Vorgeschichte von Venedig vor der Wahl des ersten Dogen und die Chronologie der nächsten zwei Jahrhunderte hat Andreas Dandolo in seinen Annalen bessere Nachrichten; es scheint ihm ein altes Dogenverzeichniß vorgelegen zu haben, mit den kurzen Charakteristiken der ersten Dogen, welche bei Johannes fehlen.
Sehr alte Elemente sind ferner in den ersten Büchern des sog. Chronicon Altinate[10], die mit ihrer höchst barbarischen Sprache nach Simonsfeld schon im Anfang des 10. Jahrhunderts zusammengestellt, später mit Zusätzen vermengt und bis ins 13. Jahrhundert fortgeführt sind; die ursprüngliche Form bleibt häufig zweifelhaft. Das zweite Buch desselben nach der Dresdener Handschrift ist nach Simonsfeld im ersten Theil des Chronicon Gradense im Cod. Urbinas überarbeitet[11]. Derselbe hat werthvolle Venetianische Annalen des 11. und 12. Jahrhunderts zuerst veröffentlicht[12] und das Verhältniß aller dieser und anderer Quellen zu den Annalen des Andreas Dandolo, des Dogen von 1343-1354, (bis 1280) so wie die sehr verwickelten Fragen über die handschriftliche Ueberlieferung der Werke desselben genau untersucht.
Wenig erfreulich ist die historische Thätigkeit im Kloster Nonantula; dem Inhalt nach in frühe Zeit hinaufreichend, hat sie uns doch wesentlich nur spätere Aufzeichnungen verwirrter und fabelreicher Tradition hinterlassen. Ein Leben des ersten Abtes Anselm[13] († 803) mit der Gründungsgeschichte aus der Zeit des Königs Aistulf, aber erst im Anfang des elften Jahrhunderts mit viel chronologischer Verwirrung und wenig Inhalt geschrieben, und Translationsgeschichten des h. Silvester; dann will ihr Glück, daß der Pabst Adrian III 885 in der Nähe des Klosters stirbt und bei ihnen begraben wird. Bald wird er als Heiliger verehrt und thut Wunder; eine Ueberlieferung davon erhält sich mündlich oder schriftlich, aber weiter weiß man nichts von ihm, und da man doch eine Legende von ihm haben will, wird im ausgehenden elften Jahrhundert der Zeitgenosse Karls des Großen Adrian I mit ihm zu einer Person verarbeitet. Da hatte man Stoff genug, und nahm zu Einhard u. a. noch den liber diurnus, von dem vielleicht bei jener Gelegenheit ein Exemplar im Kloster geblieben war, und so kam das Monstrum zu Stande, welches noch nie gedruckt, aber in durch Mabillon bekannt gewordenen Auszügen zu gläubig angenommen ist und Schaden angerichtet hat[14]. Dann um 911 die Translatio SS. Senesii et Theopompi aus Treviso, welche unter der Königin Adalheid gegen die Pest nach Pavia gebracht wurden, aber erst unter Abt Rudolf (1002-1035) geschrieben; eine Abtreihe bis 933 und eine zweite mit einigen geschichtlichen Nachrichten bis auf denselben Rudolf[15], unter dem durch Erzbischof Aribert die Mönchsregel wieder hergestellt wurde. Damit beginnt denn auch erst die Zeit, aus welcher schriftliche Aufzeichnungen uns erhalten sind.