Doch hat es längere Zeit gedauert, bis man von der einmal herkömmlichen Rechnung nach Consulaten und Jahren der Kaiser abging; in England zuerst, wo man außerhalb des römischen Herkommens stand, sind Ostertafeln zu diesem Zweck benutzt, und von dort durch die Vermittelung der irischen und englischen Missionare nach Gallien und Deutschland gekommen[21].
Schon 354 hatte auch der römische Staatskalender ein Verzeichniß der römischen Päbste aufgenommen, welches seiner Anlage nach um 230 entstanden ist. Dieses wurde in der Folge nicht allein immer weiter fortgesetzt, sondern auch durch allerlei Zusätze vermehrt. Man fügte die Amtsdauer der Päbste hinzu, ihre Bauten und andere Verdienste um die kirchliche Verwaltung, die von ihnen vorgenommenen Weihen, endlich auch geschichtliche Vorfälle, und so entstand das Pontificale Romanum, welches gewöhnlich nach dem päbstlichen Bibliothekar Anastasius benannt wird. Doch zeigen weit ältere Handschriften, daß schon im siebenten Jahrhundert der Anfang des Werkes vorhanden war[22], und auch Beda und Paulus Diaconus haben diese Aufzeichnungen bereits benutzen können. Eine übersichtliche Darstellung der Entstehung dieses Werkes und seiner Fortsetzungen hat Giesebrecht gegeben in der Allgemeinen Monatsschrift für 1852, April. Wie in Rom, so entstanden ähnliche Aufzeichnungen auch an anderen Bischofsitzen und in manchen Klöstern, und daraus erwuchsen später die ausführlichen Geschichten der Bisthümer und Klöster, welche in der geschichtlichen Litteratur des Mittelalters eine so bedeutende Stelle einnehmen.
Endlich aber enthält auch der Abschnitt des Kalenders, in welchem die Todestage der Märtyrer und Päbste verzeichnet sind, den Anfang eines ganz eigenthümlichen Zweiges der Litteratur, nämlich der Martyrologien, in welchen die dort verzeichneten Namen sich immer als die ersten wiederfinden, und gewissermaßen den Kern der immer mehr anwachsenden Verzeichnisse bilden, welche zu dem bloßen Namen bald auch Nachrichten über Leiden und Leben der Märtyrer und Bekenner hinzufügen. Wir sahen schon, wie lehrreich diese Martyrologien in Rettbergs Händen für die Entstehungsgeschichte der kirchlichen Sage geworden sind; denn da die Zeit der Verfasser bekannt ist, so läßt sich darin die allmähliche Erweiterung der Legenden urkundlich nachweisen[23]. Die ältesten tragen den Namen des Hieronymus[24], obwohl mit Unrecht; besonders geschätzt ist das Martyrologium Gellonense[25]. Die größte Verbreitung fand, wie alle Schriften Beda's, auch dessen Martyrologium, das wir jedoch nicht in seiner ursprünglichen Gestalt besitzen, sondern nur mit den Zusätzen des Florus, eines Subdiaconus zu Lyon im neunten Jahrhundert[26]. So kam also auch dieser Zweig der Litteratur über England nach Gallien; hier wurde er im neunten Jahrhundert mit besonderer Vorliebe behandelt, und aus der mündlich sich fortbildenden Tradition kamen bei jeder neuen Ausgabe stets auch neue Zusätze hinzu. Ein Reichenauer, welches zwischen 837 und 842 entstanden ist, gab A. Holder kürzlich heraus[27]. Eine metrische Bearbeitung verfaßte um 850 Wandalbert, Mönch zu Prüm[28], andere in Prosa Hraban[29] zwischen 842 und 854, Ado von Vienne[30] (859-874) und auf Befehl Karls des Kahlen Husward[31] (Usuardus) im Jahre 875; am Ende des Jahrhunderts schrieben Notker der Stammler (896) auf der Basis des von Ado 870 den Mönchen von St. Gallen geschenkten Exemplars seines Martyrologium[32], und in Versen Erchempert, der Mönch von Montecassino[33]; noch im elften Jahrhundert verfaßte Hermann von Reichenau ein Martyrologium[34]. Damit war nun aber auch dem Verlangen nach Martyrologien völlig genügt; man fragte nicht mehr so viel nach diesen immer noch kurzen und dürftigen Aufzeichnungen, da man bereits eine sehr große Zahl ausführlicher Legenden besaß, theils aus der Zeit der Merowinger, theils aber auch über eben jene alten Märtyrer, von denen die Martyrologien so wenig zu sagen wußten. Der Wunsch danach war zu dringend, besonders in den Klöstern, welche Reliquien von ihnen besaßen, als daß nicht eine reiche Auswahl nachgemachter Legenden hätte entstehen sollen, welche leicht genug Glauben fanden, oder doch in Ermangelung anderer benutzt wurden, wie z. B. die Legende vom Apostel Thomas, deren Unglaubwürdigkeit wohl bekannt war[35]. Bald hatte man Legenden für jeden Tag im Jahr, und eine Sammlung derselben veranstaltete schon im Anfange des zehnten Jahrhunderts Wolfhard, Mönch zu Herrieden[36]. Kleinere, unvollständige Legendarien hatte man schon früher, und sie finden sich in großer Zahl in den folgenden Jahrhunderten, bis sie endlich wiederum verdrängt wurden durch die in zahllosen Abschriften verbreitete Goldene Legende des Jacob von Genua[37], welche dem Gebrauch für das Leben und für die praktische Anwendung auf der Kanzel am meisten entsprach und in gedrängter Kürze den ganzen Kreis der Heiligengeschichte auf den Umfang eines Bandes beschränkte.
Geschichtlich ist Jacobs compendiarische Behandlung der Legenden unbrauchbar; die ausführlichen Lebensbeschreibungen der Heiligen aber enthalten für manche Zeiträume die werthvollsten Nachrichten. Auch diese Aufzeichnungen finden ihre Vorbilder schon in den früheren Jahrhunderten der römischen Kaiserzeit. Die christlichen Gemeinden theilten sich unter einander die Todestage der Märtyrer mit nebst den Umständen ihres Leidens, und solche Mittheilungen wurden bei ihren Zusammenkünften verlesen. Bald fing man auch an, das Leben anderer frommer Männer, der Bekenner, aufzuzeichnen. Cassians vielgelesenes Werk über die Einsiedler der Thebais, das Leben des Cyprian, Ambrosius, Augustin und ganz besonders das um 400 von Sulpicius Severus verfaßte und durch ganz Gallien verbreitete Leben des heiligen Martin von Tours[38] regten zu ähnlicher Thätigkeit an[39]. Benedict von Nursia, der eigentliche Begründer des abendländischen Mönchthums, fand einen Biographen in dem Pabste Gregor dem Großen, und dieses Werk fehlte natürlich in keinem Kloster seines Ordens; nebst den übrigen Büchern der Dialoge bot es der Wundersucht des Mittelalters reiche Nahrung und reizte zur Nachahmung. Daran also schließt sich nun eine überaus reiche Litteratur, und wenn auch vielfach der erbauliche Ton so sehr überwiegt, daß der geschichtliche Werth nur gering ist, so ist doch keine der wirklich echten gleichzeitigen Biographien ganz ohne Frucht, und für die Zeiten, wo die Heiligen zugleich Staatsmänner waren, gehören ihre Lebensbeschreibungen zu den wichtigsten Quellen der Geschichte. Mit dem dreizehnten Jahrhundert aber verlieren sie fast alle Bedeutung.
Ganz vereinzelt erscheint daneben die weltliche Biographie; nur einige Kaiser haben Lebensbeschreiber gefunden, und wenn Einhard den Sueton zum Vorbilde nahm, so ist das nur eine Frucht der durch Karl den Großen erneuten Einwirkung auch der heidnischen Classiker; eine lebendige Fortentwickelung knüpfte sich nur an die kirchliche Litteratur.
Zu erwähnen bleibt endlich noch eine Art der Aufzeichnung, welche den Martyrologien sehr nahe steht und häufig damit verbunden ist, die Necrologien nämlich, in welchen die Todestage aller derjenigen verzeichnet wurden, deren Gedächtniß in der Kirche oder dem Kloster, dem diese Aufzeichnungen angehörten, gefeiert werden sollte. Da jeder angesehene Mann sich um seiner Seligkeit willen eine solche Gedächtnißfeier zu sichern pflegte, erfahren wir hierdurch ihre Todestage, deren Kenntniß für manche Fragen wichtig werden kann; auch für die verwandtschaftlichen Verhältnisse ist manches daraus zu entnehmen, und zuweilen sind auch einzelne geschichtliche Begebenheiten anderer Art darin verzeichnet. Zur geschichtlichen Litteratur kann man diese Namensverzeichnisse nicht rechnen, und ich beschränke mich daher auf diese Erwähnung und auf ein Verzeichniß der mir bekannt gewordenen, gedruckten Necrologien, welches im Anhange zu finden ist.
Eine Zeitbestimmung ist nicht hinzugefügt, weil auch in jüngere Necrologien einzelne ältere Angaben herübergenommen sind, und ältere durch die fortgesetzten Eintragungen werthvoller zu werden pflegen. Doch ist es nicht unwichtig, die Zeit der ersten Anlage zu erkennen; bei dem lobenswerthen Versuche, dahin zu gelangen, begegnet aber stets wiederholt ein Fehler, vor dem ich deshalb ausdrücklich warnen möchte. Die Herausgeber glauben nämlich, zu dieser Bestimmung die Ansetzung des Osterfestes benutzen zu können und lassen sich dabei auch durch den auffallenden Umstand nicht stören, daß dieser überall derselbe ist, nämlich der 27. März; auch nicht dadurch, daß es ja gar keinen Sinn haben würde, das zufällige Datum eines einzelnen Jahres einzutragen. Es ist aber dieser 27. März ein festes Datum, welches man für dasjenige der wirklichen Auferstehung hielt.
Den vollen Nutzen für geschichtliche Forschung werden diese Necrologien erst gewähren, wenn sie systematisch gesammelt, durchgearbeitet und zusammengestellt sind. Das ist jetzt geleistet von Baumann für die Sprengel von Augsburg, Constanz und Chur[40], von Herzberg-Fränkel für Salzburg[41].
Geschichtlich noch wichtiger sind die Todten-Annalen, in welchen Jahr für Jahr die Todesfälle eingetragen sind. Solche sind aus Fulda von 779 bis 1065 erhalten[42], und an diese sich anschließend, aber weit weniger reichhaltig, aus Prüm, von 1039 bis 1104[43], aus St. Blasien von vor 1036 bis 1474[44].
Verschieden davon sind die Verbrüderungsbücher, in welche Lebende eingetragen wurden; bei weitem das wichtigste darunter ist das von Karajan, jetzt aber mit wesentlichen Verbesserungen von Herzberg-Fränkel herausgegebene von Sanct Peter in Salzburg[45]; von einer systematischen Bearbeitung sind die von Sanct Gallen, Reichenau und Pfävers erschienen[46]. Sie geben über die Verbindungen der Klöster untereinander Nachricht und sind durch die Fülle alter Eigennamen für die Sprachforschung von Bedeutung. Auch von den Roteln späterer Zeit, durch welche man von den Todesfällen verbundenen Klöstern Nachricht gab, und welche theils nur mit Empfangsbescheinigung, theils sogar mit längeren Gedichten versehen wurden, hat sich namentlich in Frankreich eine große Anzahl, wenn auch meistens nur fragmentarisch, erhalten, welche von L. Delisle gesammelt und herausgegeben ist[47].