Die römische Weltgeschichte konnte den Christen unmöglich genügen, die eigene Geschichte der römischen Republik sie nur wenig anziehen. Ihnen war das Wesentliche in der Weltgeschichte die Geschichte des Reiches Gottes, der Mittelpunkt lag ihnen in der jüdischen Geschichte, und davon meldeten die Werke der Römer nichts. Daher fand auch des Königs Desiderius Tochter Adelperga den Eutrop, welchen Paulus Diaconus ihr zu lesen gegeben, so ungenügend, und einige Zusätze konnten hier nichts helfen; es mußte eine ganz neue Weltgeschichte aufgestellt werden, die mit dem veränderten Standpunkte im Einklang war, die namentlich auch das hohe Alter der jüdischen Cultur, die spätere Entstehung der heidnischen Staaten nachwies. Um dieses möglich zu machen, kam es vor allem darauf an, das chronologische Verhältniß der heiligen und profanen Geschichte zu bestimmen, um dann eine Verschmelzung der beiderseitigen Nachrichten vornehmen zu können. Diese Aufgabe löste, nach dem Vorgange des Sextus Julius Africanus, welcher zuerst den Versuch machte, chronologisch das gesammte Alterthum mit der Bibel zu vereinigen[1], Eusebius (264-340); seine zwei Bücher Allgemeiner Geschichte enthielten zuerst in darstellender Form die Chronographie, dann tabellarisch den synchronistischen Kanon bis 325. Auf diesem großen Werke beruhen alle späteren Weltchroniken, der Byzantiner sowohl wie des Abendlandes, während zugleich aus seiner Kirchengeschichte das Mittelalter alle seine Kenntniß von den Anfängen der christlichen Kirche schöpfte. Dieses letztere Werk hatte für die Lateiner Rufinus bearbeitet und fortgesetzt, die Chronik aber Hieronymus, welcher sie zugleich bis 378 fortsetzte[2].

Diese Chronik des Hieronymus finden wir vollständig oder im Auszug an der Spitze aller umfassenden Chroniken des Mittelalters; sie war ihre Grundlage und ihr Vorbild, und dadurch war die knappe Form der annalistischen Aufzeichnung gegeben. Darstellende Werke aller Art hatten daneben freien Raum, aber um eine übersichtliche Anschauung von dem chronologischen Zusammenhange der Weltbegebenheiten zu erhalten, war diese Form unstreitig die angemessenste, wie man ja auch heut zu Tage der Tabellen zu diesem Zwecke nicht entbehren kann. Sehr dürftig und ungenügend freilich erscheint uns diese Form, wo sie fast allein und ausschließlich zur Ueberlieferung der geschichtlichen Ereignisse verwandt wird, oder doch anderes uns nicht erhalten ist, wie dies in den nächsten Jahrhunderten nach Hieronymus der Fall war. Diese ersten mageren Fortsetzungen seiner Chronik sind für uns ihres Inhalts wegen wichtig; der Geschichtschreiber der auf römischem Boden angesiedelten deutschen Stämme ist großentheils auf diese dürftigen Quellen angewiesen, für die Entwickelung der Historiographie in Deutschland aber haben sie nur insofern Bedeutung, als durch ihre Vermittelung die unmittelbare Anknüpfung der späteren Chronisten an den Hieronymus möglich wurde[3].

Bemerkenswerth ist aber bei diesen Chronisten der allen gemeinsame römische Standpunkt, das ängstliche Festhalten am römischen Reich. Uns erscheint gegenwärtig der Gedanke, daß in den neuen Bildungen, den romanischen Staaten, der fruchtbare Keim einer neuen Zukunft enthalten war, als natürlich und naheliegend; damals aber fiel weit mehr die Zerstörung des alten Reiches ins Auge; man sah und beklagte überall nur den Verfall, und wer die Weltgeschichte zu betrachten versuchte, sah fortwährend nur in dem römischen Weltreich den Träger derselben. Boten doch die Jahre seiner Kaiser und seine Consulate die einzige vorhandene Zeitrechnung, denn weder die von Eusebius eingeführte Rechnung nach Jahren Abrahams noch auch die Jahre von Erbauung der Stadt Rom erscheinen im Westreich je im praktischen Gebrauch, und Justinians Siege stellten noch einmal die Fortdauer aller der neu entstandenen Reiche in Frage. Mochte aber auch das abendländische Römerreich in Trümmer fallen, das morgenländische keinen Schatten von Macht über den Westen besitzen, für die Chronisten ist und bleibt es das Weltreich, der Faden, der sie leitet. Die in das Reich eindringenden deutschen Stämme sind und bleiben Barbaren, wenn auch der Schreibende, welcher jedoch immer der Kirche angehört, selber ihr Landsmann ist. Diese Auffassung beschränkt sich nicht auf diese Zeit, sie bleibt herrschend durch das ganze Mittelalter, denn sie war bedingt durch die seit Hieronymus allgemein angenommene Erklärung von dem Traume des Nebukadnezar, bei dem Propheten Daniel, nach welchem das römische Reich, das eiserne, welches die früheren zermalmt, bleiben soll bis zum Eintritt des himmlischen Reiches[4]. Die Fortdauer desselben war daher außer aller Frage. Demgemäß behandeln auch die späteren Weltchroniken die deutsche Geschichte niemals als etwas neues, selbständiges, sondern nur als eine Fortführung des römischen Reiches: sie führen nach dem Untergange des westlichen Reiches die byzantinischen Kaiser fort bis auf Karl den Großen und bewahren so seine scheinbare Continuität, wenn sie auch dazwischen die Volksgeschichten episodisch in ihr großes Fachwerk einschalten, wie Ekkehard.

Neben der großen Chronik des Hieronymus gab es nun aber auch noch eine andere, sehr dürftige und compendiarische, welche nur einige Anhaltpunkte zur chronologischen Orientirung gewährte. Sie läßt sich zurückführen auf ein älteres griechisches Werk des Hippolyt von Porto, das bis 235 reichte, ein Werk, welches auch dem Liber Generationis des sogenannten Fredegar zu Grunde liegt. Ueberarbeitet und bis 334 fortgesetzt, bildet es einen Theil jenes merkwürdigen römischen Staatskalenders, den Th. Mommsen in seiner Abhandlung über den Chronographus von 354 ausführlich behandelt hat[5]. Er hat nachgewiesen, daß dieser Kalender mit den nöthigen Veränderungen von Zeit zu Zeit neu herausgegeben wurde; doch war er viel zu kostbar, als daß sich, wer ihn einmal besaß, immer ein neues Exemplar davon angeschafft hätte, und da die ganze Einrichtung des Werkes zur Eintragung geschichtlicher Ereignisse eine sehr passende Gelegenheit darbot, so ist seine Form nicht ohne Einfluß auf die Gestaltung der verschiedenen Gattungen geschichtlicher Aufzeichnungen geblieben. Sein Inhalt bestand nämlich aus folgenden Stücken, welche die noch erhaltene Abschrift eines Exemplars vom Jahre 354 uns kennen lehrt:

  1. Der eigentliche Kalender mit Bildern, die noch völlig in heidnisch-antiker Weise gezeichnet sind. Der Kalender selbst ist nicht mehr heidnisch, aber doch auch noch nicht christlich. Die öffentlichen Spiele, die Senatstage u. a. sind darin verzeichnet und die Geburtstage der Cäsaren auch noch abgesondert auf einem verzierten Blatt vorangestellt[6].
  2. Consularfasten bis zum Jahre 354.
  3. Ostertafeln auf 100 Jahre von 312 an.
  4. Ein Verzeichniß der Stadtpräfecten von 258 bis 354.
  5. Die Todestage (Depositiones) der römischen Bischöfe und der Märtyrer[7].
  6. Ein Pabstkatalog bis auf Liberius.
  7. Die oben erwähnte Weltchronik bis 334, verbunden mit einer Stadtchronik von Rom und der Regionenbeschreibung[8].

In diesen Stücken läßt sich mehr als ein Keim erkennen, der später zu weiterer Entwickelung gelangt ist. Während aus dem letzten Theile jene so zahlreichen, immer neu aufgelegten Beschreibungen von Rom entstanden, hauptsächlich zum Wegweiser für die Pilger bestimmt, forderten die Consularfasten, sowie die Ostertafeln von selbst dazu auf, bedeutende Begebenheiten bei den betreffenden Namen und Zahlen einzutragen, wie es z. B. Cassiodor gethan hat, und in vollständigerer Weise Prosper. Ein solches Werk ist auch den späteren Exemplaren jenes Kalenders eingefügt; Fasten, die anfangs nur sehr vereinzelte Bemerkungen enthalten, für das fünfte Jahrhundert aber reichhaltiger, und wegen der genauen chronologischen Bezeichnung wichtig werden, ohne Zweifel, abgesehen von dem früheren Theil, in Ravenna geschrieben[9]. Und zwar haben sie einen durchaus officiellen Charakter; es sind bedeutende Vorfälle in Betreff der kaiserlichen Familie, mit denen sie sich beschäftigen, dazu wichtige staatliche Begebenheiten und Naturerscheinungen, mit ausschließlicher Beschränkung auf Italien. Mit den Consullisten wurden sie von Zeit zu Zeit neu ausgegeben. Durch sehr sorgfältige und eingehende Untersuchungen von Pallmann, Waitz, G. Kaufmann, Holder-Egger ist die Benutzung dieser Annalen bei immer zahlreicheren Schriftstellern nachgewiesen, so daß Holder-Egger sogar den Versuch machen konnte, dieselben von 379 bis 572 wieder herzustellen. Seine Untersuchung ist so erschöpfend, daß ich mich darauf beschränken kann, auf dieselbe zu verweisen[10]. Nach dem Ergebniß derselben (S. 344) sind diese Fasti consulares für uns für volle zwei Jahrhunderte in chronologischer Beziehung eine Quelle vom höchsten Werthe. „Sie haben ganz außerordentliche Verbreitung gefunden: fast alle weströmischen und ein oströmischer[11] Chronist des fünften und sechsten Jahrhunderts haben sie benutzt, sie theilweise zur chronologischen Grundlage ihrer Werke gemacht. Zuletzt sind sie noch im neunten Jahrhundert von Theophanes, Agnellus und einem Mönch von St. Gallen benutzt. Sie müssen mehrmals redigiert und jedes Mal mit neuer Fortsetzung herausgegeben sein. Die erste Redaction fällt vor das Jahr 445, in welchem Prosper sie bereits für die erste Ausgabe seiner Chronik benutzt hat; dieselbe Redaction wird auch dem Chronicon imperiale vorgelegen haben. Eine zweite schloß, wie wir mit ziemlicher Sicherheit sagen können, mit dem Jahre 493; sie ist von Cassiodor und Marcellin benutzt. Die meisten Chronisten schöpften aus einer Vorlage, welche über dieses Jahr noch hinausreichte, so der Anonymus Valesianus[12], Marius, der langobardische Chronist (Cont. Prosperi Havniensis), wahrscheinlich auch der Verfasser der Continuatio und des Auctarium Prosperi[13] in der vaticanischen Handschrift ... Wie weit deren Exemplare reichten, läßt sich nicht bestimmen; doch ist einiger Grund zu der Annahme vorhanden, daß im Jahre 526 eine neue Redaction abgeschlossen ist. Wahrscheinlich ist dann noch eine neue Fortsetzung etwa bis zum Jahre 572 in Ravenna hinzugefügt; diese letztere hätte dann Agnellus, möglicher Weise auch der Mönch von St. Gallen[14] benutzt.“

Leicht möglich ist es, daß Holder-Egger in seinen Folgerungen zu weit gegangen ist. G. Kaufmann hat dieselben angegriffen[15]; er bestreitet die Ableitung mancher Nachrichten aus dieser Quelle, beschränkt die Ravennater Fasten auf die Zeit von 455 bis 493, und bestreitet ihren amtlichen Charakter. Das Gewicht seiner Gründe ist nicht zu verkennen; ohne Zweifel hat es damals noch vielerlei Aufzeichnungen gegeben, welche sich meistens an Consullisten angeschlossen haben werden. Doch von allen unterscheiden sich die0 Ravennater durch ihre knappe Auswahl und Fassung, und durch die genauen Tagesdaten[16].

Auch von einer zweiten Consulliste mit stadtrömischen Nachrichten lassen sich Spuren nachweisen. Ein Exemplar der ravennatischen aber bis etwa 456 ist nach Holder-Eggers Vermuthung nach Arles gekommen, dort überarbeitet, mit gallischen Nachrichten verbunden und fortgesetzt worden. Diese so neu entstandenen Annalen sind von Gregor von Tours und dem sogenannten Severus Sulpitius[17] benutzt.

Die ursprünglich in Italien zusammengestellten und fortgesetzten Fasten kamen unter Constantin auch nach Constantinopel und wurden hier fortgeführt; ein Exemplar, welches bis zum Tode Theodosius I. reichte, kam nach Spanien und ist uns, jedoch nur im Auszuge, von Hydatius mit seiner Fortsetzung und in engster Verbindung mit seiner Chronik bis 468 erhalten. Reichlichere Auszüge aus dem ursprünglichen und in Constantinopel fortgeführten Werk sind im Chronicon paschale bis 630 enthalten. Aus beiden hat Mommsen die Consularia Constantinopolitana (bis 468) zusammengestellt[18].

In gleicher Weise, wie diese Consultafeln zu einem chronologischen Anhalt für geschichtliche Notizen dienten, benutzte man auch die Folge der Kaiser, indem man entweder nur mit jedem Namen kurze Bemerkungen verband, oder auch die Regierungsjahre der Kaiser einzeln unterschied[19]. Weit zweckmäßiger für kurze annalistische Aufzeichnungen waren aber nach dem Aufhören der Consularfasten die Ostertafeln, welche sich ebenfalls in jenem Kalender fanden und auch ohne denselben bald in jeder bedeutenderen Kirche vorhanden waren. Im Abendlande fand nach manchen Versuchen, unter denen die Ostertafel des Aquitaniers Victurius eine gewisse Rolle spielt, besonders der von Dionysius Exiguus angenommene Kanon des Alexandrinischen Bischofs Cyrillus eine große Verbreitung, welche noch zunahm, als Beda die Tafeln desselben über die Cyklen von 1-532 und von da bis 1063 in sein Werk De ratione temporum aufnahm[20].