Der rechte Repräsentant dieses Uebergangsreiches ist Magnus Aurelius Cassiodorius[6] Senator, ein vornehmer Römer von angesehener Familie, aus Bruttien, vielleicht aus Squillace gebürtig. Dem Beispiele seines Vaters folgend, stellte er sich der Herrschaft der Barbaren nicht feindselig oder schmollend gegenüber, sondern war als Staatsmann und als Gelehrter aufrichtig und unablässig bemüht, die widerstrebenden Elemente friedlich zu verbinden und auszugleichen; als Minister Theoderichs und seiner Nachfolger suchte er die Regierung in den alten Formen fortzuführen, und als Geschichtschreiber verkündete er den erstaunten Römern, daß das Volk der Gothen und das Königsgeschlecht der Amaler ihnen an Alter und Adel, ja sogar an uralter Cultur mindestens ebenbürtig sei.
Schon die Chronik Cassiodors[7] dient der Verherrlichung Theoderichs und seines Eidams Eutharich, dem sie in seinem Consulatsjahre überreicht wurde; der Schwall der Lobrede belebt 496 bis 519 das dürftig und ungeschickt zusammengestoppelte chronologische Gerippe, dessen Mangelhaftigkeit und willkürlich leichtsinniges Machwerk Th. Mommsen schonungslos aufgedeckt hat. Auch die wenigen früheren historischen Notizen zur Consulartafel, die er aus Hieronymus, Prosper, Eutrop, von 456-493 aus den Ravennater Fasten schöpfte[8], hat er in gothischem Interesse verändert[9]. Von weit größerem Werth, fleißiger gearbeitet und der schulmäßigen Gelehrsamkeit jener Zeit entsprechend waren Cassiodors zwölf Bücher Gothischer Geschichten, ein früh verlorenes Werk, über welches jedoch der Auszug des Jordanis ein Urtheil gestattet, denn nach den Untersuchungen von Schirren und Koepke kann man es jetzt wohl als festgestellte Thatsache betrachten, wie es denn auch von Mommsen angenommen ist, daß der ganze wesentliche Inhalt dieses Werkes mit Einschluß des gelehrten Apparats von Cassiodor herrührt[10]. Außerdem finden sich in der Sammlung seiner Briefe mehrere Aeußerungen, welche sich auf sein Geschichtswerk beziehen; so legt er gleich in der Vorrede einem Freunde die Worte in den Mund[11]: „Du hast in zwölf Büchern die Geschichte der Gothen in einer Blüthenlese ihrer glücklichen Thaten niedergelegt“. Varr. XII, 20 wird eine Stelle über die Einnahme Roms durch Alarich daraus angeführt, welche beweist, daß auch die Geschichte der Westgothen darin behandelt war.
Wichtiger aber und lehrreicher sind die Worte des Königs Athalarich in dem Schreiben (Varr. IX, 25), durch welches er dem römischen Senat Cassiodors Erhebung zum Praefectus praetorio für das Jahr 534 anzeigt. Nicht damit habe er sich begnügt, heißt es da, die lebenden Herren zu loben: „auch in das Alterthum Unseres Geschlechtes ist er hinaufgestiegen und hat durch Lesen erkundet, was kaum noch in dem Gedächtniß unserer Altvorderen haftete. Er hat die Könige der Gothen, welche lange Vergessenheit barg, aus den Schlupfwinkeln der Urzeit hervorgezogen. Er hat die Amaler mit dem vollen Ruhm ihrer Herkunft wieder ans Licht gestellt, indem er klärlich nachwies, daß Wir bis in die siebenzehnte Generation von königlichem Stamme sind. Er hat die Herkunft der Gothen zu einer römischen Geschichte gemacht, und die Blüthenkeime, welche bis dahin auf den Gefilden der Bücher hier und dort zerstreut waren, in einen einzigen Kranz gesammelt[12]. Bedenkt, welche Liebe zu euch er durch Unser Lob bewiesen hat, da er nachwies, daß eueres Herrschers Stamm von Uranfang her wunderbar gewesen ist, so daß, wie ihr von eueren Vorfahren her immer für edeler Art gegolten habt, so nun auch ein altes Königshaus über euch die Herrschaft führt[13].“ Und weiterhin wird Cassiodor gerühmt, weil er gleich den Anfang von Athalarichs Herrschaft gleichmäßig mit den Waffen und mit gelehrter Thätigkeit (litteris) gefördert habe; von der tiefen Ruhe litterarischer Beschäftigung aufgescheucht[14], habe er ohne Zaudern zu den Waffen gegriffen.
Cassiodor selbst ist es, der diesen Brief verfaßt hat, und klar genug hat er darin Zweck und Absicht seines Werkes ausgesprochen. Der übergroße Abstand zwischen dem kräftigen, aber noch den Römern als barbarisch geltenden Gothenvolke und den auf ihre Geschichte und Bildung stolzen Römern sollte ausgeglichen werden, das war der leitende Gedanke in Cassiodors ganzer Thätigkeit. Dazu mußte ihm nun auch seine Gelehrsamkeit dienen; daß Gothen und Geten dasselbe Volk wären, war eine längst geläufige Annahme[15], aber noch hatte niemand es versucht, den Zusammenhang nachzuweisen. Cassiodor that es und zwar, wie jetzt durch das von Holder entdeckte Fragment bekannt geworden ist, im Auftrag des Königs Theoderich, doch erst nach dem Tode desselben gelang ihm die Vollendung[16]. Er verflocht zu diesem Zwecke, was er über die Gothen wußte und bei Ablavius las, mit dem, was er bei Römern und Griechen über die Geten vorfand, und da diese wie jene von den Griechen häufig Skythen genannt wurden, zog er auch die ganze Urgeschichte der Skythen heran, und machte sogar die Amazonen ohne Bedenken zu gothischen Weibern. So erschienen die Amaler, deren Glanz die gothische Sage verkündete, nun als unmittelbare Nachfolger des Zamolxis und Sitalkes, und die Römer konnten darin einen Trost finden für die Bitterkeit der fremden Herrschaft[17]. Es war das ein Gedanke, der wohl Anerkennung verdient, wenn auch der Zweck unerreicht blieb, die Grundlage irrig war, wenn auch zur Verherrlichung der Amaler er ihren Stammbaum selbst mit freier Dichtung über alle Gebühr verherrlicht haben mag[18].
Als Cassiodor oder Senator, denn das war sein eigentlicher Name, alle seine Bestrebungen vereitelt sah, als das Gothenreich dem Angriff der Mächte, mit welchen er es hatte aussöhnen wollen, unterlag, da zog er sich, vermuthlich nach Vitigis Sturz (um 540) von der Welt zurück und gründete ein Kloster (monasterium Vivariense) in Bruttien, wo er das Ende seines Lebens in stiller Beschaulichkeit und schriftstellerischer Thätigkeit als hochbetagter Greis erwartete. Hier ließ er unter seiner Aufsicht die im Mittelalter vielgelesene Kirchengeschichte[19] zusammenstellen und übersetzen; hier schrieb er in seinem 93. Jahre eine Abhandlung über die Orthographie, zum Frommen seiner Mönche, denen er die Vervielfältigung der Bücher durch Abschriften ganz besonders zur Pflicht machte. Er zuerst hat die wissenschaftliche Arbeit grundsätzlich in die Klöster eingeführt und dadurch einen weitreichenden segensreichen Anstoß gegeben[20]. Ist er, wie Thorbecke annimmt, erst um 570 gestorben, so erlebte er noch die neue Verwüstung Italiens durch die Langobarden, sah er, wie die blutigen Lorbern Justinians fruchtlos hinwelkten.
Von vorzüglichem Werthe für uns sind unter seinen erhaltenen Werken[21] die 538 verfaßten zwölf Bücher seiner Briefe (Variae), in welchen er die Kanzleiformen der Zeit und viele auch durch ihren Inhalt wichtige Briefe aus der königlichen Kanzlei der Gothen aufbewahrt hat. Das Zureden seiner Freunde, sagt er in der Vorrede, habe ihn zu dieser Sammlung veranlaßt, welche einen Vorrath fertiger Formeln darbieten und zugleich zur Bildung junger Staatsmänner dienen sollte, während sie auch das Andenken der von ihm gelobten trefflichen Männer der Nachwelt erhalte. Alles habe er hier vereinigt, was er aus der Zeit seiner Quästur, seines Magisteriums und seiner Präfectur in den öffentlichen Actenstücken von ihm herrührend habe finden können. Doch nicht selten sei es ihm begegnet, daß er wegen übergroßer Eile bei der Ertheilung von Würden und Ehren hastige und schmucklose Schreiben erlassen habe: davor wolle er nun andere bewahren, und deshalb habe er die, im sechsten und siebenten Buche enthaltenen Formulare für die Verleihung aller Würden nun mit Sorgfalt überarbeitet[22]. Denn reden können wir alle ohne Unterschied; nur der Schmuck ist es welcher den Gelehrten vom Ungelehrten unterscheidet[23].
Das war der Grundsatz und die Richtschnur der damaligen Schulen, und demgemäß hat denn auch Cassiodor den oft geringfügigen Inhalt seiner Briefe unter einem solchen Wortschwall und so vielem Zierrath der gesuchtesten Phrasen verborgen, daß es häufig nicht leicht ist, ihn herauszufinden.
Im höchsten Grade trifft dieser Vorwurf auch die Schriften des Ennodius, Bischofs von Pavia[24], unter denen besonders sein Panegyricus auf Theoderich geschichtlich wichtig ist[25].
[1] Papencordt, Geschichte der vandalischen Herrschaft in Afrika, S. 295.