Höchst charakteristisch für diese erste Zeit der Vermischung des Alten und Neuen ist die Persönlichkeit des Venantius Fortunatus[7]. Noch in den alten Rhetorenschulen gebildet, ist er einer der letzten Repräsentanten jener verkünstelten Schulgelehrsamkeit. Er stammte aus Italien und kam um das Jahr 565 nach Gallien, an König Sigiberts Hof, wo man viel Gefallen an dieser Poesie fand. Ueberall bei den fränkischen wie bei den römischen vornehmen Herren und Bischöfen war er ein gern gesehener Gast und auf ein Lobgedicht von ihm legte man den größten Werth. Aber mehr als alles dieses fesselte ihn die Freundschaft der heiligen Radegunde, die ihn zuletzt bewog, in den geistlichen Stand einzutreten und sich ganz nach Poitiers zurückzuziehen. Hierhin hatte Radegunde, aller Herrlichkeit der Welt entsagend, sich begeben, um ihr Leben in dem von ihr gestifteten Kloster bei den Werken der Frömmigkeit und Demuth zu beschließen, sie, einst die Gemahlin Chlothars, den sie aber nach der Ermordung ihres Bruders, des letzten Sprossen der thüringischen Königsfamilie, verlassen hatte. Nur ein Vetter von ihr war noch übrig, der in Constantinopel lebte, und an diesen schrieb nun Fortunat in ihrem Namen eine wahrhaft schöne poetische Epistel, in welcher er den Untergang des thüringischen Reiches in ergreifender Weise schildert. Ebenso schön ist ein zweites langes Gedicht über das traurige Geschick der Galswintha, Tochter des Westgothenkönigs Athanagild, der Schwester der Königin Brunhilde, die mit König Chilperich vermählt, aber bald nach der Hochzeit auf Anstiften der Fredegunde ermordet wurde[8].

Wo Fortunat in solcher Weise einen bedeutenden Gegenstand aus dem wirklichen Leben zu behandeln unternimmt, zeigt er wahres Gefühl und ungewöhnliches Talent. Aber bei weitem die Mehrzahl seiner Gedichte bewegt sich ganz in der spielenden Weise seiner Zeit; er bedichtet jede gute Mahlzeit, die Radegunde ihm zukommen läßt, und widmet jedem kleinen Vorfall ein Epigramm. Vollends unerträglich ist seine Prosa, schwülstig, geziert, kaum verständlich; nur in den von ihm verfaßten Heiligenleben redet er einfach und natürlich. Das findet sich überhaupt fast durchgehends, nur wenige derselben sind in dem gesuchten Stil der Schule geschrieben, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil sie zur Erbauung, zum Vorlesen bestimmt waren, und deshalb allgemein verständlich sein mußten.

In den Heiligenleben, die Fortunat verfaßte, herrscht übrigens der moralisch-theologische Zweck und Standpunkt zu sehr vor, als daß sie einen bedeutenden historischen Werth haben könnten; am anziehendsten und am lehrreichsten ist das Leben der Radegunde († 13. Aug. 587), worin das Klosterleben der damaligen Zeit anschaulich geschildert wird, doch waren auch hier so bedeutende und für das Kloster wichtige geschichtliche Vorgänge ganz übergangen, daß schon von der damaligen Aebtissin Dedimia der Nonne Baudonivia die Abfassung einer zweiten Biographie aufgetragen wurde, was sie gewissenhaft, wenn auch in ungeschickter Weise, bald nach 600 ausgeführt hat[9].

Wie nun die Legenden sich schon durch ihre einfache Sprache als dem Leben näherstehend bewähren, so zeigt es sich überhaupt bald, daß die kirchliche Litteratur die einzige wahrhaft lebensfähige war. In die Kirche flüchteten sich alle, welche noch Sinn und Neigung für litterarische Bildung hatten, die in dem wilden Getümmel des weltlichen Lebens keine Stätte mehr fand. Das sahen wir an Ennodius, der auch im südlichen Gallien geboren und in den dortigen Rhetorenschulen gebildet war, an Cassiodor, Jordanis, Apollinaris Sidonius, und auch Fortunat wurde in seinem hohen Alter noch Bischof von Poitiers, wo er zu Anfang des siebenten Jahrhunderts gestorben ist.

Jene innerlich leblose gekünstelte Litteratur der Grammatiker starb mit ihren letzten, von den Franken noch vorgefundenen Repräsentanten ab, und nur die Kirche bewahrte von nun an die Keime des geistigen Lebens, welche sie naturgemäß für ihren Dienst verwandte. Freilich konnte auch sie dem Druck dieser Zeiten nicht unversehrt widerstehen; die früher in Gallien sehr bedeutende speculativ-theologische Thätigkeit hörte gänzlich auf, da man zu gewaltsam vom Drange des praktischen Lebens ergriffen wurde; aber in diesem bewahrte die Kirche eine bedeutende Stellung. Politisch war die Macht der Bischöfe im fränkischen Reiche bald größer, als sie je gewesen war, und wenn sie auch von der immer mehr überhand nehmenden Verwilderung stark ergriffen wurden, so ging der tiefere sittliche Gehalt in der Kirche doch niemals völlig verloren, und mitten in dem allgemeinen Verderben erschienen immer aufs neue einzelne Männer, welche durch Reinheit der Gesinnung und durch rückhaltlose Hingabe ihrer eigenen Person für die Gebote des Evangeliums die Verehrung ihrer Zeitgenossen und die Bewunderung der Nachwelt erzwangen. Zu keiner Zeit nach den ersten Jahrhunderten der christlichen Kirche finden wir eine größere Zahl von Heiligen als gerade damals, Männer und Frauen, großentheils von hervorragender äußerer Stellung, die durch Entsagungen aller Art, durch aufopfernde Wohlthätigkeit, durch unerschrockenes Auftreten gegen die Verbrechen der Großen und Mächtigen, sich die dankbare Verehrung des Volkes erwarben. Das äußere Leben nahm gebieterisch alle ihre Kräfte in Anspruch; für wissenschaftliche Bestrebungen war kein Raum in dieser Zeit, und die geringe litterarische Thätigkeit, welche noch Statt findet, beschränkt sich auf Predigten, moralische Schriften und Legenden, die ebenfalls als Vorbilder zum Zweck der unmittelbaren Einwirkung auf die Zeitgenossen verfaßt wurden.

Auf diesem Felde schloß sich an Sulpicius Severus eine reiche Litteratur an, und auch der Mann, mit dem wir uns zunächst zu beschäftigen haben, der bedeutendste Schriftsteller der merowingischen Zeit, Gregor von Tours, wandte der Legende seine Thätigkeit hauptsächlich zu.


[1] Neue Ausg. v. C. Schenkl, MG. Auctt. antiquiss. V, 2. 1883; von Peiper 1886, Leipz. Teubner. Mosella mit frz. Uebers. und Anm. von H. de la Ville de Mirmont, Bordeaux 1889. Manitius, Gesch. d. christl. lat. Poesie (1891), S. 105-111.

[2] Teuffel § 460. Fertig, Apollinaris Sidonius und seine Zeit, in 3 Würzburger und Passauer Programmen 1845. 46. 48. Georg Kaufmann, Die Werke des C. Sollius Apollinaris Sidonius, Gött. Diss. 1864. Derselbe, Ueber Leben und Charakter des Sidonius, im Neuen Schweizer Museum, 1865. Von demselben: Rhetorenschulen und Klosterschulen oder heidnische und christliche Cultur in Gallien während des 5. und 6. Jahrhunderts, in Raumers hist. Taschenbuch IV, 10 (1869) S. 1-94. St. Sidoine Apollinaire et son siècle par l'abbé Chaix, 1867; besser als das Buch ist die Recension von G. Kaufmann, GGA. 1868, S. 1001-1021. Ebert I, 419 ff. Manitius a. a. O. S. 218-224. Mommsen, S. A. am westgoth. Hof, Berl. SB. 1885, S. 215-223. Büdinger, A. S. als Politiker, Wiener SB. XCVII, 915-954. Aufsatz von Sandret über ihn als Historiker in d. Revue des questions hist. LXIII, 210 (Juli 1882). Ausg. von Grégoire und Collombet in 3 Bänden, Lyon 1836: v. Baret, Paris 1879: v. Luetjohann MG. Auctt. antt. VIII. Migne LVIII. E. Chatelain über den cod. Vat. 3421, Mélanges Graux, S. 321-327.

[3] J. J. Chifflet, Anastasis Childerici I illustrata, Antv. 1655, 4. L'abbé Cochet, Le Tombeau de Childéric I. Paris 1859.