[22] Wiener SB. CXVI, 145-190. Ueber eine zweite von A. Ebner gefundene Hs. NA. XVI, 203.
§ 7. Die Franken. [[←]]
Histoire Littéraire de la France, 1733 ff. Guizot, Histoire de la Civilisation en France depuis la chute de l'Empire Romain, zuerst 1830 erschienen. Ampère, Histoire Littéraire de la France avant le douzième siècle. 3 Vol. 1839, 1840. Aug. Thierry, Récits des temps Mérovingiens, 1840. Löbell, Gregor von Tours und seine Zeit, 1839. Zweite Ausg. 1869. Ozanam, Études Germaniques, 1845-1849; 3. Ausg. 1861. Junghans, Die Gesch. d. Fränk. Könige Childerich u. Chlodevech, 1857. Diss. traduite par M. Gabriel Monod, augmentée d'une introduction et de notes nouvelles, 1879. G. Monod, Bibliographie de l'histoire de France, 1888.
Die Gothen waren ohne Zweifel ein wohlbegabter, bildungsfähiger Stamm und ihre Anfänge vielversprechend; aber die Westgothen zeigen nach Isidor keine fortschreitende Entwickelung in der Litteratur, und der Ostgothen Reich war in vollster Auflösung begriffen, als es den Feldherren Justinians erlag. Keines der deutschen Reiche, welche auf römischem Boden errichtet wurden, vermochte die innere Festigkeit und Ordnung zu gewinnen, welche allein die Grundlage einer dauernden und fortschreitenden Geistesbildung und litterarischen Entwickelung darbieten kann. Einen ganz ähnlichen Verlauf der Dinge sehen wir auch bei den Franken: auch sie finden einige Reste der alten Bildung vor, welche sich eine Zeit lang kümmerlich erhalten; in der Kirche regt sich dann einige litterarische Thätigkeit, aber zuletzt droht doch alles in der allgemeinen Auflösung und Verwirrung rettungslos unterzugehen, und es bedarf einer Neubelebung der fast ganz erstorbenen Keime, um ein besseres Zeitalter herbeizuführen auf der Grundlage festerer staatlicher Bildungen.
Hochberühmt waren in den letzten Jahrhunderten der Kaiserherrschaft die Schulen der Grammatiker und Rhetoren in Gallien, die französischen Schriftsteller gefallen sich darin, das Bild dieser Zeiten auszumalen, und es tritt uns in den Werken von Guizot und Ampère lebendig entgegen. Diese Studien, welche noch in den letzten Jahrzehnten des Reiches so eifrig betrieben wurden, waren aber, wie sich das bei dem Charakter dieser Zeiten nicht anders erwarten läßt, dem wirklichen Leben gänzlich entfremdet, und bewegten sich nur auf dem Boden der Schule. Die Prosa war bis auf einen unerträglichen Grad verkünstelt; die gesuchte, kaum verständliche Schreibart, deren wir schon bei Ennodius und Cassiodor gedachten, ist hier auf die Spitze getrieben. Die Poesie war vorherrschend epigrammatisch und diente fast nur dem Zeitvertreib der vornehmen Welt; durch Gelegenheitsgedichte suchten die Poeten die Gunst hoher Gönner, oder diese griffen auch selbst zur Feder, und bewiesen ihre feine Bildung durch allerhand poetisches Spielwerk, wie Ausonius aus Bordeaux, der nach der Verwaltung bedeutender Staatsämter in Muße der Litteratur lebte und bald nach 392 gestorben ist[1]. Weniger glücklich als dieser, sah sich Apollinaris Sidonius schon verdammt, unter den Barbaren zu leben, und deshalb sind seine Gedichte und Briefe von um so größerem Werthe für uns: sie zeigen uns nicht nur den damaligen Zustand der Schulen und des Lebens in Gallien, sondern gewähren auch manche Kunde von den Burgunden und Westgothen, denen er mit seiner Kunst dienen mußte. Innigst verabscheut er diese Barbaren, und bei mancher Gelegenheit spricht er das unverhohlen aus, aber bewundern und feiern ließ er sich doch recht gerne von ihnen. Auch das große Hochzeitsfest der Franken, bei welchem diese von Aëtius überfallen wurden, hat Sidonius zum Preise des Siegers geschildert. Zuletzt wandte er sich der Kirche zu, welche allein noch einen sicheren Hafen darbot, wurde 471 Bischof von Clermont in der Auvergne und starb bald nach 484[2].
Einst hatte Constantin die fränkischen Gefangenen den wilden Thieren vorwerfen lassen, weil sie ihm zu wild und treulos erschienen, um sich wie andere Barbaren zum Anbau des Landes, zum Kriegsdienst oder als Sclaven verwenden zu lassen: nur der Schrecken, meinte er, vermöge sie zu bändigen. Aber die vielfache, wenn auch feindliche Berührung mit den Römern milderte allmählich ihre Wildheit; bald finden wir Franken in ansehnlichen Aemtern bei den Römern, und schon am Ende des vierten Jahrhunderts war der Franke Arbogast Befehlshaber der Heeresmacht im westlichen Reiche. In der Mitte des fünften Jahrhunderts sind die salischen Franken von den Römern abhängig, sie führen ihre Kriege und schlagen ihre Schlachten. Mit den Römern verbündet, durchzieht der König Childerich ganz Gallien nach allen Seiten; er besiegt mit ihnen die ketzerischen Westgothen, die britischen und sächsischen Seeräuber, die plündernden Alamannen. Obgleich noch Heide, ist Childerich mit seinen Franken doch bereits dem ganzen Lande wohlbekannt, aber nicht mehr als der wildeste aller Feinde, sondern als Retter und Beschützer. Man freute sich des alten Hünen, wo man ihn sah, hoch zu Roß, in reicher und prächtiger Rüstung: der Königsmantel, in welchem seine Getreuen ihn zu Tournay bestattet haben, bestand aus purpurner golddurchwirkter Seide, wahrscheinlich besetzt mit den goldenen Bienen, die man in so großer Zahl in seinem Grabe fand und die Napoleon von ihm entlehnt hat. Natürlich war das alles von römischer Arbeit, auch sein Siegelring führte die lateinische Inschrift: CHILDIRICI REGIS[3].
Da ist es denn nicht zu verwundern, daß auch daheim im Salierlande schon Römer wohnen konnten, als Gäste und Hausgenossen des Königs, ja daß auch die Salier selbst ihr eigenes Volksrecht in lateinischer Sprache aufzeichneten — denn noch wagte oder verstand man es nicht, die fränkische zur Schriftsprache zu machen, und erst an eben dieses Rechtsbuch lehnten die ersten noch unbeholfenen Versuche sich an[4] — und andererseits erklärt es sich auch, wie bald darauf die Vermischung der Franken mit den schon halb barbarisch gewordenen Provinzialen so leicht und rasch von Statten gehen konnte; war man doch beiderseitig schon längst daran gewöhnt, mit einander zu leben und zu verkehren.
In lateinischer Sprache ist auch das älteste uns erhaltene Denkmal einheimischer Poesie der Franken verfaßt, der Prolog zum Volksrecht der Salier, wo das Volk der Franken hoch gepriesen wird, das schöne, kluge, tapfere und treue, das jetzt auch den katholischen Glauben empfangen habe und von jeder Ketzerei rein sei. Die frühere Abhängigkeit von den Römern erschien ihnen in der Erinnerung als die härteste Knechtschaft, deren Joch sie mit ihrer gewaltigen Kraft abgeworfen hätten, und voll Stolzes rühmen sie sich der reichen Gaben an die Kirchen der heiligen Märtyrer, gegen welche die Römer einst mit Feuer und Schwert gewüthet hätten.
Dieser letzte Satz, welcher erst lange nach der Bekehrung geschrieben sein kann, hat aber nicht mehr die rhythmische Form, welche für den Anfang dieses Prologs zuerst von Bethmann-Hollweg nachgewiesen hat[5], und dieser erste Theil, in welchem die neulich geschehene Bekehrung des Volkes erwähnt wird, scheint älterer Zeit anzugehören. Doch ist das sehr unsicher und die genauere Zeitbestimmung des Prologs viel umstritten.
So wie die Franken das Christenthum sogleich mit dem orthodoxen Eifer ergriffen, welcher sich in jenen Worten ausspricht, so waren sie auch der übrigen römischen Bildung durchaus nicht feind; ja Chlodovechs Enkel Chilperich, der auch für byzantinischen Hofstaat und römische Staatseinrichtung große Vorliebe zeigte, versuchte sogar das lateinische Alphabet durch Erfindung neuer Buchstaben zu verbessern, und machte selbst lateinische Verse nach dem Vorbilde des Sedulius, aber wie Gregor von Tours berichtet, wollte es ihm mit der Metrik nicht recht gelingen[6].