Gregor von Tours stammte aus einer sehr vornehmen römischen Familie, der fast alle Bischöfe von Tours und viele Heilige angehörten. Um das Jahr 540 in Clermont-Ferrand (Arverni) geboren, erhielt er nach seinem Vater und seinem Großvater die Namen Georgius Florentius; Gregor hat er sich erst später genannt, nach seinem mütterlichen Ahnherrn, dem heiligen Gregorius, Bischof von Langres. Seinen Vater scheint er früh verloren zu haben; erzogen wurde er an seinem Geburtsort von seinem Oheim, dem heiligen Bischof Gallus, und nach dessen Tode von dem Priester Avitus, der im Jahre 571 ebenfalls Bischof von Clermont wurde. Er selbst nennt nur diesen, der ihn nicht in weltlicher, sondern in kirchlicher Wissenschaft unterwiesen habe. Doch hat er natürlich in der Schule einige Kenntniß des Vergil und Sallust bekommen, weiß auch von Marcianus Capella, aber seine Citate beschränken sich auf das erste Buch der Aeneide und den Prolog des Catilina, wie G. Kurth nachgewiesen hat, welcher daraus den Schluß zieht, daß eine Chrestomathie dieser Art damals im Schulgebrauch gewesen sei[1].
Im Jahr 573 erhielt Gregor von König Sigebert das Bisthum Tours, und Fortunat versäumte nicht, sein Gedicht dazu zu machen; Gregor, der ihm nahe befreundet war, hat ihn später sogar mit einem Landgütchen beschenkt.
Der Bischof von Tours, der Nachfolger des heiligen Martin, war eine der ansehnlichsten Personen im fränkischen Reiche, ein Kirchenfürst von bedeutender Macht, und mehr noch wegen der ungemeinen Verehrung des heiligen Martin ein Mann, auf den die Blicke vieler Menschen gerichtet waren und dessen Stimme bei allen Staatshändeln von Gewicht war. Bei den inneren Kriegen unter den Merowingern konnte es daher nicht fehlen, daß Gregor sehr bald in schwierige Verwickelungen hineingezogen wurde, und gleich anfangs sah er sich in sehr gefährdeter Lage, als Chilperich die Stadt Tours seiner Herrschaft unterwarf. Er benahm sich aber stets mit Klugheit und Festigkeit, und wußte sich selbst gegen erbitterte und mächtige Feinde zu behaupten. Nach Chilperichs Tode (584) stieg sein Ansehen, und von nun an war er einer der einflußreichsten Männer im Reiche. Allgemein geachtet starb er am 17. Nov. 594, und hinterließ ein dankbares Andenken in seinem Sprengel, für den er in jeder Beziehung mit unermüdlichem Eifer thätig gewesen war; man verehrte ihn sogar als einen Heiligen. Seine im zehnten Jahrhundert in Tours verfaßte Biographie hebt nur diese Seite hervor, und gewährt fast keine neue Belehrung über ihn[2].
Vieles hatte Gregor erlebt und gesehen, von seiner Kindheit an, wo die Auvergne der Schauplatz des Kampfes zwischen Chlothar und Childebert war, bis zu dem blutigen Streite der Königinnen Brunhilde und Fredegunde; seitdem er zu den Bischöfen des Reichs gehörte, konnte kein bedeutendes Ereigniß eintreten, ohne ihn unmittelbar zu berühren; von allem erfuhr er, und an vielen wichtigen Staatsgeschäften nahm er persönlich Theil; einen großen Theil des Reiches kannte er aus persönlicher Anschauung. Da erwachte in ihm der Wunsch, die Kunde dieser Dinge auch der Nachwelt zu überliefern, und während er das Leben der Heiligen beschrieb und reiche Sammlungen von Wundergeschichten verzeichnete, arbeitete er zugleich unablässig an dem Geschichtswerke, welchem wir fast allein unsere Kenntniß von dem Reiche der Merowinger verdanken. Noch trägt es die Spuren seiner allmählichen Entstehung, man erkennt spätere Nachträge, und es fehlt ihm die letzte Vollendung. Um so größer ist deshalb die Glaubwürdigkeit der letzten Bücher, in welche er den Ereignissen gleichzeitig die Zeitgeschichte eintrug.
Häufig nennt man dieses Werk die Kirchengeschichte der Franken, und in manchen Handschriften trägt es nach dem Vorbild des Beda diesen Titel (Historia ecclesiastica Francorum). Allein so sehr auch dem Charakter der Zeit entsprechend das kirchliche Element vorwiegt, der Inhalt zeigt doch, daß jene Ueberschrift den Grundgedanken des Werkes nicht ausdrückt und also nicht von Gregor herrühren kann. Richtiger nennt man es: Zehn Bücher fränkischer Geschichten.
Gregor hatte bereits Vorgänger gehabt; er selbst, und nur er allein, hat uns (II, 8. 9) Namen und Bruchstücke von zwei verlorenen Historikern aufbewahrt, von Renatus Profuturus Frigeridus[3], dessen zwölftes Buch der Geschichten er anführt, und Sulpicius Alexander. Aber diese scheinen beide noch den Zeiten der letzten Kaiser angehört zu haben, und niemand versuchte mehr das Andenken dieser trüben Zeiten aufzuzeichnen. Mit der Klage darüber beginnt Gregor sein Werk. Jetzt, da die Pflege der schönen Wissenschaften in den Städten Galliens vernachlässigt, ja sogar gänzlich in Verfall gerathen sei[4], so lauten die inhaltsschweren Worte, jetzt finde sich kein Gelehrter, dem die Kunst der Rede zu Gebote stände[5], der in Prosa oder Versen die Begebenheiten der Gegenwart der Nachwelt aufbewahre. Laut klage das Volk: Wehe über unsere Tage, daß die Pflege der Wissenschaften bei uns untergegangen ist und niemand sich findet, der, was zu unsern Zeiten geschehen, berichten könnte! Deshalb also, weil kein anderer auftrete, habe er es auf sich genommen, das Gedächtniß dieser Tage den Nachkommen zu überliefern.
Die Geschichte seiner Zeit also ist sein Gegenstand; aber um dafür eine chronologische Grundlage zu gewinnen, schickt er im ersten Buche eine Uebersicht der Weltgeschichte, hauptsächlich der biblischen, seit der Schöpfung voran[6]; die Erzählung von der Stiftung der gallischen Kirchen, zuletzt von seinem Schutzheiligen Sanct Martin, giebt dann den Uebergang zur fränkischen Geschichte. Allein er führt doch auch noch einen anderen Grund an für die Berechnungen, mit denen er sein Werk beschließt, nämlich damit diejenigen, welche wegen des herannahenden Endes der Welt in Sorgen sind, genau wissen möchten, wie viele Jahre seit der Erschaffung der Welt verflossen wären. Denn diese Vorstellung beherrschte auch ihn, so wie alle, die auf das untergehende römische Reich, das letzte Weltreich, ihre Blicke gerichtet hatten. Und in der That bot diese Zeit kaum etwas anderes dar, als Zeichen des Verfalles und des Unterganges; Keime neuen Lebens mußten dem Frankenreiche in Gallien erst von außen wieder zugetragen werden, für die Neugestaltung des Staates von Austrasien, für die Kirche von den britischen Inseln.
Vor allem findet nun Gregor es durchaus nothwendig, sein Glaubensbekenntniß an die Spitze des Buches zu stellen, damit kein Leser an seiner Rechtgläubigkeit zweifeln könne; denn ein Hauptgegenstand seines Werkes würden die Kämpfe der Kirche mit den Ketzern sein. Höchst charakteristisch ist dies für eine Zeit, die seit Jahrhunderten von dem Gegensatze der Katholiken und Arianer erfüllt war, wo der Name des Orthodoxen der höchste Ehrentitel der Fürsten war, und die Franken ihren größten Stolz darin fanden, von jeder Ketzerei frei zu sein. Das gesteht ihnen auch der Mönch Jonas im Leben des Columban zu; den katholischen Glauben finde man bei ihnen, nur leider von den Werken auch gar keine Spur.
Es ist aber dieser Standpunkt für die Beurtheilung von Gregors Werk sehr wichtig; seine ganze Auffassung Chlodovechs beruht darauf. Nicht nach schriftlichen Aufzeichnungen schildert ihn Gregor; für die ersten Zeiten hat er wohl die schon erwähnten Autoren und den Orosius benutzt, auch einzelne annalistische Notizen und Heiligenleben, vorzüglich das Leben des Remigius, nebst Briefen und Aktenstücken[7]; aber seine Hauptquelle für die Urgeschichte der Franken, und bald seine einzige, ist doch die lebendige Ueberlieferung, und die Darstellung Chlodovechs sowie seiner nächsten Nachfolger ist darum schon durchaus sagenhaft; in diesem Abschnitt hat man sich sehr zu hüten, Gregors Autorität nicht zu überschätzen[8].
Chlodovech ist ihm der Streiter der Kirche, ihr Vorkämpfer gegen die Arianer; als solchen faßt er ihn vorzugsweise auf, und deshalb kann er auch (II, 40) von ihm sagen: „Gott aber warf Tag für Tag seine Feinde vor ihm zu Boden und vermehrte sein Reich, darum, daß er rechten Herzens vor ihm wandelte, und that was seinen Augen wohlgefällig war“.