Unmittelbar vorher hat Gregor erzählt, wie sich Chlodovech durch Mord und Verrath des ripuarischen Reiches bemächtigte, und man hat ihm daher jenen Ausspruch sehr zum Vorwurf gemacht. Diese Worte fassen aber den Inhalt nicht des einen Capitels allein, sondern auch der vorhergehenden zusammen, in welchen die Bekämpfung der arianischen Westgothen erzählt ist, der Kreuzzug, welchen die Kirche als Chlodovechs größtes Verdienst betrachtete. Ein feines Gefühl für Recht und Unrecht darf man freilich bei den Schriftstellern dieser Zeit nicht suchen; wie bei den Italienern des fünfzehnten Jahrhunderts war durch die täglich sich wiederholenden Greuelthaten das Gefühl dafür abgestumpft worden. Mord und Hinterlist waren so gewöhnliche Werkzeuge geworden, daß wer sie nicht selber anwandte, ihnen zum Opfer fiel; es kam daher für die Beurtheilung nur noch darauf an, ob sich ein lobenswerther Zweck damit verband, oder ob sie bloß der Selbstsucht und anderen schlechten Leidenschaften dienten. So erzählt denn auch Gregor zahlreiche Geschichten derart mit einer Kälte, die uns unheimlich berührt, ohne irgend etwas von dem Abscheu zu äußern, welcher den heutigen Leser dabei ergreift. Eben dadurch aber gewinnt er um so mehr an Glaubwürdigkeit; ganz in seiner Zeit stehend, gewährt er uns das treueste Bild derselben, und indem er nur einfach berichtet, was geschehen war, verdient er ohne Zweifel vollen Glauben, so weit seine eigene Kenntniß der Begebenheiten reicht, und so weit nicht etwa leidenschaftliche Erregung, so weit nicht seine eifrig kirchliche Denkungsart, sein Haß gegen die Ketzer, sein Urtheil trüben, oder seine übergroße Leichtgläubigkeit ihn irre führt. Sehr mit Unrecht hat man ihm absichtliche Entstellung Schuld geben wollen; von Flüchtigkeit und Ungenauigkeit dagegen ist er im ersten Theile seines Werkes nicht frei, und daran wird es auch wohl in den späteren Abschnitten, wo es unsere einzige Quelle ist, nicht fehlen.
Die Darstellung Gregors ist einfach und kunstlos; er selbst bittet um Entschuldigung deshalb: „Ich bitte die Leser vorher um Verzeihung,“ sagt er, „wenn ich im großen oder geringen gegen die Grammatik fehlen sollte, denn ich bin nicht recht bewandert in dieser Wissenschaft.“ Die Schulgelehrsamkeit der Zeit mangelte ihm, und das ist ein Glück für uns, ebenso wie bei Eugippius. Gregor selbst sagt darüber nicht ohne Ironie, daß er sich zu dieser Arbeit entschlossen habe, weil kein Gelehrter sie auf sich nehme, und weil er häufig verwundert habe vernehmen müssen, daß einen Schriftsteller von gelehrter Bildung nur wenige verständen, des schlichten Mannes Rede aber viele[9]. Einige Stellen seines Werkes, wo er sich in dieser Schreibart versucht hat, zeigen uns die Gefahr, vor welcher sein Mangel an Schulbildung uns bewahrt hat. In der Regel aber ist seine Schreibart diejenige, welche sich damals für die Legende ausgebildet hatte, und nach und nach allgemein herrschend wurde; schlicht und einfach, weil sie allgemein verständlich sein mußte, und erfüllt von biblischen Ausdrücken und Anspielungen, dem Standpunkt der Verfasser und dem Zweck ihrer Werke angemessen, da sie ja sämmtlich Geistliche sind und auch in der Darstellung der Geschichte die kirchliche Bedeutung derselben fast überall vorherrscht; dabei dem verfallenen Zustand der damaligen Umgangsprache entsprechend, erfüllt von den ärgsten grammatischen Verstößen; das Gefühl für die Bedeutung der Flexionsendungen hatte sich fast ganz verloren[10].
Die kunstlose, einfache Sprache Gregors, seine behagliche, memoirenartige Erzählung, welche Geschichten aller Art, die größten Staatsbegebenheiten und unbedeutende Vorfälle des gewöhnlichen Lebens bunt durch einander mischt, das ist es eben, was seinem Werke einen so großen Reiz verleiht, und es zu einem so treuen Spiegel seiner Zeit macht, daß ihm in dieser Hinsicht kein zweites zu vergleichen ist.
Vorzüglich zeigt uns Gregors Werk auch, wie besonders Loebell schlagend nachgewiesen hat, die völlige Verschmelzung der fränkischen und der romanischen Bevölkerung; von einem feindlichen Gegensatze beider Elemente ist nichts darin wahrzunehmen, und die römische Abkunft des Verfassers hat durchaus keinen Einfluß auf seine Darstellung ausgeübt.
Was er hörte, was er sah, das erzählte er, ohne weiteren Zweck, als das Andenken der Dinge zu erhalten; er dachte keineswegs gering von dieser Aufgabe und dem Werthe derselben, denn ausdrücklich beschwört er am Ende des letzten Buches seine Nachfolger auf dem Stuhle des heiligen Martin, sie unverkürzt und unversehrt der Nachwelt aufzubewahren, und nichts daran zu ändern. Und wenn auch nicht durch ihr Verdienst, so ist uns doch wirklich Gregors Werk in seiner ursprünglichen Gestalt überliefert worden, und seit Jahrhunderten hat man diese ungeschminkte Darstellung einer fernen Zeit hoch geschätzt und in Ehren gehalten. Wir können ihm keine hohe Stelle unter den Geschichtschreibern einräumen, denn ihm fehlen die wesentlichsten Eigenschaften, welche dazu gehören, die Beherrschung des Stoffes, das tiefere Eindringen in den Zusammenhang der Dinge; aber um so mehr ist es auch dankbar anzuerkennen, daß er nicht versucht hat, was ihm nicht gelingen konnte, sondern sich in Bescheidenheit begnügte, eine reiche Fülle des mannigfaltigen Stoffes in seinen Werken zusammenzufassen. Von vorzüglichstem Werthe ist darunter für uns seine Geschichte der Franken, doch enthalten auch seine Wundergeschichten und Heiligenleben viele für die Charakteristik der Zeit wichtige Züge.
In seinen letzten Jahren, als die blutigen Stürme, die das Frankenreich zerrissen hatten, eine Weile ruhten, als Childebert und König Gunthram den Frieden aufrecht hielten, hat Gregor seine Erzählung fortgeführt bis zum Jahre 591; am Ende fügte er noch eine kurze Geschichte der Bischöfe von Tours[11], und zuletzt einen Abriß seines eigenen Lebens hinzu: ein Schlußwort, welches Monod als Epilog zu allen seinen Werken, nicht zur Geschichte allein betrachtet. Dann begann er, wie es scheint, sein Werk noch einmal zu überarbeiten; die sechs ersten Bücher enthalten Einschiebungen, welche um diese Zeit geschrieben sind, und diese sechs Bücher sind denn auch, so scheint es, zuerst allein bekannt geworden; nur sie finden sich in der ältesten Handschrift, und sie allein wurden später in einen Auszug gebracht.
Bei weitem nicht mehr in dem Grade wie Isidor, hatte Gregor in sich aufgenommen, was von der alten Bildung noch übrig war; doch war sie auch auf ihn nicht ohne Einfluß geblieben; hoch überragt er die nun folgende Zeit der tiefsten Barbarei, wo kaum noch einzelne Funken litterarischen Lebens zu finden sind, wo die aus der alten Welt herübergenommene Bildung fast vollständig abstarb, während zugleich politisch die ärgste Verwilderung und Auflösung eintrat: im siebenten Jahrhundert, sagt O. Abel, nach Brunhilde und Fredegunde verliert im merowingischen Königshause auch das Laster seine Größe, in wachsender Jämmerlichkeit schleppt sich das entartete Geschlecht noch anderthalb Jahrhunderte durch die Geschichte.
Erwähnt habe ich vorher ([S. 97]), daß Gregor auch annalistische Notizen benutzt habe, welche im Anfang seiner Geschichte sehr deutlich zu erkennen sind. Mit diesen hat man sich neuerdings sehr eingehend beschäftigt[12]. Schon oben [S. 57] ist der Annalen von Arles gedacht worden, welche mit Consularfasten verbunden sind. Holder-Egger hat ihre Benutzung nachgewiesen in einer Weltchronik, welche fälschlich den Namen des Severus Sulpicius trägt[13], und bis 511 reicht, nach seiner Ansicht aber wahrscheinlich erst 733 in Südgallien verfaßt ist; nicht unwichtig für die westgothische Geschichte von 450 bis 500. Er findet außerdem ihre Spuren bei Isidor, Marius, Jordanis, und in Verbindung mit den Ravennater Fasten bei Gregor[14] und in der Fortsetzung des Prosper bis 641. Gregor hat außerdem noch Annalen benutzt, welche wahrscheinlich aus Angers stammen, und burgundische, welche auch Marius hatte, und deren Verwerthung bei beiden ihre Uebereinstimmung erklärt, wie W. Arndt nachgewiesen, und Monod, welcher früher Benutzung des Marius bei Gregor angenommen hatte, ihm zugegeben hat.
Der Bischof Marius von Avenches, ein Zeitgenosse Gregors, ist zu erwähnen, als Verfasser einer Fortsetzung des Prosper, oder vielmehr des Chronicon imperiale (oben [S. 82]) bis 581. Marius scheint ein vortrefflicher Mann und exemplarischer Bischof gewesen zu sein, dazu ein geschickter Goldschmidt, welcher kunstreiche Geräthe für seine Kirche selbst verfertigte. Im Jahre 530 oder 531 aus edlem Geschlecht im Sprengel von Autun geboren, wurde er 574 Bischof der alten Römerstadt Avenches, welche sich von der Zerstörung durch die Alamannen niemals recht erholt hatte, und deshalb verlegte er den Sitz des Bischofs nach Lausanne, wo er am 31. December 594 gestorben ist[15].
In seiner Schulbildung stand er nicht höher als Gregor. Es verdient Anerkennung, daß er in dieser Zeit den Versuch machte, die Weltchronik fortzusetzen, aber dürftig genug ist der Versuch ausgefallen. Er besaß ein Exemplar der Ravennater Fasten, mit annalistischen Notizen aus Arles vermehrt, und benutzt, ihnen folgend, die Consulreihe, zu welcher er die Indictionen hinzufügt, später die Jahre p. c. Basilii und die Regierungsjahre Justins II und Tiberius II, als einzige brauchbare Chronologie; inmitten der vorübergehenden und durch innere Kriege erschütterten neuen Reiche ist ihm die „res publica“ das einzig bleibende, und ganz außerhalb ihres Bereiches, scheint er doch die Kaiser als die wahren Herren der Christenheit zu betrachten. Uebrigens berichtet er doch vorzüglich die ihn näher berührenden Vorgänge des burgundischen und des fränkischen Reiches, und was er mittheilt, hat für uns großen Werth. Bis 467 lassen sich bei ihm (nach W. Arndt) die Annalen von Arles, bis 526 die Ravennater verfolgen. Vom Jahre 500 an schöpft er aus burgundisch-fränkischen Annalen, vielleicht bis 570 oder 571. Endlich nimmt Arndt noch „byzantinische, wohl in Mailand verfaßte Annalen“ an, welche bis 568 nachweisbar wären, und auch von Marcellin benutzt.