Freilich sind in Baiern ebenfalls Schotten thätig gewesen, obwohl hier die namhaftesten Missionare Franken waren. Die Kirchengründungen aber entstanden nach irischer Weise in der Form von Klöstern, deren Aebte auch zugleich das bischöfliche Amt verwalteten. So war es in Salzburg, Regensburg und Freising, und die Rivalität zwischen den Bischöfen und den Klöstern von St. Emmeram und St. Peter zieht sich fort bis in die neueste Zeit.

Es ist kaum glaublich, daß nicht im Laufe des siebenten Jahrhunderts einzelne Missionare, Franken und Iren, in Baiern sollten thätig gewesen sein; das Christenthum war äußerlich durch die Frankenkönige eingeführt, aber wenig ins Volk eingedrungen und nach der Lockerung des staatlichen Bandes völlig verfallen, die Herzogsfamilie selbst, heißt es, ungetauft[28]. Da berief der Herzog Theodo i. J. 696 den Bischof Rupert von Worms zu sich, um das kirchliche Wesen einzurichten[29]. Er wurde der Begründer des nun fest und bleibend gepflanzten Christenthums in Baiern, der Stifter von St. Peter in Salzburg, von wo sein Nachfolger Virgil (743 als Abt, als Bischof 767 bis 784), ein Irländer, das Evangelium auch zu den karantanischen Slaven trug[30].

Auch ein fränkischer Bischof, Emmeram von Poitiers, verließ, vermuthlich im Anfang des achten Jahrhunderts, seine Heimath, um auf diesem Felde zu wirken, und sein Grab wurde der Grundstein der Regensburger Kirche; Corbinian, ebenfalls ein Franke, legte den Grund zu der Freisinger Kirche.

Unsere Nachrichten über diese Begebenheiten sind aber leider sehr unzulänglich; für den zuverlässigsten galt der kurze Bericht über S. Rupert, welcher den Eingang der Schrift über die Bekehrung der Baiern bildet, ihm schienen alte Aufzeichnungen zu Grunde zu liegen[31]. Und diese, nämlich die ursprüngliche Form der Vita, glaubte Franz Martin Mayer in einer Grazer Hs. gefunden zu haben, worin freilich von Sprache und Stil des 8. Jahrh. nichts zu spüren ist[32]. Hiergegen aber hat sich J. Friedrich erhoben[33], und aus alten Salzburger liturgischen Büchern nachgewiesen, daß man noch lange im 9. Jahrh. kein Leben Ruperts besaß und daß man den 24. Sept. als seinen Todestag feierte[34]. Nur durch ein Mißverständniß hielt man später den Sonntag, an welchem er gestorben, für den Auferstehungstag. Die Grazer Vita erklärt Friedrich für die aus der Conversio entnommenen Lectionen, beiden aber spricht er allen historischen Werth ab, worin er denn doch wohl etwas zu weit gehen möchte. Denn so frei man auch in der Ausschmückung, ja Erfindung von Legenden verfuhr, man machte doch nicht leicht seinen Heiligen zum Bischof von Worms und setzte seine Ankunft in ein bestimmtes Jahr eines ganz verschollenen Königs, wenn dafür nicht Notizen vorlagen.

Die Legenden von Emmeram[35] und Corbinian[36] sind zuerst vom Bischof Aribo von Freising[37] (764-783), letztere auf Ansuchen des Bischofs Virgil von Salzburg, nach der mündlichen Ueberlieferung verfaßt und von sehr geringem Werthe. Ein anstößiger Umstand darin ist die Reise der beiden Missionare nach Rom; denn erst die Angelsachsen hielten es für nothwendig, sich von dort die Vollmacht zur Missionsthätigkeit zu holen, während vorher den Franken wie den Iren ein solcher Gedanke ganz fern lag, ja selbst Bonifaz noch zu seiner ersten Mission unter den Friesen eine solche Vollmacht nicht eingeholt hat. Später aber galt diese Erlaubniß für so unerläßlich, daß die Legendenschreiber sie auch für die ältere Zeit ganz unbedenklich als selbstverständlich annahmen. Sie erzählen daher eine solche Reise als Thatsache, und nennen den Pabst, der nach ihrer Berechnung der Zeitverhältnisse damals regiert hatte. Die neueren Gelehrten haben dann wieder umgekehrt nach dem Namen des Pabstes die Zeit des Heiligen bestimmt und dadurch die Verwirrung vollständig gemacht; ein Fehler, von dem auch Rettberg nicht frei ist. Daß die Sache sich aber wirklich so verhielt, zeigt sich deutlich an den Legenden, die in ihrer älteren noch erhaltenen Form nichts von einer solchen Reise nach Rom wissen, während sie in den späteren Bearbeitungen eingeschoben ist. Das ist der Fall bei dem heiligen Patricius, bei S. Rupert; auch Gregor von Tours läßt sein späterer Biograph nach Rom reisen.

Denselben Umstand finden wir auch im Leben des heiligen Kilian[38], des ersten bekannten Missionars unter den Ostfranken. Auch er war gegen das Ende des siebenten Jahrhunderts mit mehreren Begleitern aus Irland gekommen, und seine Wirksamkeit ist bezeugt durch die hohe Verehrung seines Namens; wie an S. Gallus Grabe, so scheinen sich auch in Würzburg seine Landsleute zahlreich eingefunden zu haben, und noch jetzt finden wir ihre Spuren in den irischen Schriftzügen der dortigen Handschriften. Die Lebensbeschreibung aber ist erst im zehnten Jahrhundert verfaßt und fast ganz werthlos.

Diese irischen und fränkischen Missionare bereiteten den Boden vor für die Angelsachsen, mit deren Auftreten ihr Stern erlischt. Ihre Pflanzungen waren zu vereinzelt, um sich erhalten zu können, es fehlte ihnen die feste Organisation, durch welche jene so stark waren, und die vereinzelten Mönche konnten sich von Entartung und Verwilderung nicht freihalten. Ihre Eigenthümlichkeiten in Lehre und Gebräuchen brachten sie bald in Streit mit den Angelsachsen, und es ist ferner nicht mehr die Rede von ihnen. Nur als Pilger erscheinen sie noch, geschätzt wegen ihrer strengen Entsagung, wegen ihrer Fertigkeit im Schreiben, und häufig auch noch wegen ihrer Gelehrsamkeit; aber als Missionare finden wir sie nur zur Zeit der Merowinger genannt.

Geschichtliche Nachrichten aus dieser Zeit haben sie selbst uns durchaus nicht überliefert; man sollte meinen, daß ihnen der Sinn für historische Aufzeichnung der Begebenheiten gänzlich fehlte. In der Heimath aber verfaßten sie doch Jahrbücher, deren Anfänge sehr alten Zeiten zugeschrieben werden, und sie mögen wohl nicht ganz ohne Einfluss auf die Entstehung der jetzt im Frankenreiche aufkommenden Klosterannalen gewesen sein, da wir an der Spitze derselben hin und wieder irische Namen finden, doch ist eine irgend erhebliche Betheiligung von Schottenmönchen an den weiteren Aufzeichnungen nicht nachweisbar. Andere Annalen gehen auf Lindisfarne zurück, eine britische Stiftung in England; aber diese sind nicht unmittelbar, sondern über Canterbury ins Frankenreich gekommen, wie denn überhaupt diese Annalen von den Angelsachsen, nicht von den Irländern ihren Anfang nehmen.

Die Schotten stehen in der genauesten Beziehung zu der alten fränkischen Kirche, und gehören mit dieser wesentlich der merowingischen Periode an; sie haben manche Keime gelegt und anregend gewirkt, aber eine neue frische Entwickelung war im merowingischen Reiche und auf dem alten Boden nicht mehr möglich; schon in den letzten Zeiten der Merowinger knüpft sich alles wirklich lebensfähige an das neue Geschlecht der Arnulfinger, und wir beginnen deshalb mit seinem Auftreten einen neuen Zeitraum.