Eine der geschichtlich wichtigsten, die Vita Vedasti († 540) ist schon oben [S. 97] erwähnt; das Leben von Chlodwigs Gemahlin Chrothildis[2] († 548) ist aus den Gestis Francorum geschöpft, kaum vor dem zehnten Jahrhundert geschrieben und geschichtlich unbrauchbar. Von Chlodovald (Saint Cloud, † c. 550), einem Sohne Chlodomirs, den seine Großmutter vor dem Schicksal seiner gemordeten Brüder bewahrte und der dann ein frommer Priester wurde, giebt es eine ganz aus Gregor geschöpfte Lebensbeschreibung; eine zweite, im zehnten Jahrhundert in St. Cloud verfaßte[3] ist werthlos. Nicht so inhaltlos, wenn auch hauptsächlich Wundergeschichten berichtend, ist das von Fortunat beschriebene Leben des Bischofs Germanus von Paris[4] († 576). Des Lebens der h. Radegunde († 587) wurde schon oben [S. 92] gedacht. Von der Passio des Bischofs Desiderius von Vienne († 608) ist erst kürzlich die älteste Fassung aus dem siebenten Jahrhundert bekannt geworden[5]. Durch ziemlich gleichzeitige Entstehung und noch unverfälschte Ueberlieferung ausgezeichnet ist die erst kürzlich wieder aufgefundene älteste Lebensbeschreibung des Bischofs Gaugerich von Cambrai († zw. 623 u. 629), welche manche culturgeschichtlich wichtige Züge und auch geschichtlich brauchbare Nachrichten bietet[6]. Arnulf und Gertrud werden weiter unten noch zu erwähnen sein. Zu den geschichtlich wichtigsten gehört wegen der Gleichzeitigkeit und der hervorragenden Bedeutung des Mannes das Leben des Bischofs Desiderius von Cahors († 654)[7].
Von ausgezeichnetem Werth sind die Lebensbeschreibungen von drei Männern, welche in der zweiten Hälfte des siebenten Jahrhunderts auch politisch bedeutend hervortreten, Eligius (St. Eloy, † zw. 659 und 665), zuletzt Bischof von Noyon, besonders hervorragend als kunstreicher Goldschmidt, und deshalb auch Schutzpatron dieser Künstler[8], Audoenus (St. Ouen, † 683), Bischof von Rouen, sein Freund und Biograph[9], Leodegar (St. Léger, † 678), Bischof von Autun[10], nur ist der kritische Zustand dieser Werke bis jetzt noch ein wenig befriedigender. Zu diesen nicht gering zu schätzenden Leistungen des siebenten Jahrhunderts gehört auch noch das Leben der Balthildis, der Gemahlin Chlodwigs II[11] († c. 680), der Stifterin von Corbie an der Somme und von Chelles, wo wahrscheinlich diese Schrift zur Feier ihres Andenkens verfaßt ist. Wie elend dagegen das in viel späterer Zeit im Kloster Sathonay geschriebene Leben Dagoberts III[12] († 716), den aber der Verfasser für den Zweiten hält, ausgefallen ist, das möge man in dem Vorwort von Krusch nachlesen. Es hat nur dadurch eine relative Bedeutung, dass es von Theofrid von Echternach und von Alberich als Quelle benutzt worden ist. In Betreff des Lebens der h. Odilia († c. 720) ist nur zu warnen vor den als Fragmente eines angeblich ältesten Lebens veröffentlichten Fragmenten, welche eine Fälschung Vigniers sind, während die echte Vita doch auch nicht älter als das zehnte Jahrhundert ist und geringen Werth hat[13]. Von den Lütticher Heiligen Hubert und Lambert wird weiter unten die Rede sein.
Zunächst aber wollen wir uns hier noch einer Betrachtung derjenigen Legenden zuwenden, welche eine nähere Beziehung auf Deutschland haben und die erneute Pflanzung des Christenthums auf deutschem Boden berühren.
Die Franken haben sich damit nicht viel befaßt; es kümmerte sie wenig, daß so viele ihrer Landsleute noch Heiden waren; im alten Frankenlande an der Schelde fand noch im siebenten Jahrhundert Amandus viel Heidenthum auszurotten[14]. War doch bei den christlichen Franken selbst nicht viel mehr als die äußere Form der Rechtgläubigkeit übrig geblieben; fromme Männer fanden zu Hause Spielraum genug für ihre Thätigkeit. Die Mission finden wir daher in diesen Jahrhunderten fast ausschließlich in den Händen Schottischer, d. h. nach dem Sprachgebrauch des früheren Mittelalters Irländischer Mönche, welche damals alle Länder durchzogen. In dieser Insel, welche allein ihre keltische Bevölkerung ungemischt bewahrt hatte, die allen fremden Welthändeln ferne lag, war das Christenthum mit dem hingebendsten Eifer aufgenommen worden, und hier war bald nicht nur die strengste, mönchische Frömmigkeit, sondern auch eine ernstliche wissenschaftliche Thätigkeit zu Hause; während im ganzen Abendland die gelehrte Bildung unterzugehen und zu verschwinden drohte, fand sie hier sorgsame Pflege[15] freilich nur im Dienste der Kirche. Man schrieb die heiligen Schriften ab, man lernte, um sie zu verstehen, lateinisch und griechisch, man beobachtete die Sterne, um die kirchlichen Feste berechnen zu können, man übte die Musik für den Gottesdienst, baute Kirchen und Glockenthürme, man schmückte die Bücher der Kirchen mit kunstreicher Malerei und ihre Altäre mit köstlichen Gefäßen. Doch auch die profanen Schriftsteller erschienen hier nicht, wie in Italien, gefährlich; freilich sind die Columban zugeschriebenen Gedichte, worin die alten Dichter viel benutzt und angeführt werden, von zweifelhafter Echtheit. Vorzugsweise aber äußerte sich die Frömmigkeit dieser Mönche in weiten Pilgerfahrten, in dem Verlassen der Heimath, um in entlegener Fremde als Einsiedler zu leben oder Klöster zu gründen, um unter Christen und Heiden das Evangelium zu predigen[16]. Das Frankenreich war erfüllt von ihnen: was gäben wir darum, wenn sie aufgeschrieben hätten, was sie sahen; wenn sie uns über ihre Thätigkeit und ihre Schicksale zuverlässige Berichte hinterlassen hätten! Allein das lag ihnen ferne; sie, die Meister im Schreiben, hatten für geschichtliche Aufzeichnungen keinen Sinn, und nur wo sie so bedeutend wirkten, daß dauernde Gründungen ihr Gedächtniß bewahrten, hat ihr Andenken sich erhalten. Aber in völlig nebelhaften Umrissen würde ihr Bild uns verschwimmen, wenn nicht glücklicher Weise einer von ihnen, und wohl von allen der hervorragendste, in Italien einen Biographen gefunden hätte. Das ist S. Columban, der Stifter von Bobio[17].
Nach der Gewohnheit dieser Schottenmönche zog Columban, gebürtig aus Leinster, gegen das Ende des sechsten Jahrhunderts[18] mit zwölf Gefährten aus von dem Kloster Benchuir oder Bangor; staunend und tief ergriffen lauschte das Volk im Frankenreiche ihrer feurigen Beredsamkeit, die entartete Geistlichkeit aber scheute die strengen Bußprediger und fürchtete ihren Einfluß auf die Menge. Die Könige dagegen nahmen sie willig auf, ihr Eifern gegen die ganz verfallene Kirchenzucht war ihnen willkommen und auf Childeberts Wunsch ließ Columban sich mit seinen Begleitern in den Vogesen nieder; zahlreiche Schüler strömten ihnen zu, und bald erhoben sich Klöster in der Wildniß, vor allem Luxeuil. Es waren dies nicht großartige Gebäude, wie in der späteren Zeit, sondern wie einst S. Severins Ansiedelungen Haufen unscheinbarer Hütten, in deren Mitte eine kleine Kirche sich erhob; neben ihr der runde Thurm, der die Glocken trug, und im unteren Geschoß, von der Erde nur auf Leitern zugänglich, eine Zuflucht in Zeiten der Gefahr darbot.
Aber Columbans Feuereifer schonte auch der Könige nicht; keine menschliche Rücksicht konnte ihn bestimmen, zu dem sittenlosen Treiben des burgundischen Hofes zu schweigen, und furchtlos trat er den Ausschweifungen Theuderichs entgegen. Den Bischöfen war er längst zuwider; schon die bloße Anwesenheit dieser Mönche im Lande veranlaßte zu Vergleichungen ihres ascetisch strengen Lebens mit dem lockeren Wandel der merowingischen Prälaten. Die Abweichung der irischen Kirchengewohnheiten von den gallischen und die Unabhängigkeit der Klöster von bischöflicher Aufsicht, welche nach irischer Weise in Anspruch genommen wurde, boten eine Waffe dar; man erklärte sie für ketzerisch, und so vertrieb denn endlich um 610 Brunhilde, deren Zorn er verachtet hatte, den Columban sammt seinen Genossen. Ueber Nantes sollten sie nach Irland geschafft werden, aber ein Sturm warf sie wieder an die Küste; Chlotar II und Theudebert nahmen sie ehrfurchtsvoll auf; hier wählte er zu seinem Aufenthalt Bregenz in Alamannien, wo ungeachtet der Frankenherrschaft und der Bestimmungen des Volksrechts doch das Heidenthum noch stark war. Drei Jahre lang blieb Columban zur Bekämpfung desselben in Bregenz. Dann aber verließ er das Frankenreich gänzlich und wanderte in das Langobardenreich, wo Theudelinde, die Freundin Gregors des Großen, ihn mit Freuden aufnahm. Hier stiftete er nun das Kloster Bobio zur Vertilgung der Reste arianischer Ketzerei, und noch jetzt zeigen die zerstreuten Handschriften dieses Klosters die alten irischen Schriftzüge und Erinnerungen an die Heimath wie die Versiculi familiae Benchuir[19]. Mit vollem Eifer überließen sie sich hier ihrer Lieblingsneigung zum Schreiben, die unverständlich gewordenen Ueberbleibsel der gothischen Litteratur und Fragmente von alten Prachthandschriften der Klassiker benutzten sie, um auf das reingewaschene Pergament die Werke der rechtgläubigen Kirchenväter zu schreiben[20]. Sie retteten jene Pergamentblätter dadurch vom Untergang, und es war auch nicht etwa ein fanatischer Haß gegen die heidnischen Schriftsteller, welcher sie zur Vertilgung derselben antrieb. An Handschriften derselben war damals noch kein Mangel, und sie selber benutzten dergleichen zur Erlernung der Sprache; finden wir doch unter den Schulbüchern zu Bobio auch den Ovid.
Am 21. November, wahrscheinlich im J. 615, ist Columban gestorben. Drei Jahre nach seinem Tode kam Jonas aus Susa in das Kloster Bobio. Dieser beschrieb zuerst, noch auf Veranlassung des Abtes Bertulf, das Leben des Columban, welchem er das Leben seiner Schüler Eustasius und Attala, die ebenfalls als Missionare von Luxeuil ausgingen, folgen ließ; dann des Bertulf, Abtes von Bobio, und der Burgundofara, welche Columban zur Nonne geweiht hatte. Jonas verräth seine italische Herkunft und den Unterricht der Grammatiker durch seine unerträglich schwülstige Schreibart, aber er hat uns außerordentlich schätzbare Nachrichten aufbewahrt. Auf den Wunsch der Königin Balthilde ist er, der inzwischen irgendwo Abt geworden war, auch nach Chalon-sur-Saone gekommen, und hat im Nov. 659 im Reomaenser Kloster auf Verlangen des Abts das Leben des 540 gestorbenen Gründers des Klosters Johannes beschrieben[21].
Einer von jenen ursprünglichen zwölf Gefährten, die mit Columban von Bangor auszogen, war Gallus, in älterer Form Callo, Gallunus, der in Alamannien zurückblieb, als sein Meister über die Alpen zog, und zuerst die Bekämpfung des Heidenthums am Bodensee fortsetzte, später aber als Einsiedler in das wildeste Gebirge sich zurückzog, wo er um die Mitte des siebenten Jahrhunderts gestorben ist. Als dann nach seinem Tode das Grab des Heiligen immer häufiger von irischen Pilgern aufgesucht wurde und immer mehrere von ihnen, sowie auch von den Alamannen, sich hier niederließen, erwuchs aus dem unscheinbarsten Anfang das Kloster St. Gallen, und so wie die kleine Zelle des Gottesmannes der Kern und Anfang dieser reichen Stiftung ist, so schloß sich in gleicher Weise an die Lebensbeschreibung des Stifters[22] die später so bedeutende Litteratur von St. Gallen. In ihrer ursprünglichen Form ist uns diese aber nicht erhalten; sie war nach einer alten Aufzeichnung a Scotis semilatinis corruptius scripta, und enthielt nach Walahfrids Zeugniß häufig die Form Altimannia, welche in der uns erhaltenen ältesten nicht vorkommt[23]. Der Verfasser dieser Biographie war ein Alamanne, welcher die alte barbarisch geschriebene überarbeitet hat; sein Name ist uns aber erst jetzt bekannt geworden[24], indem Fr. Bücheler in dem unglaublich barbarischen metrischen Prolog das Acrostichon erkannte: Cozberto patri Wettinus verba salutis. Wetti also ist es, der 824 nach seiner bekannten Vision gestorben ist, und dem Abt Gozbert (816-837) sein Werk widmete. Es ist daher noch bedeutend jünger als man früher annahm, wenn man auch schon erkannt hatte, daß es erst nach 771 geschrieben war. Mancher merkwürdige, namentlich culturgeschichtlich bedeutende Zug ist darin aufbewahrt, aber erst fast zwei Jahrhunderte nach dem Tode ihres Helden geschrieben, darf diese Biographie, wenn auch eine alte Grundlage vorhanden war, doch nur mit Vorsicht benutzt werden. Vorzüglich auf die Wunder, überhaupt aber auf Verherrlichung des Stifters ist das Bestreben des Verfassers gerichtet; im Anfang benutzt er das Leben Columbans, später nur die Tradition nicht ohne erhebliche chronologische Verstöße. Seine Sprache zeigt gegen die frühere Zeit einen erheblichen Fortschritt, doch ist sie für karolingische Zeit recht roh und fehlerhaft; hin und wieder fällt rhythmischer Klang mit Reimen auf.
Von Columbans Stiftung Luxeuil ging auch das Kloster Granval im Baseler Sprengel aus, und das Leben des ersten Abtes Germanus[25], der um die Mitte des siebenten Jahrhunderts erschlagen ist, wurde bald nachher von Bobolen beschrieben.
Noch andere Klöster Alamanniens und des Elsasses führten ihren Ursprung auf irische Mönche zurück und haben es auch nicht an Lebensbeschreibungen ihrer Stifter fehlen lassen, die aber erst später entstanden und völlig unbrauchbar sind. Merkwürdig ist, daß man in späterer Zeit in diesen Gegenden so gewohnt war, die Begründer der Klöster aus der merowingischen Zeit als Schotten zu betrachten, daß man sie in den Legenden unbedenklich dafür ausgab, wenn auch gar kein Grund dazu vorhanden war; auch Franken, wie Arbogast[26], Trudpert und Landelin[27], erscheinen da als Schotten, und sogar S. Rupert, der Apostel der Baiern, wird ihnen zugezählt.