Schon vor Beda hatte auch die angelsächsische Mission begonnen, welche sich hauptsächlich den stammverwandten Sachsen und Friesen zuwandte. Ein charakteristischer Unterschied dieser Mission von der irischen liegt in ihrem Verhältniß zum römischen Stuhl: seitdem S. Augustin, von Gregor dem Großen gesendet, die englische Kirche begründet hatte, war diese in der engsten Verbindung mit Rom geblieben, und von da aus geleitet, wurde die Kirchenverfassung fest und sicher organisirt. Dadurch gewann diese Mission einen ganz anderen Boden, und war nicht der Vereinzelung und der daraus folgenden Verwilderung ausgesetzt, welche den Erfolg der Schottenpredigt auf einzelne Klosterstiftungen beschränkte.

An zuverlässigen Lebensbeschreibungen der älteren unter diesen Glaubensboten fehlt es freilich auch, und ihre Wirksamkeit würde uns in nicht minder zweifelhaftem Dämmerlichte erscheinen, als die der Schottenmönche, wenn nicht die englische Kirche, von der sie ausgingen, in helleren Umrissen vor uns stände, und vor allem Beda uns so manche sichere Nachricht aufbewahrt hätte.

Augustin, der erste Erzbischof von Canterbury, starb um das Jahr 604. Schon sein Schüler Livin soll in Friesland gepredigt haben, seine Lebensbeschreibung aber ist ein späteres betrügliches Machwerk. Da sie fälschlich dem Bonifatius zugeschrieben wird, findet sie sich in der Sammlung seiner Schriften[3].

Auch Wilfrid, Erzbischof von York, der im J. 709 gestorben ist, hat unter den Friesen gepredigt, als er auf einer Reise nach Rom 678 an ihrer Küste landete, um den Nachstellungen des Hausmeiers Ebroin zu entgehen[4]. Besonderes Verdienst um die Mission erwarb sich aber Egbert, der Abt des Klosters Hy, in welchem er die bis dahin dort herrschende irische Weise durch die siegreiche römisch-englische verdrängte. Er entsandte zum Friesenfürsten Radbod den Wigbert[5], und nach dessen Heimkehr im Jahre 690 Willibrord mit elf Gefährten. Dieser, 695 in Rom zum Bischof geweiht, begründete 698 das Kloster Echternach, aber nicht allein als Stätte eines stillen beschaulichen Lebens, sondern als Ausgangspunkt für seine Thätigkeit, und mit Karl Martels Hülfe gelang ihm sodann auch die Stiftung des Bisthums Utrecht, wo er im Jahre 738 als erster Bischof verstorben ist. Sein Leben ist erst lange nach seinem Tode von Alcuin aus fast ausschließlich erbaulichem Gesichtspunkt beschrieben worden[6]; die ältere Lebensbeschreibung, welcher er gewiss wesentlich folgte, von einem Schottenmönch rustico stilo verfaßt, wie die älteste Vita des h. Gallus, ist leider, wie diese verloren, aber sie wurde noch benutzt von Thiofrid, Abt von Echternach (1083-1110), dessen Werk deshalb nicht ohne Werth ist[7].

Gleichzeitig mit ihm predigte auch Suitbert, der Stifter von Kaiserswerth, von dem jedoch nur wenig bekannt ist. Als das merkwürdigste Andenken, welches er uns hinterlassen hat, sehr bezeichnend für die höhere und feinere Bildung, welche diese Angelsachsen in der Heimath pflegten und von da ins Frankenreich verpflanzten, galt bisher die schöne Handschrift des Livius, welche er mitgebracht haben sollte, und die jetzt zu den kostbarsten Schätzen der Wiener Hofbibliothek gehört. Doch wird die Inschrift jetzt richtiger anders gelesen, die Bedeutung der Handschrift aber ist nicht geringer, wenn sie aus der Utrechter Schule stammt[8]. Suitberts Biographie dagegen, angeblich von Liudgers Genossen Marchelm oder Marcellinus verfaßt, ist ein grober Betrug späterer Zeit[9].

Unter den Sachsen predigten der weiße und der schwarze Ewald, deren Lebensbeschreibung aus Beda entnommen, aber völlig sagenhaft ist[10]. Später folgte ihnen Liafwin, jedoch erst um 770, nachdem vielleicht schon mancher Glaubensbote vergeblich, und ohne das Andenken seines Namens zu hinterlassen, versucht hatte, das starre Heidenthum der alten Sachsen zu überwinden. Das Leben Liafwins, von Hucbald von St. Amand, ist nicht ohne Werth, aber doch erst in viel späterer Zeit, im zehnten Jahrhundert verfaßt[11].

In Franken finden wir Burchard, den Bonifaz zum ersten Bischof von Würzburg weihte, wo S. Kilian mit seinen Genossen den Boden bereitet hatte. Auch seine Lebensbeschreibung aber ist erst im 9. Jahrh. von einem Würzburger Cleriker verfaßt und völlig werthlos; die wenigen Thatsachen, welche darin berichtet werden, sind theils entstellt, theils mit oder ohne Absicht erfunden[12].

Die erste wirklich gleichzeitige Lebensbeschreibung besitzen wir von Winfrid, dem Stifter der neuen fränkischen Kirche, der alle die einzelnen Pflanzungen seiner Vorgänger zusammenfaßte in eine mächtige Organisation, und ihnen dadurch die Kraft zum dauernden Bestehen gab, der zugleich die alte verfallene fränkische Landeskirche emporrichtete, und so im Verein mit den karolingischen Herrschern das gewaltige Gebäude aufführte, in dem die neu hervorsprießende geistige Bildung für viele Jahrhunderte eine gesicherte Stätte finden sollte, mitten unter allen Stürmen und Drangsalen der kampferfüllten Zeiten. Allein die Schilderung seines Lebens und seiner Wirksamkeit liegt unserer Aufgabe fern; wir müssen uns hier begnügen, auf die ausführliche Darstellung Rettbergs I, 331 ff. zu verweisen, wo auch genauere Nachweisungen über seine Biographen zu finden sind[13].

Sein kirchlicher Name war Bonifatius, ohne Zweifel von bonum fatum abzuleiten, aber nach einer richtigen Bemerkung von Loofs scheinen die Zeitgenossen den Namen vielmehr von bonum fari hergeleitet zu haben[14]. Er besaß eine für jene Zeit hervorragende Bildung, und wir besitzen noch von ihm eine Grammatik und Metrik[15], und nicht ohne Geschick und Gewandtheit verfaßte Gedichte mit der Vorliebe für Akrostichen und andere Spielereien, welche der Zeit und besonders seinen Landsleuten eigen ist[16].

Von weit größerem Werthe für uns ist die Sammlung von Bonifazens eigenen Briefen und den päbstlichen Schreiben an ihn[17]; aber auch die bald nach seinem Tode, vielleicht noch zu Pippins Lebzeiten[18], sicher vor 786 verfaßte Biographie enthält schätzbare Nachrichten, und erhebt sich weit über die früheren Leistungen der Art. Der Verfasser war ein Priester Namens Willibald, wohl ein Landsmann, der bei der Kirche St. Victor bei Mainz lebte, und auf Veranlassung der Bischöfe Lullus von Mainz und Megingoz von Würzburg seine Arbeit unternahm. Lullus besonders versah ihn mit Nachrichten, so wie auch andere Schüler Winfrids, den Willibald selbst nicht gekannt hatte. Dieser ist freilich hinter einer genügenden Behandlung seiner großen Aufgabe zurückgeblieben; anfangs sorgfältig und genau, scheint er bei der großartigen Entfaltung der Wirksamkeit seines Helden, bei den verwickelteren politischen Verhältnissen unter Pippins Regierung zu ermatten, er wird verwirrt und ungenau, übergeht gänzlich die wichtigsten Vorfälle und eilt weiter zu dem Märtyrertode des Bonifaz[19], bei welchem er in frommem Phrasenschwall verweilt. Aehnliche Erscheinungen sind auch in Biographien der späteren Zeit häufig; wo ein Bischof aus dem engen Kreise der Ascetik und bescheidener Pastoraltugenden heraustritt, wo er als Staatsmann zu schildern war, entzieht er sich dem Gesichtskreis seines Biographen. Hier aber ist der Abstand der §§ 30-32 von Anfang und Ende so auffallend, namentlich auch der Mangel aller bestimmten Angaben über Bonifatius Erhebung auf den Mainzer Stuhl, die plötzlich als fertige Thatsache erwähnt wird, sowie über die Stiftung des Klosters zu Fulda so unerklärlich, daß der Verdacht, Lullus Censurstriche möchten hier verwirrend und verstümmelnd eingewirkt haben, kaum abzuweisen ist[20]. Auch der Streit über die Beerdigung des Märtyrers in Mainz oder in Fulda ist mit keinem Wort berührt. Willibalds Sprache ist noch weit entfernt von der Reinheit der karolingischen Latinität, aber er bezeichnet doch schon den Anfang einer besseren Zeit; er hat in der Schule seine Classiker gelesen, und sein Hauptfehler besteht darin, daß er es zu gut machen will, daß er im Streben nach einem gewählten Stil in Verkünstelung verfällt, während er doch in den Grundregeln der Grammatik noch keineswegs sicher ist[21].