Am Hofe hatte sich aus alter Zeit immer eine Hofschule erhalten[19]. Diese wurde durch Karl neu belebt; er selbst, seine Kinder, seine Hofleute, nahmen an dem Unterrichte und den Uebungen Theil. Es erwuchs daraus neben der eigentlichen Schule eine förmliche Akademie, welche Karl und seine vertrauteren wissenschaftlichen Freunde zu regelmäßigen Sitzungen vereinigte[20]. In ähnlicher Weise wie an den arabischen Höfen dieser Zeit, wurden hier poetische Episteln gewechselt, wissenschaftliche Aufgaben gestellt und beantwortet, Räthsel aufgegeben und gelöst. Alle führten hier Namen aus der Vorzeit, in denen heidnische und christliche Erinnerungen in seltsamer Mischung erscheinen. So hieß Karl selbst David, Alcuin Flaccus, Einhard Beselecl nach dem kunstreichen Erbauer der Stiftshütte, Riculf Damoetas, Beornrad von Sens Samuel, Angilbert Homer; Audulf der Seneschalk und der Kämmerer Meginfrid führten die idyllischen Namen Menalcas und Thyrsis. Naso nannte sich selbst ein Dichter Modoin oder Muadwin, der von 815 bis nach 840 Bischof von Autun gewesen ist. In sehr ungelenken Idyllen feierte er David, den Kaiser, als Friedensfürsten und bewarb sich um dessen Gunst[21]. Die Standesverschiedenheiten der Gegenwart wurden durch solche Verhüllung auf diesem Gebiete in den Hintergrund gestellt. Nicht zu bezweifeln ist, daß Karl selbst eine für jene Zeit nicht unbedeutende Bildung sich angeeignet hatte, aber Einhards ausdrückliches Zeugniß, daß es ihm nicht mehr gelingen wollte, schreiben zu lernen, dürfen wir doch auch nicht unterschätzen. Seine gelehrten Briefe an Alcuin schrieben, gewiß nach seiner Anweisung, die palatini pueri[22].

Man wird durch dieses Treiben erinnert an die platonische Akademie zu Florenz, allein es ist zwischen beiden doch ein großer Unterschied. Karl lag der Gedanke fern, die Litteratur nur wie einen Gegenstand des Luxus zu seinem Vergnügen zu pflegen; sein Briefwechsel mit Alcuin zeigt uns, daß seine Akademie auch praktisch wichtige Fragen behandelte, und oft einem Ministerium der geistlichen Angelegenheiten ähnlich wird. Der Herstellung des alten Glanzes und der Reinheit der Kirche mußten alle seine gelehrten Freunde mit ernstlicher Arbeit dienen[23]. Allein das war doch auch wieder nur eine Seite der Bestrebungen des Königs; ihm war es voller Ernst, sein ganzes Volk auf eine höhere Stufe der Bildung zu heben, und deshalb legte er überall Schulen an, und sorgte unermüdlich für die Pflege und Hebung derselben[24]. Sogar von Alcuin trennte er sich aus diesem Grunde, und verlieh ihm 796 die Abtei des heiligen Martin zu Tours, wo er von nun an als Leiter einer blühenden Schule wirkte. Fast alle bedeutenderen Bisthümer und Abteien des Frankenreiches erhielten von hier aus ihre Vorsteher, und wo in der nächsten Folgezeit von litterarischer Thätigkeit etwas zu melden ist, da können wir mit Sicherheit darauf rechnen, einen Schüler Alcuins zu finden. Weit genug erstreckte sich der Wirkungskreis dieser Schule; doch errichtete Karl für die entfernteren Theile seines Reiches auch eigene Mittelpunkte, welche von seinem Scharfblick Kunde geben, wie alles was er gethan. In Italien besaß Pavia schon von Alters her gefeierte Lehrer, und diese Schule erhielt jetzt neuen Glanz durch den Schotten Dungal[25]; ihr Fortleben und bleibendes Gedeihen bezeugt der erst später durch Bologna verdunkelte Ruhm der Rechtschule von Pavia.

Ein echt karlischer Gedanke war die Stiftung des Erzbisthums Hamburg an der Nordgrenze seines Reiches, die jedoch erst unter seinem Nachfolger zu Stande kam; aber gerade in den fernsten Osten ließ er Alcuins ebenbürtigen Freund, Arn, den Abt von St. Amand, ziehen, dem Tassilo 785 das Bisthum Salzburg verlieh[26]. 798 errichtete er hier dann ein Erzbisthum, welches bestimmt war, ein fester und segensreicher Mittelpunkt in politischer, kirchlicher und litterarischer Beziehung zu werden. Arn erfüllte seine Mission in vollem Maße; aus den Urkunden wie aus den Briefen Alcuins an ihn[27] tritt uns das Bild des bedeutenden, nach allen Richtungen thätigen Staatsmannes und Kirchenfürsten klar entgegen, und wenn ihm auch zu schriftstellerischer Thätigkeit kaum Zeit blieb, so zeugen doch seine Bemühungen für die Sammlung eines Bücherschatzes durch Abschriften von seiner Sorge für Schule und Lehre[28], wobei ihm von 797 bis 801 Alcuins Schüler Wizo hülfreich zur Seite stand. Die feindliche Erhebung des mährischen, dann des ungrischen Reiches, die Errichtung selbständiger Metropolen im Osten, haben Salzburg nicht zu seiner vollen Entwickelung gelangen lassen, doch auch in dieser Beschränkung ist die Stiftung des bairischen Erzbisthums von den bedeutendsten Folgen gewesen.

Ein wunderbarer Erfolg krönte diese Bemühungen Karls, und er hatte das Glück, die Früchte seiner Mühen noch selbst zu erleben. Wie ein Phänomen in dunkelster Nacht erscheint plötzlich die Litteratur des neunten Jahrhunderts; nicht nur Geistliche, auch Laien schrieben Bücher, was seit Jahrhunderten nicht vorgekommen war, und Jahrhunderte lang nicht wieder vorkommt[29].

Denn von Dauer war dieser Glanz nicht; er verschwand fast eben so plötzlich wie er gekommen war, aufs neue bedeckte Finsterniß das Land, aber gerade in dieser Finsterniß bewährte sich die feste Begründung von Karls Schöpfungen. So viel auch wieder verloren ging, es blieb noch immer genug übrig, um als Grundlage für alle Folgezeit zu dienen. Wir haben schon oben bemerkt, daß Karl sein Werk nicht erst begann, daß er den Boden vorbereitet fand durch die Befestigung und Ordnung des Staates, durch die Herstellung der Kirchenzucht, und daß er nur dadurch im Stande war, so fest zu bauen. Es regten sich auch bereits einige Keime litterarischer Thätigkeit, als er auftrat, aber ihre rasche und glänzende Entfaltung ist doch ganz sein Werk, und nicht mit Unrecht sagte man im Mittelalter von ihm, daß er den Sitz der Studien von Rom nach Paris verpflanzt habe[30]. Zu einer Zeit, wo die Pariser Universität als der Mittelpunkt der Wissenschaft betrachtet wurde, galt er für den Stifter derselben. In dieser Form sprach sich der richtige Gedanke aus, daß Karl der Stifter einer neuen Culturperiode gewesen war.


[1] „Venerabilis artis grammaticae magister.“ Er schrieb später gegen Felix, nahm an den verschiedenen Synoden dieser Zeit Theil, und starb am 11. Jan. 802. Opera ed. Madrisi 1737. Migne XCIX. Vgl. Ebert II, 87-91. Dümmler, NA. IV, 113-118; Poetae I, 123-148, darunter der Rhythmus de Herico duce Forojul. S. 131, und die wohl nicht von ihm herrührende Klage um Aquileja S. 142.

[2] Einen vermehrten Eifer, neue umfassende Maßregeln weist Scherer nach dem folgenden italienischen Feldzug 787 nach. Ueber die Zusendungen von Werken Gregors I durch Hadrian zu kirchlichem Zweck, aber doch auch litterarisch anregend, s. P. Ewald im NA. III, 440.

[3] Keil, Grammatici Latini I, p. XXIX; Delisle, Cabinet des Manuscrits I, 3. Dümmler, NA. IV, 147; Poetae I, 93. Erst 30 Jahre alt, hatte er durch Karls Güte die Abtei Masmünster (Masunuilare) erhalten, doch wohl zur Belohnung und Förderung seiner Studien.

[4] Früher in Saint-Sernin de Toulouse, jetzt Bibl. Nat. s. Bibl. de l'École des chartes XXXV, 85. Die Gemälde sind nach antiken Mustern, die Randverzierungen jedes Blattes theils ebenfalls römischen, theils irisch-englischen Ursprungs. Vgl. Piper, Karls des Großen Kalendarium S. 36. Bastard, pl. 81-86. Dümmler, Poet. I, 94. Benutzung der Schreiberverse der Mensuratio orbis nachgewiesen von Traube, Münch. SB. 1891, S. 406.