Sein Leben ist erst genauer bekannt geworden durch die von Lebeuf entdeckten und in der Dissertation sur l'histoire de Paris 1739 herausgegebenen Gedichte. Bethmann, Paulus Diaconus Leben und Schriften, Archiv X, 247-334. Bethmann, Die Geschichtschreibung der Langobarden, ib. 335-414. Langob. Regesten, nach Bethmanns Nachlaß bearb. v. Holder-Egger, NA. III, 225-318. L. Ranke, P. D. Ges. Werke LI, 77-92. F. Dahn, Des Paulus D. Leben u. Schriften, 1876 (die Gedichte in sehr schlechten Texten). Vgl. die Anz. von G. Waitz, GGA. 1876 S. 1513-1523. Ebert II, 36-56. Bursian, Gesch. d. Philol. I, 19. Balzani S. 66-90. Pasq. Del. Giudice 1880, wiederholt in: Studi di storia e diritto (1890) S. 1-43. — Die Gedichte Poet. Lat. I, 27-86, vgl. NA. IV, 102-112. 573. X, 165. XVII, 397-401. Traube, Karol. Dicht. S. 62. 63. NA. XV, 199 (Die Verse „Multa legit“ zu streichen). Ein grammat. Gedicht Poet. lat. I, 625-628, vgl. II, 698. Der Lobgesang auf den h. Mercur kann nach Dümmler nicht von P. D. herrühren, vgl. Dahn S. 17.
Wie die Gothen, so bewahrten auch die Langobarden ihres Volkes Urgeschichte, die alten Sagen, die Großthaten der Väter, besonders aber, worauf sie den größten Werth legten, die Folge und Verwandtschaft der Geschlechter, in ihren Liedern, die sich mündlich vom Vater auf den Sohn vererbten. Sie aufzuzeichnen, keine leichte Arbeit, mochte überflüssig erscheinen, so lange sie noch im Volke lebten; doch gegen das Ende des siebenten Jahrhunderts, um 670 hat ein Langobarde aus ihnen die Geschichte seines Volkes entnommen, und der Langobarden Herkunft, wie man davon sagte und sang, in kurzen und schlichten Worten berichtet; in Umrissen nur, nicht in ausführlicher Erzählung, aber was er uns giebt, ist unberührt von der fremden Gelehrsamkeit, welche die gothischen und fränkischen Sagen entstellt hat[1]. Man hatte darin doch etwas mehr als in dem kahlen Königsverzeichniß, welches König Rothar 643 seinem Gesetzbuch vorangestellt hatte; des Volkes Aelteste, welche das Recht sprachen und das Andenken der Vergangenheit festhielten, trugen darum auch dieses Schriftchen in ihr Rechtsbuch ein, wie wir das so häufig wiederfinden in den Handschriften des Mittelalters, bei den Gesetzen der Westgothen und Franken so gut wie beim Sachsenspiegel.
Es gab freilich damals bereits auch eine andere Geschichte der Langobarden, verfaßt von dem Knechte Gottes Secundus, Abt in Trient († 612), aller Wahrscheinlichkeit nach, wie R. Jacobi bemerkt, demselben, welcher in Pabst Gregors I Briefe vorkommt[2]; wir kennen sie aber nur, weil Paulus ihrer gedenkt, und sie scheint wenig Verbreitung gefunden zu haben. Ein so frommer Mann römischer Abkunft erzählte schwerlich von Wodan und Freia, und mit der römischen Bildung haben die Langobarden sich nur sehr langsam befreundet. Ein Römer scheint es auch gewesen zu sein, der im Jahre 641 die oben [S. 84] erwähnte Fortsetzung des Prosper verfaßte. Von litterarischer Thätigkeit im langobardischen Reiche finden sich weiter keine Spuren, man müßte denn etwa des Abtes Jonas von Susa Schriften, deren wir schon oben ([S. 118]) gedachten, dazu rechnen, der aber auch ein Romane war. Sonst liegt noch ein um 698 verfaßtes rhythmisches Gedicht in rohester Form vor, in welchem ein Magister Steffan den König Kunincpert feiert, der das Schisma von Aquilegia beendigt hatte; auch seiner Vorfahren, die Arianer und Juden verfolgten, wird rühmend gedacht[3]. Nicht minder roh in der Form ist eine bald nach 738 verfaßte rhythmische Beschreibung von Mailand, worin König Liutprand und Bischof Theodor gepriesen werden[4].
Die Grammatiker jedoch, welche trotz aller Ungunst der Zeiten ihre Thätigkeit in Italien immer fortgesetzt hatten, fanden allmählich auch unter den Langobarden Schüler, und als deren Herrschaft sich ihrem Ende nahte, da hatten sie dem fremden Volke bereits seinen Geschichtschreiber erzogen, der, wie Jordanis, nach dem Sturze des Reiches wenigstens das Andenken desselben für die Nachwelt bewahrte.
Paulus, des Warnefrid Sohn, aus einem edlen Langobardengeschlechte, das im Friaul begütert war, um 720 geboren, wurde wahrscheinlich nach alter deutscher Sitte am Hofe des Ratchis (744-749) zu Pavia erzogen; als seinen Lehrer nennt er den Grammatiker Flavianus, dessen er noch in seinem hohen Alter mit Liebe gedenkt[5]. Auch dem König Desiderius soll Paulus lieb und werth gewesen sein, und wenn auch die Zeugnisse dafür unzuverlässig sind, so ist es doch an sich sehr wahrscheinlich, daß er in der königlichen Kanzlei Beschäftigung fand und eben dadurch in ein so nahes Verhältniß zu der Herrscherfamilie trat. Im J. 763 verfaßte er rhythmische Verse über die sechs Weltalter, welche akrostichisch die Worte Adelperga pia enthalten[6], den Namen der Tochter des Desiderius, welche seine Schülerin war; dieser und ihrem Gemahl Arichis war er mit der wärmsten Anhänglichkeit und Freundschaft ergeben, und an ihrem Hofe zu Benevent fand er eine Zuflucht nach dem Falle des Reiches von Pavia, wenn er nicht schon früher die Königstochter dahin begleitet hatte. Für sie verfaßte er hier seine Römische Geschichte bis auf Justinian, deren wir schon oben ([S. 52]) gedachten[7]. Er hatte der wißbegierigen Königstochter den Eutrop zu lesen gegeben, in welchem sie aber jede Erwähnung der jüdischen und christlichen Geschichte vermißte. Deshalb versah er das Werk mit Zusätzen und mit einer Fortsetzung aus verschiedenen Quellen, und das Geschick nebst der umfassenden Litteraturkenntniß, womit er diese Arbeit ausführte, hat lebhafte Anerkennung bei Th. Mommsen gefunden, auf dessen Anordnung die Ausgabe von H. Droysen die Gestalt von Zusätzen zum Eutrop erhalten hat[8]. Den zusammenhängenden Text des Paulus dagegen finden wir in der Octavausgabe.
Um diese Zeit dichtete Paulus auch für Arichis die Inschriften, womit dieser seine glänzenden Bauten zu Salerno schmückte, und die Grabschrift auf die Königin Ansa[9], welche 774 nach Frankreich abgeführt war, und deren Todesjahr unbekannt ist. Noch feiert er darin Adelchis als die Hoffnung der Langobarden.
Wann Paulus in den geistlichen Stand eingetreten ist, dem er seinen Beinamen Diaconus verdankt, wissen wir nicht; ebenso wenig, wann er in dem großen Mutterkloster des Abendlandes zu Montecassino das Mönchsgelübde abgelegt hat; vielleicht führte ihn dorthin die Anhänglichkeit an König Ratchis, der hier als Mönch seinen Weinberg baute, vielleicht die Noth nach der Confiscation der Güter seiner Familie. Das stille Klosterleben aber gewann bald einen solchen Reiz für Paulus nach den traurigen Zeiten, die er durchlebt hatte, daß er die heilige Stätte wohl nicht wieder verlassen haben würde, wenn nicht die politischen Ereignisse ihm auch hier keine Ruhe gelassen hätten.
Im Jahre 776 nämlich war im Friaul ein Aufstand gegen die Franken ausgebrochen, dem vielleicht Paulus selbst nicht fremd war, und wohl ohne Zweifel war dies die Veranlassung, weshalb sein Bruder Arichis gefangen fortgeführt wurde und sein Vermögen verlor. Lange scheint sich Paulus jeder Annäherung an die Franken enthalten zu haben; als aber Karl 781 nach Rom gekommen war, und in der Ordnung der italischen Verhältnisse seine Mäßigung und Milde bewährt hatte[10], da richtete Paulus, sechs Jahre nach jenem Ereigniß, eine Elegie an den König, worin er ihn um Gnade für seinen Bruder bat[11]. Damit begab er selbst sich zum Könige, und schrieb am 10. Januar 783 von den Ufern der Mosel einen Brief an seinen Abt Theudemar[12], worin er noch den festen Entschluß ausspricht, in sein Kloster, nach welchem lebhafte Sehnsucht ihn erfüllte, heimzukehren, sobald er den Zweck seiner Fürbitte erreicht habe. Er rühmt aber sehr die gute Aufnahme, welche er gefunden habe. Es war gerade die Zeit, in welcher Karl die Gelehrten aller Länder an seinem Hofe versammelte, und Paulus ließ sich doch bestimmen, einige Jahre an dieser ersten frischen Entfaltung litterarischer Thätigkeit sich zu betheiligen. Noch haben sich Verse erhalten, welche in Karls Namen Peter von Pisa an ihn richtete[13], wo in scherzhafter Uebertreibung seine Gaben und Kenntnisse gefeiert werden. Eben wolle er seine Tochter nach Griechenland verheirathen, sagt Karl, und Paulus solle ihre Begleiter in dieser Sprache unterweisen. Bescheiden und aufrichtig lehnt Paulus die Lobsprüche und den Auftrag ab, und ebenso wenig wird er, was ihm in ähnlicher Weise zugemuthet wurde, die Bekehrung des Dänenkönigs Siegfried versucht haben. Einige Kenntniß der griechischen Sprache, welche man bei der Nachbarschaft nicht gut entbehren konnte, hatte er, wie er selbst sagt, in der Schule erworben, aber weit wird dieselbe nicht gereicht haben. Er dichtete aber Grabschriften für die Königin Hildegard († 783) und für deren so wie für Pippins Töchter, und verfaßte auf Karls Befehl die Homiliensammlung, welche der Unwissenheit der Geistlichen in wirksamer Weise zu Hülfe kam[14]. Diese wird er jedoch, wie Dahn nachgewiesen hat, erst in Montecassino ausgearbeitet haben.
In eben dieser Zeit schrieb Paulus auch auf Bitten des Bischofs Angilram von Metz die Geschichte von dessen Vorfahren auf dem Stuhl des heiligen Clemens[15]. „Mit besonderer Ausführlichkeit behandelte er darin die Familie und die Ahnen Karls des Großen, vielleicht,“ wie Bethmann sagt, „auf dessen eigenen Wunsch oder wenigstens ihm zu Gefallen, und nicht undeutlich blickt die Absicht durch, die Thronbesteigung der Karolinger zu rechtfertigen und sie als ein durch Heilige gleichsam legitimes Herrscherhaus darzustellen.“ Doch hat gegen diese Auffassung Bonnell[16] nicht unerhebliche Gründe geltend gemacht, und nur die Verherrlichung des Ahnherrn Arnulf im Anschluß an dessen ältere Lebensbeschreibung bestehen lassen.
Paulus gab in diesem Werke das erste Beispiel und Vorbild der Bisthumsgeschichten. Auch eine Biographie Gregors des Großen hat Paulus nach seiner eigenen Angabe geschrieben[17]; daß er aber auch derjenige Paulus gewesen wäre, welcher eine kritisch verbesserte Auswahl aus Gregors Briefen an Adalhard schickte, ist mindestens sehr unsicher[18]. Dagegen bemerkt Dümmler, daß er wohl der in einem Schreiben Hadrians I (Bibl. IV, 274) erwähnte Paulus grammaticus sein könne, welcher Gregors I Sacramentar für Karl von ihm erbeten hatte.