So wahrhaft und innig auch die Liebe gewesen zu sein scheint, welche den langobardischen Mönch mit dem Besieger seines Volkes verband, auf immer ließ er sich doch nicht am Hofe fesseln. Die immer zunehmende, endlich bis zum Kriege gesteigerte Feindschaft zwischen Arichis und Karl mag ihm wohl zuletzt den Aufenthalt daselbst vollends verleidet haben, obwohl sein persönliches Verhältniß zum Könige auch durch diese Vorfälle nicht gestört wurde. Doch finden wir ihn 787 wieder in Montecassino, wo er die schöne Grabschrift für den am 25. August verstorbenen Fürsten Arichis verfaßte[19]. Den Abend seines Lebens widmete er von nun an in ungestörter Ruhe frommen Betrachtungen und der Geschichte seines Volkes. Er schrieb eine ausführliche Erläuterung der Klosterregel[20] und verfaßte die sechs Bücher seiner Geschichte der Langobarden[21], die er leider unvollendet hinterlassen hat. Er erfüllte damit das schon in der Widmung der Römischen Geschichte der Adelperga gegebene Versprechen, sie bis auf seine Zeit fortzusetzen.

Als einen bedeutenden Historiker können wir Paulus freilich nicht betrachten. Die Sprache weiß er in seinen Gedichten mit Leichtigkeit und Anmuth, wenn auch nicht fehlerfrei, zu behandeln[22] und in der Erzählung zieht uns ihre schmucklose Einfachheit an. Von der gesuchten Gelehrsamkeit und Ueberkünstelung so wie von der barbarischen Rohheit des siebenten Jahrhunderts ist er frei, und für sein Zeitalter ist seine gelehrte und sprachliche Bildung außerordentlich hoch anzuschlagen[23]. Allein historische Kunst oder tiefere Auffassung dürfen wir bei ihm nicht suchen. In der Geschichte der Bischöfe von Metz berichtet er anfangs die fabelhafte Localtradition, ohne ein Urtheil darüber auszusprechen, als Sage, dann schöpfte er seine Nachrichten aus Gregor, Fredegar und dem Leben Arnulfs; was er aus der neueren Zeit hinzufügt, ist wenig bedeutend, wie denn auch dieses ganze Werk über einen ihm fernliegenden Gegenstand, auf den Wunsch seines Gönners verfaßt, zu keinen höheren Ansprüchen berechtigt.

Anders verhält es sich mit der Geschichte der Langobarden. Leider reicht sie nur bis zum Tode Liutprands (744), und es fehlt uns also die Darstellung der Zeit, welche der Verfasser selbst durchlebt hat. So weit er aber mit seiner Arbeit gekommen ist, finden wir auch hier nur einfache Erzählung, zusammengesetzt aus der mündlichen Ueberlieferung und schriftlichen Quellen, wie der Origo, Gregor von Tours, Beda, den Leben der Päbste u. a. m.[24]. Aus diesen nimmt er ganze Stücke auf, ohne sie eigentlich zu einem Ganzen zu verarbeiten; in der Kritik, sogar in der Sorgfalt und Genauigkeit bei Benutzung seiner Gewährsmänner erscheint er schwach, höchst verwirrt in der Chronologie, und obwohl seine eigentliche Aufgabe die Volksgeschichte der Langobarden ist, nimmt er ohne rechtes Maß doch auch fernerliegendes auf. Läßt er aber demnach als gelehrter Geschichtschreiber viel zu wünschen übrig, so entschädigen uns doch dafür andere sehr wesentliche Vorzüge, die einfache Klarheit seiner Darstellung, die lautere Wahrheitsliebe, die ihn von allem in ungeschminkter Geradheit berichten läßt, die Wärme des Gefühls für sein Volk, welche sich auch ohne ruhmredige Verherrlichung besonders in der Aufzeichnung der alten Sagen kundgiebt. Sehen wir nun aber vollends auf den materiellen Werth seiner Geschichte, so ist derselbe unbedenklich als ganz unschätzbar anzuerkennen, wir verdanken ihm eben die Bewahrung jenes reichen, durch keine spätere Gelehrsamkeit verfälschten Sagenschatzes, und über die Geschichte der Langobarden, was er aus dem Secundus von Trident und anderen verlorenen Quellen schöpfte sowohl wie die Aufzeichnung mündlicher Ueberlieferung: rettungslos würde alles dieses nach dem Sturze des Reiches dem Untergang verfallen sein, wenn nicht des alten Mönches Hand es mit treuer Liebe aufgezeichnet hätte.


[1] Origo Gentis Langobardorum, zuerst in: Edicta regum Langobardorum ed. opera et studio Caroli Baudi di Vesme, Aug. Taur. 1855, vgl. p. LXXI bis LXXXII. Ausg. v. F. Bluhme mit Chron. Goth. 1868 in MG. Legg. IV, 641-647. Ausg. v. Waitz, SS. Lang 1-6 (verwirft die früher mit Baudi de Vesme angenommene erste Abfassung unter Rothari). — Uebersetzung von Abel bei P. D. S. 1-8; vgl. Bethmann S. 351-365 und über die Sagen im Allgemeinen S. 335-349. Hieraus geschöpft, aber erweitert auch mit Benutzung des Isidor, und mit einer Lobrede auf Karl und Pippin versehen ist das c. 810 geschriebene sog. Chron. Gothanum, d. h. aus der einst Fulder, jetzt Gothaer Handschr. der Volksrechte, in sehr barbarischer Form und Sprache; als Historia Langobardorum codicis Gothani bei Waitz S. 7-11. Fragm. aus einer and. Hs. bei Calligaris, s. unten. Platner, Forsch. XX, 172, vermuthet erste Abfassung der Origo im 6. Jahr Agilulfs (597), weil nur so weit im Chron. Goth. benutzt. Mommsen, NA. X, 74 ff. sieht in der Origo einen Auszug aus dem Werke des Secundus mit einer Fortsetzung, aus diesem habe auch Paulus geschöpft; aber mir erscheinen die Gegengründe von Waitz ib. S. 421 überwiegend. Für Mommsen L. Schmidt, Zur Gesch. d. Langobarden (Diss. Lips. 1885), NA. XIII, 236. 391-394.

[2] R. Jacobi, Quellen der Langobardengeschichte, S. 63-84, stellt zusammen, was er von Paulus Werk für Secundus in Anspruch nehmen zu können glaubt, und bekämpft Bethmanns Meinung, daß der Contin. Prosperi Havn. ihn gekannt habe. L. Schmidt hält sein Werk für eine annalistische Fortsetzung des Prosper.

[3] Aus 2 Hss. aus Bobio bei Oltrocchi, Eccl. Medol. hist. Ligustica (1795) II, 536. 579. 624 mit ausführlichem Commentar. Waitz, SS. Lang. p. 189-191. Paulus D. hat es nicht gekannt. Manitius S. 397.

[4] Neu herausgeg. v. L. Traube, Karol. Dicht. S. 119-122. Manitius S. 398.

[5] Diesen vermuthet Luc. Müller in einem oft angeführten Grammatiker, Neue Jahrbb. f. Philol. XCIII (1866), 561. Dem aber widerspricht sehr entschieden H. Hagen, Anecdota Helv. p. CLXIII.

[6] Waitz l. l. p. 13. Poet. Lat. I, 35.