Das elfenhafte Fräulein Babette Glock saß anfangs schweigend und wie von innerem Glücke glühend unter ihren Freundinnen da. Sie hielt ihre Augenlider gesenkt; aber wenn sie ihre großen blauen Augen aufschlug, ging ein Leuchten über ihr Gesicht und blieb als Lächeln stehen, wenn ihre Blicke zu dem Kanzler Friedrich Lerch hinüberschweiften, auf dessen ernstem Gesicht der Abglanz seiner künftigen Amtswürde lag. Der Junker Emmerich aber führte das große Wort; er behauptete, die zierlichsten Füße der Welt habe er in Frankenthal zu Gesicht bekommen, und als endlich, gegen Ende der Festmahlzeit, einige besonders edle alte Weine aus dem ehrwürdigen Juliusspitalkeller in die Römer flossen, erklomm die Lustigkeit des jungen Freiherrn, der sich unter den lachenden Frauen mehr und mehr als Hahn im Korbe fühlte, die höchste Staffel. Beim ersten Anstoßen mit dem schweren Tranke neigte er sich zu seiner Nachbarin und raunte ihr eine leise Mitteilung ins Ohr. Babette Glock hielt den Blick gesenkt, während ihr Nachbar sein Geheimnis preisgab, und nahm die Miene eines erstaunten Kindes an, als sie mit sanftester Stimme entgegnete: „Ich kann es fast nicht glauben, daß der Herr nur dieser Sache wegen nach Mainz geht!“
Der Junker lachte und tat erstaunt: „Hat die Demoiselle von der Sache läuten hören? Ich mache die Gesellschaft zum Richter meines Herrn Vaters. Der ist ein Mann von Geschmack: er weiß, daß man auch zum Beten eine würdige Umgebung braucht. Was tut er also? Er läßt einen alten baufälligen Altar, den sogenannten Schleieraltar, abbrechen und an den freigewordenen Pfeiler, mitten in der Pfarrkirche, eine richtige Gebetsloge bauen, — du meilleur goût, je puis l’assurer, — mit Spiegeln, gepolsterten Gebetstühlen und einer bequemen Rückenlehne, — den Vorhang nicht zu vergessen. Es soll ja vorkommen, daß die Predigten einer hochwürdigen Geistlichkeit, besonders an gewöhnlichen Sonntagen, hie und da einschläfernd wirken, und da wäre es, parbleu, eine böse Sache, wenn fromme alte Jungfern plötzlich sähen, daß der würdige Mund des kurfürstlichen Amtmanns sich während der Messe oder der Vesper zu etwas anderem öffnete als zu einem Vaterunser oder einem Ave-Maria. Der Vorhang, der solche mißliche Blicke abhalten soll, ist aus schwerem violettem Samt, und die rosigen kleinen Engel, die ihn oben zusammenraffen und festhalten, von der Hand eines Meisters: ich habe, parole d’honneur, selbst in Venedig oder in Paris, wo ähnliche Liebesengel allerdings andere Vorhänge vor anderen Gebetstellen in Ordnung halten, keine besseren gesehen. Ich bin also nicht nur als Sohn, sondern auch als Kenner gezwungen, meinem Herrn Vater vollständig recht zu geben. Der hochwürdigste Herr Stadtpfarrer Ferdinand Bingemer, un cafard, ist allerdings anderer Meinung: er hat beim erzbischöflichen Kommissariat in Mainz Beschwerde gegen unsere Familiengebetsloge eingelegt und meinen Vater auch noch durch ein paar Domherren, die uns, ich weiß nicht warum, nicht riechen können, wegen anderem mehr weltlicher Art anschwärzen lassen. Und diese Sache soll ich in Ordnung bringen, was ich auch zu tun gedenke —“
Schüchtern wie ein Kapellenglöcklein bemerkte Babette: „Aber es heißt, es sei bei dem Niederreißen des Altars eine kostbare Reliquie verschwunden.“
„Ah, Mademoiselle meint den sogenannten Schleier der Mutter Gottes? Es bestand ja allerdings der Glaube, daß der Schleier der jungfräulichen Mutter Gottes auf dem Altar aufbewahrt wurde, der unserer Gebetsloge weichen mußte. Aber, mesdames, niemand wird mich persuadieren, daß die Jungfrau Maria einen solchen Schleier getragen hat: denn ich habe ihn mit meinen eigenen Augen gesehen und weiß, was ein Schleier ist, oder sein soll. Das Testament, in welchem sie, wie man sagt, den Schleier unserer Pfarrkirche vermacht haben soll, hat noch kein Mensch zu Gesicht bekommen, obwohl die Stadt Messina ja, wie ich auf meiner Tour in Italien an verschiedenen Orten hörte, ein paar Briefe von ihrer himmlischen Hand besitzen will. Dieser angebliche Marienschleier war nämlich aus einem grauen, unscheinbaren Zeug, und ich muß sagen: wenn ich die Mutter Gottes gewesen wäre, ich hätte einen ganz andern Schleier getragen, aus venezianischen oder Brüsseler Spitzen, qui sont si délicieuses à chiffonner. Der verschwundene Schleier war wirklich, wie mir die Damen glauben dürfen, zu simpel für die künftige Königin des Himmels, und es ist nicht schade darum.“
Jetzt mischte sich der rothaarige Sohn des Bürgermeisters, dessen tückische Augen vor Ingrimm funkelten, in das Gespräch: „Der Herr sollte nicht über heilige Dinge spotten,“ zischte er mit bebender Stimme.
Der Junker Emmerich öffnete vor Erstaunen seinen Mund und wandte sich an die Mädchen: „O la la! Ist der Herr am Ende Bürgermeister? Man wird bald nicht mehr lachen dürfen. Ich hoffe jedoch, seiner kurfürstlichen Durchlaucht eine angenehme Stunde zu bereiten, indem ich ihr die Geschichte von dem Schleier erzähle. Son Altesse aime à rire, comme tous les vrais grandseigneurs. Übrigens“ — so fuhr er, nach einem kräftigen Schluck Steinwein, zu dem Sohne des Bürgermeisters gewandt, fort — „haben wir uns nicht schon in Venedig gesehen? Als ich die Gondel zur Abfahrt nach Padua bestieg — ich wohnte mit meinem Hofmeister in der Stella d’oro —, wurde gerade ein Reisender verprügelt, der Ihnen aufs Haar glich. Solche Schläge habe ich noch nie mit angesehen und, ma foi, auch noch nie erhalten. Der Herr darf mir glauben: es ist auch eine Kunst, Schläge mit Grazie einzustecken! Der Tanz eines Knüppels erinnert mich immer an gewisse Bauerntänze, die einer Gavotte gleichsehen wie ein Bär dem Hermelin. Sie waren es also wirklich nicht, der seine Prügel mit solcher Würde einsackte? Das tut mir leid — pardon, ich wollte sagen, ich bedaure infiniment, daß Sie Venedig noch nicht kennen. Eine einzige Stadt, in der man seine blauen Wunder erleben kann! Dort wäre meinem Herrn Vater die Geschichte mit dem Gebetstuhl nicht passiert; aber ich säße auch nicht hier in diesem aimablen Kreise, où la grâce règne en maîtresse.“
Die Mädchen lachten errötend, und der Sohn des Bürgermeisters wurde rot wie ein abgekanzelter Schuljunge.
Am obersten Tischende, wo die Ehrengäste beisammensaßen und die Gläser tiefer klangen, hatte das Gespräch einen anderen Weg betreten: die Herren sprachen von den Hexenbränden, die, nach langer Zwischenzeit, hie und da wieder in fränkischen Landen aufflammten, und nickten nachdenklich mit den weinroten Köpfen: vor zwei Jahren war die Superiorin Maria Renata Singer in Würzburg verbrannt worden; ein Jahr darauf fingen die Gerolzhofer, die nicht hinter der Bischofsstadt zurückbleiben wollten, eine junge Hexe, die Frau eines Ofenmachers, um sie dem gleichen Schicksal zu überantworten, und nun hieß es, da und dort sei man einem heimlichen Hexlein auf die Spur geraten und werde, wie früher, wüste Dinge erleben.
„Sie glauben wohl auch nicht an Hexen, Herr Baron?“ fragte der Sohn des Bürgermeisters, der einen Brocken des Hexengesprächs aufgeschnappt hatte, den angeheiterten Junker mit scharfer und hämischer Stimme.
Dieser lachte: „O doch! Ich habe in Paris Hexen kennen gelernt, die auch dem hartgesottensten Philosophen den Glauben an das Hexen beizubringen vermochten; aber dort denkt kein Mensch an Hexenbrand, sondern die Männer, die Männer, mein Herr, verbrennen im Feuer einer Liebe, deren Wirkung ich beinah leider auch am eigenen Leib erfahren hätte. An andere Hexen, von denen es heißt, daß sie Schloßenwetter machen und andere Zaubereien verüben können, glaube ich nie und nimmer.“