Kaspar Lienlein fuhr fort, indem er den Junker herausfordernd mit den Blicken maß: „Die Ofenmacherin in Gerolzhofen hat ihre Hexereien selber eingestanden, Herr Baron! Sie ist selbst zum Hexenrichter gekommen und hat sich der Hexerei bezichtigt: sie habe vor sechs Jahren Gott und allen Heiligen abgeschworen; sie sei ganz arm und ohne Brot gewesen, da sei der Böse zu ihr gekommen in einem schönen grünen Kleid. Er habe sich Federkiel genannt und habe ihr versprochen, wenn sie sein Eigentum sein wolle, wolle er ihr Geld geben. Er habe ihr auch einen Vierbätzner gegeben, wofür sie sich Brot gekauft habe; dann habe sie einen Fastentanz auf dem Galgensteig mitgemacht, wo auch die Pfarrmagd Margret und eine Beckin aus Grünsfeld mitgetanzt hätten. Der grüne Pfeifer sei mitten in der Linde gesessen und habe den Burlebanz gepfiffen. Den Wein hat man in ledernen Flaschen gebracht, und dazu haben sie gebratene Vöglein, wie Spatzen und Finken, doch ohne Salz, gegessen. Die Ofenmacherin hat von dem Grünen eine Hexensalbe in einem hölzernen Büchslein erhalten. Das Ammenfräulein hatte solche verfertigt. Dazu hat sie ein uneheliches Pfaffenkind aus dem Kirchhof ausgegraben, in ein Tuch gewickelt und zu Haus gesotten. Mit der Salbe hat sie zu Weihnachten ein Kieselwetter gemacht, indem sie in des Teufels Namen Kornähren, Weinaugen, Birnen- und Apfelknospen in den Main geworfen hat.“
Bei jeder dieser Feststellungen, die der Bürgermeisterssohn mit Ingrimm hervorstieß, fuhr er auch mit dem Finger nach vorn, als ob er seinen Gegner aufspießen wolle. Babette aber begleitete den Rhythmus dieser Erregung mit einem goldenen Kuchenmesserchen, indem sie es ganz leicht auf dem damastnen Tischtuch tanzen ließ. —
Der Junker von Collenberg aber spitzte seinen vollen Mund und fragte mit dem Ernste eines Schalks: „Der Herr hat einen Tanz erwähnt, der mir neu ist. Ich kenne Gavotten, Sarabanden und — Allemandes, die auch ihre Vorzüge haben; aber der Burlebanz ist mir unbekannt. Ich entnehme übrigens Ihrer geschätzten Mitteilung, daß unsere hiesigen Hexen Musik und Tanz lieben. Das macht der Stadt, où le sexe est si aimable, alle Ehre. Wissen Sie vielleicht, Herr Hexenrichter, auf welchem Instrument der Grüne diesen famosen — wie sagten Sie? — Burlebanz geblasen oder gepfiffen hat?“
„Ein Hörnchen war’s!“
„Nein, ein Flötchen!“ rief Babette lachend. Sie hatte ein wenig zu viel von dem schweren Steinwein genippt und wiederholte nun, halb singend, im Übermut: „Ein Flötchen war’s! Ein Flötchen! Ein kleines goldenes Flötchen —“
Der Junker Emmerich fragte lachend: „Woher wissen Sie denn das?“
Babette warf dem Kanzler Lerch, der mürrisch in sein volles Glas stierte, einen flüchtigen Blick zu und lachte: „Woher ich das weiß? O, vielleicht bin ich auch schon bei einem Hexentänzchen gewesen —“
Der Stadtschreiber Lerch runzelte die Stirn und sah mit gestrenger Miene zu der Übermütigen herüber, die indessen keinen Blick mehr für ihn übrig zu haben schien, sondern dem Junker mit lachenden Wangen zuzwinkerte. Dieser aber erhob sich und zog die Fingerspitzen Babettens an seinen Mund: „Wenn das so ist, möchte ich die Demoiselle bitten, mit mir zu einem Hexentänzchen anzutreten.“
Die andern jungen Leute standen ebenfalls vom Tische auf; denn ein Wink des Domherrn von Hutten bezeigte, daß die Tafel aufgehoben sei. Nur die älteren Festgäste waren noch nicht gesonnen, so bald schon von den trefflichen Prälatenweinen Abschied zu nehmen; sie blieben schwatzend und trinkend an der gedeckten Tafel sitzen, und auch die vier Musikanten, die in den Pausen dem Wein kräftig zusprachen, blieben auf ihren Stühlen hocken und bliesen von Zeit zu Zeit ihre alten Weisen weiter. Die Mädchen aber flogen auf verschiedensten Wegen auseinander, und bald tauchte da und dort ein helles Gewand unter den alten Buchen des Waldhangs auf, den nah und fern helles Gelächter mit seinem Hall erfüllte. Der junge Herr von Collenberg trat einen Augenblick zu dem Domherrn von Hutten, um ihm für das schöne Fest zu danken, das er einem glücklichen Reisezufall verdankte. Als er sich aber umwandte, um nach seiner Nachbarin zu spähen, war Babette verschwunden, und er wußte nicht, welchen Weg er einschlagen sollte, um sie zu erreichen, da der ganze grüne Maienwald von Sang und Lachen widerhallte.
Babette aber war, von einem plötzlichen Ernst erfaßt, auf einem kleinen Wiesenpfade, neben dem ein silberklares Forellenbächlein auf grünem Kressengrund herlief, taleinwärts gegangen. Es bedrückte sie, daß Friedrich Lerch, für den sie doch im Grunde dieses ganze Lustspiel an der Tafel aufgeführt, ihr während des ganzen Festes keinen lieben Blick gegönnt hatte, und ein leiser Groll gegen den Stillen quoll mählich in ihr empor, während sie bald langsam, bald schneller für sich dahinging und hie und da eine Kuckucksblume oder ein Maiglöckchen aus dem Untergebüsch des Waldhangs herausholte. Als sie nach einer Weile langsamen Gehens unwillig umkehren wollte, stand plötzlich Kaspar Lienlein vor ihr; der Rothaarige atmete hastig, während er stotternd und mit flehendem Blicke fragte: „Darf ich der Jungfer Babette Geleit geben?“