Babette entgegnete schnippisch: „Der Weg ist für alle da!“ Und sie schlug eine schnellere Gangart an, wobei sie unverwandt auf das schwatzende Wässerlein zur Rechten blickte, in dem die Forellen sprangen.

Da wurde die Stimme Kaspar Lienleins weich und stockend: „Ich — ich würde die Jungfer auf den Händen tragen.“

Babette blieb stumm und blickte den Sohn des Bürgermeisters von der Seite an; sie sah nur die Häßlichkeit des Menschen, der mit glühendem Gesicht neben ihr atmete, und es empörte sie, daß er es wagte, von Liebe zu sprechen, während ihr der andere, dessen ernste Augen nun wie ein Vorwurf vor ihrer Seele standen, fernblieb. „Dich nehm ich nicht,“ schrie sie mit zornfunkelnden Augen, „und wenn du der Kaiser wärst, du roter Fuchs, mit deinen Roßmucken [Sommersprossen] auf der Hand.“

Und ohne eine Antwort abzuwarten, lief sie wie ein Windspiel davon, um zu der Gesellschaft ihrer Freundinnen zurückzukehren, deren ferner Gesang aus den dunkelnden Tiefen des Buchenwaldes sehnsüchtig und gedämpft zu ihr herüberklang.

Der Abgewiesene blieb wie angewurzelt an der Stelle stehen, wo ihm Babette seine Rothaarigkeit vorgeworfen hatte; seine Lippen bewegten sich mechanisch. „Wart, wart,“ sagte er ein über das andere Mal, während ein paar Mädchen, lachend und schäkernd, an dem Erstarrten vorbeihuschten und ihn im Vorbeigehen mit frisch gepflückten Distelschossen bewarfen: denn Kaspar Lienlein galt als halber Tölpel, vor dessen tückischer Gemütsart sich indessen die halbe Stadt fürchtete.

Babette aber lief, ehe sie an den Festplatz gelangte, wo Friedrich Lerch mit seinem verschlossenen Amtsgesicht in der Gesellschaft der würdigsten Ehrengäste auf und ab wandelte, dem alten Ratsherrn und Spitalpfleger Christopher Kemmeter in die Arme. Der lange dürre Kauz stellte sich breitbeinig über den Weg, als Babette mit glühendem Gesichtchen daherstürmte, und spitzte seinen faltigen Mund, als wolle er sie mit einem Kusse aufspießen. Sie mußte lachen, als sie den Alten gewahrte, der nun sein linkes Aug zusammenkniff und mit seinem rechten Daumen über die Achsel nach dem Festplatz deutete. Der Spitalpfleger war ihr, wie der ganzen Gegend, von Jugend her wegen seiner Absonderlichkeiten bekannt: er trug an Werkeltagen niemals eine andere Tracht als das Gewand eines fränkischen Weinbauern, gelbe hirschlederne Hosen, grobe Schnallenschuhe, einen langen Tuchrock mit breiten Silberknöpfen und einen abgeschabten Dreispitz, auf den er, wenn es nur ging, eine Blume, eine Nelke, eine Rose oder eine Kornrade, zu stecken pflegte. Auf der Straße schritt er stets mit gesenktem Kopf und vor sich hinmurmelnd einher, wobei er von Zeit zu Zeit mit seinem Krückstock nach rechts und links ausschlug, als wolle er die Beine seiner Feinde und Widersacher absäbeln. Er besaß die besten Weinberge der Stadt und trieb einen schwunghaften Handel mit Südweinen aus Zypern und Spanien, die er durch einen Mainzer Hofjuden in Venedig oder Genua einkaufen ließ. Im Herbste, wenn die Lesewagen mit den schweren Kufen in die Keltern fuhren, wich er nicht von der Seite seiner Winzer, die Tag für Tag eine ausgesuchte Nahrung und einen guten Trank aus seinem Keller erhielten, damit sie beim Lesen weniger Trauben schmausten. In der Stadt und im Rat besaß er wenig Freunde: er galt als reich und filzig, und seine Feinde behaupteten, alle Dinge, in die der ehemalige Armenadvokat die Hand stecke, verfilzten sich zu einem unauflösbaren Knäuel, von dem man am besten die Hände lasse. Babette wußte, daß ihm Friedrich Lerch seine Ernennung zum Ratsschreiber verdankte: Christoph Kemmeter gehörte zwar der Augsburger Konfession an; aber er war seit Jahren mit dem protestantischen Stadtpfarrer und Propst Veit Schlegelmilch verfeindet und tat, was er nur konnte, um seine Glaubensgenossen und deren Seelenhirten bei jeder Gelegenheit zu ärgern. So hatte er es auch durchgesetzt, daß der katholische Friedrich Lerch, dessen Vater dem Fürsten von Weiningen als Kammerdirektor gedient hatte, gegen jedes Herkommen zum Kanzler gewählt wurde. —

Als er bemerkte, daß Babettens Blicke über ihn weg nach dem Festplatz flogen, fragte er: „Hat die Jungfer Babett gesehen, wie die Forellen springen? Weiß Sie, was das bedeutet? Entweder kommt ein Wetter, oder es ist ein Hecht unter die Fische geraten. Junge Hechte sind gefräßig und haben viel Gräten!“

Babette wußte nicht, was sie zu dieser Feststellung sagen solle. Da beschloß sie, den Stier bei den Hörnern zu packen, indem sie plötzlich fragte: „Werden sie den neuen Stadtschreiber bestätigen?“

Der Ratsherr lachte: „Wenn die Jungfer mir ein Küßchen gibt, will ich ihr den Beschluß des Geheimen Rats wortwörtlich sagen.“

„Das Küßchen erhält der Herr nach meiner Hochzeit,“ sagte Babette lachend.