Der Spitalpfleger verzog den Mund: „Das ist, wie hier die Hasen laufen, ein unsicherer Wechsel. Aber ich will Ihr glauben und mich zufriedengeben.“

Er kannte Babette seit ihrer frühesten Kindheit, und schon an dem Kinde war ihm, wenn er nach Weiningen kam, um dem regierenden Fürsten seine Aufwartung zu machen und seine Freunde unter den fürstlichen Beamten zu besuchen, die bezaubernde Anmut, aber auch eine seltsame Eigenwilligkeit und spielerische Gemütsart des kleinen Mädchens aufgefallen.

Als er eines Tages die Gewächshäuser in Weiningen durchschritt, um bei dem fürstlichen Hofgärtner Tulpenzwiebeln für seinen Blumengarten zu bestellen, gewahrte er die kleine Babette, die heftig auf den jüngsten Sohn des Kammerdirektors, den kleinen Friedrich Lerch, einsprach: das kleine Frauenzimmerchen, das in seiner Puppenhaftigkeit doch schon etwas Frauliches in seinem Wesen hatte, deutete auf eine Orange, die im Gezweig eines Topfbaumes hing, und verlangte, daß der Knabe sie vom Aste breche. Dieser starrte wie gebannt auf die goldene Frucht, ohne die Hand zu rühren, und sagte nur leise: „Das darf man nicht.“ Da bemerkte der Zuschauer, daß die Kleine über diese Weigerung in die hellste Wut geriet; sie stampfte mit den Füßen, sie schlug den Spielgenossen mit den Blumen, die sie im Händchen trug, und sprang wie eine Wilde an dem Stamm empor, ohne die Frucht zu erreichen. Selbst die belehrende Verweisung, die der herzutretende Zuschauer der kleinen Wilden zuteil werden ließ, vermochte ihren Groll nicht zu stillen: sie blieb mit zusammengekniffenem Gesichtchen stehen und lief plötzlich wie ein Wiesel davon, um ihrer Beschämung zu entgehen. Später, auf dem Heimweg von der Gärtnerei, bekam der Ratsherr die beiden Kinder noch einmal zu Gesicht: Friedrich zog ein Wägelchen, in dem die kleine Babette, mit einem Kränzlein in dem Blondhaar, saß und wie eine kleine Göttin um sich blickte, die in einem Triumphwagen einherfährt. Im Schimmer dieser Erinnerungen erhob der alte Kemmeter den Finger, um Babetten zu drohen, und dann geleitete er sie zur Tafel, wo die älteren Herren noch immer beim Weine saßen und den Worten des Domherrn von Hutten lauschten. Dieser ließ den Schloßbau mit seinen Hallen, Gärten, Tempelchen, Bosketts und Springbrunnen vor den Augen der weinseligen Zuhörer erstehen und verfehlte nicht, die Vorteile, die der Gegend aus der Bautätigkeit des Kirchenfürsten und der Anwesenheit des durchlauchtigen jungen Fürsten Franz Lothar erwachsen würden, ins hellste Licht zu stellen. Als besonderen Spaß tischte er die Neuigkeit auf, daß der Fürstbischof Adam Friedrich beschlossen habe, seinen seligen Hofnarren in Stein aushauen und das Standbild über dem Zufahrtstore aufstellen zu lassen. Die Frankenthaler zwinkerten und nickten beifällig mit den Köpfen: solche Späße gehörten in das Reich der eigenen Lustbarkeiten, von deren Schwankhaftigkeit Geschlecht um Geschlecht zehrte. Dazwischen aber überlegte der eine und der andere, wie man die Anwesenheit des italienischen Baumeisters, der wie ein Aal unter den Festgästen umherschlüpfte, zu eigenem Nutz und Fromm verwenden könnte. Der eine besaß einen geräumigen Ziergarten, in dem sich ein kleines Lusthaus mit breiten Fenstern und Muschelnischen gut ausnehmen würde; ein anderer wohnte in einem Hause, dessen Vorderseite der Erneuerung bedurfte, und jener träumte im Schweifen des Gesprächs von einer gelb lackierten Kutsche, wie sie mit Bereitern und Läufern die Welt auf glatten Herrenstraßen durchsausten. So blickten sie im Bann des schweren Weins in eine neue Zeit, deren Grundstein dort unter Rosen versteckt in der Erde ruhte und der wachsenden Mauern harrte. —

Der Ratsherr Kemmeter nahm am Tische Platz und hob seine Hand ans Ohr, um nur ja kein Wort der kostbaren Rede zu verlieren. Auch Babette blieb einen Augenblick lauschend stehen; als sie aber bemerkte, daß der ehrfurchtsvoll lauschende Friedrich Lerch mit seiner würdigen Amtsmiene noch immer ihren Blicken auswich, rümpfte sie das Näschen und ging auf den Junker Collenberg zu, der sie mit einer französischen Verbeugung begrüßte und ihr die Hand zu einem Tanze auf dem Rasen vor dem Zelte bot. Und da die Bläser einen deutschen Tanz anstimmten, flog sie im Nu mit dem Junker im Tanz dahin. Sie schloß die Augen, um im Arm ihres Tänzers nur die Raserei des Schwebens zu empfinden, und als die Bläser absetzten, huschte sie auf die Musikanten zu und bat sie mit fliegenden Worten um die Wiederholung des Tanzes. Sie merkte nicht, daß ihre Gespielinnen, hämisch flüsternd und tuschelnd, die Köpfe zusammensteckten; sie sah auch nicht, daß Kaspar Lienlein neben seiner Mutter unter der Zeltöffnung stand und jede Bewegung der Tanzenden mit gierigem Blick verschlang. Sie verlor ihren rechten Schuh und tanzte im weißen Strumpfe auf dem Rasen weiter; sie spürte es nicht, daß sich ihr Busentuch löste und wie ein geblähtes Segel zu den Füßen gestrenger Mütter hinfiel; sie fühlte im rasenden Drehen und Schweben nur das eine: daß eine seltsame Traurigkeit in ihr aufquoll, durch die ein bitterer Groll wie ein Wässerlein unter Steinen in ihr emporsickerte. Und als ihr Tänzer sie ins Zelt zurückbegleitete, blieb sie mit gesenkten Augen vor der Tafel stehen, wo die Herren noch immer beim Weine saßen und würdige Gespräche pflogen. Sie atmete erst auf, als dumpfes Grollen ein nahendes Gewitter verkündete und die ganze Gesellschaft in das Zelt zusammenscheuchte. Da die Festkutschen erst gegen Abend aus der Stadt erwartet wurden, mußten die Gäste vor dem Unwetter in einem nahen Bauernhause Schutz suchen, und die Mädchen kamen erst zu Beginn der Dämmerung wie durchnäßte Mäuse vor dem Tore an, wo sie kichernd und lachend auseinanderhuschten. Der Junker Emmerich bekam Babette nicht mehr zu Gesicht; er nahm feierlichen Abschied von dem Domherrn von Hutten und gab seinem Kutscher Befehl, mit dem Reisewagen in einer Stunde vorzufahren.

Als Babette das alte Haus am Lochgraben, in dem sie mit ihrer Tante Lioba Hippler, der Witwe des städtischen Kellers [Rentmeisters] wohnte, in der Dämmerung betrat, fand sie die alte Frau in heller Aufregung. Die Lioba Hippler war seit zehn Jahren auf beiden Augen blind und pflegte ihre ganze Zeit mit Spinnen zu verbringen. Sie saß dabei mit ihrem mächtigen Spinnrad auf einem erhöhten Fenstersitz, von wo aus sie alle Geräusche des stillen Stadtwinkels hören konnte. Jeder Ton, den sie vernahm, ging wie ein Licht oder ein Zucken über das friedliche Gesicht der alten Frau, die jeden Nachbarn an seinem Schritt erkannte. Heute aber fand Babette ihre Tante in seltsamer Unruhe: „Gott sei Dank, daß du nur da bist,“ sagte die Alte, die ihr bis an die Tür entgegenkam und dann sofort auf ihren Fenstersitz zuging, um das geliebte Spinnrad wieder in Bewegung zu setzen. „Ich hab mit einem Male eine solche Angst gefühlt, wie wenn dir was passiert wär.“

Babette strich ihr zärtlich über die Backen und erzählte mit ruhigen Worten von dem herrlichen Feste, ohne des Junkers von Collenberg mit einem Worte zu erwähnen; dann huschte sie, leicht wie ein Hauch, die Bodentreppe hinauf in ihr Gemach, um ein anderes Kleid anzuziehen. Sie blieb ein Weilchen im bloßen Hemd vor ihrem Spiegel stehen, legte ein feines Kettlein, an dem ein Herzchen mit Haaren von ihrer verstorbenen Mutter hing, um den Hals, probierte eine Stutzhaube, deren breite Atlasbänder bis an ihre Kniee niederwallten, und zog aus dem schadhaften Haubenboden einen vergoldeten Draht heraus, den sie mit versonnenem Lächeln um ihren linken Zeigefinger wickelte. Dann warf sie einen Blick in den gefüllten Schrank, in dem das duftige Linnenzeug ihrer Ausstattung gehäuft beisammenlag, und fuhr mit zärtlichen Fingern über die blühweißen Tücher, die alle von ihrer Mutter stammten. Während sie dann in dem schmalen Giebelgelasse wieder vor dem Spiegel saß, zuckte es wieder wie ein feines Possenspiel um ihr schmollendes Mündchen: sie probierte die Miene, mit der sie Friedrich Lerch am Abend, wenn er käme, zu empfangen gedachte, und das Armesünderbewußtsein, das sich, fast gegen ihren Willen, für einen Augenblick auf ihre Züge legte, erfüllte sie jählings mit solchem Übermut, daß sie hell auflachte und voll seliger Unrast aufstand, um in dem schmalen Gemach, wo ihre ganze mütterliche Habe in Schränken und Kommoden verwahrt lag, in halbem Tanzschritt auf und ab zu schreiten. Sie zweifelte keinen Augenblick, daß der neue Stadtschreiber auch heute, wie gewöhnlich gegen acht Uhr, kommen werde, um ein Stündchen bei ihr und ihrer blinden Tante zu versitzen; sie hielt schon ihre schönsten Blicke für ihn bereit und nahm sich vor, ihn auch noch dahin zu bringen, daß er sie um Verzeihung für sein mürrisches Wesen bat, das doch allein schuld an ihrem Spiel mit dem lustigen Junker war. Während eine geheime Zärtlichkeit ihr Aug mit sehnsüchtigem Leuchten füllte, beschloß sie, ihn auch noch ein Weilchen mit allerlei Anspielungen auf den vornehmen Courmacher zu quälen, und ihm dann, zum Seelentrost, ein Schälchen voll eingemachter Kirschen vorzusetzen, die der Schlecker gerne aß, und ihm ihr eigenes Kinderlöffelchen dazu zu geben. Als jedoch plötzlich über die abendlichen Dächer her das Horn eines Postillions aufklang, der das alte Lied blies:

Komm heraus, komm heraus, du schöne, schöne Braut,

Deine guten Tage sind alle, alle aus,

O weiele weh!

da schnitt Babette eine Fratze und lief, die Melodie vor sich hinsingend, im schönsten Sommerstaat zu ihrer Tante herab, die noch immer vor ihrem Spinnrad saß. Es war ihr, als sie das dunkle Gemach betrat, so wohlig zumute wie seit langem nicht, obwohl eine leise Sehnsucht ihr Herz mit seltsamer Unruh erfüllte. Die Blinde fuhr ihr, nach ihrer Gewohnheit, zum Gruß über das rosige Gesichtchen, und als ihre Hände nichts Besonderes fanden, netzte sie den Finger an ihrem welken Munde, um schweigend weiterzuspinnen. Das leise Schnurren des Rades erfüllte den Raum mit einem Laut, der Babettes Gedanken, die mit der sinkenden Dämmerung immer ernster wurden, wie eine leise Musik begleitete und ihre Erwartung immer sehnsüchtiger stimmte. So saß sie, mäuschenstill und auf nahende Schritte lauschend, auf einem niederen Stühlchen da; und nur einmal schlich sie auf den Zehenspitzen an das Fenster, um auf die Gasse zu spähen, aus deren Dunkel ein leises Mädchenlachen zu ihr emporklang. Als jedoch der Abend weiter vorrückte und Friedrich Lerch noch immer nicht kam, riß sie in jäh aufwallender Wut ihr Batisttüchlein von den Schultern und nahm sich vor, dem Unverschämten das nächste Mal, und wenn er auch als reuiger Sünder käme, überhaupt keinen Blick zu gönnen. —