Doch Friedrich Lerch ließ sich weder an diesem noch an den folgenden Tagen in dem alten Hause am Lochgraben sehen, und es war nicht Groll, was ihn von der Geliebten fernhielt, sondern ein kummervolles Gefühl der Scham, weil jene gegen das Bild gefrevelt hatte, das er von ihr in seiner Seele trug. —

Babette aber verlor mit einem Male die Lust am Singen, und in Frankenthal trugen sich, von heute auf morgen, ganz seltsame Dinge zu: am Montag streckte die beste Milchkuh des Büchsenmachers Kaspar Bundschuh plötzlich alle viere von sich, und die Augen, mit denen die Verreckte vor sich hinstarrte, zeigten jedem, der etwas von der Sache verstand, klipp und klar, daß sie den leibhaftigen Bösen vorher gesehen hatten; am Dienstag weigerten sich die Geißen des lutherischen Totengräbers Johannes Felgentreff, Milch zu geben, und weder gütliches Zureden, noch das beste Grünfutter vermochte die meckernde Gesellschaft von ihrer höllischen Halsstarrigkeit abzubringen; in der Nacht von Mittwoch auf den Donnerstag entstand in dem Hühnerstall des Brückenbecken Wiedehopf ein solcher Aufruhr, daß die ganze Nachbarschaft aus dem Schlafe aufgeschreckt wurde, und als die Beckin am Morgen das aufgeregt gackernde Hühnervolk aus dem Stalle ließ, fand sie, daß die gelegten Eier samt und sonders hohl waren.

Am meisten Anlaß zu Gerede bot das Verhalten des Bürgermeistersohnes Kaspar Lienlein: der saß wie von einem bösen Geist besessen stumm und stöckisch in einem Winkel seines Zimmers, und wenn seine Mutter mit seinen Lieblingsspeisen kam, um ihn zu trösten, sah er sie mit bösen Augen an oder fletschte seine Zähne wie ein Hund, dem man seinen Mittagsfraß stört. Dazu brachte jeder Tag, trotzdem der Mai noch nicht zu Ende war, ein Unwetter nach dem andern, und alte und junge Weiber schwelgten in dem Geraun und Gerede, daß solche Kieselwetter teuflisch Hexenwerk seien. In ganz Kleinfranken, in Gerolzhofen, in Prozelten, in Freudenberg und anderen Orten waren die Teufelsweiber am Werke, und im niederen Volke zweifelte bald niemand, daß auch Frankenthal eine Hexe beherbergte. Bald wurde auch der Name der Hexe, der Stadt und Gegend die alltäglichen Kieselwetter verdankte, heimlich genannt, und die Brückenbeckin erzählte jedem, der es hören wollte, daß sie selbst in der Nacht vor dem ersten Mai ein faselnacktes Hexlein um den Türmersturm habe fliegen sehen: es sei ganz zusammengekauert auf einem langen Besenstiel gehockt, und sein loses Haar sei wie ein feuriger Schweif hinter ihm dreingeflogen, als es mit ein paar feueräugigen Eulen hinter dem Stadtwald, dem Stöckicht, verschwand. Aber die schlimmste Verhexung war doch, wie alle munkelten, dem Sohn des Bürgermeisters Lienlein, dem roten Kaspar, passiert, der wie zerschlagen in der Stadt herumging und jeden mit Augen anschaute, aus denen der leibhaftige Teufel in die Welt guckte. —

Nach acht Tagen waren alle Hexengläubigen darüber einig, daß die Stadt in der Babette Glock ein ausbündiges Hexlein bekommen habe, und schon fingen die kleinen Buben an, „Hexle, hex“ hinter ihr herzuschreien, wenn sie mit ihrem Körbchen am Arm durch die Gassen ging, um eine Freundin zu besuchen oder Gewürz beim Krämer einzukaufen.

An einem heißen Juniabend, am Tage vor Fronleichnam, ließ sich endlich auch der Kanzler Friedrich Lerch bei der blinden Hipplerin sehen. Babette, die gerade an einem Kuchenteig knetete, gönnte ihm keinen Blick, als er eintrat und sich, nach einem scheuen Gruße, zu der Blinden setzte. Diese streichelte ihm das Gesicht und verlangte zu wissen, warum er so lange weggeblieben sei. Der Stadtschreiber entschuldigte sein Fernbleiben mit Arbeit und der Sorge um seine Stellung; denn seine Bestätigung war noch immer nicht erfolgt, und noch immer sah er sich einer ungewissen Zukunft gegenüber. Als Babette einen Augenblick hinausging, um den Teig an einen warmen Ort zu stellen, folgte ihr Friedrich Lerch auf den Flur, wo er stehen blieb, bis sie aus der Küche zurückkam.

„Der Herr Stadtschreiber will schon gehen?“ sagte sie schnippisch, während sie ihre Hand an ihrer weißen Schürze abwischte.

„Die Jungfer Babett hat Verwandte in Aschaffenburg,“ entgegnete er, indem er scheu auf die Seite blickte. „Ich würde Ihr raten, eine Sommerreise dahin zu machen.“

Diese feierliche Haltung und der Umstand, daß er sie nicht mehr duzte, erbitterte Babette aufs heftigste; sie höhnte: „Wenn ich das tät, bekäme ich den Herrn Stadtschreiber nicht mehr zu sehen, und das bräch mir das Herz.“ Sie funkelte ihn dabei mit zornigen Augen an; er aber überlegte, ob er das wilde Wesen seinem Schicksal überlassen solle oder nicht, und sagte dann: „Es gibt in der Stadt alte Weiber, die an Hexen glauben.“

Sie lachte höhnisch: „So sag Er doch gleich, daß ich eine Hex bin! Hat Er nicht gehört, daß ich erst vorgestern auf der Galgenweide beim Hexentanz gewesen bin? Und weiß Er auch, daß der Grüne, der ein Flötchen, nein, ein Hörnchen — ein Hörnchen geblasen hat, Ihm ähnlich sieht? Ja — ja —.“

Friedrich Lerchs Gemüt wurde weich: „Jungfer Babett,“ sagte er leise, „man soll mit dem Unglück nicht spaßen.“