Dieses gedrückte Wesen brachte Babette noch mehr auf; sie lachte: „Wenn ich nur wüßt, wo eine Hexenschul wär, ging ich noch heut hinein. Kann Er mir keinen Rat geben? Er ist doch in der Welt 'rumgekommen —“

Da ging Friedrich Lerch, den dieses Wesen in der Seele quälte, ohne ein Wort weiterer Entgegnung die hölzerne Treppe hinunter: er gedachte, eine günstigere Stunde abzuwarten, um Babette zu warnen und zu einer Reise zu bewegen. Babette blieb jäh verstummend an der Treppe stehen: sie wußte nicht, was sie von dieser Flucht halten sollte, und dachte einen Augenblick daran, den Jugendgespielen zurückzurufen; aber sie brachte es nicht über sich, ein Wort zu sagen, und der Stadtschreiber hörte beim Beschreiten der Haustürschwelle nur ein gelles Lachen, das ihn auf seinem Gang durch die Stadt verfolgte. —

Am nächsten Morgen aber, in aller Frühe, kamen zwei Stadtknechte, um die Barbara Glock, die noch im Schlummer lag und just von ihrer eigenen Hochzeit träumte, aus dem Bett zu holen und in Gewahrsam zu nehmen. Sie schrie und heulte und stampfte mit dem Fuße, als die Knechte mit dem Befehl des Rates in ihr Stübchen drangen und sie aus dem Bette zerrten; allein kein Weinen und kein Bitten half, und auch die blinde Hipplerin, über deren runzelige Backen die dicksten Tränen herabliefen, versuchte vergeblich, ihre Nichte loszubitten. Die Gefangene wurde mit gebundenen Händen in den Hexenturm gebracht, wo sie der städtische Stockmeister sofort mit einer langen Eisenkette an einen Mauerring anschloß. Sie konnte sich in kleinem Umkreis umherbewegen und sich am Tisch, der nicht weit von der tiefen Fensternische in einer dunklen Ecke stand, auf einen Stuhl setzen. Sonst geschah ihr vorerst nichts; denn die Frankenthaler pflegten ihre Hexen, zum Unterschied von anderen Städten, gut zu behandeln, solange sie noch nicht des Vergehens der Hexerei geständig oder überführt waren.

Da saß nun die lachende Babette und hatte Zeit, über ihr Schicksal nachzudenken. Sie ahnte, von welcher Seite der Schlag kam, der sie aus heiterem Himmel traf; aber sie war empörter gegen den Stadtschreiber als gegen den rothaarigen Sohn des Bürgermeisters, dem sie es doch verdankte, daß sie gefesselt und gefangen im Hexenturme saß. Wenn sie des Gefühls gedachte, das jener verschmäht hatte, stürzten ihr Tränen der Wut in die Augen, und jedesmal, wenn sie sich eines lieben Augenblicks in seiner Gesellschaft erinnerte, stampfte sie mit dem Fuße und warf einen Blick nach der Türe, als ob er jeden Augenblick hereintreten müßte, um seine Strafe in Empfang zu nehmen. Aber es kam niemand, und der lange Tag erschien ihr wie eine öde Ewigkeit. Erst gegen Abend, als es schon dämmerte, trat der Stockmeister, ein klapperdürres Hutzelmännchen mit schielenden Triefaugen, ein und setzte ein gebranntes Mehlsüpplein als Hexenfutter auf den wurmstichigen Holztisch. Er zwinckerte vergnügt vor sich hin, als er Babette mit einer Handbewegung einlud, das Schüsselchen auszulöffeln; denn in seiner Erinnerung glänzte noch das letzte Hexenmahl, das der Rat, altem Brauch zufolge, den Stadtknechten und dem Türmer nach der Verbrennung zu geben verpflichtet war, als herrlichstes der Frankenthaler Feste her: es hatte einundzwanzig Gulden gekostet, und der Stockmeister schnalzte im Gedanken an die Leckerbissen, die damals aufgefahren wurden, noch jetzt mit der Zunge. Babette floh in die tiefe Fensternische zurück und starrte mit wütenden Augen auf den verhutzelten Hexentürmer, der nah und näher an sie herantrat. Hundertmal war sie früher an dem Hexenturm vorbeigegangen und hatte den Stockmeister gesehen, wie er mit seiner Frau, einer kahlköpfigen Alten, zankend und keifend auf einem hölzernen Bänklein vor der Turmtür saß; nun erfüllte sie der Blick des schielenden Alten mit Wut und Abscheu; sie stampfte mit dem Fuße und schrie: „Geh, geh, du Aff!“

Doch der Türmer blieb vor der Nische stehen und zwinkerte sie liebäugelnd an: „Wo hast denn das Hexen gelernt, Mädle?“ fragte er mit meckernder Stimme; „hätt net gedacht, daß ich auf meine alten Täg noch mal erleb, daß man eine Hex fängt. Die Hexen werden immer rarer. Am Himmelfahrtstag sind’s fünfunddreißig Jahr her, seit wir die letzte auf dem Marktplatz verbrannt haben. Wenn ich dir einen Rat geben därf, so gesteh nur gleich. Was sein muß, muß sein. Hihi, wir Frankenthaler haben noch keine Hex verbrannt, ohne daß sie gestanden hätt. Verbietet auch die hochnotpeinliche Gerichtsordnung, daß eine Hex ans Feuerlein kommt, ehe sie alles bis auf das Tipfele gestanden hat, hehe. Ich weiß, — ich bin net dumm, — ich weiß, du denkst: die können lang warten, bis ich sag, was ich weiß. Aber da legen sie dir die Daumenschrauben an: die pressen dir die Knöchle, daß du alle Engel im Himmel singen hörst. Dann wirst du in die spanischen Stiefel geschnürt. Wenn ich dich aus der Stube lassen dürft, könnt ich dir das gekerbte Brettle zeigen, das sich beim Zuschrauben ans Schienbein legt. Und wenn du dann noch nicht sagst, wann du’s letztemal mit dem Junker Federkiel getanzt hast, kommst du auf die Leiter, die ist ärger wie’s Fegfeuer. Du wirst mit Winden in die Höh gezogen, und an die Füß hängt man dir ein volles Essigfäßle. — Ich hab in meiner Jugend baumstarke Männer gesehen, wo von der Leiter runterkommen sind und gestöhnt haben: Wir wöllen lieber zehnmal sterben als einmal die Leiter besteigen! Und wenn du von der Leiter 'runterkommst und immer noch dein Hexengöschle hältst, bekommst du den gespickten Hasen zu schmecken. —“

Babette hörte nicht mehr, was der Türmer sprach; sie hielt sich die Ohren zu und blickte durch das verstaubte Gitterfensterchen auf den Stadtwall, wo in der sinkenden Dämmerung ein paar Dutzend Gassenbuben standen und warteten, ob das eingetürmte Hexlein vielleicht geneigt sei, seine Künste zu zeigen und einen Ausflug zu wagen. Die schadenfrohe Lustigkeit der Stadtjugend erschien ihr erträglicher als die Folteraugen des Alten, der nun mit einem Mal zu jammern begann: „Ja, ja, die Zeiten werden immer schlechter, und die Taxordnung is kein Hellerle wert. Weißt, Mädle, was ich fürs Ohrabschneiden bekomm? Zwei Schilling und sechs Pfennig. Und für jeden Brand zwei Schilling zwölf Pfennig. Fürs Auspeitschen gibt mir der Rat nur den Gotteslohn, und wenn ich nicht am Salben was verdienen tät, könnt ich kein Schöpple Gützberger trinken —“

Nun aber fuhr Babette mit solchen Augen auf das Männlein los, daß dieses den Rückzug antrat und vor sich hinmeckernd die schmale Gefängnistür mit den mächtigen Riegeln verschloß. Sie lehnte ihre Wange an die verstaubten Scheiben und ließ ihre Tränen stillschweigend auf ihre Hände herunterfallen, die gekreuzt in ihrem Schoße lagen. So blieb sie die ganze Nacht hindurch sitzen, als ob alles, alles Leben aus ihr geflohen wäre, und erst am Morgen warf sie sich auf den hölzernen Schragen, der anstatt eines Bettes in einem Winkel des Turmgemaches stand.

Obwohl sich die Frankenthaler sonst zu allem Zeit und Ruhe ließen, schien es dem hochmögenden Rate doch geboten, das Verhör der Barbara Glock schon am nächsten Morgen zu beginnen. In aller Herrgottsfrühe durchschritt ein Ratsknecht mit der Schelle die Straßen, um den Einwohnern die hochnotpeinliche Vernehmung anzukündigen, indem er mit lauter Stimme zu den Fenstern der Gerichtsherren hinaufsang:

„Höret, ihr Ratsherrn, jung und alten,

Heut früh wird Halsgericht gehalten