Über eine gefangene Person,
Die große Übeltat geton!
Zu solchem Rechtstag sollt ihr kommen,
Gemeinem Wesen zu Nutz und Frommen.“
Als der Spitalpfleger Christopher Kemmeter die Ratsschelle hörte, befahl er seiner Schwester Margret, die ihm den Haushalt führte, ein starkes Weinsüpplein zu kochen und, zu besonderer Süßung, gehörig Zimt und Zucker hineinzutun. Dann zog er seinen Bürgerrock an, stopfte sich eine holländische Kreidepfeife und nahm ein altes Buch zur Hand, in dem die besonderen Rechtsfälle der Stadt seit dem Jahre 1594 verzeichnet standen. Nicht ohne Seufzen öffnete er das dickleibige Werk: er wußte, was er von der Frankenthaler Festfreude erwarten durfte, wenn die Leidenschaft des Volkes erregt war, und hegte keinen Zweifel, daß dieser Streich gegen das hübsche Babettle von den Anhängern des Bürgermeisters Lienlein ausging, den er nicht riechen konnte; denn der Gestrenge trug die Schuld, daß er mit seiner Schwester als Junggeselle hausen mußte, weil er ihm, als er auf Freiersfüßen ging, sein Schätzlein, die ehrsame Jungfer Katharina Ziegenspeck, vor der Nase wegstibitzt hatte. Von diesem Erlebnis war ihm nicht nur ein alter Groll gegen den regierenden Herrn, sondern auch eine Geringschätzung der Weiber geblieben, denen er lange Haare und kurze Gedanken nachsagte, obwohl er seiner leiblichen Schwester einen scharfen Verstand zubilligen mußte: von der Jungfer Margret Kemmeter hieß es in der Stadt, sie sei mit Haaren auf den Zähnen auf die Welt gekommen und schlafe wie ein Drache auf dem Strumpf, in dem sie ihre Reichstaler verwahre. Als die Schwester des Ratsherrn mit dem dampfenden Weinsüpplein in das Zimmer trat, sah sie, daß die Runzeln in dem Gesicht ihres Bruders seltsam zuckten: sie kannte dieses Schelmengesicht, auf dem das Lachen nicht zum Ausbruch kam, und gab dem vergnügten Kracher einen Rippenstoß, den er mit einem meckernden Gelächter beantwortete; aber er war nicht zu bewegen, das Geheimnis, das ihn in heimliches Behagen versetzte, preiszugeben, und als er sein süßes Süppchen ausgelöffelt hatte, nahm er sofort Hut und Stock, um, wie er sagte, auf die Ratsstube zu gehen und da vor der Hexengerichtssitzung noch einen Herrenschoppen zu stechen und für die Kehlenklärung des hochweisen Gerichtskollegiums zu sorgen. Er machte aber, da es noch zeitig am Tage war und er nicht tief in die Kanne zu steigen gedachte, einen Umweg durch die Talgärten, wo er dem staatsmäßig in schwarzen Strümpfen und mit dem Dreispitz unterm Arm einherwandelnden Stadtschreiber Lerch begegnete.
„Er sucht sich wohl ein Taubenhaus aus, wo Er nach der Hochzeit mit Seiner Lalage schnäbeln kann?“ fragte er den Trübseligen, und fügte dann hinzu:
„Es geht doch, sagt mir, was ihr wollt,
Nichts über Wald- und Gartenleben,
Und schlürfen ein dein trinkbar Gold,
O Morgensonn’, und sorglos schweben