Geben wir nun einen Ueberblick über die Stellung der Sonne zu den Phöniziern an den verschiedenen Punkten ihrer Reise! Wenn sie etwa Ende November abfuhren und Mitte Februar den Aequator erreichten, hatten sie dieselbe natürlich während dieser ganzen Zeit mittags südlich gesehen. Bald nachdem sie die Linie gekreuzt hatten, passirten sie dann, so zu sagen, jenen Himmelskörper, welcher der Stellung der Tag- und Nachtgleiche entgegen eilte. Nun begann allmählich das Auffällige. Je weiter die Phönizier südwärts fuhren, und je mehr die Sonne zugleich sich ihrer Stellung zur Zeit des nördlichen Sommeranfangs näherte, desto intensiver mussten Erscheinungen eintreten, welche die Aufmerksamkeit der Schiffer in steigendem Masse in Anspruch nahmen. Am meisten wird dies selbstverständlich der Fall gewesen sein, als sie die Südspitze des Erdtheils erreicht hatten, während zugleich das Tagesgestirn über den Gegenden in der Nähe des nördlichen Wendekreises senkrecht stand. Zur Zeit der ersten langen Rast, die sie hielten, stieg dann die Mittagssonne von Tag zu Tag höher, und im Dezember sahen sie dieselbe bei ihrer Abfahrt in nördlicher Richtung mit geringer Abweichung vom Zenith vor sich; als sie aber im März in der Gegend der Nigermündung anlangten, stand sie ziemlich senkrecht über ihnen. Vom Kap bis hierher wird also nichts für Ophirschiffer Merkwürdiges sich ergeben haben. Auf der folgenden Strecke bis zum Kap Palmas erblickten sie dann die Sonne mittags wieder zur Rechten, doch der grösste Abstand vom Zenith betrug noch nicht 20°, und das war nach dem, was sie in Südafrika erlebt hatten, nicht der Rede werth. Je mehr sie aber, den letzten Theil ihrer Fahrt zurücklegend, sich den heimathlichen Breiten näherten, desto bekannter mussten ihnen die Vorgänge am Firmament erscheinen, und desto weniger auffallend war ihnen natürlich der Sonnenstand.

Schlussbetrachtung.

So denke ich mir nach dem leider so kurzen Berichte Herodots jene merkwürdige Fahrt. In vielen Punkten werden die Ansichten anderer von den meinigen wesentlich abweichen, in einem alle Beurtheiler, die überhaupt an die Umsegelung glauben, rückhaltlos mit mir übereinstimmen: an Gefahren wird diese Entdeckungsreise so reich gewesen sein wie je eine. In unbekannte Weiten ging der Weg, über Meere, die wohl nie zuvor der Kiel eines Schiffes durchfurcht hatte; nicht überall waren Wind und Wellen den kühnen Schiffern gewogen, gegen widrige Strömungen in der Atmosphäre und im Meer galt es stellenweise anzukämpfen; mühsam musste die Mannschaft, was sie zum Leben brauchte, erst mit eigener Hand säen und dann im Schweisse ihres Angesichts einheimsen; ja selbst die Quelle des Lichts, das dem Menschen in Noth und Gefahren neuen Muth in der Seele erweckt, schien in dieser fremden Welt aus ihrer alten Bahn gedrängt zu sein. Vincent[390] führt Namen an, welche die Schiffer des Alterthums Marktplätzen an der Ostküste Afrikas gegeben haben sollen; er nennt sie: the prison, the straits of burial, the port of death, the gate of affliction, bezeichnend genug auch für die Fährlichkeiten der phönizischen Route, und welchen Eindruck das Kap der guten Hoffnung auf die macht, welche es zuerst erblicken, besagt der Name, den ihm die Portugiesen unter Bartholomäus Diaz gaben; sie nannten es: „Cabo da todos los tormientes“[391]. Und doch wird es auch den Phöniziern zu einem Kap der guten Hoffnung geworden sein; nachdem sie es umsegelt hatten, ging die Fahrt ja heimwärts gen Norden, und dem väterlichen Herde waren die Schiffe zugekehrt. Wohl mochte die kühnen Männer die westliche Erstreckung der Küste vom Busen von Benin bis zum Kap Palmas mit neuem Schrecken erfüllen, da sie durch dieselbe von ihrem Ziele abgelenkt zu werden schienen, und wenn jemals, mag ihnen hier, wo Wind und Meeresströmung konträr waren, der Gedanke an Umkehr gekommen sein; sie werden sich aber andrerseits verständigerweise gesagt haben, dass sie nach dem Wenden der Schiffe bis zum heutigen Kap Guardafui fortgesetzt gegen den Strom anzufahren hätten, zeitweise – im Kanal von Mozambique – gegen einen stärkeren, als der an der Küste von Nordguinea war, nicht minder auch einen Theil des Weges gegen den Wind, und werden demgemäss vorgezogen haben, der eingeschlagenen Richtung muthig weiter zu folgen, in der Hoffnung, nach nicht allzu langer Zeit wieder günstigere Verhältnisse zu treffen. Als sie dann am Kap Palmas vorübergesegelt waren, werden sie mit neuem Muthe erfüllt worden sein, da nun die Küste eine nördliche Wendung nahm und der Polarstern, sich mehr und mehr aus dem Meere hebend, ihnen baldige Ankunft in bekannteren Gewässern verhiess. Freilich darf man, um die Reise der Phönizier im rechten Lichte zu sehen, in einer Beziehung nicht den Massstab der heutigen Seefahrt anlegen. Der moderne Seemann mit seinem tiefgehenden Fahrzeuge sucht, gestützt auf sein Arsenal von Instrumenten, sich möglichst auf offener See zu halten und meidet die Nähe des Landes; dem des Alterthums hingegen, der weit flachere Schiffe benutzte und im offenen Meer viel leichter seinen Kurs verfehlen konnte, gewährte die Nähe des Landes ein Gefühl der Sicherheit: kam ein Unwetter, lief er an und zog seine Barke ans Land. So dürfen wir uns die Schwierigkeiten und Gefahren, welche diese Reise mit sich brachte, wenn sie auch enorm waren, doch nicht so erheblich vorstellen, dass aus diesem Grunde die ganze Fahrt hätte unterbleiben müssen; unüberwindlich waren sie nicht. Und sicher wussten die Sendlinge des Aegypterkönigs recht wohl, dass eine Aufgabe wie die gestellte ohne die Bewältigung ausserordentlicher Hindernisse nicht zu lösen war; sie werden sich darüber so wenig im Unklaren gewesen sein, wie man sich am Hofe des Xerxes in dieser Beziehung Täuschungen hingab[392]. Aber sollten sie deshalb vor der Fahrt zurückschrecken? Hatte ihr Volk nicht schon Aehnliches vollbracht? Eben in der Gefahr mag für so wagehalsige Männer, wie diese alten phönizischen Seefahrer gewesen sein müssen, ein besonderer Reiz gelegen haben, und Strabo sagt ja geradezu, als er von der Schwierigkeit der Seefahrt an den Syrten spricht[393]: „Die Keckheit der Menschen macht, dass alles versucht wird, besonders die Küstenfahrten“. Eins allerdings war nöthig, wenn das Unternehmen gelingen sollte, nämlich Glück, und das haben unsere Schiffer, wie unbedingt zugegeben werden muss, in hohem Grade gehabt. Es ist allein schon als ein besonders günstiger Zufall anzusehen, wenn sie in den beiden einzigen Gegenden der langen Küste zwischen dem rothen Meere und der Strasse von Gibraltar, wo überhaupt Weizenbau möglich ist, gerade zu den Zeiten anlangten, in welchen die Aussaat sich am besten vornehmen liess. Ohne Glück sind derartige Unternehmungen überhaupt nicht ausführbar. Man erinnere sich nur der epochemachenden Fahrt, deren zehnjährige Vollendung wir nun bald feiern; was die Phönizier zuerst für den Süden der alten Welt geleistet, das that Ende der siebziger Jahre unseres Jahrhunderts Nordenskiöld für den Norden derselben. Und so wenig jemand an dem entschlossenen Muthe und der grossen nautischen Geschicklichkeit dieses hervorragenden Entdeckers zweifeln wird, so gewiss wird doch jeder, der die einschlägigen Verhältnisse kennt, zugestehen, dass ohne Glück selbst er den arktischen Breiten nicht entronnen wäre und die „Vega“ vielleicht heute noch festgeklemmt zwischen Eisschollen und Schneefeldern sässe. Aber selbst die Annahme, dass durch das Zusammentreffen mannigfacher Glücksumstände den Phöniziern die Lösung ihrer Aufgabe erleichtert sei, vermag nicht, ihren Ruhm zu schmälern. Sie haben ausgeführt, was erst über zweitausend Jahre nach ihnen der Menschheit aufs neue zu vollbringen gelang, eine Reise, die Rosellini[394] sehr richtig charakterisirt: „tremendo passaggio non solo all’ antica arte marinaresca, ma a quella eziandio di circa tre secoli fa“; die Fahrt, welche die Schiffer des Königs Necho 600 Jahre vor Christi Geburt auf ihren Pentekontoren glücklich vollendet haben, ist erst am Ende des 15. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung den portugiesischen Galeeren und den Matrosen aus der Schule Heinrichs des Seefahrers aufs neue geglückt. Die Geschichte der Geographie, speziell der Entdeckungen, ist nicht arm an bedeutenden Ereignissen; es hat nie an Beweggründen edelster oder minder edler Art gefehlt, welche kühne Männer hinaustrieben zur Erforschung unbekannter Theile der Oberfläche unseres Planeten, aber schwerlich ist jemals eine That zu verzeichnen gewesen oder wird zu verzeichnen sein, welche grösser wäre als diese phönizische Fahrt. Mit Recht winden wir grünen Lorbeer um die Stirne der Helden, die auf dem Felde der Ehre mannhaften Muthes dem Feinde entgegentreten als Beschützer der heimathlichen Penaten, und wenn die Geschichte denen einen Platz in ihren Annalen gönnt, die für ihren Glauben oder ihre wissenschaftliche Ueberzeugung willig ihr Leben dahin geben, so wird ihnen zu Theil, was sie verdienen; aber der Muth dieser Männer, die, ohne irgend welche nennenswerthe nautische Hülfsmittel zu besitzen, zuerst die unbekannten Wasserwüsten des südlichen indischen und atlantischen Ozeans durchfuhren und so eins der schwierigsten Probleme der Erdkunde lösten, verdient – wenn auch Gewinnsucht unter den Beweggründen eine hervorragende Rolle gespielt haben mag – nicht geringere Bewunderung. Das sind Heldengestalten, wie sie dem Horaz vorschwebten, als er sein: „Illi robur et aes triplex etc.“ sang, und es ist tief zu beklagen, dass der Name des hervorragenden Seemannes, welcher diese Expedition leitete, der Nachwelt nicht erhalten ist; er stände billig dem Vaskos und Nordenskiölds zur Seite.

Ich hoffe, es ist mir im Vorstehenden gelungen, etwaige Zweifel an der Wahrheit des von Herodot über die phönizische Expedition Mitgetheilten zu besiegen. Ich vermag Lewis nicht beizustimmen, welcher äussert[395]: „we may conclude that the circumnavigation of Africa in the time of Neco is too imperfectly attested and too improbable in itself, to be regarded as a historical fact“; im Gegentheil, mögen die Ansichten im einzelnen auch noch so weit auseinandergehen, an der Thatsache selbst zu zweifeln, dürfte kein Grund vorliegen, und der Vorwurf der Leichtgläubigkeit oder Kritiklosigkeit, der den Gläubigen durch Lewis Worte gemacht wird, und in den der ganze Chorus seiner Gesinnungsgenossen im volltönenden Unisono einstimmt, wird nach sorgfältiger Erwägung der massgebenden Verhältnisse endgültig verstummen müssen. Wer aber überzeugt ist, dass wir es hier nicht mit einer Fabel, sondern mit einem historischen Faktum zu thun haben, der wird den kühnen Männern, die den grossen Gedanken des Königs Necho zur That werden liessen, das zuerkennen, was ihnen gebührt: einen unverwelklichen Ruhmeskranz.

Anmerkungen.

[1] „Nothing is more easy than to affirm the accomplishment of these great attempts (die Umsegelungen Afrikas im Alterthum), where an author logs himself with neither circumstances or particulars“.

[2] History of Ancient Geography. I, p. 296.

[3] cf. Berger: Geschichte der wissenschaftlichen Erdkunde der Griechen. Erste Abtheilung: Die Geographie der Jonier, p. 40.

[4] Λιβύη μὲν γὰρ δηλοῖ ἑωυτὴν ἐοῦσα περίρρυτος, πλὴν ὅσον αὐτῆς πρὸς τὴν Ἀσίην οὐρίζει, Νεκῶ τοῦ Αἰγυπτίων βασιλέος πρώτου τῶν ἡμεῖς ἴδμεν καταδέξαντος, ὃς ἐπείτε τὴν διώρυχα ἐπαύσατο ὀρύσσων τὴν ἐκ τοῦ Νείλου διέχουσαν ἐς τὸν Ἀράβιον κόλπον, ἀπέπεμφε Φοίνικας ἄνδρας πλοίοισι, ἐντειλάμενος ἐς τὸ ὀπίσω δί Ἡρακλέων στηλέων διεκπλέειν, ἕως ἐς τὴν βορηίην θάλασσαν καὶ οὕτω ἐς Αἴγυπτον ἀπικνέεσθαι. ὁρμηθέντες ὧν οἱ Φοίνικες ἐκ τῆς Ἐρυθρῆς θαλάσσης ἔπλεον τὴν νοτίην θάλασσαν· ὅκως δὲ γίνοιτο φθινόπωρον, προσίσχοντες ἄν σπείρεσκον τὴν γῆν, ἵνα ἑκάστοτε τῆσ Λιβυής πλέοντες γινοίατο, καὶ μένεσκον τὸν ἄμητον· θερίσαντες δ ἂν τὸν σῖτον ἔπλεον, ὥστε δύο ἐτέων διεξελθόντων τρίτῳ ἔτεϊ κάμψαντες Ἡρακλέας στήλας ἀπίκοντο ἐσ Αἴγυπτον καὶ ἔλεγον ἐμοὶ μὲν οὐ πιστά, ἄλλῳ δὲ δή τεῳ, ὁς περιπλώοντες τὴν Λιβύην τὸν ἥλιον ἔσχον ἐς τὰ δεξιά.

[5] Siehe darüber Wheeler: The Geography of Herodotus, p. 336, wo die ablehnenden Ansichten des Plato, Ephorus, Polybius, Strabo und Ptolemäus aufgeführt sind. Zu vergl. Bunbury: History of Ancient Geography, I, p. 290.