Am Weidenbusch im stillen Dämmerthal
Geht Faust am schwülen Abend ganz alleine
Verfunken ernst in seiner Leiden Qual,
Verdumpfet und erstarret wie zum Steine.
Am Felsengipfel flammen stumme Blitze,
Aus schwarzen, schweren Wolken angefacht,
Der Gießbach fällt aus wild geborstner Ritze,
Und murmelnd schwätzt die Weide in die Nacht.
Im Grase drüben weiden dunkle Pferde,
Ihr Hirte streicht den Hund beim Laubwerkfeur.
“Ach wie!” spricht Faust und stampfet auf die Erde,
“Wie graut mir vor dem Höllenungeheuer!
Wie lockt er mich! Verflucht sei diese Gluth,
Die er in meiner Brust zu zünden wußte,
Der list’ge Bube kannte mich zu gut,
Und war’s gewiß, daß ich ihm folgen mußte
Wie war die Nacht so wild verführerisch
Und reizend lag im Mondenschein die Welt,
Ein Wollufthauch umfing mich köstlich frisch:
Mein einsam Leben war mir gleich vergällt —
Verflucht sei mir die ungeheure Nacht,
Verflucht der träumerisch milde Mondenschein,
Der Sünde Fluch, des Teufels Macht,
Verflucht dies schwanke menschliche Gebein!
Mir pocht das Herz, es wird mir dumpf zu Sinnen,
Und meine thränenlosen Augen glühn,
Ich muß der schauderhaften That entrinnen,
Ich muß in dieser Nacht entfliehen!
Er sprichts und deckt die Augen mit der Hand,
Da flammt blitzhell ein Bündel Laub empor,
Sein wüster Schatten färbt sich auf dem Land,
Und rings der schwanken Bäume nächt’ger Chor.
Sein wildes Denken treibt ihn ab und auf,
Er athmet rasch, da scheint’s ihn wild zu fassen,
Zur Wiese nimmt er seinen Lauf,
Wo um den Hirten her die Pferde fraßen.
Er schwingt sich auf ein Roß mit Sturmesschnell
Ob sich’s auch bäumt, fest hält er in den Mähnen:
Den großen Hund hetzt nun der Hirte schnell,
Das schwarze Thier mit blendend weißen Zähnen,
Der heult und hascht, das Pferd jagt wild davon,
Der Hund ist auf dem Tritte hinterdran.
Von ferne rauscht des Donners dumpfer Ton,
Doch nichts erschrekt den Reitersmann.
Die Mähne wirbelt, seine Haare fliegen
Jetzt sprengt er wild den Fels hinan,
Den kaum ein kund’ger Ziegenhirt erstiegen,
Er spornet blutig, und es ist gethan. —
Fort saust es auf dem steilen Felsenrücken,
An dessen Fuß der Gießbach wild entbrennt, —
Der Hund verschwand — da fühlt er ihn umdrücken
Zween magre Arme, welche wohl er kennt.
Er kennt die Finger, die ihn so umkrallen,
“Weh mir!” ruft er: “er ist’s der grause Wicht,
“Hinfort! Hinfort!” und seine Sporen fallen
Dem Gaul ins Fleisch mit eisernem Gewicht,
Die Wolke fliegt, die Mähre stürzt dahin.
Allein Mephisto weiß so fest zu sitzen,
Das rothe Mäntlein sieht man glühn,
Es schwirrt die Feder auf der gelben Mützen;
Da fehlt das Roß, geblendet von den Blitzen.
Es fällt und stürzt hinab die Felsenwand,
Es überschlägt sich und die Wellen sprützen
Hoch über Faustus und den Höllenbrand. —
Die Fluth reißt wild das Pferd von Fall zu Fall,
Die beiden stehn geborgen auf dem Stein.
“Ihr wilder Doktor, Teufel noch einmal,
Wohin so toll? Kaum holt’ ich euch noch ein!
Dankt mir’s, daß ich en croupe bin aufgestiegen,
Sonst würd’t zerschmettert ihr im Trümmergrunde liegen.”
Faust seufzet tief in Traurigkeit
Und ringet aus das schwer durchnäßte Kleid.
Der Sturm tos’t fort, die Blitze werden dichter,
Vielfält’ger Donner tönt den Blitzen nach;
“Schneid’ mir nur nicht so gräßliche Gesichter,”
Spricht der: “und suchen wir ein heimlich Dach!”

Sie kam’n zu einer Hütte, die im Grunde
Am einem dunklen Röhrichtteiche liegt;
Im kleinen Fenster glänzt um diese Stunde
Ein matter Strahl, der sich im Teiche wiegt,
Mit grasser Blitze hohem Widerscheine —
Der Donner brüllt, und wie sie näher treten,
Gewahren sie bei einer Lampe Scheine
Zwei junge Mädchen, welche innig beten.
Das bunte Heiligenbild klebt an der Thür,
Marias Bild mit goldner Gloria,
Bestaubt, geschwärzt vom Rauch, ohn’ alle Zier,
Die beiden liegen tiefer Andacht da.
Und wenn die Blitze sengend niederglühen,
Dann zucken sie entsetzlich zum Erbarmen,
Und heben sich empor auf ihren Knieen,
Als wollten sie das heilige Weib umarmen. —
Wie eifrig murmelte ihr süßer Mund;
Wie fieb’risch greift zum Küglein ihre Hand,
Wie seufzen innig sie aus Herzens Grund,
Daß im Gebet der Athem schier entschwand. —
Zerrollet ist der Locken reiche Fluth,
Zum holden Busen wallt sie frei hernieder,
Ihr Aug’ blickt wirr in ihrer Andacht Gluth,
Die jeder Donner neu erreget wieder. —
“Sieh!” flüstert Faust, der unverwandt geblicket
Ins Fensterlein, “das wäre meine Wahl!
diese hier, wie hat sie mich berücket,
Die hierher kniet, am Lid das dunkle Maal!
Wie schwärmt der holde Blick in lichten Flammen,
Und senkt sich dann so still bescheidentlich.
Die Wimpern schließen friedlich sich zusammen,
Sie übergiebt der milden Göttin sich! —
Ja! Die ist schön! Ich fühl’s, daß ich sie ehre,
O schau! Wie sie die weiße Hand zerringt;
Nun komm! Nun komm! Daß ich nicht mehr begehre,
Und mir der tolle Busen nicht zerspringt!”
“Wollt ihr sie Doktor, ‘s ist zwar nicht Kleinigkeit,
Ich scheue das Gepinsel an der Thür;
Doch bin zu allem euch ich gern bereit,
Sobald’s nur thunlich ist und mit Manier!”
Faust schweigt; sein Herz pocht laut und ungestüm,
Er schaut das Mädchen starren Blickes an,
Und seufzet tief; nun lacht das Ungethüm,
“Nur nicht so toll: sollt ja die Dirne ha’n!
Da gehe drüben auf die Felsenplatte,
Und warte bis ich komme mit dem Mädel;
Doch daß dich nicht die Langweil’ ermatte,
Nimm mit dir diesen schönen frischen Schädel!
Er ist der mein’ nach aller forma juris,
Ich schlepp, ihn eine Weile schon herum,
Ihr präparirt den nervus facialis,
Dazu meintwegen den Trigeminum!
“Nein,” redet Faust, “heut laß den Schädel sein,
“Im Herzen lebet mir das holde Bild
Der schönen Betenden: von Lust und Pein
Ist meiner Seele tiefster Grund erfüllt!
O könnt’ ich wie das holde Mädchen büßen!”
Er spricht’s und steigt zum Felsgeröll,
Die Hütte liegt zu seinen Füßen,
Und drum herum hinkt nun der Teufel schnell —
Faust senkt den Kopf und spielt in seinen Träumen,
Ihm hats die schöne Büß’rinn angethan,
Er weilt mit ihr in lieblich klaren Räumen,
Ihr Athem wehet seine Wangen an.
Da tönt ein wüst Geräusch im Felsenthal,
Er schaut hinab: die Hütte steht in Brand;
Im finstern Teiche spiegelt sich der Strahl
Der Flamme, die hoch auf gewandt.
Dann beugt sie sich des Sturmes wilder Last,
Der schwer und ungeheuer auf ihr wieget;
Bald an der glüh’nden Wurzel sie erfaßt,
Bald rechts und links von oben sie zerbieget —
Die Ziegen blöken und ein bänglich Schrei’n
Von Menschenstimmen hört er matt erklingen;
Er schauert: angstvoll zittert sein Gebein;
Nicht all das kann er niederringen;
Unmächtig seiner Sinne sinkt er nieder,
Wenn auch noch lohe Blitze schießen,
Die Flammen fast bis an den Fuß ihm sprießen,
Und wilder Donner hallt von jedem Berge wieder. —

Als Faust erwacht am Morgen trüb und kalt,
Find’t er nicht mehr sich auf der Felsenplatte,
Er ist in einem wilden Fichtenwald,
Den er noch nie zuvor gesehen hatte.
Mephisto kauert wachend dicht daneben,
Noch häßlicher sieht er heut Morgen aus. —
Er ist verdrüßlich: ungeheuer heben
Die schwell’nden Lippen sich in Hohn und Graus.
Der, ob vor Kälte schaudernd, spricht
“Und nun, wo ist die schöne Magd?
Was du versprachst, du hältst es nicht,
Und warst doch gar so eifrig auf der Jagd!”
“O frag mich nicht,” sagt jener mit Verdruß
“Für diesmal ist das Wildpret mir entgangen, —
Zum wenigsten ward mir doch der Genuß,
Daß sie im Teich ersoffen, diese Rangen! —
Doch laß nur das, laß die verfluchte Dirne,
Mein Wort, daß ich dich reichlich schadlos halt’:
Drauf trink den Becher hier von edler Firne
S’ist diesen Morgen gar so höllisch kalt!”

Calvari

Aus finsterm Wald, am schwarzen dumpfen See,
Erhebt’s sich nackt zu eines Berges Höh’:
Dort oben bleichen alte Kloster-Ruinen:
Es sind zerspaltne Marmorsteine;
Zerfetzt Gebild von Himmelsköniginnen,
Und halb verkohlte, schwarze Heiligenschreine. —
Von Allem, blieben noch drei dunkle Säulen
Auf hon’n basaltnen Fußgestellen, —
Doch oben abgebrochen, dreien Pfeilen
Vergleichbar, die das ferne Ziel verfehlen,
Die mit den Spitzen in dem Boden stecken;
Und von hier oben war zu überschau’n
Der düstre See mit seinen Tannenhecken; —
Als nun gradüber aus dem nächt’gen Graun
Der Mond sich hob ob schwarzer Wolken Rand,
Ein Todtenkopf auf düsterm Grabessand;
Und über See und Wald sein Schimmer strich,
Am Fuß des Bergs ein einsam Pärchen schlich,
Faust und Mephisto: dieser unverdrossen
Doch jener matt und unentschlossen
Der Teufel geht vorauf, sein Mäntelein
Fliegt in dem Wind, und stolpernd hinterdrein
Gesenkten Hauptes mit getrübtem Blick,
Kommt Doctor Faust: ihm brechen fast die Knie,
Er flucht in seinem Barte dem Geschick,
Gott und dem Teufel: “o Mephisto sieh
Das schöne Moos,” spricht er, wohin wir gehen,
Gelangen wir noch immer allzufrüh:
Ich dächte besser blieben hier wir stehen;
Und ruhten uns im Moos: Mephisto blickt
Sich lachend um und spricht: “Du armer Gecke,
Oft hast du unter deines Bettes Decke
In heimlich stillen Räumen ganz entzückt
Von solcher Nacht gesprochen, als wie diese,
Hast Raum und Schlaf verfluchtet: Dich gesehnet,
Daß rege Welt sich deinem Blick erschließe,
Mit solcher Inbrunst, daß dein Aug’ gethränet!”
Der hatte schon sich in das Gras gedehnet,
Er war zu müd’, der arme wilde Knabe,
Wie so er lag’: und in begier’gen Zügen
Einsog des Schlafes Wunder: Labe! —
— Der Teufel, ließ ihn dorten liegen,
Auf zu dem Berge stieg er aus dem Hain,
Und setzte sich auf einem Trümmerstein.
— Weithin erstrahlt im Mondlicht die Mantille:
Und wie er mit den scharfen, blanken Sporen
Am Steine hämmert, schwirrt es durch die Stille;
Ein Rauschen tönt zu seinen Ohren. —
Ein dunkler Ring von flatternden Gestalten,
Umweht von langem, wirren, schwarzen Haar,
Wind’t sich empor aus der Ruine Spalten
Zahlloser Menge, Paar auf Paar. —
Schon ist der Teufel mitten unter ihnen,
Er führet das gespenst’ge, wilde Heer;
Sie rauschen nieder von den Bergruinen,
Und jagen ob dem See wild umher.
Wie sich nun da entspinnt ein seltsam Regen!
Im schwarzen Spiegel des Gewässers flechten,
Sie sich das wirre Haar, und zierlich legen
Die reichen Zöpf’ sie an den magern Kopf.
Wenn nun aus den unzähligen, Geflechten,
Der müden Hand entrollte sich ein Zopf,
Da ring’n sich in des Waldsee’s dumpfen Wellen,
Zahllose Kreise die am Strand zerschellen. —
Zurück zum Berge rauscht das wilde Heer,
Zum Boden lassen sie vom Flug sich nieder,
Ein ungestümer Tanz beginnt nunmehr,
Wie er sich mag begeben nimmer wieder;
So viele Paare, so unendlich viel;
Als Flocken Schnee der Nordwind je getrieben:
Und immer steigt das schaurige Gewühl,
Von nah’ und fern, von hüben und von drüben
Mephisto ist von ganzer Seel’ vergnügt:
Die mittelste von den drei Trümmersäulen
Steigt er hinan; wie er sich äffisch schmiegt
Um das Gestein, gleich einem Jesus, eilen
Flugs zu den beiden seitlichen Basalten
Noch zween andre nächtige Gestalten.
So stellt das grasse Teufelskleeblatt dar
Die Schädelstätte von Calvar’,
Und höhnt mit schauderhaftem Spott
Den Menschensohn, den schmerzensreichen Gott.
So raset rastlos fort das wilde Spiel,
Wer es gesehn, dem wirbelten die Sinne.
Noch immer wächst das schreckliche Gewühl,
Im hellsten Mondlicht flimmt des Berges Zinne;
Und Faust verträumet all’ den Saus und Braus,
Er strecket sich, als läg er still zu Haus.

Dolores

Im Mondenschein gehen sie durch eine Gasse
Selbander in dem nächtigen Florenz.
Hier steht in wirrem Kreis die Häusermasse,
Ohn’ Plan gesetzt, und ohn’ Intelligenz.
Schaut, sagt Mephisto, der ein wenig trunken,
Schaut diese wüsten, nächtigen Spelunken.
Die kennt ihr nicht, mein grundgelehrter Mann,
Doch ich hab’ da recht meine Freude dran!
Wie kunstgemäß in langem, schlanken Kreise
Das Höllennest gefügt auf seine Weise:
Wie es sich klüglich in einander windet,
Und eine Schlange, die den Schwanz sich beißt,
Sich in sich selber schließlich wieder mündet!
Seht jenes Haus, es gleichet allermeist
Dem platten, breitgedrückten Schwanze,
Und dieses hier, die ganz vulgäre Pflanze,
Ist recht zu Jedermanns Erbauen
Als wie ein kluger Schlangenkopf zu schaun.
Lobsinget, wem ihr wollt, in salbungsreicher Weise,
Daß wir hierher gelangt auf uns’rer Reise.
Ihr schweigt verächtlich, o! Ich hör’ euch flüstern,
“Nach solchem Oertlein war ich lange lüstern!”
Florenz! Florenz! Du kleine Höllenwelt,
Ich bitt’ den Teufel, daß er dich erhält!
Faust
O siehst du dort den hübschen jungen Knaben?
Sein Antliß ist besond’rer Weise schön!
Mephisto
Gar schön und liebenswürdig; doch sie haben,
und kannst noch selbst die grassen Spuren sehn,
Das süße Herz ihm aus der Brust geschnitten.
Er hat nichts mehr als nur ein feines Leibchen,
Priap’sche Lüsternheit und freche Sitten.
Faust
Die Augen sind zwar sanft als wie die Täubchen,
Doch soll’n sie mich wahrhaftig nicht berücken,
Mir ekelt schier vor diesen Bettlerblicken!
Mephisto
Doch denket auch, der hat als Ideal
Als Prosopopoeie all’ Fehler auf einmal.
Faust
So find ich dich ein Schild an Kneipenthüren,
O Eros! Eros!
Mephisto
Laßt’s euch nur nicht rühren:
Auch so ist er charmant in seiner Art,
Und zupft und zaust euch kecklich euren Bart. —
Doch wohl merkt auf, mein tiefgelehrter Mann
Ich führ’ euch jetzt, die Gunst ist nicht geringe,
Und bitt’ ich, daß ihr öfters denkt daran,
Zu ‘nem erotischen, besondern Dinge:
Wenn die eur Herzlein nicht bestrickt,
So saget dreist, mir sei noch nichts geglückt! —
Wißt, daß sie ein grundaus verdorben Ding,
Wenn ich das sag’, so scheints euch nicht gering.
Doch wett’ ich, mein erfahrener Geselle,
Erzählt sie ihre rührende Geschichte
Die wunderbaren, seltnen Schicksalsfälle;
Es gleichet einem euerer Gedichte;
Wie sie in dieses kleine Haus gekommen;
Sie hat euch gleich mit Sturm genommen.
Doch denkt zur Vorsicht noch daran,
Wie sie es euch erzählt, erzählt sie’s Jedermann.
Faust
Ich leugn’ es nicht, sie interessirt mich schon,
Und mich verlangt’s den Lebenslauf zu hören
Durch den, wie ihr es meint mit keckem Hohn,
Sie so gewißlich werde mich bethören.
Doch wißt ihr, wie so blöd ich auf Visiten
Und an den Eingangsformeln nicht zu reich,
Um mir Verlegenheiten zu verhüten,
Sagt mir des Kindleins Namen allsogleich.
Daran schließt sich für mich vielleicht ein Wort
Von hoher Ahnung, kurz ein Kompliment,
Leicht spinnt sich dann die Unterhaltung fort,
In der ihr oft mich schrecklich fade nennt.
Mephisto
Den Namen werd’t ihr früh genug erfahren,
Sie wird euch selbst die Frage danach sparen.
Auf ihren schönen Namen hält sie sehr,
Und treibt damit ein ungeheu’res Wesen,
Zu Tode quält sie einen mit der Begehr,
Man soll ihn gar auf ihrer Stirne lesen.
Sie find’t ihn gar so hübsch so weich,
Und wie sich selbst vor Weh und Schwermuth bleich.
Hier klopft —
sie klopfen an ein niedres Haus:
Zum Guckloch blinzt ein altes Weib heraus,
Sie weiß die Herr’n und ihren Wunsch zu ehren,
Und öffnet ihnen schleunigst nach Begehren.
Zween Thüren fliegen auf: im blauen Zimmer,
Sitzt schöne Donna auf dem Sophaende,
Den Lockentopf gestützt in beide Hände,
Umglänzt von heimlich matten Kerzenschimmer.
Faustus tritt ein: indeß im Corridor
Im Haus verwandt, Mephisto sich verlor.
Das Weib ist schön: ein orientalisch Kleid
Verhüllt des Leibes schlanke Zierlichkeit,
Das Auge schwimmend wie in ew’gen Thränen,
Der Busen halb entblößt, und üppig weich,
Erklingend oft vom Ach! In tiefem Sehnen.
Die Stirne rein, die Wange schmachtend bleich.
Faust neiget sich gar höflich und galant,
Und weiß, mit schönen Damen unbekannt,
Im Anfang sich nicht gleich zu fassen,
Den tölpisch langen Arm zu lassen. —
Die Donna dankt: ein Lächeln überfliegt
Die Züge, die die Schwermuth so besiegt,
Als träumt sie ewiglich von düsterm Leid,
Entbehrend jeder Luft und Freudigkeit.
Doch nöthigt sie mit vieler Gratie
Den guten Doctor auf das Kanapee
Sie schaut ihm lang’ in Aug’ und Angesicht:
Sennor, sagt sie: verdammt mich nicht,
Weil ihr in diesem Raum mich findet,
Habt ihr mein Leid mein Weh’ ergründet?
Errathet ihr nicht meines Namens Laut?
Ich bin die ewig kummervolle Braut.
Faust
O sicherlich, daß ich’s errathe,
Du himmlisch schönes Weib! Du heißt Agathe!
Madonna
Agath’ ist gar ein schwermuthssüßer klang
Ein schöner Name, den ihr wohl gewählt.
Ich denk’ Agathen bleich und liebeskrank,
Doch ist’s nicht der, den Ahnung mir vermählt.
Ich heiß’ Dolores — — an dem Felsenstrande,
Daran Granadas schönes Meer zerrann,
Erstand, sein Name war La stella grande,
Des Vaters Schloß, in dem mein Sein begann,
Ein weiter Bau, gefüget sonder Regel
Von vielen Meistern, die verband kein Plan. —
Hier hob ein Thurm sich ründlich wie ein Kegel
Mit halben Mond, und welche ragten hier
Mit einer Spitz’ geschliffen scharf wie Nägel.
Saht von dem fernen Berg das Bauwerk ihr,
Mit all’ den Monden und den Kreuzeszeichen:
Hättet gerufen ihr in das Gewirr:
Dort unten auf dem Meeressand, dem bleichen.
Dort liegen Türken still und reuevoll
Vor Kreuzen aus des Heilands heil’gen Reichen.
In diesem wundersamen, reichen Baue,
Welches nach vorn das Mittelmeer umfing,
Und das die Sierra bis zum fernsten Blaue
Des Horizonts im Hintergrund umging,
Verlebt’ ich meine Jugend: und ich schaue
In stiller Wehmuth auf den schönen Ring
Der Augenblicke, die mir dort verstrichen.
Ich war so schön und froh, und an mir hing
Ein Mutterherz, o wär’s es nie verblichen!
Und Saïd! Schöner Maure — doch vergebet,
Ist mir der Faden aus der Hand gewichen!
Und du mein Vater! wehe, weh! vergräbt
Denn nimmer Erde diese blut’gen Hände
Wie sich das stolze Löwenauge hebt,
Es nagt der Zahn die väterliche Lende —
O Gott! Verleih mir Kraft — in unser Haus
Kam als ich eben überschritt, die Wende
Des Mädchenthumes: und in Grabesgraus
Schon längst der Mutter Busen sich gekühlet,
Ein schöner Sklave, Saïd — — seht hinaus
Schaut hin, wo an der Scheib’ der Vorhang spielet,
Es ist sein Antlitz, o! So bleich entstellt!
Und seine dunkeln Bärte sind zerwühlet,
Ich schwärme, träum!, ach! diese kleine Welt
Von mädchenhaften, simpelen Gedanken,
Vor diesem Angesicht in Trümmern fällt.
Die Augensterne sind es diese blanken,
In die ich an des Meeres Felsenstrand
Geschauet lange Stunden: bis sie sanken
Zu stillem Traum: o! er war zu galant!
Und bald verband uns innig süße Liebe.
Wenn ich mich so in seinen Armen wand,
Von Himmel strahlt der Stern der zarten Triebe!
Mein Vater sorgte wenig nur für mich.
Es war ein hoher, ernster, stummer Mann.
Sein düstres Auge war oft fürchterlich,
Die langen Tage saß er still und sann,
In einem Zimmer, zu dem Meer gekehrt.
Das Fenster, das vom Boden schon begann,
War schwarz verhängt, vom Lichte abgesperrt,
Und dennoch wußt’ er alles was geschah
Im weiten Schloß: auch hat’s nicht lang gewährt,
Daß ich mit Saïd mich verrathen sah.
O wenn die Worte sich in wahnsinnsbleiche
Weibsbilder mit zerfleischten wilden Haaren
Verwandelten: und mit bachant’scem Streiche
Die Brüste geißelten! Seht ihr sie fahren
Die Jungfrau in dem Kahn dem flügelleichten.
Ein Jüngling sitzt am Ruder: und sie waren
Schon außerhalb der Brandung: schwer umkeuchten
Gestades: es ist Saïd, der die Pinne
Des Steuerruders lenkte, und mir neigten
Sich die Antennen: in der glatten Rinne
Lief flink das Seil, so flohen wir die Rache
Des Vaters, und die mondumstrahlte Zinne;
Denn unter afrikan’schem Palmendache
Gedachten wir als Mann und Frau zu leben,
Und freuten uns zum sel’gen Laubgemache.
Die Gondel flog in mächtig wall’ndem Heben
Und Senken: voll das Segel, und ich hatte
Zum Steuer neben Saïd mich begeben,
Umschlang den Hals ihm: und mein treuer Gatte
Hielt sanft das Haupt auf meine Bruste geneiget,
Und da! — — o unterstütze mich die matte,
Daß meine Zung’ dem werthen Herrn nicht schweiget,
O gnäd’ger Allah, der du’s so beschlossen,
Allmächtiger Gott! Dem sich der Maure beuget —
Ein Strom von Blut kömmt gluthenheiß geflossen,
Auf meine Brust ein harscher Knall erdröhnet,
Und Saïd war tief in die Stirn geschossen. —
Am dunkeln Fels das Echo heiser stöhnet.
Und als ich rückwärts zu dem Schloß geblicket,
War mir’s, als wenn der Vorhang, der erwähnet,
Am hohen Bogenfenster sich gerücket
Aus seinen Falten; und ich hab’ gesehen
Den letzten Streif des Antlitz’s — — und genicket
Hat mir das schwarze Aug: — — indeß im Blähen
Der immer kühlern, abendlichen Brise
Flog jäh der Kahn: und bald darauf vergehen
Des Schlosses letzte Schatten: o nun fließe
Du Thräne, die die kalte Hand der Leiche
Mir frei nicht gab, die mir der Schmerzens-Riese
Verhielt: es war als ob der purpurreiche
Blutstrom in seiner königlichen Fülle
Beschämt’ die Thrän, die schwesterliche bleiche.
Weh diese Nacht, da in der dumpfen Stille
In wilderregter, schaumgekrönter Welle
Gedankenleerem, träumerischen Spiele
Die Leich’ im schwanken Arm mit Geisterschnelle
Ich durch das afrikan’sche Meer gejagt;
Und seine Hand hielt fest noch an der Stelle
Des Steuergriffs da hab ich mir gesagt,
Es ist der Tod Dolores! der dich führet;
Habt ihr ein Herz von solchem Weh zernagt,
Und eine Brust, drin solche Gluth geschürt!
Am Segel hatt’ ich wenig nur zu rücken,
Ein schwerer Traum in tödtlicher Gestalt
Verwebte sich vor meinen trüben Blicken.
Und als der Morgen frisch heraufgewallt,
Da ich erhob die schweren Augenliede,
Machte mein Kahn schon auf dem Strande Halt,
Im Arme ruht’ mir noch der todesmüde
Saïd: Saïd, wir sind an Ort und Stell,
Am flachen Strand spielt Schwesterchen Zaïbe!
Doch Saïd schwieg, und ich besann mich schnell.
Das Ufer war gar seltsam anzuschauen,
Als wenn das Thier dort mit dem schwarzen Fell,
Das riesige Gebirg sich auf der grauen
Düne gewälzt — denn Brandung war hier nicht;
Die Wogen rollten sich in langen, blauen
Streifen zur Küste. So im Morgenlicht
Saß einsam ich auf afrikanschem Strande,
Und hielt aus Leid die Hand mir vor’s Gesicht.
Die Sonne ruht schon auf dem höchsten Rande
Der Zacken des Gebirges: wie ein Mohr
Gezeugt in diesem afrikanschen Lande.
Ein tiefgefärbter, unterthän’ger Mohr
Eilet herab zu mir sein finstrer Schatten.
Ich sitze schaudernd: wage kaum empor
Zu schaun und dränge fest mich an den Gatten. —
So war von Tod und Schatten ich umringt;
Doch als die Dunkel sich zerstreuet hatten,
Lös’ ich die Hand, die ihn noch fest umschlingt,
Vom Steuergriff, und glaubet ihr’s, ich lade,
Wenn tausendmal auch in die Knie sinkt
Mein schwanker Leib, den Todten auf und bade
Ihn in den Armen durch den feuchten Sand. —
Und laß ihn nieder landwärts vom Gestade,
Wo eine halb verdorrte Tanne stand.
Es war gluthheiß, ich sinke hin daneben,
Und mein Bewußtsein bald im Schlummer schwand.
Da träumte mir wie nimmer noch im Leben!
Die Sonne stand im glühenden Zenith:
Und nach ihr sah den rothen Mond ich schweben,
Die schönste Blum’ in ihrem Strahl verglüht;
Der Stengel wurzelt in dem Meeresgrunde
So lang und schwank; da trat zu mir Saïd:
Einen Löwen führt er an dem Turbanbunde,
Dem blutbesprützten: sah mich liebreich an,
Und sprach zu mir aus seinem schönen Munde:
“Mein Bruder und mein Rächer!” drauf begann
La stella grande meinem Blick zu zeigen
Die wüsten Formen: o und was ersann
Mein Traum! vielfältiglich sah ich den Löwen steigen
Auf jeden Thurm, am Hals das Tuch, ein Drehn,
Ein Tanz begann, ein ungestümer Reigen;
Als wie ein Wetterhahn im Sturmeswehn
Umhergeworfen, und mein Vater nickte,
Am Fenster stehnd den Takt in das Gedröhn.
Darauf erwach ich: als ich um mich blickte
Da kauert sich ein Löwe bei der Leiche,
Wie der im Traum: ich seh das unverrückte
Gluthaug’ geheftet auf mich starre, bleiche;
Und aus dem Hals hing ihm die Flammenzunge.
Ich fasse Muth, und als ich ihn erreiche,
Mit einem wild verzweiflungsvollen Sprunge
Schling um den Hals ich ihm die beiden Hände, —
Und seufze tief aus schwer beengter Lunge:
Mein Trost! Mein Traum! Der du für mich elende
Von ihm gesandt zum Rächer bist: verlasse
Mich arme nicht: gnadenvoll dich wende!
Hier trink aus meinem Mund von meinem Hasse! —
— So sprach ich zu dem königlichen Thier,
Und jammervoll geberdet’ ich die Glieder.
Mit solch inbrünstig lodernder Begier
Nach der Erhörung sank noch niemand nieder.
Und auch kein Büßer den Triumph errang,
Daß solche Gnad’ ihm dafür wurde wieder. —
Als ihn mein Arm so eng und fest umschlang,
Schloß er das Aug’ in schweigendem Gefallen,
Und reckte sich und machte sich so lang,
Ich ließ nicht nach: an niemand wohl von Allen
Verschwendet’ ich belohnter meine Zier.
Ich sehe noch die hohe Mähne wallen.
Und wie auf Knien den hehren Fürst vor mir.
— — Drauf dacht ich, daß wohl Zeit es zu bestatten
Meinen Saïd in dem Vaterlande hier;
Und nähert’ also trauernd mich dem Gatten,
Und hob ihn auf und will ihn mühsam fort
Landeinwärtts tragen, aber meine matten
Glieder gehorchen nicht: und als ich dort
Zu Boden sink’, und mir die Hände beben
Und ich zu Gott mich wend’ der Gläubigen Hort:
Steht wiederum der Löwe dicht daneben,
Und beugt den schlanken Leib, als wenn er sagt;
Mir kannst Du ja die Leich’ zu tragen geben
Ich heb sie nun und wo die Mähne ragt,
Da, bind ich fest den Kopf des theuren Mauren:
Mit seinem Turbantuch: als wenn es tagt,
So hell war’s in den Oeden: um uns kauern
Sich tausend Schatten: doch bedächtig geht
Der wüste Leichenzug: erblaßt von Schauern
Gedenk’ ich sein: ich geh’ voran, im Winde weht
Mein aufgelöstes Haar: die Schatten alle
Der dürren Bäume neben mir: als steht
Ein Chor von Nonnen um mich aus der Halle
Des finstern Domes, und es folgt zuletzt
Der Löwe mit dem theueren Gemahle. —
Graut Euch vor diesem Zug: wie er gesetzt
Voll Majestät im stillen Mondenscheine
Dahin gewallet: sehet vor uns jetzt
Höhlt sichs in einem dunklen Felsensteine
Als wie zur Nisch’: ich winke und im Nu
Steht still der Löw, ich löse die Gebeine
Und bring sie sorglich in dem Stein zur Ruh.
Nach Osten blickt das Angesicht des Mohren,
Wo seine Kaaba steigt dem Himmel zu:
Die Schatten schwanden; und vor meinen Ohren
Lispelt der Wind, der dürres Laub durchregt:
Der Löwe starrt als in sich selbst verloren,
Und an die Dün’ die lange Woge schlägt — —
— Monde verstrichen, und ich lebte dort
Genährt von Muscheln und von Vogeleiern:
Des Löwen Treu währt unverändert fort,
Und einsam so gedenkend an den theuren
Gemahl am Strand in düstrer Abendstunde
Web ich den Rachetraum den ungeheu’ren,
Zur Seit’ den Löwen, in dem Herzensgrunde.
Wie hab’ ich oft in’s wilde Meer gesprochen
Bald gellend laut und bald mit leisem Munde! —
Kein Ungewitter war seit jenen Wochen
Wo ich mit Saïds Leiche hier gelandet
Ob Libyas dürren Oeden ausgebrochen,
Es war mein Kahn mir unzerschellt gestrandet. —
Einst steh’ ich auf in stiller Mitternacht,
Als über mir ihr Sterne flammend standet!
Ich seh’ mich um: des Kahnes Segel flaggt,
Ein weiß Gespenst, erregt von einem Winde,
Der sich im lauen Süden aufgemacht. —
Nun tret ich in die Barke; und geschwinde
Folgt mir der Löw’: mit einer Ruderstange
Lös’ ich den Kiel vom Sand’ dreh’ an der Winde
Des Seegeltau’s, daß sich der Zug mir fange.
Fort rauscht der Kahn, ich schau zum weißen Strande,
Und in das flammende Geleise, lange
Verschwand er schon; ich streichle mit der Hand
Den Löwen der zu meiner Seite stand.
— Und wieder ist es Abend und ich sitze
Mit meinem Freund, dem väterlichen Schlosse
Zur Rechten, auf der hohen Felsenspitze.
Drin war kein Licht und nur im Erdgeschosse
Des mächtigsten aus dieser Thürme Runde,
Der dastand wie ein König in dem Trosse
Des Vaters Schlafgemach, brennt Licht um diese Stunde. —
Ich flechte rasch’ an meinen wirren Haaren
Und schmücke mich mit Saïds Türkenbunde.
Wie Kinder thun, die in der Fremde waren,
Und nun eh’ sie den letzten Weg durcheilen,
Zu seiner Zier die lichten Locken schaaren.
Und drauf verlass’ den Felsen ich den steilen.
Der Löwe wandelt stumm; doch mit dem Schwanze
Schlägt er gar wunderlichen Ring; und Pfeilen
Gleich ich den Blick: jetzt sind wir in dem Glanze,
Der hellen Scheib’: jetzt an der hohen Thür
Und jetzt o Gott! — — — in einem lichten Kranze
Von goldnen Leuchtern steht in heil’ger Zier
Ein offner schwarz umflorter Sarg: und drinnen
Da liegt mein Vater — — o Saïd! — — ich wink dem Thier
Fast unwillkührlich, und wie ohne Sinnen. —
Es stürzt drauf hin! Die matte, schlaffe Leiche
Packt’s in die Kehl: — — ich seh’ es und von hinnen
Stürz’ ich, und flieh, und flieh von wo der bleiche
Vater im Sarge liegt, sein starres Blut
Den Löwen netzt! Wie ich den Strand erreiche,
Werf’ ich hinab mich in die Meeres Fluth. —
Doch da ich wieder zu mir selbst gekommen,
Lieg’ ich auf einem Lager, warm und gut,
Ein kreuzend Schiff hatt’ mich an Bord genommen.
Wie konnt’ ich, Herr, noch wider’s Schicksal streiten
Ich war entnervt, geschwächt bis in den Tod:
Für meinen Gram mußt ich mir Ruh’ bereiten,
Und in Florenz ergriff ich was sich bot!
Ihr find’t mich hier als wie bei Anverwandten,
Im Schmerzenstraum von schwerer Sorg’ befreit,
Ich denke nur an Saïd den galanten,
Obgleich auch Ihr mir gar willkommen seid!
Ihr habt mir so aufrichtig zugehört,
Ich las es wohl in euren offnen Mienen;
Wißt denn daß meine Gunst euch ganz gehöret,
Ihr seid ein lieber — lieber Fremdling mir erschienen. —
Sie schwieg verschämt: in loderndem Entzücken
Greift Faust nach ihrer marmorweißen Hand,
Er darf sie, wie er mag, mit Feuer drücken:
Auch einem Kuß findt er nicht Widerstand,
Auf ihrem holden, himmlisch süßen Munde — —
Und eine lange selige Minute
Ward diesem armen Träumer nun zu Gute —
Er schwatzte schwärmend von dem stolzen Leu’n
Der tief im Herzen heiße Liebeswunde
Gedienet so gehorsam und so rein.
Er leb’ der starke Wächter dieser Holden.
Wo ist das Kloster, das den Nimbuskranz
Um’s stolze Haupt ihm flechte rein und golden
Und schmücke seiner Mähnen dunkeln Glanz!
Die Heiligsprechnung, die Apotheose
Verlang ich fürs das wundersame Thier,
Das diese welke, schmachtend weiße — Rose
Mit Treu bewahrt ein frommer Diener ihr;
Ja dieses Aug’ so glimmt es in Kastilien.
Ein Flammenmeer, aus dem der reine Sinn,
Des Mädchenthumes aphroditengleich
Empor sich schwingt: der Busen wie die Lilien,
Die auf der marmornen Balkone Zinn’
In milder Nacht erblühen himmlisch bleich!
Also der Doktor in extat’schem Courtoisiren
Bis fast die Nacht verdampfet, und es stand
Der Mond schon in des Westens dunkeln Thüren.
In schwarzer Nebel flatterndem Gewand.
Da steht Dolores von den seidnen Pfühlen
Führt zu dem Fenster den entzückten Mann
Den Vorhang, drin die lauen Lüfte spielen,
Zieht sie nach rechts und links zu sich heran.
Und zu dem Mond sie mit dem Finger zeiget:
“O Schwärmerin,” spricht Faustus: “ja sie schwebt,
Die weiße Taub’ an deiner Hand und neiget
Sich wie der zarte Faden, der erbebt!”
Mephisto plötzlich neben ihm sagt leise:
“O Thor, das ist hier nicht die rechte Weise
Du kämest auf der Mimik Deutung nie!
Ich lehr’ dich andere Astronomie.
Die Dein’ge der Sennora nicht entspricht.
Jetzt gilt der Mond ihr nur einen Dukaten,
Und ähnelt, sag’, das Nebelangesicht
Nicht ganz dem Brustbild eines Potentaten,
Wenn auch schon abgegriffen das Gepräge?
Sieb du dein Gold und gehn wir unserer Wege!”

Lucretia

Später Abend. Faust und Mephisto
am Fenster einer Klosterkirche.

Faust
O sieh Mephisto, sieh dort wandelt sie,
Lucretia Frangimani,
Und traurig ist sie: Wesen hochgeliebt
Sag’ mir; wer hat so tödtlich dich betrübt?
Vor jedem Heil’gen kniet sie betend nieder,
Und lispelt reuig die latein’schen Lieder.
Lucretia! höre! Dein Geliebter sieht,
Wie du dich Gott zu sühnen bist bemüht!
Jetzt nimmt die trauernde das heilige Mahl!
Den langen Schatten, der sich zu mir stahl,
Möcht’ ich an meinen heißen Busen legen,
Gleicht er auch einem häßlichen Phantom,
Verzerrt und schwarz; erhörte milder Seegen
Das fromme Kind im düstern Klosterdom!
Mephisto
Du phantasirst. Doch ich als echter Teufel
Ich hasse diese Magd mit ihrem Zweifel. —
Was hat sie dir gar Großes denn gewährt,
Daß sie also nach reu’ger Sühne lechzet,
Die eklen feuchten Keller spät durchstört
So jämmerlich geberdet sich, und krächzet?
Faust
Schweig höhn’scher Spötter! Diese Büßerin
Ist schön! Mir rauscht es wild durch Herz und Sinn!
O ich bereu! — mich faßt ein fiebernd Sehnen
Nach ihren reinen göttergleichen Thränen!
O eine jed’ ist ein Strom der Himmelsgnade
Näßt ich doch meine Lippen in dem Bade!
Lucretia, ich habe dich gekränkt, mein Leben,
Mein ist die Schuld! dir ist schon lang’ vergeben!
Mephisto
Du armer Schwärmer! — sie gleicht einem Kind,
Das wurd’s nur ein klein wenig kastigirt,
Erbärmlich schreit und heult und toll und blind
Unsinnig jämmerlichen Lärm vollführet.
Dann spricht der Vater: hör! du ringst danach,
Ich geb dir was zu weinen Schlag auf Schlag!
Um das, was du ihr thatst, solche Lamente
Ein Kuß ein Blick; sie braucht wohl noch die Sakramente.
Faust
Weh! Weh! Jetzt langt sie das Flagell hervor,
Nein, dies ertrag ich nicht!
Mephisto
So geh’ zu ihr
Dort hinten an dem kleinen Gitter Chor
Steht halb geöffnet der Sakristei Thür. —
Mephisto sagt’s; Faust folgt dem guten Rath,
Eilt in den Dom, kniet vor Lukretien nieder,
Und spricht: vergieb, daß ich so zu Dir trat,
Doch nimmer treff die Geißel deine Glieder!
Lucretia
Ich soll nicht sühnen, was ich schwer gefehlt,
Mir hast du’s bös im Sinn, in stiller Stunde
Stört weltlich mich das Wort aus deinem Munde!
Laß mich, bis ich zur Tugend mich gestählt,
Und rein mich ring in meiner Schwestern Bunde,
Die sich mit mir dem Himmelsfürst vermählt. —
Faust
Hier öffne meiner Adern glüh’nde Rinnen,
Laß mich zu Tode bluten: dich verschone
Dir, Dir gebührt die Himmelskrone!
Und dich zu geißeln — schreckliches Beginnen!
Hier meine Hand und hier mein bloßer Arm!
Hier lösche sich dein wilder, heißer Harm! — —
So redet dieser, und noch immer sieht
Mephistos häßlich Antlitz durch die Scheiben
Er höhnt und lacht, wie sich das ziert und zieht,
Und trotz dem allerliebsten, närrschen Sträuben
Spielt in dem Aug’ der roth: Wiederglanz
Der Luft, die in des Herzens Gründen sprüht!
Hier meine Hand — hier mein entblößter Arm —
Ja! hättst du nicht ein Herzchen roth und warm!
Er sagt’s und reibet sich die gelben Hände,
Ich kenn’ den Anfang und ich kenn’ das Ende. —
Die bleiche Büßerin hält Faustens Hand,
“Nein geh!” spricht sie und lasse mich alleine
Ich liebte dich und hab’ es dir bekannt.
Doch jetzt — doch jetzt, bin ich nur noch die Seine!
Faust
Ich geh’, gehorch dir: doch dies eine
Mußt du gewähren, heil’ge, himmlisch reine!
Gieb mir das Lämpchen dort: und laß mich gehn,
Und jene Laub’ im Klostergarten sehn,
In der ich dich erblickte und dich liebte,
Und dir die ernste Himmelsandacht trübte!
Ich seh den stillen, wundersüßen Ort,
Häng’ drin das Lämpchen an, und schleich mich fort.
Lucretia
Dein frommes, kindlich reines Resigniren
Hat mich gar tief gerührt, nein laß mich mit Dir gehen,
Ich will dich zu der stillen Laube führen,
In der du mich zum ersten Mal gesehn.
Ich fühl mich stark! was kann mir dann geschehn?
Sie langt das Lämpchen von der Säulenblende,
Nimmt Faustum an die Hand; in ernster Majestät
Durchwandelt sie die Gänge die ohn’ Ende,
Und in einander wunderlich gedreht.
Wie war sie schön im dunklen Kleid der Nonne:
So bleich: doch diese klare Blässe glich,
Des Todten nicht, und auch nicht der Madonna,
Der Schmerzensmutter, als der Sohn verblichen
Nicht Marmors Blaß: es war erblaßte Gluth,
Zu streng gefacht vom rothen Herzens-Flügel.
Und ihrer Augen aufgeregte Fluth,
Durchflimmerte ein Wolkenheer ohn’ Zügel,
Der wilde Zug der wogenden Gedanken.
Der Schwärmer Faustus schreitet still daher;
In der Ergebung fromm bescheidnen Schranken
Nun dreht die Thür sich auf der Angel schwer. —
Bald decket sie der Laube dunkles Dach.
Aus des Jasmines schwanenweißer Blüthe
Strömt dumpfig süßer Hauch in das Gemach.
Erbauet war die lieblich stille Hütte,
Aus dieser Blume, die im Ost gezeuget
Im weichen Orient, und seltner Bau!
Von ihr umranket, ernst und düster steiget
Die trauernde Cypress’ ins nächt’ge Grau.
An einen Zweig hängt sie die düstre Leuchte:
So traulich schwebt am finstern Grün ihr Schein!
Sie schweigen, matter Zug des Nachtwinds scheuchte
Die Blätter, Faust fährt auf: “hier warst Du mein!
Ich danke dir, ich habe sie gesehen,
Die Laube meiner selig stillen Träume.
Leb’ wohl! ich geh! jetzt will und muß ich gehn,
Lebt wohl, ihr heil’gen vielgeliebten Bäume! —
Ich fliehe: sinkt der Tag in deiner Zelle,
Gedenk in dämmerlicher Einsamkeit
Des düstern Freund’s: er irrt auf finstrer Welle
Des öden Schicksals: unbegrenztes Leid
Verschleiert seiner Phantasie Gestalten:
Du lebe fort in deinem keuschen Walten!
Bet’ nie für mich: Bet’ nie für mich; es schreit,
Und krächzt ein Höhner das Gebet für mich.
Leb’ wohl! Leb wohl! ich denk gar oft an Dich.
Lucretia deckt die Augen mit der Hand,
Von ihren Fingern fließen heiße Zähren.
Faust wollte gehn; schon hat er sich gewandt:
Sie sagt nicht: bleib! möcht doch zu gehn ihm wehren.
“Nicht Lebewohl! Ich hab’ dich so geliebt.
Ohn’ Lebewohl soll ich verlassner scheiden!
Lucretie! Was hab’ ich denn verübt? —
Sie schweigt in übermäßgem, stummen Leiden
Seufzt tief; Faust greift nach ihren Händen.
Sie spricht nicht, wankt nicht; als mit wilden Küssen
Er sie bedeckt in flammendem Genießen.
Sie ächzt, und ihre Thränen woll’n nicht enden,
Doch spricht sie nicht; sie weint: und wanket nicht,
Tritt nicht zurück, und eilt zum Kloster nicht.
Als er sie wie unbändig an sich ziehet,
Weint sie: Doch tritt sie nicht zurück und schweigt, —
Als Kuß auf Kuß auf ihre Lippen glühet,
Weint sie, doch wankt sie nicht; flieht nicht und schweigt.
Plötzlich vergeht am Zweig die kleine Leuchte,
Gelöscht mit einem pfeifend scharfen Hauch;
Kein Fünkchen mehr, daß es gebrannt, bezeugte;
Auf einmal todt, und schwarz ohn’ Dampf und Rauch.
Die Zweige schütteln duftig schaudernd sich;
Indeß am Tannen-Busch einfältiglich
Die Arm’ auf seiner dürren Brust verschränket
Geht still vergnügt Mephisto ein und aus,
Lächelt behaglich für sich hin und denket:
Er ist der Herrgott bei dem Apfelschmauß.
———
Faust und Mephisto auf einer Hochebene.
Morgendämmerung.
Mephisto
Siehst du, ich habs gesagt! Sie ringt danach,
Nun hat sie was zu weinen Schlag auf Schlag!
Faust
O nicht doch! wiß! mir ist es eine Schmach
Und ärgert mich und dauert mich herzinnig:
Dar arme Kind so schön, so zart, so sinnig!
O wo mag jetzo sie alleinsam weilen
Und beten, jammern und verzweifelt heulen.
Mephisto! hör! Ich fürcht’ es gar zu sehr:
Das überlebt sie nun und nimmermehr.
Noch tönt der grasse Schrei zu meinen Ohren,
Als sie zu spät sich meinem Arm entwand:
Weh’ mir! ich bin auf immerdar verloren,
Es bleibt nur Tod, so sagt sie und verschwand. —
Mephisto
Es kömmt anders als du denkst — doch weißt du wohl
Bei Wasser ist leicht zu verzagen:
So nun, daß dich kein Vorwurf treffen soll,
Rath ich dir diesen Krug ihr hinzutragen.
Der Wein ist schön, und es wird mir gar schwer
Daß ich ihn geb’! alt ist er wie das Feuer
Und stammt mit jenem von der Schöpfung her:
Doch weißt du ja: Du bist mir gar zu theuer!
Ein Trunk: sie ist gerettet, ist befreit:
Das Blut mit lohem Flügel durch die Ader
Gehetzt, erfrischt der Seel’ Lebendigkeit,
Von Nerv’ zu Hirn mit üpp’ger Kraft; der Hader
Verdampft: und reuemüthige Moral
Setzt nimmermehr auf’s warme Herz den Stahl.
Faust
Ich bring’s ihr gern: wie komm ich jetzt hinein?
Mephisto
An ihrem Fenster baumelt eine Leiter:
Sie harrt auf dich, und hält sich ganz allein;
Doch sei auch du zum Morgengruße heiter,
Und schau nicht gar so kummervoll darein
Nun geh! sei klug und laß dich Niemand sehn,
Sonst ist es um das arme Ding geschehn.