Faust geht und nimmt den Krug im Arm in Acht,
Rings um ihn liegt noch tiefe Dämmernacht.
Jetzt steigt empor aus düstrem Nebelgrunde
Bleich und gigantisch, seltsam anzuschaun,
Der Klosterbau, die leuchtende Rotunde.
Laut tönt sein Schritt durch’s nächt’ge Graun.
Im nahen Garten rauscht belebter Zug
Des Dämmerwindes — sonst ist tiefe Stille.
Schwarz sind die Fenster all’, und keinen Flug
Von Schatten bringt die Nacht: denn düstre Hülle
Umflatterte des Himmels Lichtgestalten.
Hier hängt das Seil: Faust stieget keck hinan,
Sein Fuß ist sicher und die Schnüre halten.
Jetzt langt er dem Fenster oben an.
Es ist geöffnet, doch kein Licht erhellt
Den dunklen Raum: Faust ruft Lucretia!
Lucretia um Alles in der Welt
Erwach! dein armer Freund ist wieder da,
Lucretia schweigt, als wenn sie ruhig schliefe.
Faust bebet vor dem hohl erklungnen Laut
Des eignen Rufs, und vor der dumpfen Tiefe
Der bodenlosen Nacht ihm schrecklich graut.
Da seufzt’ es vor ihm: schrecklich seufzt es da,
Wie fährt er auf, als stäch ihn eine Natter
Tief in sein Herz; vernichtend seufzt es da,
Noch einmal und noch einmal todtenmatter;
Ihm schweigt der Puls, und eh’ er sichs versah,
Ist ihm der schwere Krug hinabgeschossen,
Zerspringt am Stein, und eine Flamme schnellt
Sich gelb empor: ersteigt die schwanken Sprossen
Der Leiter und die Zelle wird erhellt.
Er sieht Lucretian auf den nackten Dielen
Dicht an dem Fenster, rothe Tropfen stocken
Am Busentuch, die weißen Hände wühlen
Unmerklich noch in ihren braunen Locken.
Es nagt blitzschnell die Flamm von Sproß zu Sprosse
Und leckt an seinen Sohlen, er erbebt,
Ruft Hülfe, daß es klingt durch die Geschosse
Des stummen Hauses, Glockenruf belebt
Die öde Nacht herab vom Wächterthurm.
Bald läuten näh und ferne Glocken Sturm.
Faust sieht ringsum — er fühlt sich ohn’ Besinnen —
Halbnacktes Volk, mit klagender Gebehrde, —
Gewalt’ge Ströme Wassers rinnen
Aus Haar und Bart ihm und er fällt zur Erde.
———
In eines Kerkers dumpfigen Gemäuer,
Liegt einsam Faust in stiller Mondesnacht;
Er sieht verstört und blaß, ein Ungeheuer
Von Traum umschwebt ihn, und er weint und lacht. —
Im Hof vollendet sich ein großer Bau,
Ein dürrer Scheiterhaufen ist errichtet,
Die Hölzer sind gezimmert, und genau
Und kunstgemäß ist Alles aufgeschichtet.
Nicht in der Mitte fehlt der lange Pfahl.
Der Mond, der volle, seltsam aufgeregte,
Blickt in des Fensters längliches Oval,
Und wie sich der Gefangene bewegte,
Im Traum die Arme senket und erhebt,
Ein tiefgefärbter Schatten macht’s ihm nach,
Und jeder Laut, den seine Stimme belebt,
Sich vielfach an dem Kreuzgewölbe brach.
Oft seufzt er schwer und ruft “Lucretia,
Du vielgeliebte! bleibe nur da!
Komm nicht zu mir, ich werd dich künftig brauchen,
Bleib still, bleib still und spar dein süßes Blut,
Und wenn ich in der Hölle werde rauchen,
Koch mir davon ein Tränklein kühl und gut!
Siehst du den hagern Greis mit dürrem Arm,
Der harrt auf mich und wird schon ungeduldig,
Leb woht! leb wohl! du meine Lust, mein Harm,
Faustus muß fort, er ist’s dem Alten schuldig!
Hu! wie du blaß wirst, und dein Lockenhaar
Lucretia! Ist eine Wolkenschaar!”
— So faselt Faust, da klopft es an die Thür,
Mit streng gebieterischem Ungestüm
Ernst und gesetzt mit sittsammer Manier
Tritt Freund Mephisto ein, in dem Kostüm
Welches die Herrn Großinquisitoren tragen,
Es fehlt ihm nichts zu dem vollkommnen Staat,
Auch nicht ein Fältchen und nicht Knopf nicht Kragen,
Und die Perück’ vollendet den Ornat.
Faust läßt nicht ab vom wilden Deliriren,
Und spricht so rasch und so veränderlich,
Wie eine Flamme sich im Sturme dreht,
“O Doktor höret auf zu phantasiren”!
Beginnet der: wär nicht Mephisto ich,
Ich selber würd’ von diesem Zeug verdreht!
Du armer Knab’ sitzst erst zehn Tag gefangen,
Dein Bart ist armlang wie mein Pferdeschweif,
Läss’st immer du sobald die Flügel hangen,
Bist du zur Hölle lang noch nicht reif!”
Faust schlägt die trüben Augen auf, erblickt
Die seltsame possierliche Figur,
Die große Kraus’ in Falten fein geknickt
Und der Perücke ungeheure Schur.
Ihm schwand zum andern Mal der schwache Sinn.
Und wieder spricht er wilde Phantasie’n;
Mephisto zupft ihn bei dem welken Kinn;
“Nun, steh nur auf, ich bin ja nur der Teufel,
Nimm hier dies Kleid, drin kannst du leicht entfliehn,
Und überlaß mir alle fern’ren Zweifel!”
Faust seufzet sich besinnend, steht vom Lager,
Und ziehet aus das arme Sünderkleid,
“Verdammt! speicht der, “wie bist du schon so hager;
Wie ruinirt dich noch die Traurigkeit!
Also verwechseln ihre Kleider beide,
Mephisto soll den armen Sünder machen,
Faust sieht sich an, trotz allem seinem Leide,
Muß er als Inquisitor sich belachen.
Und in dem braunen, här’nen Büßerkleide
Des Teufels niederträchtiges Gesicht.
“Nun geh’ spricht der, du ausgedorrter Wicht,
Erwart du auf dein Hügel mich da drüben,
Da kannst du ruhig schlafen nach Belieben!
So geht dir Jedermann gern aus dem Wege
Du hübscher Kerl von der Justizpflege!”
Faust schleicht davon mit frohem Angesicht:
Im schaurig stummen, dumpfen Frohngelaß,
Spaziert Mephisto ruhig hin und wieder.
Am Fenster steht er in dem Mondenlicht,
Sieht zu dem dürren Scheiterhaufen nieder,
Und schwatzt und lacht und treibet tausend Spaß.
Die Spindelmütz von weißer Leinewand,
Zieht grüßend er, als nickten ihm Bekannte,
Er wirft Kußhände mit der langen Hand,
Als recommandirt’ er sich ‘ner alten Tante.

So wie es dämmert wird’s im Kloster helle,
Ein Lämpchen zündet sich in jeder Zelle
Man wickelt Fackeln in der Morgenfrüh
Und zupfet Werg, als wäre es Charpie. —
Und Faustus steht allein,
Auf des einsamen Berges sand’gem Gipfel.
An eines Grabes frisch aufgeworf’nem Rain.
Schwarz ist der Himmel, Sturm durchbraust die Wipfel
Er sieht den Hügel ohne Schmuck und Zier,
“O!” ruft er aus: “Die Ahnung sagt es mir,
Hier ruht Lucretia, mein theures Leben!
Seh’ ich dies arme Grab sich nicht erheben,
So sorglos aufgeworfen und geründet,
Als wie der Wandersack dem ungeliebten Kind,
Geschnüret und gepacket ist geschwind!
Ja hier ruhst Du, für die mein Herz entzündet!
Ich möchte Dich umarmen noch als Leiche!
Vergöttert Dich so ewig meine Liebe?
Wie oft wenn ich beschaut das starre, bleiche
Reliquium der wunderbar’n Getriebe
Im stillen Saale der Anatomie,
O so entgöttert, so entblättert waren sie!
Und nimmer Schauer ich empfand,
Wenn ich erfasset ihre kalte Hand!
Dort hab’ ich viele Nächte zugebracht,
Ohn’ daß die Wimpern zuckten: unvergessen
Blieb mir der Zweck der stillen Forschungsnacht.
Ich bebte nie und war frivol, vermessen!
Und sah nur träge, dumme, dumpfe Masse.
Ein wild Gewirr von Nerven und Gefäßen,
Und nicht entsinn’ ich mich, daß ich zum Hasse
Zu Abscheu, Liebe wär’ geneigt gewesen!
Doch Dich Lucretie! Dir möcht’ auch so ich sehen,
In Dein geliebtes Angesicht das bleiche:
Umlispelt mich nicht Deines Athems Wehen,
Wär’ es genug, daß ich die Hand Dir reiche!
— — Doch weh mir! Daß der kalten fünfe Zahl,
Die Flamme noch in meinen Pulsen zündet,
Aus Grabesnacht ein geisterheller Strahl,
Der Lieb’ den Weg in meinen Busen findet.
Soll ich Dich ewig lieben! wird Dein Leib
Mir nie zur Leiche und bleibt ewig Weib?”
———
Da tönt ein ungeheueres Geheule,
Empor zu Faustus aus dem Klosterthal,
Und eine riesenmäß’ge Feuersäule,
Flammt hoch empor mit blendend hellem Strahl.
Wie jauchzten unten die im Henkermuth!
Doch sieh! Da wächst ein ries’ger Priapus
Ein glühender Colossus aus der Gluth
Bis an die Wolken fast in schnellem Schuß.
Die Klosterfrauen fliehen durcheinander,
Und jammern schrecklich ob der Zauberei; —
Da steht so frisch als wie ein Salamander,
Mephisto neben Faustus frank und frei.
Er will zerbersten schier vor tollem Lachen;
“Sahst du,” sprach er: “sahst du den Priapus,
O den verkohl’n sie nie, wie sie’s auch machen,
Und was war’s mir für höllischer Genuß,
Wie sie so schuldbewußt die Augen wandten,
Und in einander floh’n in Angst und Graun,
All’ dieses Volk, und viele Vettern, Tanten
Der Klerisei, die hier, sich zu erbaun
An deines Leibes süßem Fettgeruch
Versammelt waren mit dem Singebuch. —
Der Lärm tos’t fort, die Flamme jagt im Sturm,
Die Asche sinket, man beginnt zu läuten
Die Glocke zum Gebet vom alten Thurm,
Den bösen Spuk zu ban’n für ew’ge Zeiten.

Halb wach liegt Faustus in der nächsten Nacht,
Den Rücken an den Eichenstamm gelehnet;
Mephisto schwatzet für sich hin und lacht,
Und lauter Sturm im dürren Blatte stöhnet;
Und Faust verstehet folgende Zwiesprach
Die jener hält mit einem Unsichtbaren:
“Nun geh!” sagt er: “mach mir nicht Ungemach,
Verdammter Sturm zu deinen Wolkenschaaren,
Was quälst du mich? für dies Auto da Fè,
Das deinem Gaum’n ich diese Nacht entzogen,
Mußt du aus seinen Aug’ noch eine See
Von Thränen trocknen? hab’ ich dich betrogen?
Und dieses Stöhnen seiner bangen Lunge,
Du kannst es ja mir nie genug beloben.
Dies Alles halte schadlos deine Zunge,
Und aufgeschoben ist nicht aufgehoben!”
Da brüllts daß sich die alten Eichen biegen;
Faust schauert, und ihm stockt des Herzens Schlag,
Doch bald wird’s still auf seinen bleichen Zügen;
Süß schläft er ein, ob es auch tosen mag.
Wie wogt der Flug von Wolken und von Geiern,
Von düstern Raben durch den Eichenhain,
Wie krächzt der wilde Zug von Ungeheuern,
Und zornig jagt der Sturmwind hinterdrein.
———
Es scheint kein Mond: im schwarzen Tannenhain
Ging Faustus auf und ab, still und allein.
Die Nacht sie schwieg so wie die Nächte schweigen,
Ein dumpfig Flüstern: ein wahnsinnig Spiel,
Von schwärzlichen Gestalten, dieses Neigen
Der Gipfel und der Nadeln an dem Stiel.
Und Fausto schaudert nicht: tief in Gedanken,
Die Arm’ auf seinem Rücken eng verschränkt,
Durchschweifet er der wirren Schatten Schwanken,
Redt mit sich selber, meditirt und denkt
Das Mäntlein und die dunklen Locken wehen
Im mitternächtig aufgeregten Wind,
Fest auf dem Boden bleibt sein Auge stehen,
Wie er sich der Vergangenheit besinnt.
Das war ein Strom von Denken und von Fühlen
Der ihn zu stiller Stunde so umrauscht!
In so viel Blättern kann der Wind nicht spielen,
Als er der flüsternden Gestalten lauscht:
So viele Wolken nicht den Mond umjagen,
Als da Gesicht ihm auf Gesicht enttaucht:
Und sind nicht Blätter, dran die Winde nagen,
Nicht todte Wolke die den Mond umraucht.
Es sind Gestalten frisch an Glut und Licht.
Hell wie der Stern, der durch die Wolke bricht. —
Und wie er geht im düsteren Gehäg’,
Das Nadelhölzer jeder Art durchwinden
Wird plötzlich in der Fern’ ein Schimmer reg,
D’ran tausend Schatten eifrig Leben zünden.
Er geht drauf zu, bei einer Fackel Lichte
Dem halb verglommenen, ein Jüngling kniet,
An einem Bild, das an die schlanke Fichte
Genagelt, ähnlich einem Weibe sieht.
Es ist zerlumpt, verwittert und zerrissen,
Und eben nur siehts noch dem Weibe gleich.
Doch fromm liegt ihm der junge Mann zu Füßen,
Er ist so hübsch, und doch auch gar so bleich. —
Wild fliegt sein Lockenhaar in dunkeln Wirren,
Und schwärmend ist des blauen Auges Sinn!
Der Wamms zerrissen: und wie einem Irren,
Tönt ihm das Wort von seiner Lippe hin.
Er kniet gebeugten Haupts, und in der Hand,
Hält er ein rostig Messer, das er schwenket
Und aufwärts wendet wo das Bildniß stand:
“O wenn sie mein, o wenn sie mein gedenket,
Als ihres Mörders herz’ges Mütterlein
Des hohen Sohnes, o verschone mein!
Misericordia! Misericordia!
Ich war’s, ich war’s, barmmüthige Dolorosa,
Ich war es allerheiligste Madonne
Der Dir erstach die wunderschöne Nonne,
Lucretia: ich hab nicht Ruh, nicht Rast
Eh’ also ich entbürdet mich der Last;
Gebüßet Dir und Deinem hohen Kinde
Den Mord der Eifersucht, die schmutz’ge Sünde;
O sie schwur mir, daß sie so treu mich liebte,
Ich sprach sie an des Klostergartens Zaun,
Und bracht’ ihr Rosen, die ihr vielgeliebte
Lilie, in offnem, herzlichen Vertrau’n.
Noch öfter sprach ich sie in ihrer Zelle,
In stummer und alleinsam tiefer Nacht.
Ihr Flammenkuß — weh’ ich vergaß der Stelle
Vor deinem Bild — du keusche Himmelsmacht! —
So hielt sie lange mich an ihrer Kette
Doch als ich einstens Abends ganz allein
Für sie die Saiten stimmte, und Sonnette
Auf ihren Namen machte, fiel’s mir ein
Zu zweifeln an der schönen Nonne Treue,
Das kam mir angeweht als wie ein Zug,
Und ob ich gleich mich vor dem Dunkel scheue,
Eil ich in’s Thal zum Garten: o genug
Weißt Du, Du Heilige! Ich sah
Mit einem Mann deine Lucretia!
Wie wogte diese Brust, als ich’s erblickt,
Wie schnürte sich zusammen diese Kehle,
In eines andern Arm, was mich beglückt:
Und was entzücket meine arme Seele!
Ja heil’ge Mutter, ja ich hab’s gethan,
O ich armseliger elender Mann!
Und du hast keinen Segen mehr für mich!
Du schweigst! Du gehst mit mir in das Gericht!
Nicht Gratia! Gratia! Es ist fürchterlich!
Vergieb mir Mutter und verstoß mich nicht!”
Da überfliegt ein gelber, greller Schein
Das nächt’ge Laub in diesem düstern Hain,
Das heil’ge Bild, das Schmerzensangesicht,
Des Fackelbrands schwermüthig Licht.
„Ich bin erhört! o! bin erhört durch dich
Du Holde, himmlisch Hochgebenedeite!
Der helle Tag der Gnade strahlt für mich,
Der meines Kummers öde Nacht zerstreute.
Es war ein Leuchten deines goldnen Blickes!
Es war ein Winken deiner weißen Hände,
O was es war! Ein Zeichen meines Glückes
Daß es sich wieder zu mir Armen wende!
Triumph! Triumph! der Sieg ist nun erstritten,
Und stiller fiebert mir dies kranke Herz!
O heil’ges Licht ich habe ausgelitten,
In Wonne wandelt sich der Schmerz!
Verflogen war der wilde, gelbe Schein,
Die stille, düstre Fackel glimmt allein.
Der Büßer sprach’s: und drauf als im Entzücken
Jauchzt er empor, und stürzet fort mit Hast
Himmelhoch warf er das Messer, das zu Stücken
Zerschlug den dürren Zacken an dem Ast. —
Ein alter Rabe flattert schwer empor,
Schlaftrunken kreis’t er über diesen Bäumen,
Und krächzt zerreißend für ein menschlich Ohr,
Ein Schauerlied aus seinen wüsten Träumen.
Wie klang das! so sind zu besingen
Die Galgen und die Sünder auf den Rädern.
Verschlafen regte der die alten Schwingen
Und zupfte mürrisch in den dunklen Federn.
Und nun war’s still, das Messer lag am Boden,
Nachdem’s hinabgetanzt von Ast zu Ast.
Der Rabe schwieg, der Jüngling außer Oden,
War weithin in den tiefen Wald gerast.
Faust steht in sich verloren, wie im Traum,
Die Stirn gelehnt an einen Fichtenbaum
Den Blick gewendet wo das Bildniß hing
In düstrer Gluth der Fackelbrand zerging.
“So also liebte mich Lucretia!”
Da rauscht’s im Zweig, der schrickt empor und da
Kommt langsam Freund Mephisto herspazirt!
“Was stehst du hier, du gar zu stiller Thor?
Ich hab’ mich eben köstlich amüsirt:
Ich war verschnupft, es summte mir vor’m Ohr
Und gar zu gräßlich brannte mir die Nase:
Da hab’ ich solchen nächt’gen ungezognen Rangen
Den man ‘nen Irrwisch heißt mir eingefangen:
Wie spiel’nde Knaben eine Seifenblase,
Ihn vor mir hergejagt durch Stock und Stein.
Gewahrtest du des Buben gelben Schein?
Im Waldbach drüben hab’ ich ihn ertränkt,
Die Jagd hat mich mir wieder eingerenkt!”
———
Nach ein’gen Tagen wandern jene beide
Im milden, frommen Abendsonnelicht,
Einen Berg entlang nicht fern von jener Haide,
An dessen Fuß die Wog’ sich brandend bricht.
Des Mittelmeeres Woge lang gewallt,
Die unermüdlich am Gestad zerfällt;
Wie es im Meer am stillen Abend schallt
Und drüben aus der Nacht der Nebel schwellt!
Es schwebt der Sonne glühend rothes Licht
Auf weißen langen unendlichen Wogen,
Hier drüben des Mondes stilles Gesicht
Von dumpfen Nebeln schattenhaft umflogen:
Unausgedachter, unausdenkbar hoher
Melancholie, wie drüben in dem Thal,
Er ob dem Kirchthurm wandelt, und dann loher
Im Bogenfenster brennt den Silberstrahl!
Des Herzens Schmachten und des Busens Sehnen,
Der ird’schen Lyrik Tand, der vielgestalte,
Der Pulse Fiebern und die wehen Thränen
Dies all’s strahlt aus seines Antlitz’s Falte.
Da waren sie an eine Schlucht getreten,
An eine wüste Tiefe, daß ohn Graun
Mephisto selbst kaum kann hinunterschaun
Und für den Augenblick erscheint betreten.
Da unten schäumt das Meer an tausend Spitzen,
Der starren Felsen weiß und wild empor,
Und jeder Wellenschlag, es ist ein Sprützen
Der jähen Brandung, die verdröhnt das Ohr.
Es war schon Nacht, und Faustus schaut hinab
Als er gewahret auf der Felsen Zacken
Ein Leiche die gefunden hier ihr Grab.
Er kennt den Leib und kennt den Locken-Nacken
Der hier sich brach, er sieht es und erschrickt,
“O du,” begann er; “liegest hier zertrümmert,
Dem, wie du meinst, die Göttin zugeblicke
Dem himmlischer Erhörung Strahl geschimmert,
Du liegst am Fels zerschmettert und zerstückt,
Hier hast du die Entzückung ausgewimmert! —
O! so verwirrt das himmlische Erhören
Ist’s auch nur Lug und Trug und Teufelschein
Wir tragens nicht; wir müssen uns zerstören,
Und in den Abgrund stürzen wir hinein!
Es macht uns trunken, o! es macht verrückt,
Und es verführet uns in Nacht und Tod,
Da liegt er an dem Felsen, liegt zerstückt,
Der arme Knab’, der Meeresraben Brot.
Und so verstummt sein göttliches Entzücken,
So schweiget der Begeist’rung Flammengluth:
Wie jauchzt er hin! da liegt auf dem Rücken,
Und aus dem Mund wäscht ihm das Meer sein Blut.
Verfluchter Teufel! deine nächt’ge Jagd,
Hat mir das arme Kind zu nicht gemacht!”
Mephisto lacht: doch Faust blickt wild und stier,
Und drauf faßt’s ihm mit rasender Begier,
Er greift den dürren Teufel bei dem Schooß
Und schleudert nieder ihn zum Meerestoß. —
Drauf steht er einen Augenblick allein;
Doch bald stellt sich Mephisto wieder ein,
“Ich danke dir,” spricht er mit höhn’schem Munde:
“Ein Bad bekömmt gar gut zur Abendstunde.”
Sie schwiegen beid’, als Faustus drauf begann,
“Du sage mir! wie hat es sich gebühret,
Daß in der Nacht als ich Lucretien gewann,
Und sie zu schlimmer Sünde mir verführet;
Der da geahndet, was sich würd’ begeben,
Zum Garten kam und mich mit ihr entdeckte.”
Mephisto gähnte, daß sich Faust erschreckte
Und sprach: “das hat der Teufel ihm eingegeben.”
———
So schwiegen sie, und stierten in die Nacht,
Und in das finstre Meer, als wie man schauet
In ein hinsterbend Feuer ohn’ Bedacht,
Und so gedankenlos daß einem grauet. —
Im Abgrund drunten, in dem Trümmergrabe
Kämpft um des Jünglings starre, düstre Leiche
Mit weißer Wog der schwarze Rabe.
Dazu erstrahlt mit geisterhafter Bleiche
Das kranke, sieche Mondes Angesicht.
Ein so wahnsinnig Zucken in den Zügen,
Als trüg’ er seine Phantasieen nicht
Und müßte schier dem irren Wahn erliegen.
Die beiden schwiegen, stierten in die Nacht,
Es wird jetzt lauter: wilder wird der Hauch
Der Brise, daß die schäum’ge Woge kracht,
Und ungeberdig flieht der Wolke Rauch.

Die letzte Manto

Und wieder dämmerts Abend — Faustus ruht
Am Fuße eines Schlosses, eines alten
Und wüsten Baus, der zu nichts mehr gut,
Die tiefste Nacht lugt aus des ungestalten
Gefensters goth’schem Rund — der Abendwind
Spielt mit den ries’gen, dunk’len Spinngeweben
Die vor dasselbe hingesponnen sind,
Als in des Vorhangs heimischen Geweben. —
Wie sich nun drüben fern der Mond entzündet
So einsam auf dem tiefen, dunkeln Blau,
Wie sich in ird’scher Ebene dieser Bau,
Von allem Leben fern schwermüthig ründet;
Beginnt er so: “wie oft hab’ ich geblickt
Empor zu dir, o du allträumend Licht,
In mancher Nacht, die still und unverrückt,
Gestarrt ich in des Leichnams Angesicht
O dann ist seelenvoll, ja! Seelenvoll
Dein Blick: hab’ ich nach dir mich umgewandt
Vom Todten-Aug, das leer und starr und hohl
Benetzte mein Skalpell und meine Hand
O Nacht! Dein Blick ist so gedankenreich
so schwärm’risch, überschwenglich, unermeßlich,
Des Todes Blick, so finster, stier und bleich,
Und für den Laien schauderhaft und gräßlich.
Ich lieb dich Nacht! Dir schlägt das Herz im Busen,
Das prahlrisch auf der Zunge trägt der Tag,
Und voll Entzücken zähl’ ich jeden Schlag!
— Mein Fluch traf noch nicht Alles, und ich kann,
Nach Bildern und Gedanken zahllos greifen,
In diese Brust, und hab’ nie Mangel dran
Und ewig so in ungemessnem Schweifen! —
Er schlummert ein den Kopf zurück gelehnt,
An einer Säule Trümmer-Piedestal. —
Fort schauerte die Nacht, die Brise stöhnt,
Und Sterne jagen wechselnd sich ohn’ Zahl.
Da über ihm erscheint auf dem Balkone,
Ein junges Weib in alter, griech’scher Tracht.
Ein schmales Band von Gold gleich einer Krone,
Durchflicht der düstern Locken wirre Pracht.
In ihren Händen hält sie eine Leuchte
Vom Erz Korinths mit hohem Postament.
Als sie die auf die moosig feuchte
Brüstung gesetzt, zieht sie ein Pergament
Aus ihrem Busen, läßt sich auf die Knie’n,
Schaut auf zum Himmel, und mit kund’gem Styl,
Wie hell die Sterne dort vorüberglüh’n,
Verzeichnet sie das flammende Gewühl;
Und Stern an Stern, Gedanken an Gedanken,
Ein nächt’ges, stummes, unermessnes Spiel! —
Wie ihre schwarzen Augen traurend sanken;
Und drauf in der Erkenntniß Hochgefühl,
Den Sternen droben ähnlich flammend stiegen,
Und Siegesglanz strahlt in der Seherin Zügen. —
Es war so still, im dürren, stäub’gen Blatt,
Der krüppelhaften, trocknen Sycomore,
Raschelt kaum noch der leise Nachthauch matt,
Und tönet zu der schönen Schwärmrin Ohre.
Und Faustus schläft, in seines Traumes Walten
Im Riesenflug der ernstlichsten Gedanken,
Ersteigen lieblich und verführerisch Gestalten
Von Schönen, die auf dieser Erde wanken.
So blinket durch der Nächte Wolkenflug,
Den dumpfen, rauchigen und nebeldüstern,
Des blanken Sterngebilds lasciver Zug,
So reizende Figuren und so lüstern. —
Als drauf in des Gesichts Lebendigkeit,
Die Seherin rhetorisch schwenkt die Hand,
Fällt plötzlich nieder von der Brüstung Rand
Das gelbe Blatt, das sie so hoch erfreut.
Es trifft den Schläfer Faustus ins Gesicht,
Der schaut empor und sieht die bleiche Dirne:
Sie merket den Verlust des Blattes nicht,
Ihr Aug’ steht ruhig auf des Himmels Firne,
Er liest nun in des Pergamentes Zügen,
Die wunderlich und seltsam sich verschlingen
Ein Punkt, ein Kreuz, ein Ineinanderfügen,
Von tausend Kreisen und so vielen Ringen:
Und er steht auf, da wird sie ihn gewahr,
Und sieht das Wunderblatt in seinen Händen:
“O stolzer, übermüthiger Barbar,”
Spricht sie zu ihm: “das willst du mir entwenden!
O gieb mir wieder, was ich schwer errungen
Du hast ein ernstes, sinniges Gesicht:
Ich hab’s den stummen Göttern abgedrungen,
Beraube du des theuren Blatts mich nicht!
Du ehre meinen ernstlichen Beruf! —
Ehr’ blos das Weib in mir, nur mein Geschlecht,
O gieb mir, gieb mir, was ich mir erschuf,
Der Sterne, der Gedanken Sinn Geflecht.
Faust ritterlich, wies nimmer er vergaß,
Wenn auch erstaunt und seltsam aufgeregt,
Springt auf den Marmorfels, auf dem er saß,
Und wie den Arm er um die Brüstung schlägt,
Schwingt er sich auf das Astrologium.
Sie stehn sich beide gegenüber stumm,
Der Schläfer Faust mit dem verworrnen Haar,
Mit dem verschobenen Barett von Sammt
Die Seh’rin mit dem glüh’nden Augenpaar,
Die Wange bleich, als wie dem Tod entstammt.
“Hier hast Du Weib Dein wunderlich Papier!
Beginnet Faust, “ und wohl bekomm’ es Dir!”
“Doch sprich! wer bist du, schön wie eine Braut,
Und angeputzt wie eine Königin,
Schwärmst Du umher in Räumen, wo mir graut,
Und seltne Träume führest du im Sinn?
Weib
Wir sind in Rom, ein wunderbar Geschick
Macht diese Stadt zur ersten Stadt von allen!
Was noch so hoch erhoben hat das Glück
Bis zur Anbetung, hier ist es gefallen!
Hier sanken jene Götter in den Staub,
Die wandelnden in freundlichen Gestalten
O Alles wurde hier der Zeit zum Raub,
Und alle Hoheit wurde hier zerspalten!
So bin auch ich der hochberühmten Frauen,
Von Delphi Sprosse, die ein schleichend Sein
In diesen Trümmern fristet, diesen grauen
— — Umstrahlet mich der alten Größe Schein?
Ich bin die Manto! — — jenem Mittelpunkte
Der Erd’ entsprossen, da des Weltalls Gab’
Im stolzen Tempeln aufgerichtet prunkte,
Die goldnen Becher und der goldne Stab! —
Vier Schwäne, wie vier Adler, die geflogen,[1]
Nach den vier Winden von den Weltenenden,
Zu gleicher Stund’, begegnen sich am Bogen,
Der Tempelhallen, an den heiligen Blenden!
— — In dieser Trümmerstadt, der Stadt des Falls,
Fällt nun das herrliche Geschlecht in mir —
Die Manto fällt, die Königin des Alls,
Der Zukunft geben ihren Schleier wir!
Faust
O hochgelobt sein mir die nächt’gen Stunden,
Da ich Dich wunderbares Weib gefunden,
Ich frage nicht nach Deinem Alter, Namen,
Noch wie Dir diese Trümmern überkamen.
Sei mir gegrüßt in aller Herrlichkeit,
Du schöner Sprosse jener mächt’gen Zeit!
Glücksel’ger du als ich! — du hast erkämpfet,
Der düstern, heiligen Geheimniß eins,
Die droben Er mit stummer Nacht umdämpfet,
Und davon mir, ach — offenbart sich keins!
O du bist glücklich! hochgebenedeiet,
Sei meine Schwester, Herrin, sei mein Weib’.
Dein Sieg! Dein Sieg, der seine Macht entzweiet, —
O rasend tost mein Blut durch meinen Leib.
Nun flammt mein Herz himmelhoch in Entzücken,
Im Busen rauscht ein Quell von Seligkeit!
Noch einmal freu dich Faust der Jugend Sonnenblicken.
Und dann sei wieder deinem Gram geweiht!”
So sprechen mit einander jene Beiden,
Da tanzt noch einmal auf dem Trümmerdach
Die Eul’ von ihren nächt’gen Leiden,
Die Hallen tönen’s schaurig nach,
Die Fledermaus, die in der Rinne
Vom Flug sich ruhet, schnarret auf,
Und stößt sich am Geweb der Spinne,
Die eilt geschäftig nieder, ‘naus,
Und flickt besorgt an den Geweben. —
So regt im alten Wald der neuen Welt,
Wenn kaum die nächt’gen Gipfel beben,
Der Thau vom Blatte träufelnd fällt,
Urplötzlich sich ein wildes Leben,
Den Tapir hetzt der Jaguar;
Er fliehend rüttelt die Bananen,
Auf denen schnarcht die Affenschaar,
Die höhnet, schimpft den unhumanen’
Und weckt der Papageien Chor,
Der wilde Lermen toset hin und wieder,
Dem Wanderer zerreißt’s das Ohr,
Im Hamak wirst er schlaflos seine Glieder. —
———
Ein grüner Vorhang scheidet in zwei Theile
Den hohen Saal wo jetzo Faustus steht,
Er ist allein in stummer nächt’ger Weile. —
Und wie er sinnend auf und niedergeht,
Und in dem Dämmerschimmer um sich blickt, —
Indessen Manto wie er sie gebeten,
Sich ihm die Zukunft zu enthüll’n beschickt,
Jenseits des Vorhangs stell’nd an den Geräthen:
Spricht er also; O! und sie wagt zu klagen,
Daß sie des hohen Stamm’s verlorne Tochter sei,
Verachtet einsam, deren Ahn’ zu fragen,
Geeilt aus Nord und Süden man herbei;
Glich ich einem lahmen, dummen Ungeheuer
Einem Hunde, einem schrecklichen Scheusal
Gehört ich einem Stamme, der das Feuer
Das heiligste der neid’schan Götter Saal
Dem ihr’gen gleich enttrug! — weh mir! ich habe,
Auch gar nichts übrig als ein wildes Herz
Voll glühn’den Blutes, — Bettler an dem Stabe
Schwank ich dahin und schlepp’ an meinem Schmerz. —
Ich hab’ ihm Schlaf, ihm meine Ruh geschlachtet,
Und mich mich selbst! — o! denk ich nicht daran
Und dieses Hirn und dieses Auge schmachtet,
Noch nach wie vor nach der ersehnten Bahn!”
Faustus also: die bleichen Cariatiden
Die matten, seufzenden an ihrer Last,
Sehn stieren Auges auf den lebensmüden,
Dem alle Welt wie er sich selbst verhaßt.
Ein dumpfes Schattenspiel: entlang den grünen Schleier,
Rauscht’s geisterhaft im kühlen Zug der Nacht,
Da steht Mephisto da, das Ungeheuer
Sieht Fausto in sein trübes Aug’ und lacht!
“Du geh mir jetzt,” spricht Faust, als er ihn sieht:
“Ich mag dich nicht in dieser heiligen Stunde,
Da in Erwartung mir der Busen glüht,
Anekelt mich das Wort aus deinem Munde!
Ein Weib kann mir mehr als Du selbst gewähren
Geh! ich erwürge Dich Du lahmer Wicht,
Willst Du mir diese Mitternacht zerstören
Da wenig mir zu meinem Glück gebricht!”
Mephisto
Herr Anatom sind gar gebieterisch,
Ich wollte nur nach Dero Wünschen fragen,
Die Nacht ist heute köstlich kühl und frisch,
Zur Reise gut, doch hat das nichts zu sagen!
Mag’s euch nach Wunsche gehn, ich will nicht stören,
Und morgen werden wir das Weitre hören.”
Er lacht und geht: Faust höret ihn noch kaum,
Und misst mit ungeduld’gem Schritt den Raum.
———
Noch hallt Mephistos schleichend lahmer Gang
Im öden Trümmerhaufe: nächt’ger Sturm,
Saust an das Fenster ungestüm und bang,
Die Sycomore krümmt sich wie ein Wurm.
Da rauscht in schweres, dunkeles Gefalt
Der grüne Vorhang und ein trübes Licht,
Von süßer Wolke düstrem Dunst umwallt,
Umstrahlt der Manto blasses Angesicht;
Wie sitzt sie auf dem mysteriösen Fuß
Im Seelenkampf, doch lieblich zum Entzücken,
Wie sie die Locke schüttelt, die den Rücken
Herniederfließt im rabenschwarzen Guß.
Im Auge glüht die Unermeßlichkeit
Es steht verrückt und schwärmet: fest verbissen
Sind ihre Lippen wie in stumm bekämpften Leid,
Von schweren Falten ist die Stirn zerrissen. —
Sie springt empor: schon öffnet sich der Mund,
Zum Wort — sie schweigt — verdreht die weißen Hände
Und sinkt bestürzt zurück auf ihres Sitzes Rund.
Das alte Spiel — im Auge glüh’n die Brände
Des Geist’s von Neuem auf zu wilder Gluth.
Die blaue Wolke fliegt in duft’gem Tanze,
Ihr Busen wogt: sie schöpft nach Luft und Muth;
Die Ampel glüht in stierem, düstren Glanze
Jetzt springt sie auf — Da reißt es Faustum fort;
Das Weib entzückt ihn; sein entfesselt Blut,
Durchwühlt sein Hirn; wie sie zum Zukunftswort,
Die Lippe regt, erliegt er seiner Wuth:
Umschlinget sie in bodenloser Luft
Mit heißem Arm; die aufgeregte sinket
Betaubt, hingebend an des Mannes Brust,
Und seufzt und weint wie ihren Kuß er trinket.
Die Myrrhenwolke wirbelt wilde Ringe
Gescheucht von solcher Athem Sturmesschwinge.
———
Es war ein wüstes ganz verdorrtes Feld,
Vielfach gespalten von der Sonne Gluth;
Hier weilte Faust da sich der Morgen hellt,
Vom Himmel gießt die Regenfluth; —
Ein eisiger, durchdring’der feiner Schauer,
Durch den blutroth die Morgensonne glüht,
Die kaum erstanden ob der Trümmer Mauer,
So man von hier nicht allzufern sieht —
So bleich, so dumpf, so traurig und zerrissen
Sah nimmer noch sein Angesicht,
Die Haare starr und träufelnd niederfließen,
Und wie gebrochen ist der Augen Licht,
Als könnt’ nie wieder sie der Geist durchbeben,
So hohl und ohne Glanz, so starr und stier,
Sie die der Flammenzug des reichsten Leben
Gefacht, und der Erkenntniß Gluthbegier.
Der arme schleichet ruhlos hin und wieder,
Gesenkten Haupts mit wankem Gang,
Dann wirft er auf dem feuchten Feld sich nieder,
Auf das Gesicht und liegt minutenlang:
“Du hast gesiegt!” so ruft er endlich aus:
“Ja! Und auch diesmal darfst Du triumphiren!
Maaßlos ist dein Triumph, gleicht er dem Graus,
Den meine Qual’n in diesem Busen schüren.
— So sei von nun ein jedes Band zerrissen,
Wenn eines, ein letztes noch, mich dir verkettet:
In niedrer Sinnlichkeit taumelnden Genüssen
Sanken wir hin! — o bittre Schmach! — wer rettet?
Du hast dir dein Geheimniß so umwallt,
Mit list’ger Schlang und schöner Weibsgestalt!
Was lässst du michs nun gar so schwer empfinden,
Wenn ich erlag! ich sollte ja verblinden!
Schon der Gedanke daß ich dich begriffe
Er schleuderte mein Schifflein an die Riffe! — —
— Kam nur Mephisto nicht: ich muß mich schämen,
Ich möcht umarmen diesen Höllensohn,
Ihn um Verzeihung flehn’d für mein Benehmen,
Daß er mein schont mit seinem Hohn!”
—— Und so und anders tönen seine Klagen
Im alleinsamen Monolog,
Es saust des Regenschauers wildes Schlagen,
Noch düstrer Flor das Tagsgestirn umzog.
———
Mephisto hinkt voran, Faust schleichet nach,
Hehr liegt vor ihnen Roma ausgebreitet
Sie schwiegen beide, doch wie Faustus schreitet,
Er also mit sich in Gedanken sprach:
“Froh könnt’ ich diesen Teufel jetzt umarmen,
Und möcht’ ihn gar auf meinen Händen tragen,
Auch nicht ein Wort sprach er um mich zu harmen.
Ernst und gesetzet hat er sich betragen;
Er ist ein Kamerad viel edler denn ich meint,
Ich lieb’ ihn nun als einen werthen Freund.”
———
Da Faust bis auf das Hemde naß durchaus,
Und ihn ein Schauerfrost durchbebte,
So traten sie am Wege in ein Haus,
Ob dessen Thür ein Wirthshauszeichen klebt. —
Sie setzten sich zum glimmenden Kamin,
Und tranken Wein, wie ihn der Wirth gegeben,
Faust stierend in der Kohle Glüh’n,
Dacht trüb an sein verflossen Leben.
Sein Auge sank in schmerzlich tiefem Traume
Und Todesblässe färbt sein Angesicht:
So saßen die im dumpfen Raume,
Des wüsten Saals im Dämmerlicht
Mephisto ernst und feierlich:
Gar seltsam stund es seinen Zügen: ——
Als eine Weile so verstrich,
Trat ein viel Volk mit lärmendem Vergnügen.
Verwilderte Physiognomien
In weitem Hut: man rief nach Krügen
Voll rothen Wein’s, fing an zu zechen,
Der wildste Lärm durchbraust den Saal,
Man sang, man pfiff, man disputirte,
Daß einem die Ohren scholl’n von dem Scandal,
Und man verwünscht’ das Volk das ungenirte. —
Auf’ einmal schaut ein junger Fant.
Seitwärts dorthin wo jene saßen,
Noch stumm, dem Feuer zugewandt.
Der Bursch lacht laut und ohne Maaßen,
Da er den fremden Mann erblickt,
Der wüsten Haars das Kleid verrückt
Im Antlitz tiefe Traurigkeit,
Als wie verschroben und vernarrt
Nun schon die ganze, lange Zeit
So seltsam in die Kohlen starrt —
Er wies mit seinem Finger hin,
Den ganzen Raum durchschallet Lachen
Sie standen auf, umstellten ihn
Um zum Gelächter ihn zu machen.
Mephisto saß als wie vorher,
Und deß verwunderte sich keiner,
Es war ganz als gehörte der hierher.
Doch diesen schont’ von Allen auch nicht einer
Der eine sprach: “Schlecht ging’s ihm auf der Serenade
Sie haben ihn da weidlich durchgedrescht,
Die Schöne selbst, sie hat mit einem Bade
Von kühlem Wasser seine Gluth gelöscht.
Hier schmort er nun der niederträcht’ge Hund,
Gern würf ich ihn hinaus zur Stund!”
Der Andere: “Hinter dem Thorweg hat der Fuchs gestanden,
Und auf die blonde Magd geharrt,
Der kühle Zugwind blies ihn ganz zu Schanden,
Dieweil im Ziegenstall sie mit ‘nem andern narrt.”
Ein Dickwanst sprach: den Burschen kenn ich lange!
Schon wiedermal ist er dem Irrenhaus entlaufen
Der tolle Jakob ist’s, mir wird ganz bange,
Wenn ihm sein Stündchen kömmt, rennt er uns über’n Haufen.
“Hoho,” ein anderer, “die ordinaire Range,
Tobt er nur los, wir wollen ihn schon packen,
Nur frisch darauf, es giebt ja Narrenjacken!”
Da schreckt Faust auf aus seinem Traum
Er starrt empor mit wilden Blicken,
Und sieht das Volk, den scheußlichen Abschaum,
Häßlich und lüderlich sich um ihn drücken:
Was er empfand, wie ihn verhöhnt,
Das wüste Volk mit Henkermienen,
Zum Teufel kehrt er sich und stöhnt.
“O du! o du! befreie mich von ihnen!”
Da schleicht ein häßlich, gelber Junge,
Hervor, tritt auf die Zehn’ ihm hart,
Und blökt ihn an, weist ihm die Zunge,
Und huscht ihm an dem Knebelbart.
Faust wüthend, greift ihm um den Nacken,
Und drückt ihn daß er ihn erstickt;
Der stürzt zur Erde; aber packen
Will ihn nun selbst das Volk, das groß erschrickt.
Viel Knüppel sieht er schon geschwungen,
Viel Kling’n, Stilett und Fackelstange;
Als ihn Mephisto schnell umschlungen,
Und ihn enthoben diesem Drange. —

Draußen in der Nacht, da stehen sie nun wieder
“Verfluchtes Volk,” sagt Faust: ich danke dir!
Doch aus dem Wamms tropft noch das Naß mir nieder
Wie kommen nun zu einem Feuer wir?
Es ist so kalt, ich bebe wie im Fieber,
Ich werd’ verrückt, o! ich bin schrecklich krank!
Mephisto
Siehst du den Felsen dort jenseits der Tiber,
Den ungeheuern, riesig jähen Hang
Da brennen Feuer meine Kameraden,
Komm mit dahin, du wärmst dich herrlich dort,
Sträube dich nicht! es thut dir keinen Schaden!
Sie thun dir nichts, bald gehn wir wieder fort,
Doch muß ich noch einmal zur Schenke hin!
Wir ließen dort den Krug mit Weine,
Ich hol ihn, da ich durstig bin,
Wart hier indeß im Maulbeerhaine!”
———
Bescheiden tritt Mephisto in die Thür
Der Schenke, grüßt die Herr’n einfältiglich,
Die um den Tisch gereiht, mit ekler Gier
An einer Schüssel Nudeln laben sich:
Die sind mit Oel gekocht, wie es in Welschland Brauch,
Und duftig dampft der süße Rauch.
“Ihr esset Herren schöne Makaronen,”
Beginnt der Teufel: “und mich hungert sehr,
Ich bin so arm, und Gott er wirds euch lohnen,
Stellt ihr mir meine Kräfte her!”
Die rücken dichter auf der Bank zusammen:
“So setzt euch her Rothmantel in des Teufels Namen!” —
Der nimmt den Löffel in die Hand,
Und wie er wühlt im duft’gen Schmauß,
Sieht man ein Haupt, halb angebrannt,
Mitten darin, o Schreck! o Graus!
Des Knaben Haupt, den Faust erstickt’,
Weil er ihm so am Bart gezwickt.
Die stieren Augen blicken scheußlich drein,
Und aus dem Mund leckt ihm das Fett;
Mephisto sprach: “das wird euch schon gedeihn’
Prosit ihr Herrn! zum köstlichen Bankett!”
Die sind wie angedonnert, und entsetzt,
Schau’n sie sich an und sinken von der Bank,
Laut heulend: weidlich hat Mephisto sich ergößt,
Und macht den Krug im Arm sich auf den Gang.
———
Am Maulbeerbusche trinken sie den Wein,
Die beiden, stärkend sich zum Flug,
Dann schmettern sie an einem schwarzen Stein,
In tausend Stücke den geleerten Krug.
Mephisto drauf sich um den Doctor schlingt,
Und mit ihm auf zu hohen Lüften dringt. —
— Die Nacht wird wild, unbänd’ge Wolkenschaaren
In schwülstigen, wahnsinnigen Gestalten,
Umrauschen diese, wie sie aufwärts fahren,
Manch’ Scheusal wird von ihrem Flug zerspalten,
Mit dumpfen Angstgekäuz die Eule flieht,
Wenn sie den rothen Mantel flattern sieht;
Der Berg ist fern, so fern, ganz unermeßlich,
Doch sturmesschnell ist auch ihr luft’ger Flug:
Jetzt sind sie da; ein schwarzer Felsen gräßlich,
Zertreten von den Füßen, die er trug
Blutfarbig glimmt ein riesengroßes Feuer,
Auf einem Felsensturz zur Nacht empor,
Teufel ringsum, häßlich und ungeheuer,
Ein wüster, wilder, mitternächt’ger Chor. —
Der ärmste nun auf warmem Lager ruht,
Das ihm aus rothen Mänteln aufgeschichtet,
Aus zahllos vielen, unfern von der Gluth,
Die immer ries’ger sich zum Himmel richtet.
Ringsum die wüsten, finstern Gestalten,
Mephisto mitten unter ihnen.
Eifrig Gespräch sie durch die Flammen halten,
Den rothen Wiederschein auf ihren Mienen.
Die Nacht rauscht fort in mysteriösem Treiben
Weithin erglänzt der teuflische Kamin.
Der Doktor schläft; es ist nicht zu beschreiben
Wie diese ganze Grupp’ erschien.

[1] Aetus tinas chai chuchnous mythogoysin acho ton achnoon tes echi to meson phenomenous eis tauto sumpesein Puthoi chenoi ton chaloumenon omphalon. - Plutarch, De Pythia.

Die Heimath

Bei seiner Lampe finsterm Trauerscheine,
Sitzt Faust in seinem Zimmer heut alleine;
Wie schwoll die Brust ihm als er es betrat,
Das er seit manchem Jahr verlassen hat. —
Hier schwand der Tag’ und Nachte lange Kette,
Ohn’ daß ein einz’ger Menschentritt erklang:
Die Schatten nur der mageren Skelette
Mal’n sich in düster’n Reih’n die Wand entlang.
Wie wilde Nächte wurden hier gefeiert
Als Faustus der Bewohner dieser Räume
In Näh und Ferne wild geabentheuert,
Des Weib’s genoß und aller Erdenträume.
So wüst und graß, war es hier hergegangen,
So toll wie’s keine Menschenbrust begreift.
Wie wild auch in unbändigem Verlangen
In mancher Nacht hier Faustus ausgeschweift;
Wenn übermächt’gen Sinns sein Aug’ gestieret,
Und in der tollen Unersättlichkeit
Nach der Erkenntniß er malediciret
Den starren Schellen seiner Menschlichkeit.
Zu dem gespenst’gen, geisterhaften Treiben,
Das in den Räumen, seit er war geschieden,
Lugte die Nacht durch all’ die runden Scheiben,
Glich das im Menschenbusen mildem Frieden.
Das bleichende Gebein in dunkler Nische,
Der alte Mond von Hirngespinnsten trunken,
Verzerrten Blicks: die Schädel auf dem Tische:
Und aus dem feuchten Bogengang die Unken:
Betrieben ein gar schauderhaftes Spiel
Im Raum, da kein Gedank’ mehr kam zur Sprache,
Und nicht pulsirt ein menschliches Gefühl;
Wenn so der Mond, der alte Flammendrache
Die Unken quälte, die am Fenster kauern,
Und die nun schrecklich schrei’n und lamentiren,
Die dürren Knochen wecken an den Mauern,
Dem Mond, dem Feind, entgegen sie zu führen.
Manch’ wüster Wurm, der in dem Holze pickt,
Die in den Knochen bohret die Monade,
Und manche Spinn’ die ihr Gewebe strickt,
Nimmt Theil an dem gespenstigen Blutbade.
Dazu der tolle Wandel noch der Schatten
Die einem Menschen schier das Hirn verdreht:
So tost es ohne Rasten, ohn’ Ermatten,
Bis an dem Dom der Mond herniedergeht.
In dieses Zimmer kehrte Faustus heut,
Aus weiten Fernen und auf kurze Zeit,
Das Herz schlägt wild an seines Busens Wand,
Als er im alten Raume plötzlich stand. —
Die Schreiberei liegt noch auf ihrem Platz,
Wie er’s verließ, da ihn der Teufel lockte.
Und unbeendet ist der letzte Satz,
Wo ungeduldig ihm die Feder stockte.
Ja! unbeendet ist das letzte Wort,
Der letzte Buchstab’ ist ihm halb geblieben,
Da warf er seine müde Feder fort,
Und stürzte hin zu leben und zu lieben!
Rings an den Wänden steh’n noch die Krystalle
Mit theuren, edlen Säften angefüllt:
Farblos’ und farbige; er find’t sie alle
Damit er manchen Menschen-Schmerz gestillt:
Damit er übergoß des Fiebers Gluth,
Damit des Herzens Flammensturm er beugte,
Den sich die Seele in wahnsinn’ger Wuth
Der Selbstzertrümm’rung spielend tollkühn zeugte.
Entfesselt ras’t der wilde Feuersturm
Von seinem Königssitz den Geist zu heben,
Daß der sich krümmt als wie ein blöder Wurm
Und bang’ und schwächlich zaget für sein Leben. —
Die armen Kinder seiner Phantasieen
Die wüste, tolle mißgezeugte Brut,
Wirft er zerschmetternd in die Fluth
Schiffbrüchiger so rettend sich, zu fliehen.
“O! rufet Faust, als er so alles fand,
Wie er’s verlassen in dem dunklen Raume,
Als selbst der Salamander an der Wand
Noch immer ruht im seel’gen Flammentraume;
Der seltsamliche, räthselhafte Mohr,
Lang hingestreckt die dunkelfarbnen Glieder
Im klaren Glas auf leuchtendem Phosphor,
Gleich wie auf bleichem Meeressand die Hyder.
“O! rufet der: “Skelette ihr bliebt treu,
“Die wie ich mit dem Finger euch berühr’,
In Staub zerfliegt, des Todes lustge Spreu,
Auf dieser Welt ergeben einzig mir. —
Denn so zerfiel in meiner finstern Brust
Die Sehnsucht nach dem rasch bewegten Leben,
Die Sehnsucht, diese stürmisch wilde Luft,
Die wie in mir, in keinem mochte beben!
O ich war glücklich als ich nicht mehr Blut,
In meinem kind’schen Herzen konnte spüren,
Als eure Carotiden pulsen Fluth,
Gewiß euch nimmermehr zu extasiren!
Da war ich glücklich als in dem Erkennen,
Das tausende vor mir beglückt;
Ich noch verstand in Hochmuth zu entbrennen,
Und wie ein Irrer Fühlte mich entzückt!
Wie regte sich allmählig die Begier,
An diesen immer höher schwell’nden Rippen
Und brannte lodernd aus den Augen mir,
Aus der Erkenntniß Born, allein zu nippen!
Die Kenntniß, die sich mir einmal entzündet
Nachdem sie freud’ge Klarheit mir verkündet,
Gleich einem licht gefachten Feuerbrand,
Sollt’ immerdar aus meiner Hand,
In tiefer Fluth zu dunkler Nacht vergehen,
Daß niemand säh, was ich allein gesehen!
Aus diesen ausgezischten todten Bränden,
Geschaut von aller Menschheit mit stupider
Bewunderung sollt sich ein Thron vollenden
Ein hehrer Thron für meine Königsglieder!
Aus diesen Kohlen, wie aus Ebenholz,
Zu unausdenklichem Triumph und Stolz.
Doch gleich verhungerten und magern Hunden,
An einem Bein mit anderen zu nagen,
Das wir auf irgend einem Weg gefunden;
Verflucht ich! wenn das länger ich ertragen!
Mit Ihm wollt’ ich in hoher Eintracht leben,
Mit Ihm dem Hehren, Unermeßlichen
Mir sollt Er sein Geheimniß übergeben
Mir, mir allein von den Verweslichen!
Dem Priester steht auf heil’gem Hochaltare
Des Hehren klarer, ernster Schmerzenssohn,
Das Zauberbildniß der Religion,
Mir unverkündet bleibt das theure Wahre,
In keinem Bild von Erze oder Thon. —
Dazu der Sinne herzzuschnürend Sehnen,
Welches in schlangengleichem Zerrn und Dehnen,
Hinauf sich an des Lebens Stamm gewunden
Und mich zerrissen, mich zerschunden!” —
Das Klagewort von Faustens ew’ger Pein,
Rauscht in der ew’gen Nacht gigant’sche Flucht,
Bis endlich die um Morgenrothes Schein
Ein Todtengeier ihre Felsen sucht. —

Zu Sankt Maria